Zur Bedeutung der Mediennutzung am Beispiel des Phänomens Kultfilm


Hausarbeit, 2001
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition des Begriffes Kultfilm

3.Theorien zur Medienwirkung und Mediennutzung
3.1 Die Wirkungsforschung
3.1.1 Die Katharsisthese / Inhibitionsthese
3.1.2 Die Stimulationsthese
3.1.3 Die Lerntheorie
3.1.4 Die Suggestionsthese
3.1.5 Allgemeine Erregung
3.1.6 Die Habitualisierungsthese
3.1.7 Bemerkungen zum Bereich der klassischen Wirkungsforschung
3.1.8. Die Erweiterung der Wirkungsforschung um den rezipienten-orientierten Ansatz
3.2 Zum Ansatz der Mediennutzung
3.2.1 ,,Uses and Gratifications Approach" bzw. Nutzenansatz
3.2.2 Theorien zu Nutzungsmotiven bei Kultfilmfans

4. Filmbeispiele
4.1 Clockwork Orange
4.2 Taxi Driver
4.3 Pulp Fiction
4.4 Natural Born Killers

5. Fazit

Literatur:

1. Einleitung

Auf der Webseite www.freedomforum.org die sich mit dem ersten Zusatz zur US-amerikanischen Verfassung beschäftigt, wird über ein Gerichtsverfahren berichtet, in dem sich Oliver Stone und die Produktions- und Vertriebsfirma Warner Brothers dem Vorwurf ausgesetzt sahen, mit dem Film ,,Natural Born Killers" zwei Jugendliche quasi zur Nachahmung der gesehenen Gewalttaten aufgefordert zu haben. Sowohl die Anwälte eines inzwischen verstorbenen Überfallopfers als auch die Anwälte der Täter klagten gegen Stone und Warner Brothers und begründeten:

Among her claims is one that "all of the Hollywood defendants" had intended for people like Edmondson and Darras to watch the movie repeatedly and then go on a rampage. The movie did this, the court papers claim, "via subliminal suggestion or glorification of violent acts."

Hier wie in anderen Fällen haben die Gewalttäter ein und denselben Film immer wieder gesehen. Sechs andere Mordfälle oder -serien in den USA und Frankreich wurden mit Stones Film in Zusammenhang gebracht. John Hinckley wurde durch den Film Taxi Driver zu seinem Mordversuch an dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan animiert. Die Reihe Child´s Play wird mit drei Verbrechen und insgesamt 37 Todesopfern in Verbindung gebracht. Nach dem Erscheinen von Clockwork Orange häuften sich England Vergewaltigungsfälle, die von den Tätern mit dem Lied ,,singing in the rain" begleitet wurden. Auch das Massaker an einer High school in Littleton wurde mit einem Film in Verbindung gebracht. Ausgerechnet Leonardo di Caprio in dem Film ,, The Basketball Diaries" war für die jugendlichen Täter anscheinend das Vorbild für das Blutbad, das sie unter ihren Mitschülern und Lehrern anrichteten. vergl. jeweils: ,,The village voice" unter.

Ein Zusammenhang zwischen Filmkonsum und Gewalttaten lässt sich in diesen vielen Fällen, die teilweise originalgetreue Kopien der Filmszenen waren, sicher nicht abstreiten. Viele Filmtitel, die mit Gewalttaten in Zusammenhang gebracht werden tauchen auf, wenn die Frage nach Kultfilmen gestellt wird. Wenn Medien, Öffentlichkeit und Politik schon lange ,,wissen", dass Gewaltdarstellungen reale Gewalt ,,produzieren", wie sieht es mit den so genannten Kultfilmen aus? Was sind die Gründe dafür, dass Kinder und Jugendliche ein und denselben Film immer wieder sehen, besonders wenn dieser Film extreme Gewaltdarstellungen beinhaltet? Die Vermutung liegt nahe, dass Fans von Filmen mit extremen Gewaltdarstellungen sich sowohl in den Problemen der handelnden Personen wiederfinden, als auch in ihren Lösungsansätzen, also der Gewalt als ein Mittel in der täglichen Auseinandersetzung mit der Umwelt. Wird ein einzelner Film zu einem festen Bestandteil des Lebens, müssen die fatalen Wirkungen sich doch geradezu potenzieren. Von einer Identifikation mit dem Helden bis zu realen Gewalttaten wie sie in den USA unter der Bezeichnung ,,copycat crimes" diskutiert und vor Gericht verhandelt werden, wäre es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Aber ist es wirklich so, dass Jugendliche vor dem Fernseher / Videorecorder hocken, wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange? Dass sie von den Inhalten hypnotisiert gar nicht anders können, als loszugehen und jemand anderen zu schlagen, zu quälen oder gar zu töten? Diese Arbeit soll zeigen, dass der einfache Zusammenhang von Ursache (Medienkonsum) und Wirkung (Gewalt) so nicht existiert. Nach dem Versuch zu definieren, was einen Kultfilm überhaupt ausmacht, werden die verschiedenen Ansätze, die sich mit dem Medienkonsum von Jugendlichen und den vermeintlichen Auswirkungen beschäftigen vorgestellt und auf ihre Tauglichkeit zur Erklärung des Phänomens Kultfilm überprüft. Schließlich werden vier neuere und ältere Kultfilme, die sich dem Vorwurf einer Förderung realer Gewalt ausgesetzt sahen und noch sehen, den Ergebnissen gegenüber gestellt.

Anm.: Der von Heinzlmeier et. al. (1983) gebrauchte Begriff ,,Kultisten" und die Bezeichnung ,,Fan" werden im Folgenden synonym gebraucht.

2. Definition des Begriffes Kultfilm

Dem Begriff Kultfilm ist wohl jeder schon einmal begegnet. Die Kinowerbung bezeichnet einen neuen Hollywoodstreifen schon vor dem Erscheinungsdatum als ,,Den neuen Kultfilm von xyz", ein Bekannter sagt: ,,Was, den kennst du nicht? Das ist der Kultfilm überhaupt." Doch was einen Film zum Kultfilm macht, ist oft auch denen nicht klar, die davon reden. Weitgehend unbestritten dürfte sein, dass Kultfilme nicht bewusst ,,produziert" werden können (vergl. Baacke et. al. 1994, S. 123). Obwohl einige Regisseure oder Schauspieler eine ausgesprochen treue Fangemeinde haben, die fast einen Kult um ihren Star betreibt, werden deren Filme noch lange nicht unbedingt zu Kultfilmen.

Eine auf Anhieb einleuchtende Definition nennt Rudi Steiner in seinem Kultfilmlexikon: ,,Kultfilme sind die Filme, an die man als erstes denkt, wenn man danach gefragt wird" (Steiner/Habel S.4). Aus dieser Definition ergibt sich ein grundlegendes Merkmal von Kultfilmen: Jede Generation, jeder Kulturkreis, jede Subkultur hat ihre eigenen Kultfilme.

Heinzlmeier/Menningen Schulz haben 1985 41 Thesen zum Kultfilm aufgestellt, die sich mit Entstehungsbedingungen, Filmsprache, Rezeption und Wirkungsweisen von Kultfilmen befassen. Diese Thesen bilden die Grundlage für die (spärliche) Beschäftigung mit dem Thema Kultfilm in der Literatur.

Im Mittelpunkt der Entstehung von Kultfilmen steht diesen Thesen zufolge die bereits oben erwähnte Feststellung, dass Kultfilme nicht von Produzenten oder Regisseuren gemacht werden, sondern von ihren Fans. Kultfilme sind auch nicht die Filme der breiten Masse. Nicht die Menge der Fans macht den Film zum Kult, sondern ihre Aktivität, ihre Begeisterung für den Film. Auf dieser Basis kann fast jeder Film zum Kultfilm werden. Durch seinen Inhalt oder seine Machart ist der Kultstatus nicht zu erklären.

Die weiteren Thesen von Heinzlmeier et. al. beschäftigen sich mit der Filmsprache von Kultfilmen und ihren Themen. Es gibt viele Filme, die diese Vorraussetzungen nicht erfüllen, und ihren Fans eben doch als Kultfilme gelten.

1989 versuchte sich Heinzlmeier mit Berndt Schulz erneut an einer Definition. Er stellte keine festen Thesen mehr auf sondern versuchte, die Entstehungsbedingungen eines Kultes und seine Merkmale allgemeiner zu beschreiben. Der erste Ansatz basiert auf der religiösen Prägung des Wortes ,,Kult". Kultische Rituale der Religionsgemeinschaften wie Prozessionen weisen denn auch starke Parallelen zu den Situationen und Umständen auf, unter denen Kultisten ihren Film ,,feiern". Der Versuch, einen Ansatzpunkt in der religiösen Bedeutung des Wortes Kult zu finden, schlägt sich auch an anderer Stelle nieder: ,,»Kult« (lat. cultus) ist die Pflege im Sinne von Verehrung einer Person oder eines Gegenstandes. Maßgeblich ist die (oft übertrieben) starke innere Beziehung, die der Verehrer dem Verehrten angedeihen lässt." (Katterfeld 1997).

In der Literatur unerwähnt bleiben die Parallelen, die sich zwischen Kultfilmen und der ursprünglichen Bedeutung des Karnevals aufdrängen. Verkleidungen, Umzüge und ausgelassene Feierlichkeiten boten den Menschen ursprünglich die Gelegenheit, aus ihrem tristen Alltag auszubrechen, für kurze Zeit die Privilegien des Adels und des Klerus zu genießen. Kultfilme können die gleiche Funktion ausüben. Sie bieten Rückzugsmöglichkeiten aus dem Alltag und erlauben es, im Schutz der Gruppe Verhaltensweisen zu zeigen, die im alltäglichen Umfeld nicht akzeptabel wären.

Heinzlmeier konstatiert bei Kultisten eine regelrechte Abhängigkeit: ,,Kultfilme machen den Fan süchtig, verleiten oder zwingen ihn dazu, sich den Streifen immer wieder anzusehen." (Heinzlmeier/Schulz 1989, S. 10). Bestimmte Merkmale von Filmen erleichtern die Verwandlung in einen Kultfilm. Dazu gehören Tabubrüche oder avantgardistische Darstellungsformen, die einen Bruch mit alten Sehgewohnheiten herausfordern. Wenn ein Film ein ,,brennendes" Thema trifft, kann er zum Kultfilm werden, obwohl er schon lange existiert und seit Jahren unbeobachtet geblieben ist. Dann können Nebensachen zur Hauptsache werden, Hauptfiguren zu Nebenfiguren, und ernst gemeinte Filme werden zur Komödie. Genau so gut kann ein Film mit seinem Erscheinen den Nerv der Menschen treffen und sofort zum Kultfilm werden (vergl. ebd. S.11).

Kultfilme werden geliebt oder gehasst, die Bedeutung, die ein Film für den Kultisten hat, wird einem Außenstehenden verschlossen bleiben. ,,Ein Film, bei dem man auf die Frage: `Verstehst du, warum da alle hingehen?' mit `Versteh ich auch nicht' antwortet." (Stuart Byron zitiert nach Katterfeld 1997).

Kultisten leben mit ihrem Film, setzen sich für ihn ein, kämpfen für ihn. Wer sich einmal im Internet durch den Dschungel von Fanseiten mit ihren Hintergrundinformationen und teilweise erbitterten Diskussionen gekämpft hat, kann die teilweise missionarische Leidenschaft der Kultisten erahnen. Ein besonders anschauliches Beispiel ist die oben erwähnte Diskussion um ,,Natural Born Killers", in der Fans und Gegner des Films sich unversöhnlich gegenüber stehen.

In den letzten Jahren scheinen sich einige Bedingungen für die Entstehung von Kultfilmen gewandelt zu haben. Nach Heinzlmeier et. al.. sind Kultfilme an besondere Rezeptionssituationen gebunden, z.B. die Spätvorstellung im Kino (vergl. Heinzlmeier et. al. 1985, S.11 und Heinzlmeier/Schulz 1989, S.11). Es ist anzunehmen, dass mit der zunehmenden Bedeutung des Mediums Video und der Veränderung der Kinolandschaft zuungunsten des Programmkinos diese Beschränkung merklich an Bedeutung verloren hat.

Nachfolgend sollen einige Merkmale aufgezählt werden, die charakteristisch für Kultfilme sind und eine ,,schnelle Einordnung" eines Films erlauben.

- · Es gibt eine treue Fangemeinde, die den Film immer wieder sieht, teilweise bis zu 200 mal (vergl. Baacke et. al. u.a. 1994, S. 128).
- · Der Film wird fast immer in der Gruppe gesehen, entweder man geht gemeinsam ins Kino oder sieht eine Videoaufzeichnung.
- · Es wird teilweise ein erheblicher organisatorischer Aufwand betrieben. Bei Filmnächten in Kinos erscheinen die Fans teilweise in originalgetreuen Kostümen (Rocky Horror Picture Show, Blues Brothers, Star Trek ).
- · Die Filme werden in der Fangemeinde, bei entsprechender Verbreitung des
- Phänomens auch in anderen Filmen oder Medien immer wieder zitiert.
- Beispiele:
- Die Szene, in der ,,Taxi Driver" Robert de Niro vor dem Spiegel steht und drohend sagt: ,,...Redest du mit mir...".
- Das ,,Hasta la vista, Baby" von Schwarzeneggers Terminator.
- Das Lied ,,Hier kommt Alex" von den Toten Hosen, das die Geschichte von Alex und seinen ,,Droogs" aus ,,Clockwork Orange" nacherzählt.
- Die Fans eignen sich Elemente des Films an, Kleidungstücke, Accessoires, Mimik oder, wie oben erwähnt, Zitate an denen sie sich gegenseitig erkennen.

3.Theorien zur Medienwirkung und Mediennutzung

3.1 Die Wirkungsforschung

Die Frage nach der Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Medien gibt es solange wie die Medien selbst. Der erste Befürworter einer Medienzensur, der in der Literatur erwähnt wird, ist Platon. Er wollte Dichter von Märchen und Sagen beaufsichtigen lassen, damit sie keinen schädlichen Einfluss auf Kinder ausüben könnten. (vergl. Kunczik 1994, S.16/17). Bereits sein Schüler Aristoteles vertrat die Auffassung, durch Theateraufführungen könne eine Reinigung von Gemütsverfassungen erreicht werden, die Tragödie würde die Zuschauer quasi zu mitfühlenden und besseren Menschen machen.

Mit jedem neuen Medium, das in eine Gesellschaft eingeführt wurde, traten erbitterte Gegner auf, die das Bild von verdorbenen Jugendlichen heraufbeschworen, die durch die vermittelten ,,Schundgeschichten" zwangsläufig zu Verbrechern oder arbeitsscheuem Gesindel mutieren würden.

In der heutigen Medienwirkungsforschung wie in der Politik und dem alltäglichen gesellschaftlichen Leben findet sich diese Ansicht immer noch, ebenso wie Aristoteles´ Theorie einer ,,Reinigung" der Seele (Katharsis) durch medienvermittelte Geschichten. Dazwischen gibt es eine ganze Reihe weiterer Theorien, die die ,,Wirkung" von Medien (heutzutage ist meist das Fernsehen gemeint) erklären sollen. Die wichtigen Theorien sollen im folgenden kurz vorgestellt werden. Ich orientiere mich dabei an der Gliederung, die Michael Kunczik in seinem Buch ,,Gewalt und Medien" (Kunczik, 1994) verwendet. Es zeichnet sich ab, dass die traditionelle Wirkungsforschung zur Erklärung des Phänomens ,,Kultfilm" und seiner Nutzung / Wirkung nur bedingt beitragen kann. Der Ansatz, Medien eine universelle Wirkung auf alle Konsumenten gleichermaßen zuzuschreiben, ist nicht damit zu vereinbaren, dass der Kultist sich ,,seinen Kultfilm" bewusst aneignet, ihn interpretiert und seine Botschaften an die eigenen Lebensumstände anpasst. Aus diesem Grund verzichte ich darauf, mich ausführlich mit empirischem Material zu den einzelnen Thesen auseinander zu setzen.

Trotz aller Kritik an dem (zu) einfachen Ansatz von Ursache und Wirkung werden die beschriebenen Effekte von Medienkonsum in Einzelfällen immer wieder auch von den Medienkonsumenten als eigene Erfahrung angeführt. Deshalb erscheint eine Zusammenstellung der Thesen und eine Analyse bezüglich ihrer Relevanz für die (u.U. bewusst herbeigeführte) Wirkung von Kultfilmen unumgänglich.

3.1.1 Die Katharsisthese / Inhibitionsthese

,,Katharsis besagt, dass die Ausführung eines jeden aggressiven Aktes eine Verminderung des Anreizes zu weiterer Aggression bewirke." ( Kunczik 1994, S. 59) In der Katharsisthese wird ein Miterleben fiktiver Gewalt mit dem Ausleben eigener Aggressionen gleichgesetzt. Es gibt verschiedene Aussagen darüber, wann fiktive Gewalt aggressionsmildernd wirken soll. Einige Autoren gehen davon aus, dass jedes Mitvollziehen fiktiver Gewalt den Drang zu eigenen Gewalttaten senkt, andere behaupten, nur ein emotional erregter oder bereits aggressiver Mensch werde durch fiktive Gewalt beruhigt. Eine dritte Variante besagt, dass ein kathartischer Effekt nur dann auftrete, wenn Schmerzen und Verletzungen des Opfers deutlich sichtbar seien.

Aus der Psychoanalyse kommt die Vorstellung von einem Aggressionstrieb, der dem Menschen angeboren sei, der in der Kulturgesellschaft aber nicht mehr befriedigt werden könne. Medien gelten hier als Ventil, um ansonsten selbstzerstörerisch wirkende Aggressionen gesellschaftskonform ablassen zu können.

Laut Kunczik gibt es keine Untersuchung, die diese Funktion von Gewaltdarstellungen empirisch unterstützt. Trotzdem wird die These immer wieder vertreten, teilweise dient sie als Erklärung für geschlechtsspezifische Unterschiede. (Katharsis bei weiblichen Versuchspersonen / Höhere Aggression bei männlichen Versuchspersonen)

Im Hinblick auf Kultfilme mit extremen Gewaltdarstellungen könnte die Theorie trotz allem von Interesse sein. Viele Menschen haben eigene Strategien entwickelt, um Aggressionen abzubauen. Dem einen kann es helfen in Ruhe ein Buch zu lesen, ein anderer treibt Sport und evtl. reagieren sich wieder andere mit dem Konsum von fiktiver Gewalt ab. (Anm. d. Verf.) Auch wenn die Vorstellung von einer generell kathartischen Wirkung von Gewaltdarstellungen als empirisch widerlegt gelten kann, so ist sicher nicht auszuschließen, dass Einzelne mediale Gewalt ganz bewusst in diesem Sinn nutzen.

Die Inhibitionsthese sieht als Grund für ein Absinken gewalttätiger Tendenzen die Aktivierung von Hemmungen bzw. Schuldgefühlen. (vergl. Kunczik 1994, S. 62/63) Sie kann ,,(...)als alternative Interpretationsmöglichkeit für alle als vorgebliche Beweise für die Katharsisthese angeführte Studien herangezogen werden." (Kunczik 1994, S. 63) Damit steht sie auf den gleichen empirisch ,,wackeligen" Füssen wie die Katharsisthese, zumindest solange man sie als universell gültig charakterisiert.

3.1.2 Die Stimulationsthese

Die Stimulationsthese geht davon aus, dass gewisse Reize bei durch Frustration emotional erregten Personen Aggressionen auslösen können. Diese Reize werden normalerweise mit dem Grund für die aktuelle Frustration assoziiert. Darüber hinaus gibt es laut dieser Theorie Reize ,,(...)die unabhängig von derartigen Assoziationen aggressionsauslösend sind." (Kunczik 1994, S. 77) Zu diesen Reizen werden z. b. Waffen gezählt, aber auch Gewaltdarstellungen in Medien. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen Untersuchungen zur Stimulationsthese kommt Kunczik zu dem Schluss, dass es trotz einiger Mängel in den Forschungsdesigns Anhaltspunkte gibt, die auf eine Stimulation aggressiver Verhaltensweisen bei den Nutzern von violenten Filmen schließen lassen. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang eine Untersuchung von Black und Bevan in Montreal. 129 Erwachsene sahen dort in einem Kino entweder den Kriegsfilm ,,Missing in Action" oder den gewaltarmen Film ,,A Passage to India". Die Zuschauer des Kriegsfilms waren nach der Vorstellung eindeutig aggressiver als direkt davor. Besonders interessant an dieser Untersuchung ist allerdings, dass die Zuschauer den Film den sie sehen wollten frei wählen konnten, und dass die Zuschauer, die es vorzogen, den gewaltfreien Film zu sehen schon vor der Vorstellung wesentlich weniger aggressiv waren.

Im Hinblick auf die besondere Fragestellung nach der ,,Wirkung" von Gewalt in Kultfilmen erscheinen in Kuncziks Material zur Stimulationsthese zwei Erkenntnisse besonders auffällig:

1. · Die oben erwähnte Präferenz aggressiver Zuschauer für Filme mit höherem Gewaltanteil, in Verbindung mit einer weiter gesteigerten Aggressivität nach dem Anschauen des Filmes.
2. · Die Befunde von Frost und Stauffer, nach denen die Zusammensetzung des Publikums einen Einfluss auf die Wirkung von Mediengewalt hat. ,,Zumindest waren in diesem Fall Zuschauer aus einem innerstädtischen Unterschichtmilieu wesentlich mehr erregt als Studenten, wenn sie mit Mediengewalt konfrontiert wurden." (Kunczik 1994, S.81)

Eine Stimulation gewalttätigen Verhaltens durch den Konsum von Mediengewalt scheint nicht ausgeschlossen. Thomas Plöger zitiert hierzu Beiträge zu einer Podiumsdiskussion zu Oliver Stones ,,Natural Born Killers". Ein Jugendlicher hatte bekannt, nach dem Film in einen ,,Gewaltrausch" geraten zu sein, ein anderer, ein ehemaliger Skinhead erzählte, dass dieser Film Stanley Kubricks ,,Clockwork Orange" als Kultfilm der Szene abgelöst hätte. (vergl. Barg/Plöger 1996, S.124). Nach gewalttätigen Übergriffen von Skinheadgruppen berichten auch die Medien immer wieder von einer aufputschenden Wirkung gewalttätiger Filme und Lieder.

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Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Zur Bedeutung der Mediennutzung am Beispiel des Phänomens Kultfilm
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
33
Katalognummer
V3270
ISBN (eBook)
9783638119870
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kultfilm, Medienwirkung, Mediennutzung
Arbeit zitieren
Christian Quapp (Autor), 2001, Zur Bedeutung der Mediennutzung am Beispiel des Phänomens Kultfilm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3270

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