“Journalismus zwischen Ist und Soll”: Der Deutsche Presserat markiert wie kein anderer die Schnittstelle zwischen dem Ist-Zustand und dem Soll-Zustand; er bewegt sich wie keine andere Institution oder Organisation auf dem schmalen Grat, sowohl den Ist-Zustand zu beobachten als auch für den Soll-Zustand einzutreten.
Das Ist ist bekannt: Die Medienwelt dreht sich immer schneller, ganz neue Medienzweige kommen hinzu. Paparazzi, Meinungsmanipulation, Scheckbuch- oder Enthüllungsjournalismus markieren immer wieder auftauchende Schlagworte, die nicht unschuldig daran sind, daß in Deutschland in den verschiedensten Medien-Segmenten Vertrauenskrisen aufbrechen - und das vor allem in den Bereichen, die in den heftigsten Konkurrenz-Kampf verwickelt sind - also bei den Boulevard-Blättern und Illustrierten.
“Schneller und sensationeller” lautet die Devise, wo immer mehr Anbieter einen langsam wachsenden Kuchen unter sich aufteilen müssen. “Die Pressemoral ist und bleibt ein Kardinalthema” stellte 1996 der Sprecher des Deutschen Presserats, Robert Schweizer, fest. Und der Berliner Kommunikationswissenschaftler STEPHAN RUSS-MOHL verdeutlicht: “Wenn Marktmechanismen nicht von alleine zu gesellschaftlich erwünschtem Verhalten führen, anderseits gesetzliche Regelungen die Pressefreiheit gefährden, bleibt nur eine schwache Steuerungsmöglichkeit: die (Selbst-)Verpflichtung der Medien auf ethische Normen sowie die Einrichtung von Selbstkontrollinstanzen, die deren Einhaltung überwachen.”
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Struktur, Aufgaben und Arbeitsweise des Deutschen Presserats
III. Verständnis des Deutschen Presserats von Selbstkontrolle
IV. Das Selbstverständnis - Pressefreiheit “über alles”?
1. Ein Unabhängigkeitsmodell - und keine Alternativen?
2. Keine Zwänge, kein Zunftdenken - auch kein kollegialer Zusammenhalt?
3. Fortschritt - Medienschelte, aber keine qualitative Verflachung
4. Dezisionismus - problematischer Freiraum für Presse und Justiz
V. Publizistische Grundsätze des Deutschen Presserats
VI. Plenumsarbeit des Deutschen Presserats 1994 und 1996
1. Durchsuchungsaktionen - Verstösse gegen das Zeugnisverweigerungsrecht
2. Tierärztliches Standesrecht und Pressefreiheit - Schulterschlußgefahr?
3. Stichwort “Diskriminierung” - Die Zeichen der Zeit erkannt
4. Novellierung des Pressekodex - Konkretisierung der journalistischen Berufsethik
VII. Spruchpraxis 1994 und 1996
1. Wahrheits- und Sorgfaltspflichten (Ziffern 1, 2 und 3)
2. Persönlichkeitsbereich (Ziffern 8, 9 und 13)
3. Diskriminierung und sittlich / religiöses Empfinden (Ziffern 10 und 12)
4. Gewalt und Sensation (Ziffern 11 und 14)
5. Trennungsgrundsatz (Ziffer 7)
6. Verhaltensgebote (Ziffern 4, 5, 6 und 15)
VIII. Fazit
IX. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das journalistische Selbstverständnis und das Bild von Journalismus, das der Deutschen Presserat (DPR) durch seine Tätigkeit, seine publizistischen Grundsätze und seine Spruchpraxis in den Jahren 1994 und 1996 vermittelt. Dabei wird hinterfragt, inwieweit die Entscheidungen des Rates mit dem eigenen Anspruch eines fairen und korrekten Journalismus übereinstimmen.
- Struktur, Aufgaben und Selbstverständnis des Deutschen Presserats
- Analyse des "Pressekodex" als ethische Grundlage
- Untersuchung der Plenumsarbeit anhand grundsätzlicher Fragestellungen
- Evaluierung der Spruchpraxis des Beschwerdeausschusses
- Kritische Reflexion über mögliche Defizite in der journalistischen Selbstkontrolle
Auszug aus dem Buch
1. Ein Unabhängigkeitsmodell - und keine Alternativen?
Die ablehnende Haltung gegenüber staatlicher Kontrolle oder der Verschärfung von Gesetzen zur Verstärkung der Selbstkontrolle basiert auf einer Vorstellung von einem vom Staat unabhängigen Journalismus. Der Rat unterstreicht dieses Selbstverständnis von der eigenen Unabhängigkeit, indem er immer wieder auf den Artikel 5 des Grundgesetzes hinweist. Die Vorstellung von einem unabhängigen Journalismus ist plausibel und nicht zuletzt auch mit Blick auf die nationalsozialistische Diktatur folgerichtig. Bei der Argumentation des Rats fällt jedoch auf, daß als Erwiderung auf Kritik am Journalismus und der daraus folgenden Forderungen nach einer stärkeren Wirksamkeit der Selbstkontrolle sofort das Schreckensbild von einer staatlich kontrollierten Presse und somit der Einschränkung der Meinungsäußerungs- und Pressefreiheit gezeichnet wird. Dieses Argument in Verbindung mit einem Hinweis auf die deutsche Vergangenheit ist überzeugend. Der Rat stellt der Freiheit der Presse dann als natürliches Gegengewicht die Verantwortung der Beteiligten, also der Journalisten und letztlich der Ratsmitglieder, gegenüber.
Daß aber auch Alternativmodelle der Selbstkontrolle vorstellbar sind, die die Freiheit der Presse nicht beschneiden, aber einen kollegialen Schulterschluß im Rat verhindern könnten, bleibt in fast allen Ausführungen des Rats unerwähnt. Denkbar wäre beispielsweise ein Plenum, dem neben journalistisch und verlegerisch tätigen Personen, auch Ethikexperten, Journalistik- und Kommunikationswissenschaftler sowie Leservertreter angehören. Dieses Modell in bezug auf die Frage nach einer Veränderung des Rats wurde während eines Symposiums der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh behandelt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der journalistischen Selbstkontrolle in Deutschland ein und formuliert die Leitfragen zur Rolle des Deutschen Presserats.
II. Struktur, Aufgaben und Arbeitsweise des Deutschen Presserats: Dieses Kapitel erläutert die geschichtliche Entstehung, die Organisation und die zentralen Funktionen des Deutschen Presserats.
III. Verständnis des Deutschen Presserats von Selbstkontrolle: Das Kapitel analysiert die Sichtweise des Presserats auf das Spannungsfeld zwischen Pressefreiheit und der Forderung nach strengerer Regulierung.
IV. Das Selbstverständnis - Pressefreiheit “über alles”?: Es wird das journalistische Selbstverständnis des Rates hinsichtlich Unabhängigkeit und alternativer Kontrollmodelle kritisch hinterfragt.
V. Publizistische Grundsätze des Deutschen Presserats: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Pressekodex, seine Grundsätze und die daraus abgeleiteten Anforderungen an journalistisches Handeln.
VI. Plenumsarbeit des Deutschen Presserats 1994 und 1996: Anhand konkreter Beispiele wird untersucht, wie der Presserat mit Grundsatzfragen und staatlichen Eingriffen umging.
VII. Spruchpraxis 1994 und 1996: Dieses Kapitel analysiert die Entscheidungen des Beschwerdeausschusses und prüft, ob eine konsistente Linie in der Spruchpraxis erkennbar ist.
VIII. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung des Presserats und dessen Wirksamkeit in der Praxis.
Schlüsselwörter
Deutscher Presserat, Journalismus, Pressefreiheit, Selbstkontrolle, Pressekodex, Berufsethik, journalistisches Selbstverständnis, Beschwerdeausschuss, Wahrheitsgebot, Sorgfaltspflicht, Diskriminierung, Persönlichkeitsrecht, Medienethik, Journalistenbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und die Arbeitsweise des Deutschen Presserats als Instanz der freiwilligen journalistischen Selbstkontrolle in Deutschland in den Jahren 1994 und 1996.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Struktur des Presserats, die Entwicklung des Pressekodex, die Behandlung von Beschwerdefällen und das journalistische Selbstverständnis im Kontext gesellschaftlicher Kritik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob die Entscheidungen und Argumentationen des Deutschen Presserats in konsequenter Übereinstimmung mit seinem propagierten Selbstverständnis und den ethischen Grundsätzen stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer qualitativen Analyse der Jahrbücher des Deutschen Presserats aus den Jahren 1994 und 1996 sowie der Untersuchung ausgewählter Einzelfälle aus der Spruchpraxis des Beschwerdeausschusses.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der organisatorischen Grundlagen, die Erörterung des Pressekodex und die detaillierte Analyse der Plenumsarbeit sowie der Spruchpraxis zu spezifischen Fallgruppen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Pressefreiheit, journalistische Selbstkontrolle, Medienethik, Pressekodex und die Rolle des Deutschen Presserats als Anwalt und Kritiker der Presse.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Presserats als "Wächter"?
Der Autor konstatiert eine gewisse Widersprüchlichkeit: Einerseits fungiert der Rat als Verteidiger der Presse, andererseits zeigt die Analyse, dass er in Grenzfällen oft unkritisch gegenüber den Medien auftritt und seine Leitlinien nicht immer schlüssig anwendet.
Was kritisiert der Autor an der Spruchpraxis?
Der Autor bemängelt, dass in der Argumentation des Presserats häufig eine konsistente Linie fehlt, bestimmte Vorwürfe gegen Zeitungen ignoriert werden oder der Fokus des Rates bei der Begründung von Entscheidungen nicht immer alle Ziffern des Pressekodex einbezieht.
- Quote paper
- Robert Bongen (Author), 1999, Verhaltensnormen für Journalisten. Pressekodex und Presserat, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32608