Rechtschreiberwerb - Kinder zum Schreiben motivieren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

23 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Prozess des Spracherwerbs

3 Warum Kinder schreiben lernen wollen

4 Die Beziehung zwischen Lautung und Buchstaben

5 Kognitive Schemata und Strukturen
5.1 Die kognitive Entwicklung nach Piaget
5.2 Der Wahrnehmungszyklus nach Neisser
5.3 Kognitive Schemata beim Rechtschreiblernen

6 Stufenmodelle des Rechtschreiberwerbs
6.1 Das Stufenmodell nach Uta Frith
6.2 Das Stufenmodell nach Scheerer-Neumann

7 Bewertung von Frieds Stufenmodell

8 Lernbedingungen für den Unterricht

9 Schreibanlässe

10 Schreibmotivation durch den Computer

11 Mit dem Computer schreiben

12 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bereits vor der Einschulung hat ein Kind schon grundlegende und nützliche Erfahrungen mit Sprache und Schrift gemacht. Es kann Zeichen oder Logos einem Sinn zuordnen, zum Beispiel das McDonalds – Logo dem Schnellimbiss. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat es auch schon Buchstaben abgemalt, um damit seinen Namen zu schreiben. Auch in Lesebüchern fahren Kinder gerne mit dem Finger die Buchstaben nach, um so zu tun, als würden sie die Geschichte selber lesen. Dabei schauen sie sich jedoch nur die Bilder an oder erzählen die Geschichte aus dem Gedächtnis nach.

Das Kind selbst ist aber noch nicht in der Lage, einem Phonem (Laut) ein Graphem (einen oder mehrere Buchstaben) zuzuordnen. Dass das Phonem /S/ zum Beispiel mit drei Buchstaben dargestellt wird, wird erst in der Schule gelernt.

Warum aber wollen Kinder überhaupt lesen und schreiben lernen? Worin liegt die Motivation und wie lassen sich Kinder zum Schreiben motivieren? Was hält den Vorgang des Rechtschreiblernens in Gang, und gibt es Modelle, um diesen Prozess zu beschreiben?

Diese Fragen werden in den folgenden Kapiteln thematisiert. Außerdem werden in diesem Kontext Möglichkeiten für den Einsatz von Computern im Grundschulunterricht aufgeführt. Zunächst wird jedoch der Spracherwerb im Allgemeinen erläutert, da dieser Prozess die Voraussetzung für das spätere Lesen- und Schreibenlernen ist.

2 Der Prozess des Spracherwerbs

Der Prozess des Spracherwerbs beginnt schon im Mutterleib, wo das Baby Lippen, Zunge und Gaumen trainiert, welche es zum Sprechen braucht. Ab dem fünften Schwangerschaftsmonat schult es außerdem sein Gehör, indem es auf Geräusche achtet. Wenn sich bei der Geburt die Atmung des Babys umstellt und es zum ersten Mal schreit, ist die Basis zur Kontaktaufnahme mit seiner Umwelt geschaffen.

In den ersten Lebensmonaten bleibt das Schreien das einzige Ausdrucksmittel, das Baby kann die Laute jedoch variieren. Auf die Reaktionen seiner Laute antwortet es wieder, und ein erster Dialog findet statt.

Schon mit zwei Monaten beginnen Babys zu lallen, das heißt, sie probieren ihre Sprechwerkzeuge aus. Sprechwerkzeuge sind das zentrale Nervensystem, Atmung, Kehlkopf, Rachenraum, Kiefer, Zunge und Lippen.

Mit sechs Monaten beginnt die zweite Lallphase, in der das Baby ständig neue Laute ausprobiert und wiederholt. Außerdem ahmt es Laute nach, die es in seiner Umgebung hört, man nennt das Echolalie. Ein erstes Sprachverständnis wird entwickelt. Das Gehör spielt dafür eine entscheidende Rolle, denn nur die Laute, welche das Kind hört, kann es später auch selber bilden.

Mit neun Monaten fängt das Baby an, Wörter zu verstehen, und lernt die Verknüpfung von Hören und Reagieren. Gestik, Mimik und Tonfall seiner Bezugsperson vermitteln ihm den Sinn der Sprache.

Mit etwa einem Jahr ordnet das Kind bestimmte Lautkombinationen bestimmten Dingen zu, undifferenziert und nicht immer verständlich.

Mit vierzehn Monaten können Kinder verstehen, dass jede Sache einen eigenen Namen hat. Man nennt das Symbolbewusstsein.

Bis zum achtzehnten Monat befinden sich Kinder in der sogenannten Einwortsatz – Phase, in der ein Wort für verschiedene komplette Sätze gebraucht wird. In der anschließenden Zweiwortsatz – Phase ist das Kind bereits zwei Jahre alt und kann kurz darauf schon drei Wörter miteinander verbinden.

Schon früh können Kinder grammatisch richtige und komplexe Sätze bilden. Die Bezugspersonen fungieren hierbei stark als Vorbilder. Mit richtigen Sätzen können sie die Sprachentwicklung des Kindes enorm unterstützen. Das bedeutet nicht, dass Eltern ihre Kinder ständig beim Sprechen korrigieren sollen. Vielmehr sollen sie die Kinder zum Sprechen motivieren und bei der eigenen Sprechweise darauf achten, Sätze klar und grammatisch korrekt zu formulieren. Kinder imitieren Erwachsene und prägen sich bestimmte Ausdrücke und Redewendungen ein.

Das Erlernen der Sprache ist in den Grundzügen im Alter von fünf Jahren abgeschlossen. Der Wortschatz umfasst dann etwa 2000 Wörter.

Natürlich ist der Prozess des Spracherwerbs individuell verschieden und kann schneller und langsamer voran schreiten. Er ist nie abgeschlossen, denn auch im Erwachsenenalter wird der Wortschatz ständig ergänzt.

3 Warum Kinder schreiben lernen wollen

Schon lange bevor sie in die Schule kommen, machen die meisten Kinder viele Erfahrungen mit Schriftlichkeit. Sie beobachten und imitieren Erwachsene oder ältere Geschwister beim Lesen und Schreiben, bemerken Logos und Schilder und erkennen diese wieder. Es wird viel gemalt und gekritzelt, und die ersten Schriftstücke werden stolz gezeigt.

Anhand solcher Schriftstücke lassen sich bereits verschiedene Funktionen von Schriftlichkeit herauskristallisieren:[1]

Die vierjährige Sabine beispielsweise schreibt die Wörter ‚ Stockmar ’ und ‚ Wachsfarben ’ von einer Verpackung ab. Als die Eltern erstaunt lesen, was ihre Tochter geschrieben hat, ist diese zufrieden. Hier hat das Schreiben als Aneignung eines Gegenstandes stattgefunden. Die Schrift wurde benutzt, um das Vorgefundene zu kopieren.

Jessie ist vier Jahre alt und malt am Frühstückstisch Buchstaben und buchstabenähnliche Zeichen auf. Sie besteht darauf, sich das Geschriebene von dem Erwachsenen vorlesen zu lassen. Als dieser laut ‚ Rrrbudow! ’ sagt, fühlt sie sich motiviert und kommt bald mit neuen Notierungen zurück. Jessie ist noch nicht in der Lage, Buchstaben als solche wahrzunehmen; sie bemerkt aber, dass man Geschriebenes verlautlichen kann. Sie benutzt das Schreiben als Nachahmen einer Tätigkeit . Die Funktion der Schrift liegt hierbei in der Fixierung von Lauten.

Der fast sechsjährige Hannes ist nach einem Streit wütend auf seine Mutter und bringt seine Wut zum Ausdruck, indem er ein Blatt mit wilden, unkoordinierten Linien füllt. Auf die Rückseite schreibt er ordentlich seinen Namen. In diesem Beispiel kann das Schreiben als Geste verstanden werden. Hannes benutzt Schrift, um seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen.

In einem weiteren Beispiel hat die fünfjährige Steffi einen bereits etwas differenzierteren Begriff von Wörtern. Sie zeichnet Personen und schreibt Namen dazu. Ihr ist also bewusst, dass geschriebene Wörter eine bestimmte Bedeutung haben. Steffi benutzt das Schreiben als Bezeichnen des Gemeinten. Die Funktion der Schrift liegt hierbei in der visuellen Adaption von Vermitteltem.

Aus diesen Beispielen geht hervor, dass Kinder anfangen zu schreiben, um sich der Umwelt mitzuteilen und um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie wollen Anerkennung und Lob für das Geschriebene gewinnen. Deshalb ist es besonders wichtig, Kindern in ihrer häuslichen Umgebung genügend Raum und Zeit für solche Erfahrungen zu geben. Nur so kann ein Zugang zu Schrift gefunden und das Fundament zum angeleiteten Schreiben und Rechtschreiblernen in der Schule gelegt werden.

4 Die Beziehung zwischen Lautung und Buchstaben

Mit der Schriftsprache lernen Kinder eine sehr komplexe Sprache, wobei sie versuchen, unabhängig vom erteilten Unterricht für sich selber Regeln zu finden. Dem Schriftbild nähern sie sich hierbei auf der einen Seite durch lautgetreues Schreiben, auf der anderen Seite durch Speicherung und Abruf von Wortbildern. Diese zweifache Annäherung an Schriftlichkeit wird verständlicher, wenn man die Beziehung zwischen Lautung und Schreibung näher betrachtet:

Die deutsche Rechtschreibung ist weder eine Lautschrift noch eine Begriffsschrift Sie ist eine Buchstabenschrift, in der die Schreibung die Lautung aufruft und somit indirekt über die Lautung zur Bedeutung führt. Das Geschriebene kann einerseits problemlos als Lautung wiedergegeben werden und erfüllt somit die Aufzeichnungsfunktion. Die aus der Lautung aufgebaute lineare Buchstabenfolge kann andererseits ganzheitlich erfasst werden, wodurch die Erfassungsfunktion der deutschen Rechtschreibung erfüllt wird.[2]

In einer sprachwissenschaftlichen Analyse beschreibt Christa Röber-Siekmeyer das Verhältnis zwischen Phonemen und Graphemen. Hiernach hat die phonetische Forschung den Nachweis erbracht, dass die Isolierung einzelner Laute innerhalb der vielschichtigen Aussprache nicht möglich ist. In der Umsetzung von gesprochener in geschriebene Sprache besteht deshalb die Schwierigkeit, die einzelnen Laute zu identifizieren. Die Lernenden müssen durch vielfältiges Üben die abstrakten Laute akustisch isolieren können, um sie dann aufschreiben zu können. Das Optische beziehungsweise Schriftliche ist dabei in den meisten Fällen eine unumgängliche Hilfe. Die in der Schriftsprache angewandten Operationen wie Ersetzungen, Einschübe und Verschiebungen etwa bei Wörtern wie ‚ wundern ' und ‚ wandern ’ sind den Kindern dabei durchaus aus Abzählreimen, Liedern und Wortspielereien geläufig. Die sprachanalytische Funktionalität bezogen auf die Schriftsprache bei Wortspielen, beispielsweise die Vertauschung der Vokale bei dem Lied ‚Drei Chinesen mit dem Kontrabass...’, ist den Kindern zwar bekannt, aber selbstverständlich noch nicht bewusst. Erst durch die Vermittlung der Schriftsprache im Unterricht, wenn Gehörtes durch Schrift sichtbar gemacht wird, gewinnt das bewusste Umgehen mit den oben genannten Operationen an Bedeutung für das Kind. Der bereits vorhandene spielerische Umgang mit den Operationen im Vorschulalter etwa bei Abzählversen oder Zungenbrechern, bietet eine gute Basis für die im Unterricht ansetzende kognitive, d.h. entdeckende und erfahrende, bewusst machende Arbeit.[3]

5 Kognitive Schemata und Strukturen

Jegliches Lernen, das Lernen von Sprache und Schrift miteinbezogen, setzt voraus, dass das Kind etwas aus seiner Umwelt wahrnimmt. Diese Wahrnehmung beruht auf kognitiven Schemata oder Strukturen, die veränderbar sind. Bei dem Prozess der Aneignung von intellektuellen Fähigkeiten beziehen sich Kinder zum einen auf das, was sie gegenwärtig wahrnehmen, bereits wissen und verstehen, sowie auf das, was aus einer neuen Erfahrung, einem neuen Problem ersichtlich wird.

5.1 Die kognitive Entwicklung nach Piaget

Piaget benutzt in diesem Kontext die Begriffe Assimilation und Akkommodation. Sie beschreiben zwei Arten von Anpassung des Organismus an seine Umwelt, die simultan stattfinden. „Assimilation ist der Prozeß, über den das, was wahrgenommen wird, so verändert wird, daß es zu den gegenwärtig vorhandenen kognitiven Strukturen paßt; Akkommodation ist dagegen der Prozeß, über den die kognitiven Strukturen so verändert werden, daß das, was wahrgenommen wird, zu ihnen paßt.“[4] Hat ein Kind beispielsweise gelernt, dass man nach einem kurzen Vokal immer ‚ss’ und nach einem langem Vokal ‚ß’ schreibt, so wird es künftig die Schreibung neu gelernter Wörter an dieser Regel ausrichten (Assimilation). Stellt das Kind aber fest, dass diese Regel nicht zwangsläufig auch bei der Schreibung von Eigennamen, Fremdwörtern usw. gilt, muss es seine alte kognitive Struktur entsprechend erweitern und verändern (Akkomodation).

[...]


[1] Vgl.: Gerhard Augst/Mechthild Dehn: Rechtschreibung und Rechtschreibunterricht. Können – Lehren – Lernen. Klett-Verlag. Stuttgart 1998, S. 53ff.

[2] Ebd., S. 37.

[3] Vgl.: Christa Röber-Siekmeyer: Die Schriftsprache entdecken. Rechtschreiben im Offenen Unterricht. Beltz-Verlag. Weinheim und Basel 1993, S. 70ff.

[4] N.L. Gage/David C. Berliner, Pädagogische Psychologie. Bd. 1. Urban & Schwarzenberg, München 1979, S. 358f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Rechtschreiberwerb - Kinder zum Schreiben motivieren
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V32457
ISBN (eBook)
9783638331739
ISBN (Buch)
9783640157426
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtschreiberwerb, Kinder, Schreiben
Arbeit zitieren
Birte Glass (Autor), 2004, Rechtschreiberwerb - Kinder zum Schreiben motivieren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32457

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