Die Historia Augusta ist wohl eines der umstrittensten Werke über die römischen Kaiser. Selten war es so schwer ein Werk zeitlich und schriftstellerisch in ein Gesamtschema einzuordnen, mit dem die meisten Gelehrten übereinstimmen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts schienen die im Werk gegebenen Angaben zu Autoren und Entstehungszeit weitestgehend richtig zu sein und es gab für die meisten keinen Grund diese Anzuzweifeln. Natürlich beschäftigten sich Gelehrte wie Casaubonus (1559 – 1626) oder Salmasius (um 1620) schon vor dieser Zeit mit den Scriptores Historiae Augustae, wie sie früher genannt wurden. Jedoch wurde erst ein Aufsatz von Dessau aus dem Jahr 1889 für die moderne Historia Augusta – Forschung wegweisend.
Er zweifelte die Angaben in diesem Werk an und entfachte dadurch eine große Diskussion. Es ist unmöglich im Folgenden alle verschiedenen Aspekte und Meinungen über dieses Werk aufzuführen, deshalb ist meine Arbeit als Gesamtüberblick zu sehen und nicht als präzise Darstellung jeder einzelnen These. Als Quellen habe ich die Historia Augusta verwendet. Während der Beschäftigung mit der Historia Augusta – Problematik zog ich auch die beiden anderen Geschichtswerke über diese Zeit, nämlich das von Cassius Dio und das von Herodian heran. Als Basisliteratur diente mir neben anderen Standartwerken vor allem die Kommentare über die Historia Augusta von Hartwin Brandt und Adolf Lippold. Zunächst werde ich mich den allgemeinen Informationen zur Historia Augusta widmen, um von diesen ausgehend die Problematik der Einordnung dieses Werkes darzulegen. Die öffentliche Bewertung des Werkes und die Ansichten über die zugrundeliegenden Quellen beschreibe ich danach. Schließlich möchte ich noch kurz die Bedeutung der Historia Augusta für die heutige Sicht der Commodusvita an zwei Beispielen hervorheben und über ein 1962 gegründetes Colloquium zur Historia Augusta Forschung berichten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Informationen zur Historia Augusta
3. Unklarheit über die Entstehungszeit und den Autor
a. Die Position Dessaus
b. Die Position Mommsens
c. Vielschichtige Meinungen
4. Öffentliche Bewertung der Historia Augusta
5. Quellenfrage
6. Die Historia Augusta als Quelle für die Vita des Commodus
a. Die Beschreibung des Sturzes Cleanders
b. Der Tod des Commodus
7. Colloquium zur Vorbereitung eines Kommentars der Scriptores Historiae Augustae und communis opinio
8. Zusammenfassende Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit bietet einen Gesamtüberblick über die komplexe Problematik rund um die Historia Augusta, wobei insbesondere die ungeklärte Autorschaft sowie die Entstehungszeit im Fokus stehen. Ziel ist es, die wissenschaftliche Debatte zu strukturieren und die Verlässlichkeit des Werkes anhand der Vita des Kaisers Commodus kritisch zu beleuchten.
- Historische Einordnung und Autorschaft der Historia Augusta
- Analyse der wissenschaftlichen Kontroversen (Dessau vs. Mommsen)
- Bewertung des Quellenwertes für die Regierungszeit von Commodus
- Diskussion über Fiktionen und literarische Absichten des Autors
- Einfluss der modernen Forschung und des Colloquiums von 1962
Auszug aus dem Buch
6. Die Historia Augusta als Quelle für die Vita des Commodus
Sehr schwer ist es den Wert der Historia Augusta als Quelle für das Leben des Kaiser Commodus zu ermessen. Durch viele, oben bereits ansatzweise erwähnte Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten in den Lebensbeschreibungen muss man äußerst vorsichtig die wahren Tatsachen von den Fiktionen unterscheiden. Verständlicher Weise wage ich es nicht, diese Unterscheidung vorzunehmen, bei der sich viele angesehene Gelehrte die Zähne ausbeißen. Allerdings möchte ich an hand von zwei Episoden aus der Kaiservita des Commodus auf einige Auffälligkeiten schließen.
6.1 Die Beschreibung des Sturzes Cleanders
Als erstes betrachte ich die Beschreibung des Sturzes des Cleanders, unter Commodus zunächst Kammerdiener, später sogar Prätorianerpräfekt, in der Historia Augusta im Gegensatz zu den Berichten bei Herodian oder Cassius Dio.
In der Historia Augusta wird Cleander als Mensch voller schlechter Eigenschaften dargestellt, der seine Ermordung absolut verdient hat. Dies geschieht in einer knappen Schilderung ohne zu viele dramatische Einflüsse, wie sie bei Cassius Dio vor allem aber bei Herodian zu finden sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die enorme Schwierigkeit, die Historia Augusta zeitlich und inhaltlich einzuordnen, und stellt die methodische Herangehensweise der Arbeit vor.
2. Allgemeine Informationen zur Historia Augusta: Dieses Kapitel liefert grundlegende Daten über das Werk, seine vermeintlichen Autoren und den historischen Kontext der Entstehung.
3. Unklarheit über die Entstehungszeit und den Autor: Hier werden die gegensätzlichen wissenschaftlichen Positionen von Dessau und Mommsen detailliert gegenübergestellt.
4. Öffentliche Bewertung der Historia Augusta: Dieses Kapitel befasst sich mit dem zwiespältigen Ruf des Werkes zwischen historischer Quelle und literarischer Fiktion.
5. Quellenfrage: Eine Untersuchung der zugrunde liegenden Quellen und Arbeitsweisen des Autors, wobei auch der Vergleich zu Werken wie dem des Herodian gezogen wird.
6. Die Historia Augusta als Quelle für die Vita des Commodus: Die Arbeit prüft anhand des Sturzes von Cleander und des Todes von Commodus den informativen Wert der Historia Augusta.
7. Colloquium zur Vorbereitung eines Kommentars der Scriptores Historiae Augustae und communis opinio: Vorstellung des 1962 gegründeten Forschungsgremiums und der aktuellen wissenschaftlichen Konsensmeinung.
8. Zusammenfassende Schlussbemerkung: Ein Resümee über die anhaltende wissenschaftliche Unsicherheit bezüglich der Hintergründe des Werkes.
Schlüsselwörter
Historia Augusta, Commodus, Antike, Historische Quellenkritik, Autorschaft, Dessau, Mommsen, Kaiserbiografie, Cleander, Römische Geschichte, Quellenforschung, Anachronismen, Spätantike, Fiktion, Historiographie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die historische Problematik rund um die Historia Augusta, ein hochumstrittenes Geschichtswerk der römischen Kaiserzeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Fragen nach der Autorschaft, dem Entstehungszeitraum sowie dem Quellenwert für die Biografie des Kaisers Commodus.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu geben und die Schwierigkeiten bei der Unterscheidung von Fiktion und historischen Fakten im Werk aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen vergleichenden Ansatz, indem sie die Darstellungen der Historia Augusta mit Berichten zeitgenössischer Geschichtsschreiber wie Herodian und Cassius Dio kontrastiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit der Autorschaftsdebatte und eine praktische Fallanalyse zu den Ereignissen um Commodus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Historia Augusta, Quellenkritik, Autorschaft, Commodus, Geschichtsforschung und historische Fiktion.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Cleander-Sturzes?
Im Gegensatz zu Herodian oder Cassius Dio verzichtet die Historia Augusta auf detaillierte dramatische Ausführungen und konzentriert sich primär auf die Charakterisierung des Cleander als moralisch verwerfliche Person.
Warum ist der Tod des Commodus in der Historia Augusta schwer einzuschätzen?
Das Werk bleibt in diesem Abschnitt sehr kurz und bedeckt, was eine genaue Rekonstruktion der Ereignisse im Vergleich zu anderen Quellen deutlich erschwert.
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- Hans-Peter Schneider (Author), 2003, Über die 'Historia Augusta', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32794