Nichts als die Wirklichkeit - Die Lyriktheorie in Käte Hamburgers "Logik der Dichtung"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

42 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Metaphysik der Sprache?
2.1 Die philosophische Hintertreppe
2.2 Das Aussagesystem der Sprache
2.3 Exkurs: Sprachwissenschaft ade?
2.4 Das System der Dichtung

3. Die Lyrik
3.1 Die lyrische Aussage
3.2 Der Dichter – seine Erlebnisse, sein Leser
3.3 An den Grenzen einer Theorie
3.4 Käte Hamburger – ein Schlussplädoyer

4. Kritische Würdigung
4.1 Kurze Rezeptionsgeschichte
4.2 Die Logik der Dichtung für „Gestresste“
4.3 Käte Hamburger die Psychologin?
4.4 Die lyrische Ich-Erzähler?
4.5 Wie logisch ist die Logik der Dichtung ?
4.6 Das Rätsel um das lyrische Ich

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Was ist ein Gedicht? An dieser Fragestellung haben sich schon Generationen von Dichtern und Theoretikern die Zähne ausgebissen. Bis heute liegt wohl keine Antwort vor, die allgemeine Zustimmung finden würde. Aber vielleicht sollte man anders fragen, etwa: Was zeichnet ein Gedicht aus? Woran erkennt man ein Gedicht? Oder wie steht es mit dem notwendigen Gegenstück, dem Dichter? Und nicht zuletzt: Wo endet (schöne) Kunst und wo fängt „Trash“ an? Schon hier wird ersichtlich, dass die Antwort sehr unterschiedlich ausfallen wird, je nachdem wie man die Frage formuliert. Strebt man eine otologisch-philosophische Begründung an? Oder entscheidet man sich für eine weniger deduktive Methode und tastet sich eher über Abgrenzungen und unterscheidende Merkmale heran? Vielleicht aber nimmt man dieses „Ding“ einfach so, wie es uns vorliegt, als ein Artefakt, hinter dem ein tätiger Mensch steht, und geht von diesem, seinen Intentionen, seiner gesellschaftlichen Rolle bzw. Funktion aus. Aber ist ein Gedicht nicht schön? Soll es nicht schön sein? Dann käme man doch über den Begriff des „Schönen“ an eine Definition?

Man wird einwenden: Ein wenig viele Fragen für eine strukturierte Hausarbeit, oder? Der Grund für die etwas naiv anmutende Aufzählung zu Beginn ist, dass Käte Hamburger in den 50er Jahren den Versuch unternommen hat, gleich ein ganzes Bündel dieser Fragen zu beantworten. Die Formulierung „Versuch“ wird dem Ganzen aber wohl nicht gerecht, denn sie hat eine komplette Theorie der Dichtungsgattungen entworfen, die sehr kontrovers diskutiert wurde. Ihre Die Logik der Dichtung ist Thema dieser Arbeit.

Ein kurzer Nachtrag. Noch nicht zum Zuge kam das ganze mühsam erworbene germanistische Begriffs-Instrumentarium: Vers, Reim, Schweifreim, Metrum, Rhythmus, Jambus, Metapher, ect. Könnte man nicht damit arbeiten? Was fängt man aber dann mit dem vor kurzem durch alle Zeitungen gegangenen Text „Die Sonne scheint zum Fenster rein / Hak` ab, es wird schon richtig sein“ an? Zwei Verse mit 4-hebigem Trochäus, Auftakt, Paarreim und stumpfer Kadenz. Die literaturwissenschaftlichen Kategorien greifen – aber was halten sie in ihren Fängen? Wohl kein Gedicht. Noch heute würde Käte Hamburger sagen, dass sich prinzipiell alles in lyrische Form bringen lässt, ohne dass es deswegen schon Lyrik ist. Man kann aber die Kategorien nicht für „schöne Künste“ reservieren und sie der sog. „Alltagsprosa“ vorenthalten. Es fehlt also ein schlagkräftiges Kriterium.

Nach Käte Hamburger waren wir der Sache aber schon viel näher, als wir glaubten. Das ausschlaggebende Kriterium ist tatsächlich die Sprache. Aber eben nicht ihre lautmalerische Seite, sondern die dahinter liegende Struktur. Daher ist ihrer Theorie der Dichtung zunächst eine spezielle Sprachtheorie vorangestellt. Sodann wird auf dieser Grundlage das System der Dichtung entfaltet. Dabei erwarten den Leser einige Überraschungen, die enorm provoziert haben und heftig kritisiert wurden. Zum Schluss stellt sich Frau Hamburger ihren Kritikern. So sieht die grobe inhaltliche Gliederung ihrer Logik der Dichtung aus, und die vorliegende Arbeit schließt sich zweckmäßig daran an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Die Metaphysik der Sprache?

Zunächst stolpert man ein wenig über den Titel des Buches. Was ist denn mit „Logik der Dichtung“ gemeint? Diese Frage – so naiv sie auch klingt – ist entscheidend für das Verständnis der Theorie. Das Buch bietet zwei eher versteckte Antworten. Zum einen bemerkt Käte Hamburger, dass der Terminus Logik hier im sprachtheoretischen Sinne verwendet wird. Im Verlaufe der Argumentation wird er durch den Terminus „Sprachtheorie“ bzw. „Aussagesystem“ ersetzt (Hamburger 1980, S.10f.). Die Logik der Dichtung erhellt sich also als eine „Sprachtheorie der Dichtung“. Warum aber hat die Autorin dann den ohne diese Erläuterung wohl eher verwirrenden Terminus „Logik“ beibehalten? Es scheint, dass Hamburger den Terminus „Sprachtheorie“ bewusst vermieden hat, weil sie sich von der herkömmlichen[1] Sprachtheorie abgrenzen wollte. Zugleich aber hat Hamburger die Konnotationen des Lexems „Logik“ wohl gezielt eingesetzt . Der Terminus „Logik“ verweist den Leser auf das Gebiet, von dem aus die Argumentation ihren Anfang nimmt: die Philosophie.

2.1 Die philosophische Hintertreppe

Käte Hamburger scheint um die im Titel angelegten möglichen Missverständnisse gewusst zu haben, wenn sie zu Beginn schreibt, dass Kunst eigentlich Gegenstand der Ästhetik und nicht der Logik sei. Aber die Dichtung besteht als einziges Mitglied der Kunstfamilie aus Sprache. Die Sprache wiederum – sie rekurriert auf Ludwig Wittgenstein – sei Gegenstand der Logik, im Sinne einer Sprachlogik (ebd. S.9). Und zwar insofern sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass eine Untersuchung unseres Denkens nicht um eine Untersuchung unserer Sprache herumkommt. Unser Denken kann sich also in Form von Sprache manifestieren bzw. über das Medium Sprache (anderen) mitteilen. Zugleich aber besteht Hamburger darauf, dass Sprache zugleich Gestaltungsmittel[2] ist. In Anlehnung an Hegel ist Dichtung also Teil des allgemeinen Vorstellungs- und Sprachsystems (ebd. S.23).

Käte Hamburger greift aber noch in Bezug auf einen weiteren Punkt auf Hegel zurück: Die Dichtung sei diejenige besondere Kunst, bei der sich zugleich die Kunst aufzulösen beginne bzw. Gefahr laufe in Alltagsprosa oder wissenschaftliches Denken überzugehen – gerade weil ja Dichtung als Sprachkunst und der Alltag bzw. die Nicht-Kunst beide aus Sprache bestehen (Hamburger 1980, S.21). Man geht wohl nicht zu weit, wenn man diese Einschätzung als das leitende Erkenntnisinteresse der Logik der Dichtung hinstellt. Es geht weniger darum, eine Autorität in ihre Argumentation einzubringen. Vielmehr ist es ein Warnschuss an alle, die eine nahezu ontologische Zweiteilung zwischen (hoher) Kunst und der Realität bzw. dem Alltag aufbauen. So einfach darf man es sich nach Käte Hamburger nicht machen. Vielmehr bestehen beide aus Sprache und somit müssten sich fließende Übergänge finden lassen, sodass eine einfache Zweiteilung – hier die Kunst dort der prüde Alltag - wohl nicht standhalten kann. Wenn es also eher fließende Übergänge sind, man aber gleichzeitig ein System bzw. eine Ordnung hineinbringen will, muss man unweigerlich Grenzen setzten. Um die Kriterien für die Grenzziehung wird es dann natürlich Streit geben. Könnte man dem Dilemma der Grenzendefinition nicht doch entkommen? Wie, wenn es gelänge, hinter all den willkürlichen Grenzen eine verborgene Struktur zu erkennen, die allgemein zustimmungsfähig wäre? Die Frage nach dem „Dahinter“ ist jedoch eine klassisch philosophische, womit wir Käte Hamburger auf ihrer „philosophischen Hintertreppe“ gefolgt wären. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass Hamburger beide Varianten wählt. Sie zieht Grenzen und erkennt eine latente Struktur. Stellt sie damit die Frage nach einer Metaphysik der Sprache?

2.2 Das Aussagesystem der Sprache

Im Folgenden soll die Sprachtheorie von Käte Hamburger kurz dargestellt werden. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass sie diese Theorie aufstellt, um auf dieser Grundlage ihre Logik der Dichtung zu entfalten. Im Wesentlichen geht es dabei um zwei Fragestellungen:

1. Dichtung steht in Opposition zu Wirklichkeit, wie wohl die meisten zustimmen würden (ebd. S.15). Wenn wir ein Drama oder einen Roman lesen, wissen wir, dass wir uns nicht in einem Wirklichkeitszusammenhang befinden (ebd. S.27). Das Verhältnis von Dichtung und Wirklichkeit kann also als ein allgemein akzeptiertes, aber daher auch etwas unscharfes, latentes Vorwissen gelten. Wie kann man dieses nun erhellen?

2. Wie erläutert besteht sowohl die Dichtung, als auch unser Alltag aus Sprache. Wird Dichtung nun sprachtheoretisch bestimmt, so müssen die Unterschiede zwischen der dichtenden und der nicht-dichtenden Sprache, sowie deren jeweilige Besonderheiten gezeigt werden. Dieser Vergleich ist die Methode, mit der Hamburger die Struktur der Dichtung erkennen möchte (Hamburger 1980, S.30).

Käte Hamburger spricht nicht von der „Struktur der Sprache“ oder dem „Sprachsystem“, sondern vom Aussagesystem der Sprache. Diese begriffliche Eigenart wurde von einigen Lesern in der ersten Auflage des Werkes nicht verstanden, weswegen ab der zweiten Auflage ausführlicher darauf eingegangen wurde. Die Autorin weiß, dass der Begriff „Aussage“ Missverständnisse provoziert. Zum einen wird im philosophisch-logischen Kontext „Aussage“ synonym zu (logischem oder propositionalem) „Urteil“ verwendet. Dabei geht es, je nachdem welches logische System zu Grunde liegt, um wahre, wahrscheinliche, falsche, usw. Aussagen bzw. Urteile. Zum anderen denkt der ein oder andere Leser an den grammatischen „Aussagesatz“, mit seinem grammatischen Konstruktions-Plan und der entsprechenden Satz-Semantik (faktische Darstellung). Das ist mit Aussage im Sinne von Hamburger nicht gemeint (vgl. ebd. S.31).

Die Aussage ist nach Hamburger vielmehr eine „fixierte, ablesbare Subjekt-Objekt-Relation“ (ebd. S.39). Das heißt zunächst, dass nicht von den einzelnen Elementen der Sprache ausgegangen wird, oder der Sprache eine bestimmte Funktion zugesprochen wird. Immer wenn uns Sprache vorliegt[3], zeigt sich die erwähnte „Subjekt-Objekt-Relation“. Sie ist in der Sprache „fixiert“. Aber sie zeigt sich nicht explizit. Vielmehr muss man sie „ablesen“. Dies kann man aber nur, wenn man Hamburgers Theorie der Aussage kennt. Dabei zeigt sich, dass das von der Autorin so bezeichnete „Ablesen“ eher ein tiefer „Blick hinter die Kulissen“ ist.

Die Struktur der Sprache ist eben jene Subjekt-Objekt-Struktur. Dabei ist eine Aussage das „Aussagen eines Aussagesubjekts über ein Aussageobjekt“ (ebd. S.37). Oder anders ausgedrückt: die Sprache besteht aus lauter Aussagen eines Aussageobjekts über ein Aussageobjekt. Nun müssen noch die Begriffe Aussagesubjekt und Aussageobjekt erläutert werden, sowie deren Zusammenspiel.

Aussageobjekt. Das Aussageobjekt ist der Inhalt der Aussage, und zwar egal in welcher Satzmodalität er dargeboten wird. Im Prinzip ist jeder Satz, der vor uns liegt das Aussageobjekt im Sinne von Käte Hamburger. Als Beispiel verwendet sie den Satz (das Aussageobjekt): „Der Schüler schreibt“ (ebd. S.40). Dieser Satz kann nun verschiedene Bedeutungen haben, je nachdem in welchem Kontext er steht bzw. geäußert wird (z.B. als Beispielsatz in einem Schulbuch, als Aussage des Lehrers, ect.). Will man nun die Struktur der Sprache über das Aussageobjekt beschreiben, so ist der Versuch vergeblich, denn: „Die Aussageinhalte und damit die Kontexte sind ihrer Zahl nach unendlich, weil alles was ist, was vorgestellt und gedacht wird, zum Aussageobjekt werden kann“ (Hamburger 1980, S.40). Daher richtet sich das Augenmerk auf das Strukturelement, das die Kontextzusammenhänge erst hervorbringt (ebd.). Hamburger verwendet hier einen doppelten Kontext-Begriff: Kontext ist bei ihr einerseits der direkte Kontext von Lexemen und ihren semantischen Beziehungen und lexikalischen Solidaritäten. Andererseits versteht sie unter „Kontext“ den spezifischen Kontext, den das Aussagesubjekt erst hervorbringt, indem es eine Aussage in einem bestimmten Kontext hervorbringt (z.B. Eintrag in ein Tagebuch, Frage vor der Klasse, ect.). Diesen Kontext setzt das Aussagesubjekt bewusst, um eine bestimmte Rezeption zu erreichen.

Aussagesubjekt. Das „gesamte stofflich-thematische unendliche Gebiet der Aussagen“ kann auf ein System gebracht werden. Dazu bildet Hamburger drei Kategorien von Aussagesubjekten: das historische, das theoretische und das pragmatische Aussagesubjekt. Da für diese Arbeit eigentlich nur das später genannte lyrische Aussagesubjekt interessiert, seien nur die Grundzüge rasch skizziert: Beim historischen Aussagesubjekt kommt es wesentlich auf die Individualität des Aussagesubjektes an (ein Idealtypus im Sinne Max Webers wäre der autobiographische Tagebucheintrag). Beim theoretischen Aussagesubjekt steht das Objekt der Aussage im Vordergrund (ein Extrembeispiel wäre die mathematische Formel, bei der der Inhalt der Aussage völlig unabhängig vom Aussagesubjekt ist). Alle Aussagen, die nicht in Form des Behauptungssatzes vorliegen (also Wunschsatz, Befehlsatz, Fragesatz, ect.) können dem pragmatischen Aussagesubjekt zugeordnet werden (vgl. dazu ebd. S.40-43).

Subjekt-Objekt-Relation. Mit Hilfe ihres Systems kann Hamburger nun die allerorts gebräuchlichen, aber wenig klaren Adjektive subjektiv und objektiv präzisieren. Ob eine Aussage nun eher subjektiv oder eher objektiv ist, ist zunächst unabhängig vom Aussagesubjekt (edb. S.44). Ein Satz in einem philosophischen Werk kann stark subjektiv sein, aber dennoch liegt klar ein theoretisches Aussagesubjekt vor, denn im Vordergrund steht nicht die Individualität des Philosophen, sondern der Gegenstand seiner Aussage. Das gesamte System der von den drei verschiedenen Typen von Aussagesubjekten getätigten Aussagen kann mehr oder weniger subjektiv bzw. objektiv sein im polaren Spannungsverhältnis von Subjekt und Objekt (ebd. S.45). Gemeinsam ist aber allen dreien, dass sie vom Subjektpol weg auf den Objektpol gerichtet sind – seien sie auch noch so subjektiv geprägt (ebd. 209). Käte Hamburger spricht davon, dass alle Aussagen den Charakter der Mitteilung[4] haben.

Mitteilung. Unter Mitteilung versteht Hamburger dabei, dass alle Aussagen eine Funktion in einem Objektzusammenhang bzw. einem Wirklichkeitszusammenhang ausüben, weil das Aussagesubjekt seine Aussage bewusst in den entsprechenden Kontext (vgl. dazu oben) setzt. Gibt ein Aussagesubjekt seiner Aussage auch noch so sehr seine „persönliche Note“, die Aussage bleibt objektgerichtet, als eine fragende, behauptende, informierende, ect. (vgl. hierzu ebd. S.209f.). Bei dieser Präzision des Sprachsystems als ein System von Aussagen mit Mitteilungscharakter fiel das Stichwort der Wirklichkeit. Wie oben vermerkt geht es Hamburger darum, die Dichtung in ihrer Opposition zur Wirklichkeit zu zeigen. Mit den Ausführungen zum Wirklichkeitsbegriff, erfährt die Sprachtheorie von Käte Hamburger ihre Vollendung.

Wirklichkeitsaussage. Ein bekannt gewordener Satz der Logik der Dichtung lautet: „Aussage ist immer Wirklichkeitsaussage, weil das Aussagesubjekt wirklich ist, weil, mit anderen Worten, Aussage nur durch ein reales, echtes Aussagesubjekt konstituiert wird“ (ebd. S.48). Käte Hamburger weiß, dass die Frage nach dem, was wirklich ist, vor allem philosophisch und erkenntnistheoretisch umstritten ist. Aber welcher Schule man auch anhängt, für ihre Aussagetheorie kann man nicht die Wirklichkeit der Objekte als Kriterium für die Wirklichkeit der Aussage nehmen, denn die Dinge wären ja auch wirklich, wenn sie nicht ausgesagt worden wären (ebd. S.47). Jede Aussage ist eben darum Wirklichkeitsaussage, weil das Aussagesubjekt wirklich ist, und zwar weil es räumlich und zeitlich fixierbar ist (ebd. S.49). Andererseits gilt auch, dass „das Ausgesagte das Erfahrungs- oder Erlebnisfeld des Aussagesubjekts ist“ (ebd. S.53). Im Umkehrschluss heißt dies aber auch, dass wir uns im System der Wirklichkeit befinden, sobald wir uns aktiv oder passiv, sprechend-schreibend oder hörend-lesend im Aussagesystem bewegen (ebd.). Dieser von erkenntnistheoretischen Fragen befreite Begriff der Wirklichkeit hat den Vorteil, dass auch die Phantasie und die Lüge Wirklichkeitsaussagen sind, denn es sind Aussagen eines realen Aussagesubjektes und die Aussageinhalte sind das Erlebnisfeld[5] desselben. So paradox es zunächst auch klingt: Wirklichkeitsaussagen mit irrealen Aussageobjekten (wie bei der Lüge oder der Phantasie) bleiben Wirklichkeitsaussagen in dem hier aufgeführten Sinn.

Fazit. Das System der Sprache ist also nach Käte Hamburger ein System, das aus Wirklichkeitsaussagen von Aussagesubjekten über Aussageobjekte besteht. Diese Wirklichkeitsaussagen haben Mitteilungscharakter. Käte Hamburger beendet das Kapitel mit den Worten:

Das bedeutet, dass die Stellung der Dichtung zum Aussagesystem der Sprache zu untersuchen ist. Wobei Dichtung als sprachliche Kunst dadurch begründet wird, dass das Verhältnis von Dichtung und Wirklichkeit, von dem wir ausgegangen waren, zurückgeführt wird auf das Verhältnis von Dichtung und Wirklichkeitsaussage in dem definierten Sinne“ (ebd. S.56).

Bevor nun gezeigt wird, wie sich auf der Grundlage dieser Sprachtheorie das System der Dichtung darstellt, soll noch einmal kurz auf Hamburgers System der Wirklichkeitsaussagen eingegangen werden. Obwohl es auf den ersten Blick etwas befremdend wirkt, verträgt es sich wohl sehr gut mit geläufigen Theorien der Sprache, vornehmlich der strukturalistischen.

2.3 Exkurs: Sprachwissenschaft ade?

Nun könnte der Eindruck entstanden sein, dass alle bisherige Grammatik und Sprachwissenschaft über den Haufen geworfen wurde. Wenn man sich Sprache ansieht, so besteht diese doch aus verschiedenen Lauten, Buchstaben, Wörtern, Sätzen ect. Und die Struktur bzw. das System der Sprache zeigt sich dann eigentlich in den Regeln, nach denen die einzelnen Elemente der Sprache miteinander verknüpft werden können, oder nicht verknüpft werden dürfen, oder inwiefern sie voneinander abhängig sind. Dies ist die Sichtweise der strukturalistischen Linguistik, die sich auch in der Duden-Grammatik findet. Sollen alle diese „Erkenntnisse“ ad acta gelegt werden und durch die Einsicht in das System von Wirklichkeitsaussagen ersetzt werden?

Käte Hamburger stellt es leider nicht deutlich genug heraus, dass ihre Theorie eher komplementär zur geläufigen strukturalistischen Sprachtheorie zu sehen ist – auch wenn es eine latente Hierarchie gibt. Sprache ist für Hamburger eine „geistige Seinsweise“ und hierin dem Denken ähnlich, wenn es um das Verhältnis von Sprache bzw. Denken zu der wie auch immer gearteten Realität geht (Hamburger 1980, S.54f.). Es geht hierbei um das Verhältnis von „ideellen Gegenständen“ und realen, materiellen Gegenständen. Aber im Gegensatz zum Denken

ist Sprache nicht rein geistig und ideell, sondern sie hat auch eine konkrete und sinnlich wahrnehmbare Form: die Laute, Buchstaben, Wörter Sätze, ect. (Hamburger spricht hier von der „geistigen Materialität“ der Sprache, ebd. S.55). Weil Sprache auch eine materielle Schicht hat, konnte auch eine Sprachwissenschaft entstehen, die sich zu einen mit der materiellen Seite auseinandersetzt (Phonetik, Morphologie, Syntax), zu anderen aber auch das Verhältnis der materiellen Seite der Sprache zu ihrer Geistigen reflektiert (Semantik). Für Hamburger ist die strukturalistische Sicht der Sprachwissenschaft auf das Phänomen Sprache also durchaus berechtigt. In ihrem Aussageobjekt ist die geläufige strukturalistische Sicht der Sprache voll enthalten.

Bedenkt man, dass Käte Hamburger den Begriff Kontext in zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet (vgl. oben), so wirkt ihre Theorie dem linguistischen Ansatz der Pragmatik, welcher die Sprache in Abhängigkeit zur jeweiligen situativen Verwendung untersucht, sehr ähnlich. Sind das Hamburgersche Aussagesubjekt und Aussageobjekt nicht abgehobene Begrifflichkeiten, die für das eingängige Sender-Botschaft-Empfänger-Schema stehen? Hamburger besteht darauf, dass ihr Aussagesubjekt etwas anderes ist als ein Sender-Ich oder Sprecher, denn dessen logisches Gegenstück sei der Empfänger. Das logische Gegenstück zum Aussagesubjekt hingegen ist das Aussageobjekt (ebd. S.36). Ganz klar wird der Unterschied jedoch nicht. Hamburger will damit wohl andeuten, dass Sprache beim Sender-Empfänger-Ansatz immer als Kommunikationsmedium aufgefasst wird. Folgende Frage ist aber wohl Ansichtssache: Gibt es auch Sprache, die nicht Kommunikation ist? Es zeigt sich, dass die Autorin das Verhältnis von Sprache und Kommunikation nur wenig betrachtet hat. Sie spricht nur einmal im Zusammenhang mit dem pragmatischen Aussagesubjekt davon, dass Sprache „Kommunikationsqualität“ habe (ebd. S. 43). Auf diesen Punkt soll zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal eingegangen werden, wenn es um die Kritik von Kaspar Spinner an der Logik der Dichtung geht.

Wie gezeigt ist die strukturalistische Theorie der Sprache in Hamburgers Theorie der Sprache integriert. Hamburger hat daher ein doppeltes Verständnis von Sprache. Sie knüpft an die strukturalistische Linguistik an, aber deren Erkenntnisse zur Struktur der Sprache scheinen sie nicht zu befriedigen. Denn dort zeigt sich die Struktur der Sprache in Regeln, die empirisch gewonnen werden, indem die paradigmatischen und syntagmatischen Beziehungen der Elemente untereinander untersucht werden. Die geschieht oft nach der Regel „einmal ist keinmal zweimal ist immer“. Diese Regeln sind daher immer relativ und stets durch Sprachwandel Veränderungen unterworfen. Auf diese Kontingenz spielt Hamburger an, wenn sie sagt, dass die Aussageinhalte und Kontexte potenziell unendlich sind, und daher das Aussageobjekt nicht die Struktur der Sprache begründen kann (Hamburger 1980, S.40). Hier zeigt sich, dass die Autorin ein absolutes, also von keinen Konditionen abhängiges System sucht. Dafür muss sie allerdings die für uns gewöhnliche Sicht (!) auf die Sprache verlassen. Es ist zu betonen, dass es bei ihrem System der Wirklichkeitsaussagen eher um eine neue Perspektive handelt, als darum, den realen Gegenstand Sprache mit einer wie auch immer gearteten „höheren Wirklichkeit“ aufzuladen. Erinnert sei an ihre Formulierung, dass die Aussagestruktur eine in der Sprache fixierte und ablesbare Subjekt-Objekt-Relation handelt (ebd. S.39). Die reale Sprache, der wir täglich begegnen, ist das Aussageobjekt. Was wir aber daran „ablesen“ können, ist das nicht sofort sichtbare Aussagesubjekt, welches nach Hamburger jedoch mehr ist als der Sprecher (ebd. S.36) und damit die Struktur der Sprache begründet (vgl. dazu ihre drei Typen von Aussagesubjekten). Käte Hamburger hat damit insofern ein doppeltes Verständnis von Sprache, als man diese zum einen strukturalistisch (und damit auch unter dem Aspekt der Stilistik[6] ) betrachten kann und wohl auch muss. Zum anderen aber zeigt sich in (!) der Sprache selbst die Subjekt-Objekt-Struktur der Wirklichkeitsaussagen, welche aber über die Sprache hinaus verweist auf das strukturgebende Aussagesubjekt.

Handelt es sich nun um eine „Metaphysik der Sprache“, wie es die Überschrift dieses Kapitels suggerierte? Auch wenn Käte Hamburger ihre Theorie als an der Sprache „ablesbar“ bezeichnet, so kann dieses „Ablesen“ jedoch nur gelingen, wenn man die entsprechende Einsicht bzw. die entsprechenden theoretischen Erläuterungen dazu hat. Versteht man „Metaphysik“ hier als über das gegeben Scheinende hinausfragend und nach einer verborgen liegenden Struktur forschend, so kann man die Frage wohl bejahen - auch wenn der echte Philosoph sich dabei die Haare raufen und über Begriffsverstümmelung klagen wird. Vielmehr sollte diese Formulierung das Interesse des Lesers wecken.

[...]


[1] Wie gezeigt werden soll, grenzt sich Hamburger von einer strukturalistischen Sprachbetrachtung ab.

[2] Diese Funktion der Sprache wird noch an ihrem Mimesis- und Fiktionsverständnis erläutert vgl. dazu Punkt 2.4

[3] Käte Hamburger bespricht nur Sprache in schriftlich fixierter Form. Ihre Theorie gilt jedoch wohl auch für Sprache in mündlicher Form.

[4] Die Nähe des Begriffs Mitteilung zu Kommunikation hat natürlich Missverständnisse provoziert.

[5] Dieser Punkt ist für die Theorie der Lyrik entscheidend; vgl.hierzu Punkt 3.2

[6] Dies ist wohl auch der Grund, warum Käte Hamburger dann bei der Analyse der Lyrik die Form bzw. die Stilistik als „sekundär“ betrachtet (Hamburger 1980, S.206).

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Nichts als die Wirklichkeit - Die Lyriktheorie in Käte Hamburgers "Logik der Dichtung"
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Hauptseminar: Was ist ein Gedicht - Lyriktheorie?
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
42
Katalognummer
V32468
ISBN (eBook)
9783638331784
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nichts, Wirklichkeit, Lyriktheorie, Käte, Hamburgers, Logik, Dichtung, Hauptseminar, Gedicht
Arbeit zitieren
Stefan Dettl (Autor), 2004, Nichts als die Wirklichkeit - Die Lyriktheorie in Käte Hamburgers "Logik der Dichtung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32468

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