Fotojournalismus und Kriegsberichterstattung im Wandel der Zeit - Seriöse Reportage im Konflikt mit Manipulation und Propaganda


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
43 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Motivation

2 Die ersten Bildreporter reisen in die Welt
2.1 Die Anfänge der Manipulationen

3 Revolutionäre technische Entwicklungen
3.1 Einführung des Fotos in der Presse

4 Die Leica
4.1 Erster Kriegseinsatz für die kleinen Fotoapparate

5 Seriöser Fotojournalismus kontra Propaganda
5.1 Bildpropaganda u. Bildfälschungen in totalitären Systemen

6 Kriegsreportage im 2. Weltkrieg
6.1 Das Ausmaß der Grausamkeit nach Kriegsende
6.2 Der Glaube an die Objektivität der Fotografie
6.3 Neue Motivation nach dem 2. Weltkrieg

7 Der Vietnamkrieg, ein Medienkrieg

8 Die Kriege der Neuzeit
8.1 Der Irakkrieg 2003

9 Die Zukunft – Digitale Technologie

10 Resümee

11 Apparat

12 Literaturverzeichnis

1 Einleitung und Motivation:

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wird eine Technik entwickelt, die es möglich macht, ein Abbild der Wirklichkeit zu erstellen, sie zu reproduzieren und später das Abbild zu vervielfältigen – die Fotografie.

Ein Grund, warum ich mich dazu entschlossen habe, diese Arbeit zu schrei­ben, waren die interessanten Texte und Diskussionen im Seminar „Foto­journalismus“ mit ihrem Kontext zu aktuellen Ereignissen.

Der Irakkrieg im Jahr 2003 und die Berichte, die noch bis heute direkt aus dem Krisengebiet in der ganzen Welt veröffentlicht werden, sind für uns an­gehende Medienwissenschaftler immer ein Grund die Informationen und Fotos auch kritisch zu betrachten. Dies hat mich dazu angeleitet, das Thema der Propaganda in Kriegszeiten durch Manipulation einmal genauer im his­torischen und technischen Kontext zu untersuchen.

Mit dieser Arbeit versuche ich den technischen Wandel des Fotojournalismus und vor allem seine Rolle in Kriegen darzustellen. Da die Art und Weise der Manipulation und Propaganda durch den Fotojournalismus eng mit dem tech­nischen Fortschritt der Fotografie verknüpft ist, betrachte ich diese beiden Themen parallel.

Somit werden die Hauptthemen meiner Hausarbeit zum einen die Geschichte des Fotojournalismus im Wandel der Zeit und der Technologien sein, und zum anderen eine Untersuchung, in welcher Form und in welchem Ausmaß Fotos und Bildreportagen manipuliert und für Propagandazwecke miss­braucht werden.

Die Stimmung für oder gegen eine Kriegsbeteiligung der heimischen Truppen kann in den einzelnen Ländern stark davon abhängig sein wie stark die Gefährdung der eigenen Soldaten eingeschätzt wird. Dies lässt sich von den einzelnen Regierungen in vielen Fällen dadurch beeinflussen, welche Fotos und Details überhaupt bis in die Heimat vordringen.

Wenn klar wird, dass die eigenen Truppen viele Verluste erleiden müssen, es oft Gefangennahmen oder Entführungen durch die Feinde gibt und die Bilder sehr grausam sind, kann die Stimmung schnell umschlagen. Eine Regierung die erst vom Volk unterstützt wurde, muss sich plötzlich jeden Tag mehr vor der Öffentlichkeit rechtfertigen warum sie überhaupt in den Krieg gezogen ist. Dies muss aus Sicht der Regierungen verhindert werden und somit ent­stehen oftmals Aufnahmen, die den Feind grausamer darstellen als er ist, um sich zu rechtfertigen oder die Überlegenheit der eigenen Truppen zu be­schönigen in dem sie eigene Verluste verschweigen und gegnerische Verluste besonders erwähnen.

Ich werde mich in dieser Hausarbeit zu Anfang damit beschäftigen, wie dank des Engagements von Fotoreportern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal ein Blick über die Grenzen der eigenen kleinen Welt möglich wurde.

Dabei wird auf die umständliche Art und Weise eingegangen wie im Krim­krieg die ersten Kriegsfotos gemacht wurden, um der Welt ein Bild vom Krieg zu machen, welches nicht mehr nur der Malerei entstammte. Die Fotos wurden als direktes und reales Abbild der Wirklichkeit angesehen, obwohl diese Bilder noch nicht dem entsprachen was einen Krieg beschreibt. Der Fotograf musste auf Grund der Technik die Fotos nachstellen oder konnte nur unbewegte Bilder hinter der Feuerlinie machen, aber dazu später mehr.

Dann beschreibe ich wie erstmals ein Foto auf mechanischem Weg in der Presse veröffentlicht wurde. Dieser Schritt bildete die Grundlage für den späteren Fotojournalismus und war ein Meilenstein in der Entwicklung der Massenmedien.

Von da an zogen immer mehr Fotoreporter aus, um fremde Menschen, deren Kulturen, fremde Länder, Konflikte und Kriege zu fotografieren.

Sie sahen es als ihre Bestimmung den Menschen ein Bild der Welt nach Hause zu holen und sie aufzuklären, wie zum Beispiel ein Krieg wirklich aussieht.

Es folgt die Beschreibung wie sich der Fotojournalismus von da an weiter entwickelte. Die ersten handlicheren Kameras wie die Leica kamen auf den Markt. Das Bildmaterial wurde immer empfindlicher und die Fotografen konnten so viel schneller, einfacher und besser Bilder machen, als mit den großen unhandlichen Kameras aus der Pionierzeit der Fotografie.

Die wirklichkeitsgetreue Abbildung der Welt und die neue Möglichkeit der flächendeckenden Veröffentlichung von Fotos durch die Zeitungen bewirkten aber auch, dass das Medium missbraucht wurde. Die ersten Bildmani­pulationen und Fälschungen ließen nicht lange auf sich warten.

Ein weiterer Schwerpunkt wird im Verlauf dieser Arbeit auf der Bildpro­paganda und Manipulationen im Stalinismus und in der Nazizeit liegen.

In dieser Zeit wurde die Fotografie massiv dazu missbraucht, unerwünschte Personen wie zum Beispiel anders Denkende oder inzwischen unbeliebte ehemalige Regierungs- oder Parteimitglieder aus Fotos herauszuschneiden und sie so aus der Erinnerung und Geschichte zu löschen. Des Weiteren herrschte eine sehr strenge Zensur in dieser Zeit, die in Verbindung mit allen anderen Gefahren des Krieges für viele engagierte Fotojournalisten ein Grund war aus Deutschland zu flüchten.

Dann wird dargestellt welche Rolle die Fotografie in der Dokumentation von Kriegsverbrechen, zum Beispiel in Konzentrationslagern spielte, und in welcher Weise sie der Aufklärung nach dem Krieg diente. Es folgt eine Betrachtung der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, in der der Fotojournalismus wieder einen Aufschwung erlebte. Nicht nur neue Länder und Kontinente konnten jetzt in großem Umfang und in Farbe betrachtet werden, sondern auch die Kriege nach dem 2. Weltkrieg.

Der Vietnamkrieg wurde den Menschen durch Fotografen und erstmals auch durch das Fernsehen so nah gebracht, wie noch kein Krieg zuvor – der Krieg wurde erstmals zum Medienereignis.

Im Folgenden wird dargestellt, dass auch die Berichterstattung von den Kriegen der Neuzeit immer davon geprägt ist, dass die einzelnen beteiligten Länder versuchen, die Medien soweit zu beeinflussen, nur die Bilder zu ver­öffentlichen, die dem jeweils erwünschten Ausgang des Krieges zuträglich sein könnten. Die Techniken sind immer ausgereifter geworden und man hat nur noch sehr geringe Chancen herauszufinden was der Wahrheit entspricht und das, obwohl ein Krieg wie der Irakkrieg live in die Wohnzimmer der Menschen übertragen werden kann.

Durch die Computertechnik und Digitalisierung ist es seit der neusten Zeit möglich, noch viel schneller Fotos zu verbreiten, zu veröffentlichen, zu ver­vielfältigen und auch zu verändern. Die Fotojournalisten können durch diese Technik direkt von der Kriegsfront berichten und haben dennoch keine Zeit­verzögerung durch Transport, Entwicklung und verhältnismäßig langsame Verbreitung der Fotos, wie es vor der Digitalisierung der Fall war. Kaum ist ein Foto gemacht, kann es zum Beispiel per Satellit schon in alle Welt ver­schickt oder im Internet direkt veröffentlicht werden.

Auf diese Entwicklung der digitalen Technologie und deren Vor- und Nach­teile gehe ich im letzten Kapitel meiner Arbeit noch genauer ein.

Die im Laufe der Arbeit genannten Beispiele sollen keine Wertung oder Par­teiergreifung für eines der am Krieg beteiligten Länder bedeuten, sondern lediglich belegbare Tatsachen widerspiegeln. Eine Wertung oder Beurteilung zu Gunsten eines Landes und ethische Diskussionen pro oder kontra Krieg allgemein würden den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Wenn hier nur über eine Seite der Beteiligten berichtet wird, ist der Grund dafür in dem mir vorhandenen Material zu suchen und nicht in meiner per­sönlichen Meinung.

2 Die ersten Bildreporter reisen in die Welt:

Gisèle Freund beschreibt im Kapitel „Die Pressephotographie“ ihres Buches „Photographie und Gesellschaft“ zunächst, wie umständlich es sich für die ersten Bildreporter gestaltete, Fotos außerhalb von Portraitstudios zu machen.

Seit der Erfindung der Fotografie versuchte man nicht mehr nur Portraits in eigens dafür vorgesehenen Studios zu machen, sondern auch öffentliche Er­eignisse zu fotografieren. Da aufgrund der unvollkommenen Technik nur sta­tische Einzelbilder bei sehr gutem Licht möglich waren, war dieses Vorhaben sehr eingeschränkt. 1

Bis 1870 konnte von einem Negativ nur eine handvoll Positive gemacht werden, denn allein die Herstellung eines Negativs war schon sehr auf­wendig. Große Glasplatten mussten im Dunkeln mit Emulsionen beschichtet, im nassen Zustand in der Kamera belichtet und direkt an Ort und Stelle ent­wickelt werden. 2

Die Bildreporter in dieser Zeit nahmen große Schwierigkeiten und Anstren­gungen in Kauf, um von ihren Reisen in fremde Länder und erstmals auch von Kriegen mit Fotos zu berichten.

Gisèle Freund nennt als Beispiel die Abenteuer des englischen Fotografen Roger Fenton, der als einer der Ersten versuchte, einen Krieg zu foto­grafieren:

„Im Februar 1855 verläßt Fenton England, um den Krimkrieg zu photographieren. Vier Assistenten begleiten ihn und seinen großen Wagen, der von drei Pferden gezogen werden muß. Dieses schwere Gefährt, …, diente ihm zugleich als Schlafzimmer und als Dunkelkammer.

Sein enormes Gepäck besteht aus sechsunddreißig große Kisten; dazu kommt das Zaumzeug für die Pferde und ihr Futter! Am Ziel angekommen, stellt Fenton fest, daß die Hitze seine Arbeit außerordentlich schwierig gestalten wird.

Die Luft in seinem fahrenden Labor ist zum Ersticken. Bei der Vorbereitung seiner Platten, …, passiert es ihm oft, daß sie vor seinen Augen trocknen, noch bevor er sie in seiner Kamera einführen kann. Die Belichtungsdauer beträgt drei bis zwanzig Sekunden, und alle Aufnahmen müssen unter der brennenden Sonne gemacht werden. Nach drei Monaten hartnäckiger Arbeit bringt er ungefähr 360 Platten nach London zurück.“3

Am Beispiel des Krimkrieges wird deutlich, wie umständlich es Anfang des 19. Jahrhunderts war als Fotoreporter außerhalb von Studios und mit noch sehr unausgereifter Technik, den Menschen ein Bild von den Ereignissen nach Hause zu bringen die hinter den Grenzen ihrer eigenen kleinen Welt geschahen und von denen sich die Menschen ohne diese Fotos keine Vor­stellung hätten machen können. 4

2.1 Die Anfänge der Manipulationen:

Die erste Kriegsberichterstattung war zwar technisch schwierig, stellte aber schon den Beginn von Propaganda und Manipulation dar. 5

Roger Fenton machte zum einen nur Bilder des Krieges hinter der Feuerlinie und zum anderen keine grausamen Aufnahmen.

Er konnte keine bewegten Bilder aufnehmen, da seine schwere Apparatur und der technische Aufwand dies nicht zuließen. So beschränkte er sich darauf, die Soldaten bei ihrem Leben im Camp zu beobachten, Gruppenfotos zu arrangieren und einige Szenen nachzustellen. 6

Gisèle Freund drückt die Authentizität der Bilder so aus:

„Die Bilder Fentons lassen einen Krieg wie ein Picknick erscheinen,…“

Fenton vermittelt fast eine Art „Kriegsidylle“. 7

Außerdem wurde Roger Fentons Reise nur unter der Bedingung finanziert, dass er auf keinen Fall die Schrecken des Krieges fotografiere, um damit die Familien der beteiligten Soldaten nicht zu ängstigen. 8 Daher unterlagen selbst schon diese ersten Bilder eines Krieges der Zensur eines Landes, allein zum Zweck der Propaganda.

In den nächsten Jahren waren die Fotografen immer häufiger Zeugen von Konflikten und Kriegen.

Im amerikanischen Bürgerkrieg, der 1861 ausbrach, entwickelten die Fotografen auch erstmals so etwas wie eine „Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit“. 9 Die Fotos von Mathew B. Brady und Alexander Gardner zeigten, trotz unhandlicher Apparate und „rudimentärer Technik“, sehr kon­kret wie ein Krieg wirklich aussah, und das nur knapp 10 Jahre nach Fentons Abenteuer im Krimkrieg. 10

Gisèle Freund beschreibt diese Bilder wie folgt:

„Die verbrannte Erde, die Häuser in Flammen, das Elend der Familien, die zahlreichen Toten werden von ihnen mit einer Objektivität photographiert, die diesen Dokumenten einen außergewöhnlichen Wert verleiht,…“11

Diesen „außergewöhnlichen Wert“ erkennt zu der Zeit aber kaum jemand wie es Helmut Blecher in seinem Buch „Fotojournalismus“ deutlich macht:

„Als Gardner ein Jahr nach Beendigung des Bürgerkriegs sein ‚Photographic Sketch Book Of The Civil War’ veröffentlichte, interessierte das Buch allerdings kaum noch jemanden. Offensichtlich waren die Fotos für den damaligen Betrachter zu grausam. Heute ist das Werk durch seine dokumentarische und künstlerische Bedeutung eine gesuchte fotographische Rarität. 12

3 Revolutionäre technische Entwicklungen:

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mussten sich die Fotografen noch mit den zerbrechlichen Glasplatten abmühen, sie wie oben beschrieben im Dunkeln mit Emulsionen bestreichen, nass in der Kamera belichten und direkt entwickeln, bevor sie trockneten.

Die Apparaturen waren schwer, unhandlich und kompliziert zu handhaben. Außerdem ließen sich mit dieser Technik Fotos nur unter den besten Voraus­setzungen machen. Man konnte keine bewegten Szenen aufnehmen und die Lichtverhältnisse mussten optimal stimmen.

Ab 1870 machte die Entwicklung der Fotografie entscheidende Schritte.

Die nassen Glasplatten wurden zunächst durch trockene Bromsilber­gelatinplatten ersetzt, die gebrauchsfertig zu benutzen waren. 13

Objektive wurden verbessert, sie wurden lichtstärker und die Kameras bekamen Verschlusssysteme, mit denen schnellere Aufnahmen möglich waren. Das Blitzlichtpulver wurde entwickelt und von da an waren auch Aufnahmen bei ungünstigeren Lichtverhältnissen möglich. 14

Sehr entscheidend war die Erfindung des Rollfilms (1884) und seine Weiterentwicklung durch „Hannibal Goodwin, der 1887 den biegsamen und transparenten Rollfilm auf Zelluloidbasis erfand,…“, denn dieser machte eine hohe Abbildungsschärfe möglich. 15

Zusätzlich bekamen die Fotoreporter ab 1872 die „Möglichkeit zur tele­grafischen Bildübertragung“ und konnten nun „tagesaktuell arbeiten“16, was dann durch die Bildübermittlung per Funk noch vervollkommnet wurde.

Somit wurde der Pressefotografie langsam aber sicher der Weg geebnet. 17

3.1 Einführung des Fotos in der Presse:

Am 4. März 1880 erschien zum ersten Mal eine Fotografie in einer Zeitung, die auf rein mechanischem Wege reproduziert wurde.

Bis dato gab es in der Presse nur äußerst selten Reproduktionen zum Beispiel von Fotos, und diese entstanden dann auch nur mit handwerklichen Mitteln wie der Technik des Holzstichs. Da diese Reproduktionen keine Originale der Fotos waren, wurden sie mit dem Vermerk: „Nach einer Photo­graphie“ versehen. 18

Gisèle Freund beschreibt die neue Technik in „Photographie und Gesell­schaft“:

„Die neue Technik besteht darin, eine Photographie durch einen gerasterten Schirm zu reproduzieren, der es in eine Vielzahl von Punkten unterteilt. Anschließend lässt man das auf diese Weise von einer Photographie erhaltene Klischee zusammen mit einem ge­setzten Text durch eine Presse laufen. Dieses Verfahren ist die heute allgemein übliche Autotypie.“19

Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden so in immer mehr Zeitungen und Zeitschriften Fotos veröffentlicht. Dieser Wandel entwickelte sich zu einem Phänomen von großer Bedeutung. 20

Die Menschen begannen nicht mehr nur die Ereignisse in ihrer unmittelbaren Umgebung wahrzunehmen, sondern interessieren sich plötzlich auch für Dinge, die außerhalb ihrer eigenen kleine Welt passieren. Im Land und außerhalb der Grenzen.

„Mit der Photographie öffnet sich ein Fenster zur Welt.“21

Helmut Blecher stellt das Bedürfnis der Menschen nach Informationen so dar:

„Die Menschen am Beginn des 20. Jahrhunderts lechzten nach Sensationen. Die Tages­zeitungen, die illustrierten Magazine, in denen sich die Menschen ‚ein Bild’ von der Welt machen konnten, bedienten die Öffentlichkeit mit aktuellen Fotos von den großen Ereig­nissen und Katastrophen. Die Welt war in Bewegung geraten, ebenso wie die rapide ein­setzende Informationsflut.“22

Die Welt der Menschen wurde durch die Erweiterung des Blickfeldes kleiner und das gedruckte Bild veränderte die Sehweisen der Bevölkerung. Ge­schriebene Worte wirkten von da an abstrakt, Bilder authentisch und als kon­krete Widerspiegelung der Welt. 23

Blecher macht deutlich wie mit Hilfe der Fotografie erstmals die Realität dar­gestellt werden konnte:

„Mit der Fotografie ließ sich nun die Wirklichkeit aufzeigen: das Elend der großen Städte, fremde Länder, Sitten und Gebräuche, Grausamkeiten und kriegerische Konflikte. Man glaubte an die Unbestechlichkeit des Mediums.“24

Das Zeitalter der visuellen Massenmedien wurde durch die Fotografie ein­geleitet. Zugleich eröffnete sich aber auch eine Gelegenheit sie für bestim­mte Zwecke auszunutzen, obwohl die Gesellschaft zu der Zeit noch daran glaubte, dass ein Foto immer die absolut authentische Abbildung der Wirk­lichkeit darstellte. Im Laufe der Zeit wurden die Menschen aber eines bes­seren belehrt und glaubten zu Recht längst nicht mehr alles, was sie sahen.

Wie oben erwähnt bildeten selbst die allerersten Kriegsfotos vom Krimkrieg nicht das ab was einen Krieg wirklich beschreibt, sondern nur das, was die Geldgeber Fentons für harmlos genug hielten, um es zu veröffentlichen.

Fotografie zeigt den Menschen einerseits ein reales Abbild der Welt, kann aber auch als Instrument der Propaganda und der Manipulation für die Interessen jener missbraucht werden, die die Presse beeinflussen können: den Industrien, den Geldgebern und den Regierungen. 25

4 Die Leica:

Der Weg für den modernen Fotojournalismus wurde endgültig durch die Er­findung eines revolutionären kleinformatigen Fotoapparates geebnet, der so genannten Leica. 26

Sie wurde von Oskar Barnack, dem Leiter des Forschungslabors der Leitz-Werke in Wetzlar erfunden. Barnack träumte davon, auf Spaziergängen nicht immer einen schweren Apparat und sogar ein Stativ mitnehmen zu müssen, sondern einen Apparat, den man in die Tasche stecken konnte.

In den Leitz-Werken bekam er dann die Gelegenheit, sich seinen Traum zu erfüllen. 27

Gisèle Freund dazu:

„Er konstruierte einen kleinformatigen Photoapparat, für den er den Film des kurz zuvor entwickelten Kinematographenapparates verwendete, indem er die Größe des Negativs veränderte. So entstand das Format 24 x 36 mm. Es bedurfte allerdings noch jahrelanger Forschung, bis die Firma Leitz in der Lage war, diesen neuen Apparat herzustellen.“28

1925 wurde die Leica dann auf der Leipziger Messe zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert und erregte sogleich großes Aufsehen.

Die Berufsfotografen erlebten eine Revolution, da der Apparat mit einem 1:3,5/50mm Objektiv ausgestattet war und bereits 1930 mehrere aus­wechselbare Objektive verfügbar waren. Der Film für die Leica machte es erstmals möglich, 36 Aufnahmen ohne Unterbrechung zu belichten, was aus Sicht der Fotografen eine weit reichende Neuerung bedeutete und ihre Arbeit effektiver machte. 29

Außerdem war es dank der lichtstarken Objektive nicht mehr nötig Magne­siumpulver als Blitzlicht in Innenräumen zu verwenden, welches ein blen­dendes Licht erzeugte, das die fotografierten Personen meist mit zuge­kniffenen Augen oder offenem Mund da stehen ließ. Außerdem rief es einen beißenden Geruch hervor und machte es so nahezu unmöglich, unbemerkt zu fotografieren. 30

Obwohl zu Anfang viele Skeptiker gegen diese neue Möglichkeit der Foto­grafie protestierten, viele Zeitschriften ihren Fotografen zuerst nicht erlaubten die Leica zu benutzen und sie als „unnützes Spielzeug“ angesehen wurde, wagten es einige wenige Fotografen die Leica auszuprobieren. 31

[...]


1 Freund: S. 117 („Seit den Anfängen der Photographie hatte man versucht, öffentliche Ereignisse auf der Platte festzuhalten,... und dies auch nur bei günstigem Licht.“)

2 Blecher: S. 11 („Ein großer Teil der frühen Fotografen ging jedoch im Laufe der Zeit verloren, zumal selbst von guten Negativen nicht mehr als eine Hand voll Positive gemacht werden konnten... noch nass in der Kamera belichtet und an Ort und Stelle entwickelt werden.“)

3 Freund: S. 117-118 („1855 verläßt Fenton England,... Nach drei Monaten hartnäckiger Arbeit bringt er ungefähr 360 Platten nach London zurück.“)

4 Freund: S. 117 („Das Bild verändert die Sehweise der Massen... Mir der Photographie öffnet sich ein Fenster zur Welt.“)

5 Freund: S. 117 („Gleichzeitig wird die Photographie zu einem mächtigen Instrument der Propaganda und der Manipulation.“)

6 Freund: S. 118 („Seine Bilder geben eine ganz falsche Vorstellung vom Krieg, denn sie zeigen nur Soldaten hinter der Feuerlinie.“)

Sontag: S. 58-60

7 Freund: S. 118 („Die Bilder Fentons lassen einen Krieg wie ein Picknick erscheinen,...“)

Blecher: S. 11 („Vermitteln die 700 Glasplatten, die Roger Fenton aus dem Krimkrieg mitbrachte, fast noch eine Kriegsidylle,...“)

8 Freund: S. 118 („Fentons Expedition war unter der Bedingung finanziert worden, ... um die Familien der Soldaten nicht zu ängstigen.“)

9 Blecher: S. 11 („... waren die Fotografien... aus dem amerikanischen Bürgerkrieg von einer Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit geprägt.“)

10 Freund: S. 118 („... die von Brady und seinen Mitarbeitern – unter ihnen Timothy O’Sullivan und Alexander Gardner – vermitteln zum ersten Mal eine äußerst konkrete Vorstellung von seinem Grauen.“) („...rudimentäre Technik...“)

11 Freund: S. 118 („Die verbrannte Erde,... , die diesen Dokumenten einen außergewöhnlichen Wert verleiht,...“)

12 Blecher: S. 11 („Als Gardner ein Jahr nach Beendigung des Bürgerkriegs... seine dokumentarische und künstlerische Bedeutung eine gesuchte fotografische Rarität.“)

13 Freund: S. 116 („Die Mechanisierung der Reproduktion, die Erfindung der trockenen Bromsilbergelatinplatte, die es künftig erlaubt, gebrauchsfertige Platten zu verwenden...“)

14 Blecher: S. 12 („Die Jahrhundertwende markiert den eigentlichen Beginn des Fotojournalismus... und das Blitzlichtpulver wurde erfunden.“)

15 Blecher: S. 12 („Den entscheidenden Schritt zur Entwicklung der Fotoreportage... 1887 den biegsamen und transparenten Rollfilm auf Zelluloidbasis erfand, der höchste Abbildungsschärfe ermöglichte.“)

16 Blecher: S. 13 („Mit der Mechanisierung der Reproduktion und der Möglichkeit zur telegrafischen Bildübertragung konnte er nun tagesaktuell arbeiten.“)

17 Freund: S. 116 („... die Vervollkommnung der telegraphischen Bildübertragung (1872) und später die Bildübermittlung per Funk ebneten der Pressephotographie den Weg.“)

18 Freund: S. 116 („In jenem Jahr erscheint zum ersten Mal in einer Zeitung eine Photographie... auf diese Weise reproduziert und trugen den Vermerk ‚nach einer Photographie’.“)

19 Freund: S. 116 („Die neue Technik besteht darin,... Dieses Verfahren ist die heute allgemein übliche Autotypie.“)

20 Freund: S. 116-117 („Erst 1904 illustriert in England der Daily Mirror seine Seite ausschließlich mit Photographien,... Photographien schon seit 1885.“)

21 Freund: S. 117 („Mit der Photographie öffnet sich ein Fenster zur Welt.“)

22 Blecher: S. 16 („Die Menschen am Beginn des 20. Jahrhunderts... ebenso wie die rapide einsetzende Informationsflut.“)

23 Freund: S. 117 („Mit der Erweiterung des Blickfeldes wird die Welt kleiner. Das geschriebene Wort ist abstrakt, doch das Bild ist die konkrete Widerspiegelung der Welt, in der jeder lebt.“)

24 Blecher: S. 14 („Mit der Fotografie... glaubte an die Unbestechlichkeit des Mediums.“)

25 Freund: S. 117 („Gleichzeitig wird die Photographie zu einem mächtigen Instrument... die die Presse besitzen: die Industrien, das Finanzkapital, die Regierungen.“)

26 Freund: S. 133 („1929 verwendet die Mehrzahl... Die Erfindung dieser Kamera öffnet nun wirklich den Weg für den modernen Photojournalismus.“)

27 Freund: S. 133 („Die Leica wurde von Oskar Barnack erfunden,... von einem Apparat, den man in die Tasche stecken könnte.“)

28 Freund: S. 133 („Er konstruierte einen kleinformatigen Photoapparat,... diesen neuen Apparat herzustellen.“)

29 Freund: S. 133-134 („Er wird der Öffentlichkeit... die Arbeit des Berufsphotographen bedeutet dies eine Revolution.“)

30 Freund: S. 119-120 („Um in Innenräumen Aufnahmen zu machen,... blinzelten mit den Augen oder nahmen eine ungünstige Haltung ein.“)

31 Freund: S. 134 („... doch der Chefredakteur betrachtete sie wegen ihres kleinen Formats als ein unnützes Spielzeug... habe ich mich über das Verbot einfach hinweggesetzt,...“)

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Fotojournalismus und Kriegsberichterstattung im Wandel der Zeit - Seriöse Reportage im Konflikt mit Manipulation und Propaganda
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Seminar Fotojournalismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
43
Katalognummer
V32730
ISBN (eBook)
9783638333825
Dateigröße
882 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fotojournalismus, Kriegsberichterstattung, Wandel, Zeit, Seriöse, Reportage, Konflikt, Manipulation, Propaganda, Seminar
Arbeit zitieren
Cornelia Berndt (Autor), 2004, Fotojournalismus und Kriegsberichterstattung im Wandel der Zeit - Seriöse Reportage im Konflikt mit Manipulation und Propaganda, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32730

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