Zusammenhang zwischen Unterrichtsstörung und Kompetenz am Fallbeispiel 'Tobias'


Seminararbeit, 2003

21 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fallbeispiel eines Unterrichtsstörers
2.1 Vorstellungsgrund in einer kinderpsychiatrischen Ambulanz
2.2 Familien- und Eigenanamnese
2.3 Schulbericht der Klassen- und der Deutschlehrerin
2.4 Ergebnisse der emotionalen und Leistungsdiagnostik
2.5 Kinderpsychiatrische Ergebnisse und Empfehlung
2.6 Problematik der ADS/ADHS-Diagnose

3 Disziplinstörungen klassifizieren
3.1 Arten und Ursachen von Unterrichtsstörungen

4 Unterrichtsstörungen analysieren
4.1 Methodisches Vorgehen
4.2 Strategie der Reflektion
4.3 Proaktive Strategien
4.3.1 Routinen
4.4 Reaktive Strategien

5 Geforderte Kompetenzen des Lehrers bei Störungen
5.1 Fachkompetenz
5.2 Didaktische Kompetenz
5.3 Führungskompetenz

6 Weitere Vorgehensweisen bei Disziplinstörungen
6.1 Streitschlichtung und Mediation
6.2 Konstanzer Trainingsmodell (KTM)

7 Diskussion

8 Zusammenfassung

9 Literatur

1 Einleitung

Eine Untersuchung zu Zusammenhängen zwischen Unterrichtsstörungen und Kompetenz ist aufgrund der Belastungen durch Unterrichtsstörungen und dem Potenzial, das man persönlich zur Reduktion dieser Belastung ausschöpfen kann, von hoher Relevanz.

Grundlegend sei zum Phänomen der Unterrichtsstörungen erwähnt, dass es überall, wo Menschen gemeinsam etwas tun, ob in Familie, Verein, Freundeskreis, Schule oder Arbeit, es zu vielfältigen Entwicklungen kommt. Welche dieser Entwicklungen nun als Störung erlebt werden, hängt von der Gesamtheit der Bedingungen und Faktoren einer Situation ab. Es gibt hierzu einige Thesen, die nach Benikowski (1996) das Vorhandensein von Störungen eventuell erklären können:

- es gibt keine Kommunikation ohne Störungen
- jede Störung drückt eine Botschaft aus
- Störungen muß adäquat begegnet werden.

Disziplinstörungen lassen viele Lehrer an ihre Grenzen stoßen und dennoch darf gerade von Lehrerseite nicht einseitig geurteilt werden, sondern es muss neben der multifaktoriellen Bedingungskonstellation der adäquate Reaktionsspielraum beachtet werden. Auf keinen Fall sollten - wie gesellschaftlich leider weit verbreitet - pathologische Tendenzen auf die Schüler projeziert werden.

Der von mir gewählte Fall „Tobias“ - ein Junge, dessen Mutter alleinerziehend und berufstätig ist - ist in der heutigen Gesellschaft kein Einzelfall, sondern kann stellvertretend für die vielfältigen familiären Belastungen der Kinder gesehen werden. Den Preis für die fortschreitende Liberalisierung der Wertvorstellungen zahlen die Kinder heutzutage in Form von erhöhten körperlichen, seelischen und sozialen Belastungen. Diese häufig defizitäre familiale Sozialisation kann zu einer gewissen Orientierungslosigkeit bei den Jugenlichen führen (Schäfers 2001). So kommt es dazu, dass Schüler keine Ziele mehr haben, in ihrer Freizeit versumpfen (TV, Video, Horrorfilme, Gameboy, ..) und ihre Probleme in die Schule tragen, zu Gewalt bereit sind und den Unterricht stören. Lehrer und Schulen können und sollten in der heutigen Zeit eine diesbezüglich kompensierende Funktion erfüllen und den Schülern Halt und Führungssicherheit bieten.

Die Hausarbeit soll einen vertieften Einblick in die komplexen Zusammenhänge zwischen Störungen und Lehrerkompetenzen realisieren. Somit lassen sich ursächliche Faktoren offenlegen und Eingriffsstrategien entwickeln, so dass Störungen nicht als Barrieren angesehen werden, die zwischen Schülern und Lehrperson stehen, sondern als Optionen für die Vernetzung der Beziehungsstruktur wahrgenommen werden.

2 Fallbeispiel eines Unterrichtsstörers

Bei Tobias handelt es sich um einen Jungen, der in einer kinderpsychiatrischen Ambulanz im Jahr 2001 mehrfach vorgestellt und diagnostiziert wurde[1].

2.1 Vorstellungsgrund in einer kinderpsychiatrischen Ambulanz

Tobias wurde von seiner Mutter wegen oppositionell-verweigerndem Verhalten sowohl zu Hause als auch in der Schule vorgestellt. Zu Hause hört er nicht auf die Mutter, versucht sie sogar manchmal zu schlagen und macht keine Hausaufgaben. In der Schule verhält er sich unruhig und unkonzentriert, kann keine Regeln einhalten und stört den Unterricht. Tobias zeigt kein Schuldbewußtsein und keine Einsicht bei Fehlverhalten.

2.2 Familien- und Eigenanamnese

Die Trennung der Eltern fand nach jahrelangen Steitigkeiten statt, sie hat sich auch vor den Kindern abgespielt[2]. Herr L. hat eine neue Lebensgefährtin, Kontakte zwischen Vater und den Kindern bestehen alle 3 bis 4 Wochen. Frau L. arbeitet als Haushaltshilfe teilzeit. Tobias ist sehr auf sich allein gestellt, was ihm sehr schwerfällt. Enge Kontakte hat er zu den Großeltem mütterlicherseits. Diese sind strenger und bei ihnen gehorcht Tobias.

Die Einschulung erfolgte mit 7 Jahren. In den ersten drei Schuljahren hatte Tobias mäßige bis durchschnittliche Leistungen, mit Beginn der 4. Klasse wurde ein deutlicher Leistungsabfall konstatiert. Tobias verbringt viel Zeit zu Hause mit Femsehen und Gameboyspielen.

2.3 Schulbericht der Klassen- und der Deutschlehrerin

Tobias hört im Unterricht nicht zu, ist unruhig, wackelt auf seinem Stuhl herum, spielt und befolgt die Anweisungen der Lehrer nicht. Obwohl er allein an einem Tisch sitzt, kann er sich nicht konzentrieren. Seit Beginn des 4. Schuljahres verhält er sich auch aggressiv gegenüber seinen Mitschülern und ist häufig in Streitereien und handfeste Rangeleien verwickelt. Hinzugekommen ist in den letzten Wochen sporadisches Schuleschwänzen.

Die Deutschlehrerin vermutet das Vorliegen eines ADS/ADHS.

2.4 Ergebnisse der emotionalen und Leistungsdiagnostik

In dem projektiven Testmaterial (freie Zeichnung, Familie in Tieren, Satzergänzungstest, 10 Wünsche) deutet sich zum einen eine Geschwisterrivalität zum älteren Bruder an, zum anderen zeichnen sich deutliche Hinweise auf Verlassenheitsängste und das Gefühl, allein und ausgeliefert zu sein ab. Tobias fühlt sich verunsichert, halt- und orientierungslos, sehnt sich nach den Attributen „groß, stark, reich und allmächtig" zu sein.

Im Konzentrationstest arbeitet Tobias zügig und konzentriert, macht nur wenige Fehler. Im sprachfreien Intelligenztest CFT 20 erzielt Tobias ein Ergebnis im unteren Durchschnittsbereich (IQ +/- 90), wobei er in der zweiten Testhälfte ein etwas besseres Ergebnis erzielt. Dies ist vermutlich auf die größere Sicherheit und Vertrautheit mit der Testsituation und den Aufgaben zurückzuführen. Im Zusatztest „Wortschatz"' zeigen sich deutliche Hinweise auf wenig differenzierte sprachliche Fähigkeiten. Als ergänzende Diagnostik wurde ein aktueller Schulbericht angefordert sowie eine Conners-Protokollierung.

2.5 Kinderpsychiatrische Ergebnisse und Empfehlung

Die Untersuchungen ergeben keinen Hinweis auf das Vorliegen eines ADHS; Tobias Probleme lassen sich am ehesten im Zusammenhang mit der schwierigen fami­liären Situation und den Überforderungszeichen der alleinerziehenden Mutter erklären.

Der Junge braucht mehr Halt sowie Sicherheit und Unterstützung. Tobias Selbständigkeitsentwicklung wurde bisher wenig gefördert. So fällt es Frau L. schwer, ihrem Sohn ge­genüber klar und konsequent aufzutreten. Wünschenswert für Tobias ist die Unterbringung in einer Tagesgruppe mit regelmäßig begleitenden Beratungsgesprächen mit den Eltern, um diese in ihren erzieherischen Bemühungen zu unterstützen.

Tobias bedarf weiterhin eines stabilen Beziehungsangebotes, Halt und Strukturierung von außen, um zu einer besseren Verhaltensregulierung zu gelangen und die schwierige Zeit der Pubertät altersadäquat durchzulaufen.

2.6 Problematik der ADS/ADHS-Diagnose

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen nach Lohmann (2003), dass Lehrer wie Eltern Disziplinkonflikte und Unterrichtsstörungen häufig nicht richtig interpretieren. Lehrer neigen bei Unterrichtsstörungen dazu, das Ausmaß der Verhaltensstörungen (ADS/ADHS) zu überschätzen und das störende Schülerverhalten zu pathologisieren[3]. Somit werden prinzipiell beeinflussbare Situationen als schicksalshaft oder als berufliches Pech (schwierige Klasse) deklariert. Besser ist es die Verantwortung für solche Situationen zu übernehmen und zu versuchen, Veränderungen herbeizuführen.

Nach Armstrong (2002) ist Millionen von Eltern und Lehrern die Überzeugung eingeflößt worden, dass eine klar identifizierbare psychische Krankheit mit Namen »Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung« tatsächlich existiert, die neuerdings Millionen von Kindern befallen hat. Der Verbrauch des von Kinderärzten verschriebenen Ritalin betrug im Jahr 2001 bundesweit 173 kg. Das reicht für 5 Millionen Tagesdosen und dies bei weitgehend ungeklärten, umstrittenen und kritischen Langzeitwirkungen (ads-kritik 2004). In den USA nehmen vier Millionen Kinder Ritalin. Nach Angold et al. (2000) sind in den USA 75% der ADS-Kinder falsch diagnostiziert.

3 Disziplinstörungen klassifizieren

Lohmann (2003) differenziert zwischen Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten:

- Unterrichtsstörungen sind Ereignisse die den Lehr-Lern-Prozess beeinträchtigen. Diese Störungen können von Schülern, Lehrern und anderen Personen wie auch exogenen Faktoren verursacht werden. Sie äußern sich als Zwischenrufe, Herumlaufen oder Baustellenlärm.
- Disziplinkonflikte hingegen beinhalten eine Verletzung von Normen und Regeln durch die Schüler. Die Normen und Regeln wurden von der Schule oder von dem Lehrer aufgestellt um für einen reibungslosen Ablauf des Unterrichtes zu sorgen.

Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikte sind bis zu einem gewissen Grad normale Begleiterscheinungen des Unterrichts. Am häufigsten sind die verbalen Störungen durch Schüler.

Bei ihrem Vorgehen in Bezug auf die Reduktion von Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten sollten sich die Lehrer auf keinen Fall auf die formale Machtbasis oder disziplinarische Interventionen stützen, sondern Unterrichtsstörungen analysieren und darauf aufbauend Strategien entwickeln, deren Grundzüge im Folgenden dargestellt werden.

3.1 Arten und Ursachen von Unterrichtsstörungen

Die Ursachen der Unterrichtsstörungen werden nach Winkel (1997) von beiden Seiten - Lehrern und Schülern - verursacht. Teils werden sie auch durch institutionelle Begebenheiten verschärft. Im Folgenden seien charakteristische Ursachen von Unterrichtsstörungen an Beispielen erläutert, deren Ursächlichkeit vornehmlich im Fehlverhalten beider Parteien - Lehrer und Schüler- zu suchen ist. Winkel (1997) interpretiert Unterrichtsstörungen der Schüler als verschlüsselte Mitteilung an den Lehrer.

Die demonstrierte Langeweile: Bei Herrn Dr. O. sind Übersetzungen aus dem „Sallust“ dran: Vorlesen durch den Lehrer, unbekannte Vokabeln klären bzw. casus, numerus, genus, tempus und modus ermitteln. Zeitweise übersetzt und erläutert Dr. O. den Text auch selbstständig, während die Schüler laut gähnen und die Köpfe auf die Tische legen.

Klärung: Dr. O. muss seine „Koartation“, also die Schrumpfung seines Methodenrepertoires aufgeben und statt dessen methodische Vielfalt praktizieren.

Die permanente Unruhe: Frau T. redet viel und schnell; ihre Lokomotion im Klassenraum vollzieht sich als ein permanentes Herumlaufen kreuz und quer. Plötzlich schlägt Refik, der aus Bosnien kommt, auf Stojan (aus Mazedonien) ein, wohl aber weniger aus aggressiven, sondern aus Bewegungsbedürfnissen heraus und weil sie laut werden wollen. Im Nu ist ein Geschimpfe und Gezerre im Gang, das sich sofort auf die ganze Klasse überträgt. Die Lehrerin schreit in das Chaos hinein: „Ich würde doch mal um Ruhe bitten!“

Klärung: Frau T. strahlt keine Ruhe aus und präverbal geht von ihr Hektik aus. Frau T. lernte in einer kollegiumsinternen Fortbildung einfache Konzentrationsübungen, die sie mit allen Schülern mehrmals während eines Schultages durchführen kann. Übungsbsp.: „Hände auf die Oberschenkel legen! Kinn auf die Brust! Bis 5 zählen!“.

[...]


[1] Der Name des Jungen ist geändert. Alter bei Erst-, Wiedervorstellung 11, 12 Jahre.

[2] Die Trennung selbst sei sehr dramatisch abgelaufen.

[3] Entsprechende Einstellungen zu Disziplinkonflikten gehen häufig auch von den Eltern aus. Hausärzte wirken hierbei in der Regel nur als ausführende Organe, die dem Elternwunsch entsprechen. Die übliche Antwort der Kinder- und Familienärzte auf Berichte der Mütter über „ADS“-Verhalten in der Schule oder zu Hause ist nach ads-kritik (2004): „Lassen Sie uns Ritalin versuchen und sehen, ob es funktioniert!“ [Ritalin wirkt jedoch bei jedem Menschen konzentrationsfördernd!]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zusammenhang zwischen Unterrichtsstörung und Kompetenz am Fallbeispiel 'Tobias'
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V32754
ISBN (eBook)
9783638334013
Dateigröße
996 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zusammenhang, Unterrichtsstörung, Kompetenz, Fallbeispiel, Tobias
Arbeit zitieren
Stefan Schwarzwälder (Autor), 2003, Zusammenhang zwischen Unterrichtsstörung und Kompetenz am Fallbeispiel 'Tobias', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32754

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