Jeder Mensch geht davon aus, dass er selbstbestimmt handelt und denkt – jeder fühlt sich frei. Wie könnte man sonst auch behaupten „Ich handle“? An diesem Satz ist entweder das „Ich“ falsch, oder ich bin in meinem Handeln frei von bestimmenden Ursachen. Ohne die Annahme, in unseren Überlegungen und Entscheidungen frei zu sein, gäbe es gar keine Berechtigung, von sich selbst in der 1. Person Singular zu sprechen. Vielmehr müsste man dann davon sprechen, dass „Es“ handelt, in dem Sinne, dass „mein“ Handeln und Denken stets von Ursachen bestimmt wird, die sich jenseits meines Kontrollbereiches befinden. Die totale Determination durch heteronome Bestimmungsgründe würden das „Ich“ aufheben – und dem Selbstbild der Menschen als eines frei Handelnden entgegenstehen.
So deutlich die Freiheit des Willens erfahren wird, so schwer ist sie zu begründen. Denn sie steht im Gegensatz zur Bedingung aller Naturerkenntnis, nämlich der notwendigen Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen. Unter den Naturerscheinungen gibt es keine, die ohne Ursache gedacht werden kann. Hier ist jede Erscheinung in einer Kausalkette verortet. Wieso sollte da ausgerechnet der Mensch, der ja auch Naturerscheinung ist, frei handeln können? Die für das Selbstverständnis der Menschen essenzielle Annahme seiner Freiheit bedarf also einer plausiblen Begründung, um sich gegen die umfassende Kausalität der Natur zu behaupten. Für Kant ist es die
„unnachlaßliche Aufgabe der spekulativen Philosophie: wenigstens zu zeigen, daß ihre Täuschungen wegen des Widerspruchs [zwischen Freiheit und Naturkausalität] darin beruhe, daß wir den Menschen in einem anderen Sinne und Verhältnisse denken, wenn wir ihn frei nennen, als wenn wir ihn, als Stück Natur, dieser ihren Gesetzen für unterworfen halten, und daß beide nicht allein gar wohl beisammen stehen können, sondern auch, als notwendig vereinigt, in demselben Subjekt gedacht werden müssen [...]“ (GMS 116).
Mir geht es in der vorliegenden Arbeit darum, die Bedeutung aufzuzeigen, die der Freiheitsidee in der Kritik der reinen Vernunft sowie in den beiden moralphilosophischen Hauptschriften Kants, der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und der Kritik der praktischen Vernunft zukommt. Die Arbeit untergliedert sich in zwei Teile. Das Ziel des ersten Teils liegt darin, den Weg nachzuvollziehen, auf dem Kant Freiheit und Kausalität als „notwendig vereinigt in demselben Subjekt“ denkbar macht. Als Textgrundlage dient dazu die Kritik der reinen Vernunft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die transzendentale Freiheit in der „Kritik der reinen Vernunft“
2.1. Die Revolution der Denkart
2.2. Das transzendentale Subjekt
2.3. Die Antinomie der Vernunft
2.4. Die dritte Antinomie
2.4.1. Thesis
2.4.2. Antithesis
2.4.3. Auflösung
2.5. Die Idee der transzendentale Freiheit als absolute Spontaneität
2.6. Der Perspektivwechsel der Vernunft – eine menschliche Hybris?
3. Die Freiheit im praktischen Verstande
3.1. Die kritische Ethik
3.2. Die transzendentale Willensfreiheit
3.3. Kants Ziel: Eine reine Moralphilosophie
3.4. Das Sittengesetz
3.4.1. Der kategorische Imperativ
3.5. Der Wille als Vermögen der Handlungsbestimmung
3.5.1. Subjektive Maximen und objektives Gesetz
3.5.2. Der Wille als freie Kausalität
3.6. Das Faktum der Vernunft
3.7. Die Einheit von Sollen und Wollen
3.7.1. Die Autonomie des Willens
3.7.2. Das Gefühl der Achtung
3.7.3. Von der Wichtigkeit moralischer Gesetze
3.7.3.1. Die intellektuelle Selbstzufriedenheit
3.7.3.2. Der Mensch als Zweck an sich selbst
3.8. Ist Kants Freiheitsbegriff heute noch aktuell?
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Kants Freiheitsbegriff und dessen Bedeutung für das Selbstverständnis des Menschen. Das Hauptziel besteht darin, aufzuzeigen, wie Kant Freiheit und Kausalität als notwendige Ergänzungen im Subjekt verknüpft und warum der kategorische Imperativ nicht als äußere Macht, sondern als aus der Freiheit resultierendes Gesetz verstanden werden muss.
- Die transzendentale Freiheit in der Kritik der reinen Vernunft.
- Die Begründung der Autonomie des Willens in der praktischen Philosophie.
- Die methodische Trennung von Phänomenen und Noumena.
- Das Faktum der Vernunft als Grundlage moralischer Verbindlichkeit.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Jeder Mensch geht davon aus, dass er selbstbestimmt handelt und denkt – jeder fühlt sich frei. Wie könnte man sonst auch behaupten „Ich handle“? An diesem Satz ist entweder das „Ich“ falsch, oder ich bin in meinem Handeln frei von bestimmenden Ursachen. Ohne die Annahme, in unseren Überlegungen und Entscheidungen frei zu sein, gäbe es gar keine Berechtigung, von sich selbst in der 1. Person Singular zu sprechen. Vielmehr müsste man dann davon sprechen, dass „Es“ handelt, in dem Sinne, dass „mein“ Handeln und Denken stets von Ursachen bestimmt wird, die sich jenseits meines Kontrollbereiches befinden. Die totale Determination durch heteronome Bestimmungsgründe würden das „Ich“ aufheben – und dem Selbstbild der Menschen als eines frei Handelnden entgegenstehen.
So deutlich die Freiheit des Willens erfahren wird, so schwer ist sie zu begründen. Denn sie steht im Gegensatz zur Bedingung aller Naturerkenntnis, nämlich der notwendigen Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen. Unter den Naturerscheinungen gibt es keine, die ohne Ursache gedacht werden kann. Hier ist jede Erscheinung in einer Kausalkette verortet. Wieso sollte da ausgerechnet der Mensch, der ja auch Naturerscheinung ist, frei handeln können? Die für das Selbstverständnis der Menschen essenzielle Annahme seiner Freiheit bedarf also einer plausiblen Begründung, um sich gegen die umfassende Kausalität der Natur zu behaupten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur Problematik der Freiheit im Kontext von Naturkausalität und Vorstellung des zentralen Erkenntnisinteresses.
2. Die transzendentale Freiheit in der „Kritik der reinen Vernunft“: Untersuchung der erkenntnistheoretischen Voraussetzungen, unter denen Freiheit als Idee widerspruchsfrei gedacht werden kann.
3. Die Freiheit im praktischen Verstande: Analyse der ethischen Hauptwerke, um die praktische Realität der Freiheit als moralische Autonomie zu begründen.
4. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Bestätigung der Aktualität von Kants Freiheitsbegriff.
Schlüsselwörter
Immanuel Kant, Transzendentale Freiheit, Kritik der reinen Vernunft, Kategorischer Imperativ, Autonomie des Willens, Naturkausalität, Faktum der Vernunft, Sittengesetz, Noumenon, Phänomen, Moralische Autonomie, Kopernikanische Wende.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Freiheitsbegriff bei Immanuel Kant und wie dieser sowohl theoretisch als auch praktisch im menschlichen Selbstverständnis begründet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die transzendentale Freiheit, die Auflösung der Antinomien der Vernunft und die Begründung einer reinen Moralphilosophie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Kant Freiheit neben der Naturkausalität denkbar macht und warum das moralische Sollen letztlich als Ausdruck einer autonomen Freiheit verstanden werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung folgt einer analytischen Rekonstruktion kantischer Texte, wobei insbesondere die methodische Trennung zwischen theoretischer und praktischer Vernunftperspektive im Vordergrund steht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst die transzendentale Freiheit in der Kritik der reinen Vernunft analysiert, gefolgt von einer detaillierten Erörterung der Freiheit im praktischen Verstand, inklusive des Sittengesetzes und der Autonomie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Transzendentale Freiheit, Kategorischer Imperativ, Autonomie, Faktum der Vernunft und Kopernikanische Wende charakterisieren.
Wie löst Kant den Widerspruch zwischen Naturkausalität und Freiheit?
Durch die Einführung von zwei Perspektiven (der theoretischen als Beobachter der Phänomene und der praktischen als handelndes Subjekt) zeigt Kant, dass Freiheit als intelligible Bedingung und Naturkausalität als Erscheinungsform derselben Welt nebeneinander existieren können.
Was ist das „Faktum der Vernunft“?
Es ist das unmittelbare Bewusstsein einer unbedingten moralischen Verpflichtung, das uns als Basis dient, um unsere Freiheit als reale Möglichkeit anzuerkennen, ohne auf einen theoretischen Beweis angewiesen zu sein.
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- Kristina Breyer (Author), 2002, Der Freiheitsbegriff bei Immanuel Kant, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32464