Die Rolle des Spiels im Sadomasochismus


Essay, 2015

8 Seiten, Note: keine Note erteilt


Leseprobe

Inhalt

Der Sadomasochismus

“Let’s Play Master and Servant” – Spielformen des paradoxen Selbst in sadomasochistischen Subkulturen – Volker Woltersdorff

Literaturverzeichnis

Der Sadomasochismus

„Die subkulturellen sadomasochistischen Spiele siedeln sich in einem paradoxen Zwischenraum von subkultureller und künstlerischer Performance, von Alltag und Ausnahme, von existentieller Nachhaltigkeit und folgenlosem Amüsement, von stilisierter Künstlichkeit und ungefilterter Echtheit an.“[1]

Sadomasochismus beschreibt eine Menge an sexuellen Vorlieben, welche sich hauptsächlich mit dem Thema Macht beschäftigen. Die Dominanz oder Unterwerfung der Sexualpartner äußert sich häufig durch Fessel- oder Rollenspiele. Auch der Bereich des Schmerzempfindens erlangt innerhalb dieser Praktiken große Bedeutung. „safe, sane and consensual“ (sicher, mit gesundem Menschenverstand und freiwillig)[2] – diese drei Aspekte werden von den Anhängern des Sadomasochismus selbst als Richtlinien angesehen. Der amerikanische Wissenschaftler Weinberg erweitert diese noch durch die Begriffe „erotic and recreational“ (erotisch und zur Erholung)[3]. Den wichtigsten Aspekt stellt allerdings zu jedem Zeitpunkt die Freiwilligkeit dar. Ohne diese verhindert der Zwang das Ausleben der sexuellen Neigung von zumindest einem der beiden Sexualpartner.

Die unbedingte Erhaltung der Freiwilligkeit sowie die fehlende körperliche Brutalität unterscheiden den Sadomasochismus von Sadismus und Masochismus, welche ursprünglich lediglich als medizinische Diagnosen zu verstehen waren. Beide Definitionsformen lassen sich geschichtlich weit zurückverfolgen. Der Sadomasochismus taucht schon in der „Kama Sutra“ um 300 n.Chr. auf, während die Begriffe „Sadismus“ und „Masochismus“ spätestens durch Sigmund Freud einen festen Platz im Bereich der Psychiatrie einnehmen. Erst um 1970 allerdings beschäftigt sich die Wissenschaft detaillierter mit diesen Themen und stellt die geistige Gesundheit und Freiwilligkeit der Praktizierenden heraus, wodurch man sich wieder im Bereich des Sadomasochismus befindet.[4]

Die bereits genannte Freiwilligkeit zeigt sich auch dadurch, dass die dominante oder unterwürfige Rolle nicht zwangsläufig fest zugeteilt ist. Sie kann nach Belieben getauscht werden. Von vielen Praktizierenden selbst wird der Sadomasochismus aufgrund dieser Freiwilligkeit als „Spiel“ bezeichnet. Man hat durch die vorherige Absprache über ein sogenanntes „Safeword“ stets die Möglichkeit, aus diesem Spiel auszubrechen. Außerhalb des Spiels erkennt man die Neigungen nicht.[5]

“Let’s Play Master and Servant” – Spielformen des paradoxen Selbst in sadomasochistischen Subkulturen – Volker Woltersdorff

Der Doktor der Philosophie Volker Woltersdorff verfasste diesen Text zum Thema Sadomasochismus im Jahr 2012. Er beschäftigt sich insbesondere mit dem Thema des Spiels innerhalb dieser sexuellen Neigungsform.

Nach Sigmund Freud stellt die Sexualität ohne den ursprünglichen Zweck der Fortpflanzung einer Perversion dar, wodurch die Zweckmäßigkeit folglich nicht mehr gegeben ist. Außerdem fallen die Begriffe Macht und Gewalt auf, welche zwar eine tragende Rolle innerhalb des Sadomasochismus spielen, aber Komponenten des Spiels darstellen, mit denen eigentlich nicht gespielt werden sollte. Doch unter Umständen dienen ebenjene Aspekte dazu, die schwierige Stellung zwischen Ethik und Ästhetik zu beschreiben.[6] Daher soll im Folgenden die Rolle des Spiels diesbezüglich diskutiert werden.

Das wohl ausschlagekräftigste Argument im Bezug auf die Befürwortung der Definition als Spiel stellt der bereits genannte Faktor der Freiwilligkeit dar. Es werden bestimmte Regeln aufgestellt, deren Einhaltung von größter Wichtigkeit für das Verständnis von Spiel ist. Diese Blickwinkel führten dazu, dass der Mediziner Gunter Schmidt die ursprüngliche sexuelle Moral als „Verhandlungsmoral“[7] erweiterte, wodurch es wieder möglich war, den Sadomasochismus als moralisch nicht-verwerflich zu akzeptieren.

Weiterhin sind alle Teilnehmer des Spiels als gleich zu werten. Ein Wechsel der Rollen ist möglich. „Es gilt der Spruch: Alle Sadomasochisten sind gleich, nur während des Spiels sind einige gleicher als andere. Im Alltag gehen wir nicht anders miteinander um als andere.“[8]

Die bereits genannten Grundeinstellungen „safe, sane and consensual“[9] kreieren eine andere Atmosphäre, in welche die Spielenden nur während der Zeitpunkte des Spiels eintauchen. Außerhalb dieser Sphäre würde erneut die Möglichkeit einer moralischen Verwerflichkeit bestimmter Vorgänge bestehen.

Innerhalb der SM-Szene wird der Begriff des Spiels häufig genutzt. Nicht nur als Betitelung der Sexpraktik, sondern auch in Form bestimmter Bezeichnungen, wie „Spielzimmer“, „Sexspielzeug“ oder ähnliches.[10] Die sadomasochistischen Spiele weisen eine gewisse Künstlerichkeit, eine Mischung aus Alltäglichkeit und Ausnahmen, Spaß sowie eine Mischung aus „stilisierter Künstlichkeit und ungefilterter Echtheit“[11] auf, ebenso wie die Spiele herkömmlicher Art. Die stilisierte Künstlichkeit wird durch Rahmenbedingungen, wie die Ausführung des Sexualaktes innerhalb eines eigens dafür hergerichteten Spielzimmers, deutlich. Die ungefilterte Echtheit zeigt sich beispielsweise durch die Schmerzen, welche unabhängig von der Intention, weiterhin real sind.

Weitere Aspekte, welche für die Bezeichnung „Spiel“ sprechen, stellen die Klassifizierungen der Rahmung und der Raum/zeitlichen Begrenzung dar. Rahmung bedeutet, dass stets ein konkreter Anfangs- sowie Endzeitpunkt feststeht. Diese Zeitpunkte werden meistens durch explizite Handlungen gekennzeichnet, wie das Anlegen einer bestimmten Kleidung.[12] Man lebt seine Fantasien nur innerhalb dieses Rahmens aus, im Alltag verhält man sich „normal“. Um vor Ablauf der angedachten Zeit aus dem Rahmen auszutreten, wird ein „Safeword“ genutzt. Dies ermöglicht es alles Beteiligten ohne vorherige Angst vor Grenzüberschreitungen in die „Spielsituation“ einzutreten. Die Raum/zeitliche Begrenzung kann beispielsweise durch den Aufenthalt innerhalb eines Spielzimmers während des Praktizierens definiert werden. Diese Kl5assifizierungen lassen sich auf John Huizinga zurückführen, welche er in seinem Werk „Homo ludens“ aus dem Jahr 1974 erläuterte.[13]

Zum Einen hält man sich an gewisse Regeln, zum Anderen können natürlich auch Zufälle in das Spielgeschehen eingreifen, welche zusätzliche Spannung herbeiführen können. Dieses Phänomen wird als Aleatorischer Wechsel bezeichnet.[14]

[...]


[1] Woltersdorff, Volker: Let’s Play Master and Servant. Spielformen des paradoxen Selbst in sadomasochistischen Subkulturen. In: Spielformen des Selbst. Das Spiel zwischen Subjektivität, Kunst und Alltagspraxis, hg. von Regine Strätling. Band 2. Bielefeld: Transcript Verlag 2012, S.289. Im Folgenden: Woltersdorff.

[2] Sadomasochismus. Internetpublikation: http://www.datenschlag.org/txt/smwid.html. Erstellt: 1997-2004. Eingesehen: 18.08.2015. Im Folgenden: Datenschlag.

[3] Ebd.

[4] Vgl.: Ebd.

[5] Ebd.

[6] Vgl.: Woltersdorff, S.289.

[7] Woltersdorff, S.290.

[8] Ebd.

[9] Datenschlag.

[10] Vgl.: Woltersdorff, S.290.

[11] Woltersdorff, S. 291.

[12] Vgl.: Ebd. S. 294.

[13] Ebd.

[14] Vgl.: Ebd.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Spiels im Sadomasochismus
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Seminar Spieltheorie
Note
keine Note erteilt
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V324369
ISBN (eBook)
9783668234871
ISBN (Buch)
9783668234888
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, spiels, sadomasochismus
Arbeit zitieren
Lena Wegener (Autor), 2015, Die Rolle des Spiels im Sadomasochismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324369

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