Psychobilly - eine jugendliche Subkultur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1. Begriffsdefinition
1.1 Die Musikrichtung
1.1.1 Die Entstehung
1.2 Die Bandgeschichte von the Meteors

2. Jugendliche Subkultur und ihre Entstehung
2.1 Abweichendes Verhalten von Jugendlichen
2.1.1 Jugendliche Teilkultur
2.2 Jugendkulturen bei der Identitätsbildung
2.2.1 Die Peer Groups
2.2.2 Alltagsbewältigung mit Hilfe von Musik
2.2.3 Jugendkulturen und ihre Gefahren
2.3 Die Bedeutung von Stil

3. Die Besonderheiten der Subkultur der Psychobilly
3.1 Konzerte und Treffen
3.1.1 Pogo
3.1.2 Fanzines
3.2 Dress Code
3.3 Haare
3.3.1 Kleidung
3.3.2 Tätowierungen
3.4 Psychobilly im Jahre 2003

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

Anhang

„Jugend will, daßman ihr befiehlt, damit sie die Möglichkeit hat, nicht zu gehorchen.“1

Jean-Paul Sartre, frz. Philosoph u. Schriftsteller

0 Einleitung

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges gibt es besonders in der westlichen Welt eine bunte Fülle von jugendlichen Subkulturen, unter denen die zu untersuchenden Psychobilly lediglich eine Gruppierung darstellen. Während zeitlich parallel entstandene Subkulturen inzwischen längst wieder verschwunden sind, haben sich die Psychobilly seit über zwanzig Jahren behauptet und sind darüber hinaus zu einem international expandierten Subkulturstil gewachsen. Angesichts dieser Tatsache ist es verwunderlich, wie wenig diese Subkultur in der wissenschaftlichen Literatur erwähnt wird. Diese Arbeit gibt einen groben Überblick über die Subkultur der Psychobilly. Zuerst wird auf die Entstehung und die historischen Einflüsse dieser Musikrichtung eingegangen, des weiteren stelle ich eine repräsentative Musikgruppe vor. Danach erläutere ich die Entstehung von Subkulturen im Allgemeinen und gebe eine mögliche Antwort auf die Frage, warum Jugendliche diese Art von Jugendkulturen brauchen bzw. sich von ihnen angezogen fühlen. Diese Denkansätze beziehe ich direkt auf die von mir untersuchte Subkultur der Psychobilly. Hier gehe ich noch einmal auf die Besonderheiten dieser Subkultur und ihrer Anhänger ein. Die Arbeit endet mit Auszügen und aktuellen Beispielen dieser Subkultur.

Das eigentliche Ziel dieser Arbeit ist es, dem Leser die grobe Konstruktion der Subkultur der Psychobilly transparent zu machen und erste wissenschaftliche Interpretationsansätze und Deutungen zu geben.

1. Begriffsdefinition

Einleitend erläutere ich kurz, was ich mit dem Begriff Subkultur bezeichne und in welchem Zusammenhang ich diesen Begriff gebrauche. Das Bertelsmann Universal- Lexikon definiert Subkultur als „relativ eigenständige und in sich eingeschlossene Kultur einer kleineren Gruppe, die innerhalb einer Gesellschaft lebt, an deren Kultur aber nicht voll teilnimmt“.1

Genauer erklärt der Soziologe Hans Paul Bahrdt dazu: „Von einer Subkultur sollte man nur dort sprechen, wo sich in einem Teilbereich der Gesellschaft nicht nur besondere Wert- und Normstrukturen und besondere kognitive Deutungsmuster und Ausdrucksformen herausbilden ...sondern wo der besondere Charakter der Teilstruktur dadurch geprägt ist, dass ihre Träger sich zur Abschirmung, Abwehr oder sogar zur Opposition gezwungen sehen und dies noch einmal zur Herausbildung spezieller Ausdrucksformen, Deutungsmuster, Wertvorstellungen und Normen führt“.2 Rolf Schwendler schreibt ergänzend dazu, dass man dabei zwischen unfreiwilligen und freiwilligen Subkulturen unterscheiden muss. Demnach sind unfreiwillige Subkulturen „Randgruppen, deren Stigma von vornherein von den Normen der Gesellschaft abweicht. Sie sind von vollständiger sozialer Akzeptanz ausgeschlossen und distanzieren sich unter Umständen erst dadurch von der Kultur der Gesamtgesellschaft. Zu den unfreiwilligen Subkulturen zählen z.B. Körperbehinderte, Heimzöglinge, Obdachlose, Kriminelle usw.“. Freiwillige Subkulturen definiert er dagegen „als stigmatisierte Gruppen, die ihr Stigma auf Grund bewusster Abweichung von der Kultur der Gesamtgesellschaft auf sich genommen haben“.3

Die Gruppe der Psychobilly zählen eindeutig zu den freiwilligen Subkulturen.

1.1 Die Musikrichtung

1.1.1 Die Entstehung

Ende der 70er Jahre gab es einer Vielzahl von Subkulturen in Europa. Die meisten davon musikalischer Herkunft wie Rockabilly, Teddy Boys, Anhänger des Glam-Rock, Mods, Psychedelics, Punks, Skinheads, um nur die Bekannteren zu nennen.4 Besonders wild trat damals die englische Jugend in Erscheinung, die geprägt war durch die Rebellion, die mit der Punk-Bewegung ausgelöst wurde.5 Es ist also nicht verwunderlich, dass auch das Phänomen Psychobilly ebenfalls seinen Ursprung in Großbritannien fand. Ted Polhemus, renommierter Autor und Trend Guru,6 beschreibt in seinem Buch Street Style die Subkultur der Psychobilly als eine Mischung aus zwei verschiedenen Gangre - 70er Jahre britisch Punk mit amerikanischem Rockabilly der fünfziger Jahre. Verbunden durch den typischen Rhythmus Rock 'n' Roll in seiner reinsten Form.7 Die erste wirkliche Psychoband benennt er mit the Meteors, gegründet 1980 in London. Die Band begann in einer Konstellation aus einem Rockabilly, einem Punk und einem Psychedelic Horror Enthusiasten. In kürzester Zeit schafften es the Meteors, einen subkulturellen Microkosmos um sich herum aufzubauen, dem sich immer mehr Bands anschlossen. Da the Meteors dadurch eine Sonderstellung in der Subkultur der Psychobilly besetzen, werde ich später genauer auf ihre Entstehung und ihre weitere Entwicklung eingehen. Als 1982 der Klub Food in Clarendon, Hammersmith West London, seine Toreöffnete, waren die Psychobilly mehr als nur die Anhänger einer Kultband. Hier kam das erste mal eine neue Subkultur zusammen.8 Es gab große Konzerte mit verschiedenen Bands, die jeweils ihre ganz eigene Interpretation von dem damals sogenannten Mutant-Rockabilly hatte. So tendierten einige mehr zum Rockabilly als zum Punk Rock und umgekehrt. Zusätzlich war der Kreativität bei der Auswahl der Instrumente keine Grenzen gesetzt. Neben den klassischen Instrumenten wie Gitarre, Schlagzeug und natürlich dem Kontrabass verwendeten z.B. Bands wie King Kurt Saxophon und Trompete, Demented are Go spielte wiederum auf einer Platte mit einer elektrischen Geige und eine schottische Band sogar mit Dudelsack. Das musikalische Repertoire reichte von Rockabilly und Rock´n´Roll Klassikern bis hin zu Adaption russischer oder griechischer Volkslieder. Diese Offenheit, neuen Einflüssen gegenüber, trug vielleicht auch dazu bei, dass sich dieser Musikstil rasch in Europa, Skandinavien bis hin nach Japan verbreitete. Die Mischung aus Punk und Rockabilly zeichnete sich auch im Aussehen dieser neuen Subkultur wieder. Die ursprüngliche Tolle der Rockabilly blieb zwar erhalten, wurde aber mit Stilelementen des Punks, wie abrasierte Haarseiten und das Färben der Haare in grellen Farben, erweitert.

„People crossed the road when a psychobilly approached - multi-colourd quiffs, bleached jeans, Dr. Martens half way up their legs and multitude of tattoos prevailed“.9

Zu berücksichtigen ist, dass die Arbeiterklasse in Großbritannien damals viel größer und dominanter war als in Deutschland. Dieser „hard time Look“ ist auch als Ausdruck der damaligen wirtschaftlichen Repression zu werten, die mit dem Ende der Wilson Ära eintrat.

Lederjacken und T-Shirts wurden mit Horror und B-Movie-Szenarien bemalt, basierend auf den dazu gehörigen Liedertexten, die von Monster, Mutanten und anderen Schreckgestalten handelten.

„Take an average rockabilly song about falling in love, muss up the sound with distortion and growling vocals, and add a verse about how that same girlfriend happens to be undead. That´s psychobilly“.10

Ted Polhemus weist in seinem Buch explizit darauf hin, dass so ein spezieller Musikstil niemals die breite Masse erreichen konnte und dass Bands wie Guana Batz, Demented are Go, Batmobile und King Kurt keine Erwähnung bei Top of the Pops erhalten haben.11 Prinzipiell mag er damit auch Recht behalten, in Bezug auf die zuletzt genannten King Kurt unterliegt er aber einem Irrtum. Sie waren im August 1984 auf Platz 34 der englischen Charts mit ihrem Lied Destination Zululand und traten in diesem Zusammenhang bei Top of the Pops auf12. Auch the Meteors erreichten mit ihrem Cover Song Jonny remember me 1983 Platz 66 in den englischen Charts.13 Dies läßt darauf schließen, dass zumindest in den Anfängen dieser Subkultur von Seiten der Jugendlichen großer Zuspruch kam, der sich letztendlich auch in Plattenverkäufen widerspiegelte.

1.2 Die Bandgeschichte von the Meteors

1978 gründete in London P. Paul Fenech, Gitarre und Gesang, und Nigel Lewis, Bass und Gesang, beide erfahrene Rockabilly-Musiker, zusammen mit Terry Earl am Schlagzeug und Pat Panioty, Rhythmus-Gitarre die Band Raw Deal. Es war geplant, neue musikalische Wege auszuprobieren, um gegen den mehr weichen und etablierten Rockabilly gegen zu steuern. Die Band brach aber bald darauf auseinander, weil man sich nicht auf den musikalischen Stil einigen konnte. P. Paul Fenech und Nigel Lewis spielten unter dem Namen the Meteors weiter zusammen. Einen passenden Schlagzeuger fanden sie in dem Punk Mark Roberson. Mit ihrer Mischung aus Rockabilly, Punk und Psychedelic zog das Trio durch die kleineren Londoner Clubs. Ihre Liedertexte handelten von Monster, Sciencefiction und Horror-Szenarien. Nach nur einem Jahr hatte sich die Band eine loyale Fangemeinde erspielt, die sich the Crazies nannten und bei den Clubbesitzern nicht gerade gerne gesehen wurde, da es immer wieder zu Problemen mit ihnen kam. Ihre Konzerte waren jedoch immeröfter ausverkauft. Andere Bands schlossen sich ihrem Stil an. 1981 veröffentlichten the Meteors ihre erste EP unter dem Namen Meteors Madness. Wenig später erschien die zweite EP RadioactiveKid und der erste Longplayer In heaven. Es folgten Auftritte als Vorband größerer Bands wie the Cramps oder Screaming Lord Such. 1982 kam es zum Bruch. Nach einem Streit mit P. Paul Fenech verließerst Mark Roberson, dann Nigel Lewis die Band. Fenech machte mit Mike White am Bass und Steve Meadham am Schlagzeug weiter und nahm schließlich die zweite LP Wrecking Crew auf. Danach folgten ständige Wechsel in der Besetzung, einziges konstantes Mitglied blieb dabei P. Paul Fenech. Als Frontmann personifiziert er the Meteors. Seine kompromisslosen Äußerungen wurden zum Markenzeichen. So ist z.B. auf fast allen erschienenen Platten ein kleiner Stempel zu finden, der an ein Brandzeichen erinnert und die Aufschrift trägt: „only the Meteors are pure psychobilly“. Dabei bezeichnet Fenech jeden als Psychobilly, der the Meteors mag, unabhängig von Äußerlichkeiten etc.: „It´s not your haircut, it´s your attitute“. Aus heutiger Sicht wirkt seine Äußerung fast wie eine Vorahnung. In Anbetracht der Tatsache, dass ihm im fortschreitendem Alter die Haare ausgingen und er nun glatzköpfig in Erscheinung tritt.

Im Laufe der über zwanzigjährigen Bandgeschichte veröffentlichte the Meteors eine Vielzahl an EP´s, LP´s und CD´s.14 Ein Teil davon im eigenen Tonstudio mit dazugehörigem Plattenlabel. Dieses „Do It Yourself“ (DIY) Prinzip kam mit der Punkbewegung auf und garantiert eine gewisse Unabhängigkeit in Bezug auf Produktion und Vertrieb. The Meteors entfalteten so nicht nur die eigene Kreativität, sondern ermöglichten auch verschiedenste Produktionen und Co-Produktionen z.B mit der Punkband Alien Sex Fiend.

Trotz der Nähe zum Punk-Rock gab und gibt es bei the Meteors keine politische Orientierung: Mit Statements wie: „We don´t care about politics or religion“ beziehen sie in Interviews und auf Platten-Covern klare Stellung dazu. Ein offizielles Meteors-T-Shirt trägt sogar die ironische Aufschrift: „Yellow Zone Surf Club: Political Free Zone.15 Diese strikte Haltung wird von vielen Fans übernommen. Im Guestbook auf den Internetseiten von the Meteors wurde am 20. März diesen Jahres ein Fan erst ermahnt, dann wüst beschimpft. Er hatte seine Angst um ein Familienmitglied, das in den Irakkrieg einberufen wurde, geäußert.16

Dass das Eigenbild und das wahrgenommene Fremdbild einer Subkultur nicht immer übereinstimmen, zeigt ein Auszug aus dem Verfassungsschutzbericht des Landes Nord Rhein Westfalen aus dem Jahr 1993. Hier heißt es: „Die seit Beginn der 80er Jahre in Erscheinung getretene Subkulturgruppe der Psychos, auch: Psychobilly, war über lange Zeit unpolitisch. Deren Motto lautete ausschließlich „Fun, Suff, Sex und Rock´n Roll“. Die in der Altersstruktur mit der Skinheadszene vergleichbaren Psychos sind erkennbar am „Flat“, d.h. in die Stirn gestylte Haare mit an den Seiten kurzem Haarwuchs und zur Kopfmitte hin länger werdendem Stoppelhaarschnitt. Sie tragen in der Regel Springerstiefel, Bomber- und Lederjacke. Psychos nehmen häufig an Skinheadkonzerten teil, und umgekehrt nehmen die Skinheads an Konzerten der Psychos teil. Beide Gruppierungen verbindet die besondere Tanzform Pogo und die Vorliebe zur Ska- Musik.“17

Ungeachtet der vielen Veröffentlichungen sieht sich the Meteors als Live Band. Sie spielten in fast allen größeren Ländern, die Anzahl der Live-Auftritte gibt P. Paul Fenech mit „thousands of times an. Begleitet werden sie dabei von einem ihrer treuen Fanclubs. Die Größten sind die Wrecking Crew Deutschland, Italien und Spanien, Voice of the bell mit Hauptsitz in England und die Kaddle Crew. Letztgenannte gehören zum engsten Kreis um P. Paul Fenech. Ist die Band auf Tournee, erledigen sie die Bühnenarbeiten und organisieren den Verkauf der Merchandising-Artikel. Die Gesamtzahl der organisierten Fans in einer der Clubs wird auf ca. 8000 beziffert. Jedes Mitglied wird regelmäßig über die allerneusten Nachrichten in Form eines Newsflyers informiert.18 Über dieses Medium gaben sie am 26. Juli 2000 die Auflösung der Band bekannt. Das letzte Live-Konzert sollte im September 2000 in Deutschland stattfinden. Am 8. September 2002 meldete sich P. Paul Fenech mit der Überschrift „the Meteors won´t die“ und den folgenden Worten zurück: „I could just say I can do what I want ,but the fact is I made a mistake and I am man enough to admit it. The truth is I thought I could live without it and I can't“.19

2. Jugendliche Subkultur und ihre Entstehung

2.1 Abweichendes Verhalten von Jugendlichen

Im Rahmen dieser Arbeit ist es leider nicht möglich, alle Aspekte des Begriffes Subkultur zu erörtern. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, stelle ich daher im folgenden Abschnitt verschiedene Definitionen von Subkultur vor, und setzte diese mit der von mir vorgestellten Subkultur der Psychobilly in Bezug.

Der Begriff und die Idee der Subkultur stammt ursprünglich aus der angelsächsischen Soziologie und der Kulturanthropologie. Seit den zwanziger Jahren herrscht ein reges Interesse am wissenschaftlichen Diskurs dieses Phänomens. Als ausschlaggebend kann man den Versuch benennen, abweichendes Verhalten Jugendlicher zu erklären. In den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren wurden dazu speziell in den USA verschiedene, sogenannte Gangstudien, vorgenommen. Den Ergebnissen zur Folge geschieht deliquentes Verhalten nicht regellos, sondern unterliegt wie auch gesellschaftlich konformes Verhalten bestimmten Regeln und Gesetzten, die mitunter sogar rigoroser und unerbittlicher sein können als die Gesetze der jeweiligen dominanten Kultur.20 Diese Abhängigkeit von Regeln und Vorgaben führte gerade in den Forschungen von Cohen zur Formulierung der Theorie einer deliquenten Subkultur, in der er abweichendes Verhalten als subkulturellen Gegenentwurf zu den Normen und Traditionen der offiziellen Gesellschaft definiert.21 Er liefert einen Erklärungsansatz, warum vor allem Jugendliche aus der Unterschicht, Schwierigkeiten haben sich so zu verwirklichen, wie es die gesellschaftlichen Normen der dominanten Kultur vorgeben. In diesem Zusammenhang spricht er davon, dass die Jugendliche der Unterschicht ihr eigenes kulturelles System aufbauen, verbunden mit eigenen Zielen und Werten, die sie selbst kontrollieren, um das Problem der nicht erhaltenen gesellschaftlichen Anerkennung zu regulieren. Die Zugehörigkeit zu einer Gang oder Bande bietet ihnen die Möglichkeit, diese Ziele zu erfüllen. Der Kontakt und die Verbundenheit zu der umgebenen dominanten Kultur bleibt dabei erhalten. Ihr Ansehen beziehen sie daraus, dass sie in aktiver Weise die Ziele und Werte der dominanten Gesellschaft verletzten, da gerade ihr Versagen beim Erreichen dieser Ziele und Werte sie in das Abseits der gesellschaftlichen Anerkennung gebracht hat. Was sie einst erreichen sollten, aber nicht erreichen konnten, wird zum negativen Fixpunkt ihrer subkulturellen Welt.22

Diese Überlegungen bieten einen ersten Einblick in das Konstrukt Subkultur hinsichtlich ihrer Entstehung und Motivation , wobei Cohen stark auf in Armut lebende Jugendliche fokussiert.

2.1.1 Jugendliche Teilkultur

Robert Bell sieht die Rolle des Jugendlichen in unserer Gesellschaft nicht genau definiert. Der Heranwachsende entwickelt in diesem Spielraum eine eigene Teilkultur. Diese soll ihn von der Gesellschaft der Erwachsenen unterscheiden und abgrenzen. Weiter schreibt er, auch wenn der Jugendliche sehr bemüht ist, diesen Unterschied aufrechtzuerhalten, sollte man begreifen, dass die jugendliche Subkultur einer Entwicklungsphase entspricht „durch die der Jugendliche hindurch geht und der er wieder entwächst“. Seiner Meinung nach ist die jugendliche Teilkultur ein funktionaler Bestandteil der Gesellschaft, auch als eine Art Selbsthilfeaktion der Jugend zu begreifen, die zeitlich begrenzt ist und mit zunehmender Reife des Jugendlichen an Bedeutung verliert, bis sie in der Rolle des Erwachsenen schließlich aufgeht.23 Bell merkt dazu kritisch an:

„Stellt Rock and Roll ein System der Teilkultur der Heranwachsenden dar, so ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Jugendliche mit 16 Jahren dem Rock and Roll anhängen; bedenklich wird es aber, wenn sich jemand noch mit 26 Jahren mit dieser Art von Musik identifiziert“.24

Diesen Passagen-Effekt betont auch Ralf Vollbrecht in seinem Aufsatz Von Subkulturen zu Lebensstilen. Seiner Meinung nach sind heutige subkulturelle Jugendkulturen weitgehend von ihrem ursprünglichem sozialen Herkunftsmilieu abgekoppelt. Dadurch haben sie ihre Bindungskraft größtenteils eingebüßt. An die Stelle milieubezogener jugendlicher Subkulturen sind sogenannte Freizeitszenen als wähl- und abwählbare Formationen getreten, an denen für eine beliebige Zeit teilgenommen werden kann.25

2.2 Jugendkulturen bei der Identitätsbildung

Spranger sieht die Jugend als ,,Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsensein"26, die durch bestimmte psychische Veränderungen wie Individuation, Lebensplanentwicklung und Wertsystementwicklung charakterisiert ist. Jugend wird als die Lebensphase begriffen, in der das zu konstituierende Individuum seine Ich-Identität finden soll. Diese Phase steht zwischen der weitgehend von außen, meist den Eltern, bestimmten Kindheit und der Erwachsenenwelt, die ein stabiles Ich erwartet. Für Helsper gilt die Jugend als ,,Experimentierraum" in dem ein Jugendlicher seine Nische in der Gesellschaft finden soll. Das jugendliche Experimentieren wirkt aber auch auf die Gesellschaft zurück, verändert sie, so dass sich der einstige Protestierer später wieder in der Gesellschaft einfinden kann.27

Heinelt beschreibt die Identitätsfindung als die zentrale Aufgabe des Jugendalters. Mit ihr verbunden ist die Auseinandersetzung mit Geschlechts- und Berufsrollen, den Werten, die von der Gesellschaft an den Jugendlichen heran getragenen werden sowie die spätere Ablösung vom Elternhaus.28

Identitätsfindung ist ein Prozess, der das ganze Leben andauert. Das Jugendalter spielt jedoch die zentrale Rolle, da es den Zusammenhang zwischen der Vorstufe der Identität des Kindes mit der Identität des Erwachsenen verbinden muss. Diese Identitätsbildung spielt sich nach Heinelt auf vier Ebenen ab, der reflexiven, der optativen, der akzeptiven und der sozialen Ebene.

Auf der reflexiven Ebene, reflektiert der Jugendliche seine eigene Person und produziert sein erstes Selbstbild. Durch Kontakt mit anderen wird sein Selbstbild bestätigt oder korrigiert.

Auf der optativen Ebene, kreiert der Jugendliche Vorstellungen darüber, wie er gerne wäre und wie er sein könnte. Vorbilder spielen hier eine wichtige Rolle, ,,regen zu Identifikation und Nachahmung an".29 Wobei Heinelt darauf hinweist, dass hier eine Orientierung an künstlich erzeugten Vorbildern eintreten kann, wie sie z.B. von der suggestiven Werbung generiert werden. Gegen solche aggressiven Identitätsangebote kann sich der Jugendliche nur schlecht wehren, da er sich des Zusammenhanges nicht bewusst ist.

[...]


1 http://www.zitate.de/index.php3?stichwort=Jugend&ex=1&pos=20, 01.05.2003

1 Bertelsmann Universal-Lexikon, hrsg. Lexikon-Institut Bertelsmann, Gütersloh 1991, S.932

2 Bahrdt, Hans Paul, Schlüsselbegriffe der Soziologie, München 1984, S.93

3 Schwendter, Rolf: Theorie der Subkultur, Hamburg 1993, S. 137

4 vgl. Flow chart, in Ted Polhemus, Street Style - from Siedewalk to Catwalk, London 1994, S. 136 -137

5 http://www.drmartenss.com/SubculturePhycoBilly.asp, 27.03.2003

6 http://www.wdr.de/tv/kultur/kultursz/promitipp/schroth.html, 25.03.2003

7 Polhemus, Ted: Street Style - from Siedewalk to Catwalk, London 1994, S. 102

8 Polhemus, Ted: Street Style - from Siedewalk to Catwalk, London 1994, S. 102

9 http://www.drmartenss.com/SubculturePhycoBilly.asp, 27.03.2003

10 by Donovan, Carrie, the Washington Post, article: Psychobilly, creeping into the culture, sunday, december 20, 1998

11 Polhemus, Ted: Street Style - from Siedewalk to Catwalk, London 1994, S. 102

12 http://www.musica.co.uk/musica/screenARTISTDB/shopMUS/artist King~Kurt.htm, 28.03.2003

13 http://www.musica.co.uk/musica/screenPRODUCT/shopMUS/affiliate/ categoryPP454164.htm, 29.03.2003

14 eine genaue Liste aller offiziellen Veröffentlichungen findet sich im Anhang

15 www.wreckingpit.com/faq, 30.04.2003

16 http://themeteors.proboards5.com/index.cgi?board=talk&action=display&num=1048157176

17 Verfassungsschutzbericht NRW 1993: hrsg. Bundesamt für Verfassungsschutz, in: Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Düsseldorf 1994

18 vgl. the Meteors, Klappentext LP „Teenager from outer space“, Ace records 1986; vgl. the Meteors, Klappentext LP „Live and loud“, Link records 1987; vgl. the Meteors, Klappentext LP „Don´t touch the bang bang fruit“, Mad Pig records 1987; vgl. the Meteors, Klappentext LP „Live III“, Anagram records 1990; vgl. http://www.wreckingpit.com/meteors/, 7.04.2003 vgl. http://www.punkoiuk.co.uk/interviews/meteors.htm, 10.04.2003 vgl. http://www.nadir.org/nadir/initiativ/ci/nf/32/9.html, 11.04.2003

19 http://www.wreckingpit.com/meteors/framesflash.html, 7.04.2003

20 vgl. Trasher, F. M.: The Gang, hrsg. Sutherland, Edwin H., in: Principles of criminology, 1966

21 Cohen, A.K.: Kriminelle Jugend. Zur Soziologie jugendlichen Bandenwesens, Reinbek 1961, S. 19

22 vgl. Cohen, A.K. a.O. S. 19 und S. 127

23 vgl. Bell, Robert: Zentrale Elemente der Jugendkulturen, hrsg. Baacke, Dieter, Jugend und Jugendkulturen, Weinheim und München 1993, S. 114-117

24 Bell, Robert: a.O., S.117

25 Vollbrecht, Ralf: Von Subkulturen zu Lebensstilen, hrsg. SpoKK, in: Stile, Szenen und Identitäten vor der Jahrtausendwende, Mannheim 1997

26 Lenzen, Dieter: Moderene Jugendforschung und postmoderne Jugend. Was leistet noch das Identitätskonzept? hrsg. Helsper, Werner, in: Jugend zwischen Moderne und Postmoderne, Opladen 1991, S. 43

27 Helsper, Werner: Jugendliche Außenseiter, Opladen 1991, S. 118

28 vgl. Heinelt, Gottfried: Einführung in die Psychologie des Jugendalters, 1982, S. 87

29 Heinelt, Gottfried, a.O., S. 93

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Psychobilly - eine jugendliche Subkultur
Hochschule
Universität der Künste Berlin
Veranstaltung
Label & Rebellion
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
32
Katalognummer
V32557
ISBN (eBook)
9783638332460
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychobilly, Subkultur, Label, Rebellion
Arbeit zitieren
Nicolas Widera (Autor), 2003, Psychobilly - eine jugendliche Subkultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32557

Kommentare

  • Gast am 14.6.2007

    TOP !!!.

    Ja, Nicolas, stimmt genau! Psychobilly ist eine seit Jahren und weltweit verbreitete Jugendkultur!
    Let`s Rock`n`Roll!!! Umso besser finde ich die Idee, dieses Thema auch mal von der wissenschaftlichen Perspektive anzugehen! Damit hast du viel Mut bewiesen, denn es existiert kaum Literatur hierzu, und welcher Prof. kennt schon Demented are go!
    Alles in allem große Klasse! Doch mit dem Begriff der Subkultur wäre ich etwas vorsichtiger, denn Rolf Schwendter`s Theorie der Subkultur gilt als längst überholt. Diskussionen und Kritik an Subkulturtheorie haben in den vergangen Jahrzehnten dazu beigetragen, dass dieser Begriff kaum mehr in der Wissenschaft verwendet wird. Vielmehr steht die Frage im Vordergrund: Welche Anforderungen muss eine Theorie der Subkultur heute erfüllen?
    Nichts desto trotz,finde deine Arbeit klasse, vorallem, wie du die Lebenswelt der Psychobillys vor einem sozialgeschichlichen Hintergrund beschreibst!

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