Umweltbewusstsein und Umweltverhalten im Hinblick auf die Müllproblematik


Hausarbeit, 2003

39 Seiten


Leseprobe

0. Gliederung

1. Einleitung

2. Darstellung der Beeinflussung des Abfallbewusstseins und -verhaltens durch psychologische Faktoren
2.1. Motive als Prädikatoren für Abfallbewusstsein und –verhalten
2.1.1. Motive für abfallbewusstes Verhalten
2.1.2. Die Motive für umweltschädigendes Abfallverhalten
2.2. Normen und ihre Wirkung hinsichtlich der Abfallproblematik
2.2.1. Die „Theory of Reasoned Action“ in Bezug auf die Abfall- Problematik
2.2.2. Erklärung der Wirkung von Normen auf das Abfallbewusstsein bzw. -verhalten anhand der Normentheorie von Schwartz
2.2.3. Weitere Ergebnisse zu dem Einfluss von Normen auf das Abfallverhalten
2.3. Werte prägen das Abfallbewusstsein
2.4. Einstellungen beeinflussen das Abfallverhalten
2.4.1. Untersuchung des Zusammenhangs von Einstellungen und Abfallver- halten mittels des „Drei-Komponenten Modell der Einstellung“
2.4.2. Weitere Ergebnisse bezüglich der Einstellungen und dem Abfallverhalten
2.5. Die Wirkung von Umweltwissen auf das Abfallbewusstsein bzw. –verhalten
2.6. Der Einfluss von soziodemographischen Variablen auf das Abfallverhalten

3. Die Diskrepanz zwischen Abfallbewusstsein und -verhalten
3.1. Die Schwierigkeit der Umsetzung einer umweltbewussten Haltung
3.2. Erklärung von umweltschädigenden Abfallverhalten durch die Low-Cost-These und die „Allmende-Klemme“
3.3. Welche Bedingungen begünstigen umweltschädigendes Abfallverhalten?

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der heutigen Konsumgesellschaft erweist sich das Thema „Müllvermeidung“ als ein wichtiger Punkt bei der Entwicklung von nachhaltigen Umweltschutz- konzepten, da die Produkt- und Verpackungsflut die Müllberge auf eine unabsehbare Größe anwachsen lässt. Verpackungen haben nicht nur die Aufgabe ein Produkt zu schützen oder zusammenzuhalten, sie sind vielmehr auch Träger von auffälligen Werbeinformationen und sollen durch ihre Aufmachung zum Kauf verführen. Dadurch bedingt kommen unterschiedliche Materialverbunde im Hausmüll zusammen und es entsteht neben dem hohen Müllaufkommen das Problem der Beseitigung oder Wiederverwertung. Es ist ersichtlich, dass das Verhalten jedes Einzelnen von Belang ist, dem zu hohen Müllaufkommen entgegenzuwirken. Die Fähigkeit und Bereitschaft, das eigene Verhalten im alltäglichen Leben hinsichtlich umweltschonender Alternativen zu überdenken und sich eventuell neu zu orientieren, ist eine wichtige Vorraussetzung für die Verringerung des Abfalls. Jedoch werden oft erst durch gesetzliche Maßnahmen die erwünschten Verhaltenskonsequenzen erzielt. Buchholz (2000, S. 13) weist darauf hin, dass durch die von Seiten der Politik ab 1991 geltend gemachte Verpackungsverordnung und durch die Einführung des Dualen Systems Deutschland GmbH eine sinkende Tendenz für das Hausmüllaufkommen pro Einwohner (gemessen in Kilogramm) seit Anfang der 90er Jahre festzustellen war. Durch dieses Erfassungssystem sahen sich viele Bürger gezwungen, die vom Gesetzgeber geforderten Sortierquoten einzuhalten. Es stellt sich hierbei natürlich die Frage, warum ein sichtlich geringeres Müllaufkommen erst durch gesetzliche Reglementierung bewirkt werden kann, und ob die Mitwirkungsbereitschaft der Konsumenten zum umweltbewussten Verhalten auch auf anderem Wege zu erzielen ist?

Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit dem Thema des Umweltbewusstseins und -verhaltens bezüglich der Müllproblematik auf theoretischem Wege auseinander. Die Behandlung dieser Thematik halte ich für interessant und wichtig, da die Entwicklung der Umweltkrise bedrohliche Ausmaße angenommen hat, die sich nicht allein durch technologische Strategien lösen lassen, sondern insbesondere einen Werte- und Einstellungswandel in der Gesellschaft voraussetzen, damit sich ein bewussteres Abfallverhalten etablieren kann.

Die Zielsetzung der Hausarbeit besteht darin, einen Überblick der psychologischen Zusammenhänge des Umweltbewusstseins und -verhaltens im Hinblick auf die Problemstellung des zu hohen Abfallaufkommens zu geben. Die Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut:

Im zweiten Kapitel wird darauf eingegangen, welche psychologischen Faktoren das Abfallbewusstsein und -verhalten beeinflussen. Es wird zunächst auf die Wirkung von Motiven bzw. Motivation hingewiesen; dann werden die Ergebnisse von Studien bezüglich der das Abfallbewusstsein und -verhalten beeinflussenden Normen und Werte im Hinblick auf die wichtigsten Konzepte diskutiert, während daraufhin der Einfluss von Einstellungen, Umweltwissen und soziodemographischen Variablen auf das Bewusstsein und Verhalten im Bezug auf die Abfallproblematik dargestellt wird. Aktuelle Forschungs- ergebnisse und Konzepte sollen hierbei die Argumentation der Themenpunkte unterlegen.

Im dritten Kapitel wird der Frage nachgegangen, warum sich proökologisches Abfallbewusstsein nicht immer im Verhalten ausdrückt. Welche Faktoren spielen eine Rolle, dass sich Menschen, obwohl sie sich der prekären Umweltsituation bewusst sind, nicht dem entsprechend verhalten? Es wird die Diskrepanz zwischen der Einsicht in die Relevanz des Müllproblems und dem Verhalten aufgezeigt, indem auf die Schwierigkeiten der Umsetzung einer umweltbewussten Haltung eingegangen wird, wobei psychologische Konzepte zur Erklärung hinzugezogen werden. Die Low-Cost These und das Konzept der Allmende-Klemme erweisen sich als geeignete Mittel, die Hintergründe umweltschädigenden Abfallverhaltens aufzuzeigen. Zudem soll verdeutlicht werden, welche Bedingungen und Vorraussetzung mit der Umsetzung abfallbewussten Verhaltens zusammenhängen. Gibt es Handlungs- bedingungen, die sich begünstigend auf das umweltschädigende Verhalten auswirken? Mit einer abschließenden Reflexion des Diskussionsstoffes in Kapitel vier wird die Hausarbeit abgeschlossen.

Im folgenden Kapitel wird also zunächst auf die psychologischen Faktoren eingegangen, die eventuell im Zusammenhang mit dem Abfallbewusstsein und -verhalten stehen.

2. Darstellung der Beeinflussung des Abfallbewusstseins und -verhaltens durch psychologische Faktoren

Die gesellschaftlich weit verbreitete Entwicklung des Umweltbewusstseins ist ein historisch neues Phänomen, das auf unterschiedliche Ursachen zurück- zuführen ist. Zum Einen hat sich die Qualität der Umweltzerstörung seit der Industrialisierung verändert und zwar in dem Sinne, dass sie beschleunigt und global stattfindet und somit das Ausmaß der Risiken eine lebensbedrohliche Stärke angenommen hat.

Zum Anderen können auch die sozialen Veränderungen in der Gesellschaft einen Einfluss auf die Werthaltung zum Thema Umwelt nehmen. Auch die Abfallproblematik ist ein relativ neuer Diskussionspunkt der Umwelt- forschung. So verweist Matthies (1994, S. 17-18) darauf, dass das Thema „Müll“ in der englischsprachigen Fachliteratur erst zu Beginn der siebziger Jahre erwähnt wurde. Das Forschungsinteresse bezog sich damals vorwiegend auf das achtlose Wegwerfen von Abfall auf öffentlichen Plätzen oder an Straßenrändern und nur im geringem Umfang mit der Recyclingthematik. Erst durch umweltpolitische Umbrüche, wie z.B. die Ölkrise, Ende der siebziger Jahre in den USA, wurden Forschungen zum Energiesparen durchgeführt und dem Recycling kam unter dem Aspekt der Ressourcenschonung eine öffentliche Bedeutung zu. Erst in den letzten Jahren wurde in der deutschsprachigen Forschungsliteratur neben der Perspektive, dass Müll gesundheits- und umweltbedrohlich ist, das Verhalten zur Abfallvermeidung angesprochen.

Das ökologische Problembewusstsein bezüglich des rapiden Anstiegs des Müllaufkommens ist nicht nur auf Beiträge zu dieser Thematik in den Medien und der Politik zurückzuführen, sondern beruht auch oft auf persönlichen Erfahrungen mit den Auswirkungen von Umweltschäden in verdreckten Parks, in Straßengräben und an Waldwegen. Poferl et al. (1997, S. 100 f.) sprechen in diesem Zusammenhang von den sogenannten Schlüsselbildungserlebnissen und den biographischen Erfahrungen, die als zentraler Anlass dafür angesehen werden können, sich mit der Umweltthematik auseinander zusetzen.

Letztendlich spielen aber auch Motive, Normen, Werte und Einstellungen eine Rolle, umweltbezogene Überzeugungen, Intentionen und Emotionen bei dem Einzelnen in umweltrelevantes Verhalten umzusetzen.

Im Folgenden werden die verschiedenen Faktoren aufgeführt, die eine Rolle im Hinblick auf das Bewusstsein und Verhalten bezüglich der Abfallproblematik spielen.

2.1. Motive als Prädikatoren für Abfallbewusstsein und –verhalten

Es ist bekannt, dass Motive bzw. Motivation grundlegende Antriebskräfte für menschliches Handeln in Verbindung mit einer Zielorientierung sind. Hin- sichtlich der Abfallproblematik stellt sich die Frage, warum sich Konsumenten in derselben Situation unterschiedlich verhalten. Um verhaltenswirksam zu werden, bedürfen Motive der Aktivation, so dass sich eine umweltbewusste Zielsetzungen im tatsächlichen Handeln der Konsumenten ausdrücken kann. Ein Verhalten kann entweder durch intrinsische Motivation, bei der die Ziel- setzung einer Handlung um ihrer selbst willen angestrebt wird, oder durch extrinsische Motivation, bei der man eine immaterielle oder materielle Be- lohnung erwartet, bedingt sein. Die Entstehung von ökologisch orientierten Motiven setzt ein gewisses Maß an Information über die Risiken der Umwelt- zerstörung voraus, auch wenn es sich hierbei um eine subjektive Einschätzung der Umweltsituation handelt. Auch das Bewusstsein über die Gefahren der Umweltverschmutzung spielt hierbei eine Rolle. Bödege-Wolf (1994, S. 42) definiert das Umweltbewusstsein, als „...die Einsicht in die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen durch diesen selbst, verbunden mit der Bereitschaft zur Abhilfe“. Bezüglich der Abfallvermeidung, -trennung oder -reduktion wird im Anwendungskontext empirischer Untersuchungen ver- sucht, Motive zu identifizieren, anhand derer es sich erklären lässt, warum Konsumenten entweder wenig oder sehr häufig umweltfreundliches Müllver- halten zeigen. Im folgenden Kontext werden zunächst die Motive von Personen aufgeführt, die sich abfallbewusst verhalten.

2.1.1. Motive für abfallbewusstes Verhalten

Matthies (1994, S. 44 f.) verweist auf Studien, in denen Motive im Zusammen- hang mit dem Recyclingverhalten untersucht worden sind und stellt fest, dass die angegebenen Motive vor allem deshalb als interessant erscheinen, weil sie die Überzeugungen widerspiegeln, die sich hinter dem Müllvermeide- und Recyclingverhalten verbergen:

Als wichtigstes Motiv für Recycling wird hierbei in fast allen Studien der „Umweltschutz“ von den Befragten genannt. Lediglich in einer Untersuchung von Hetzler & Schienstock (1978), die in Hamburg durchgeführt wurde, zeigte sich ein anderes Ergebnis, da die Befragten angaben, dass karitative Motive und die Ersparnis von Rohstoffen ihre Beweggründe seien, Altpapier und Textilien zu sammeln. Zu dieser Zeit wurden jedoch Alttextilien und Altpapiersammlungen hauptsächlich von karitativen Verbänden oder Altstoff- händlern durchgeführt.

Auffallend ist bei den von Matthies (1994, S. 44 f.) vorgestellten Befragungs- ergebnissen, dass das Motiv „Umweltschutz“ von den Befragten am häufigsten angegeben wird und sich keine generellen Aussagen über die Bedeutsamkeit von Motiven wie „Entlastung der eigenen Müllproduktion“ oder über „Ersparnis von Rohstoffen“ treffen lassen. Es ist also festzustellen, dass ein Großteil der Befragten dieser Studien keine konkreten Motive genannt hat, die sich direkt auf die Abfallreduktion beziehen. Es besteht die Möglichkeit, dass dieses Ergebnis auf den Untersuchungsmethoden oder Fragestellungen beruht. Es wäre aber auch anzunehmen, dass die Befragten zwar ein Bewusstsein für die ökologische Problematik des hohen Müllaufkommens besitzen, jedoch unter Umständen nicht über konkrete Informationen verfügen. In einer anderen Untersuchung von Schultz et al. (1995, zit n. Klocke & Wagner 2000, S. 73.) hat konnte jedoch belegt werden, dass Recycling vor allem mit spezifischen Recycling-Wissen im Zusammenhang steht, und nur zu einem geringem Anteil mit allgemeinem Umweltwissen.

Buchholz (2000, S. 138 f.) hat verschiedene amerikanische Studien dahin- gehend untersucht, einen Zusammenhang zwischen Motiven bzw. Motivation mit dem Abfallverhalten festzustellen. Sie merkte an, dass im wesentlichen zwischen Recyclern und Nicht-Recyclern unterschieden wird, um die Beweg- gründe des jeweiligen Verhaltens erklären zu können. Es hat sich gezeigt, dass die Motive der Befragten Personen zum Abfallverhalten sehr heterogen sind. Jedoch konnte die grundlegende Tendenz festgestellt werden, dass insbesondere intrinsische Motive von den Befragten angegeben wurden, um umweltrelevantes Abfallverhalten zu begründen. Als intrinsische Motive wurden zum Beispiel Selbstgenügsamkeit (self sufficientcy), Beteiligung (participation), Sparsamkeit (frugality) und Luxusstreben (luxuries) genannt.

Bei den extrinsischen Motiven handelt es sich vorwiegend um monetäre Belohnungen, aufgrund derer ein proökologisches Recyclingverhalten ange- strebt wird. Buchholz (2000, S. 140) äußert die Annahme, dass besonders Personen aus niedrigen Einkommensschichten durch monetäre Anreize dazu motiviert werden können, eine höhere Beteiligung bei der Trennung von Abfällen zu zeigen, während intrinsisch motivierte Personen vorwiegend aus höheren Einkommensschichten stammen und keinerlei Anreize von außen bedürfen. Es stellt sich letztendlich die Frage, welche Motive von Nicht-Recyclern angegeben werden, um ihr Verhalten zu erklären. Hierzu wird im Folgenden Bezug genommen.

2.1.2. Die Motive für umweltschädigendes Abfallverhalten

Klocke & Wagner (2000, S. 71) weisen darauf hin, dass ein Studie von Boldero (1995) ergeben hat, dass als wichtige Beweggründe der „Mangel an Überzeugung“ und „Unbequemlichkeit“ genannt wurden, um die fehlende Motivation des Recycelns zu begründen. Vinning & Ebero (1990, S. 65) haben in einer Studie zu den motivationalen Faktoren von Recyclern und Nicht-Recyclern Folgendes festgestellt: „Nonrecyclers believed that nuisance and household inconveniences were more important reasons for not recycling than did recyclers. Nonrecyclers also thought that economic incentives and rewards were more important than did recyclers.“ In dieser Studie wird also neben der Erwartung einer finanziellen Belohnung für umweltfreundliches Verhalten als Motiv der Nicht-Recycler „Unbequemlichkeit“ (inconvenience) angegeben. Auch eine Studie von Kossakowski (1999, S. 82) hat ergeben, dass Testpersonen, die ihre Wertstoffen nicht trennen, angaben, dass ihnen der Glauben an die Wiederverwertung fehlt oder das Trennen ablehnten, wenn ihre Küche Wohnfunktion hat. Das letztere Motiv erweist sich zunächst als unklar, da man in einer Küche, die Wohnfunktion hat, ebenso wie in einer funktional ausgerichteten Küche recyceln kann. Eine Erklärung bestände darin, dass der Müll außerhalb der Wohnküche gesammelt wird, um unangenehme Gerüche zu vermeiden, da man sich darin aufhalten will. Unbequemlichkeit kann auch hierbei wieder ein Grund sein, umweltschädigendes Verhalten zu zeigen, da man auch außerhalb der Wohnküche die Abfälle trennen kann.

Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass es als unhygienisch empfunden wird, in einer Küche mit Wohnfunktion Müll zu trennen.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass bei den befragten Gruppen der Recycler ein Verantwortungsbewusstein für die Umweltproblematik vor- handen ist, sowie der Glauben daran, durch das eigene Verhalten einen Beitrag zum Umweltschutz leisten zu können. Die Motivation der Recycler ist vorwiegend intrinsisch orientiert. Die befragten Gruppen der Nicht-Recycler weisen als deutliches Charakteristikum auf, dass für sie die Bequemlichkeit eine große Rolle spielt. Es ist davon auszugehen, dass sie sich über die Problematik des zu hohen Müllaufkommens bewusst sind, jedoch haben sie ein geringeres Vertrauen in das System der Wiederverwertung. Auffallend ist zudem, dass für die Gruppe der Nicht-Recycler ein finanzieller Anreiz in Frage käme, ihr Verhalten zu ändern. Buchholz (2000, S. 140) sieht eine Gefahr darin, das Abfallproblem durch eine monetäre Belohnung zu lösen, da durch die Gewährung einer finanziellen Entgeltung, bei vielen Personen die Trennung von Wertstoffen nicht mehr als moralische Entscheidung wahrgenommen wird, sondern als Ökonomische.

Im folgenden Kapitel wird auf die Normen und Werte eingegangen, die das Abfallbewusstsein prägen, wobei auf verschiedene Modellvorstellungen Bezug genommen wird.

2.2. Normen und ihre Wirkung hinsichtlich der Abfallproblematik

Wie bereits schon im vorherigen Kapitel angedeutet wurde, besteht die Möglichkeit, dass soziale Normen durch Referenzgruppen vermittelt werden, die einen Einfluss auf das Verhalten und die Einstellung nehmen können. Aber auch Werte, die durch Kultur und Sozialisation vermittelt werden, können sich prägend auf das Verhalten auswirken. Es steht hierbei zur Debatte, inwiefern ein Zusammenhang zwischen dem Abfallverhalten und den übermittelten Normen und den verinnerlichten Werten besteht. Als Erstes wird auf den Einfluss von Normen auf das Umweltbewusstsein bzw. -verhalten einge- gangen:

Es stellt sich hierbei die Frage, ob die durch Personen des näheren Umfelds vermittelten Normen eine Beeinflussung des umweltrelevanten Verhaltens bewirkt werden kann.

Matthies (1994, S. 46) macht auf eine Untersuchung von Schahn (1991) aufmerksam, in der es sich herausgestellt hat, dass das Motiv „die Nachbarn sortieren auch“ bei den zwei befragten Gemeinden die geringste Häufigkeit der Nennung aufwies, obwohl Oskamp et al. (1991, S. 510) darauf hingewiesen haben, dass dieses Motiv ein guter Prädikator für Recyclingverhalten ist.

Auch die empirische Untersuchung von Buchholz (2000, S. 183) hat ergeben, dass Referenzgruppen, wie Nachbarn, anscheinend nicht zu einer höheren Beteiligung an der Abfalltrennung anregen können.

Auf denselben Befund weisen Klocke & Wagner (2000, S. 72) hin, indem sie auf eine Studie von Lindsay & Strathman (1997) aufmerksam machen, in der sich herausgestellt hat, dass dem Motiv, es den mülltrennenden Nachbarn gleichtun zu wollen, keine Bedeutung zukommt. Das Ergebnis ist eventuell darauf zurückzuführen, dass die Äußerungen in einer Befragung von der Gesprächsituation abhängen oder dass eine bestimmte Einstellung vorgegeben wird, da der Befragte sie für erwünscht hält.

Im Folgenden werden Konzepte vorgestellt, die eine Erklärung des Zusammenhangs zwischen Normen und dem Verhalten geben.

2.2.1. Die Theory of Reasoned Action in Bezug auf die Abfallproblematik

Buchholz (2000, S. 100f.) weist darauf hin, dass es verschiedene Modell- vorstellungen gibt, die sich mit der Thematik auseinandersetzen und auf die Problematik des Abfallverhaltens anwendbar sind:

In der Theory of Reasoned Action (TRA) von Ajzen und Fishbein werden u.a. Normen als Prädikatoren des Verhaltens behandelt. Es wird davon ausge- gangen, dass bevor eine Entscheidung von Konsumenten getroffen wird, komplexe gedankliche Prozesse dem vorausgehen. Diese Gedankenprozesse bilden sich in Form von Konstrukten ab.

Es handelt sich beim ersten Konstrukt dieses Modells um die Überzeugungen (beliefs) einer Person, dass ihr Verhalten zu bestimmten Ergebnissen führt, die dann bewertet werden. Die daraus folgernde Einstellung zum Verhalten (attitude) wirkt sich auf die Verhaltensabsicht (intention) und letztlich auf das Verhalten (behavior) aus.

Zum Anderen handelt es sich bei dem zweiten Konstrukt um die Überzeugungen (normative beliefs) einer Person, die an den Erwartungen der Referenzgruppen orientiert sind und die Motivation (motivation) hervorrufen, diesen entsprechen zu wollen. Hieraus resultiert die subjektive Norm (subjective norm), die wiederum einen Einfluss auf die Verhaltensabsicht ausübt und letztendlich auch das Verhalten mitbestimmt.

Es wird bei diesem Modell also davon ausgegangen, dass die zwei Konstukte (beliefs und normative beliefs) einen Einfluss auf die Verhaltensabsicht haben und somit auch das Verhalten mitbestimmen

Buchholz (2000, S. 103f.) verweist auf zwei Anwendungsbeispiele dieser Theorie, in denen das Abfallverhalten in der Entsorgungsphase thematisiert wird:

Bei der ersten Studie von Goldenhar (1991) wurde das Verhalten als Beteiligung an einem Papierrecyclingprogramm auf einem Universitätscampus operationalisiert. Hierbei wurde das Verhalten, die Verhaltensabsichten, die normativen Überzeugungen und die Einstellungen durch unterschiedlich viele statements repräsentiert. Es hat sich hierbei herausgestellt, dass die Überzeugungen einen starken Einfluss auf die Einstellungen, auf die normativen Überzeugungen sowie auf die Verhaltensabsicht haben. Auch konnte ein relativ hoher Zusammenhang der Verhaltensabsicht zum Verhalten nachgewiesen werden, wobei das Verhalten durch die Konstrukte nur zu 3% erklärt wird. Es wurden in dieser Studie die Ergebnisse dahingehend erklärt, dass mit der Einschätzung der Wirksamkeit des Recyclings die kognitive Komponente eine dominierende Rolle spielt.

In der zweiten Studie von Thørgerson (1994) wurde die TRA im Abfallverhaltenskontext mit einigen Modifikationen aufgegriffen. Zu diesen Modifikationen zählt, dass unter den Überzeugungen auch die immateriellen oder finanziellen Kosten des Recyclings subsumiert wurden. Es wird davon ausgegangen, dass die soziale Norm, also der Verhaltensdruck, der durch eine Referenzgruppe ausgelöst wird, einen Einfluss auf die Verhaltensabsicht haben kann.

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Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Umweltbewusstsein und Umweltverhalten im Hinblick auf die Müllproblematik
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Ökologische Psychologie)
Autor
Jahr
2003
Seiten
39
Katalognummer
V32592
ISBN (eBook)
9783638332705
ISBN (Buch)
9783638720182
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Umweltbewusstsein, Umweltverhalten, Hinblick, Müllproblematik
Arbeit zitieren
Birgit Brenncke (Autor:in), 2003, Umweltbewusstsein und Umweltverhalten im Hinblick auf die Müllproblematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32592

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