Die Rezeption des armen Heinrich bei den Brüdern Grimm - Volksbuch und Spiegel der Zeit


Seminararbeit, 2004

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsangabe

I. Hinführung mit Erörterung der Fragestellung

II. Entstehungsgeschichte der Grimmschen Rezeption

III. Die Intentionen der Grimms und die Wirkung der Edition auf die Nachwelt

IV. Die Rezeption der Brüder Grimm
A) Übersetzungsstreit zwischen den Brüdern
B) Die Würdigung der Übersetzung
C) Textstellen zur Verdeutlichung des Rezeptionsvorgangs der Brüder Grimm
1) Auffälligkeiten in der Übersetzung bei den Brüdern Grimm
2) Interpretation einiger oben genannter Textstellen aus der Grimm Edition
a) Zu Textstelle a und c
b) Zu Textstelle e
c) Zu Textstellen g, i, j und k
D) Allgemeines zur Übersetzung

V. Volksbuch und Volkspoesie

VI. Interpretationsversuch zur Grimm Edition

VI. Abschließende Würdigung

VIII. Primär- und Sekundärliteraturverzeichnis
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

I. Hinführung mit Erörterung der Fragestellung

Wenn man etwas von den Brüdern Grimm hört, schießt jedem, egal ob alt oder jung, sofort der Gedanke an eine riesige Märchensammlung durch den Kopf, die ihresgleichen in Deutschland, vermutlich sogar in Europa sucht. Der ein oder andere denkt vielleicht noch an die Grimmsche Grammatik oder das Wörterbuch, da die grammatikalische Beschäftigung mit der deutschen Sprache auch ein bekanntes Betätigungsfeld der Brüder war. Die wenigsten werden bei dem Namen Grimm aber an die Rezeption eines mittelalterlichen Stoffes denken, nämlich an die des armen Heinrichs, ein Text, der im Mittelalter von Hartmann von Aue verfasst worden ist.

Dieses Werk war für die Brüder Jacob und Wilhelm eine der herausragendsten Schriften dieser Zeit und deshalb entschlossen sie sich, den Text in das Neuhochdeutsche zu übertragen. Trotz teilweise widriger Zeitumstände, begünstigt aber durch ihr großes, persönliches Interesse konnten sie Anfang des 18. Jahrhunderts ihre Fassung herausgeben, die zunächst auf einen geringen Leserkreis beschränkt war. Bald gelangte das Werk aber zu mehr Popularität in der Bevölkerung und konnte sich einer wachsenden Leserschaft erfreuen.

In der folgenden Seminararbeit möchte ich die Entstehungsgeschichte der Grimm- Edition nachzeichnen und äußere Umstände mit einbeziehen, die prägend auf das Werk eingewirkt haben könnten. Danach werde ich mich mit Charakteristika in Sprache und Stil anhand einiger Textstellen auseinandersetzen und einen Interpretationsversuch bestimmter Grimmscher Übersetzungsvarianten im Hinblick auf die gegebenen Zeitumstände wagen. Schließlich möchte ich noch kurz die Begriffe Volksbuch und Volkspoesie erläutern.

Als Quellengrundlage der Arbeit habe ich selbstverständlich den mittelalterlichen Text Hartmanns von Aue herangezogen und die Edition der Brüder Grimm. Besonders erwähnen möchte ich die Monographie Ursula Rautenbergs „Das Volksbuch vom armen Heinrich“, die mir als Hintergrundliteratur sehr nützlich war.

II. Entstehungsgeschichte der Grimmschen Rezeption

Erstmals veröffentlicht wurde die Edition des Armen Heinrichs der Brüder Grimm im Jahre 1815. Die Beschäftigung mit diesem Thema und die Gründe für die Herausgabe der Ausgabe ist nur im Blickwinkel des Zeitgeschehens zu verstehen. Deutschland war nach dem Zusammenbruch des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“ im Jahr 1806 noch stärker als zuvor von der Übermacht Frankreichs unter Napoleon beeinflusst. Als es erstmals im Herbst 1813 zu einer Niederlage Napoleons kam, konnten viele deutsche Kleinstaaten wieder in Freiheit existieren. Da jedoch Napoleon trotz der Niederlage zu keinem Friedensschluss bereit war, sammelten sich die Gegnerstaaten zu einem neuerlichen Feldzug gegen Frankreich. Hierbei wurden Carl und Ludwig Grimm, die beiden jüngeren Brüder von Jakob und Wilhelm, in das Heer eingezogen. Wilhelm, wegen seines schlechten Gesundheitszustandes und Jakob, der die Familie durchbringen musste, konnten nicht am Heerzug teilnehmen, wollten aber durch die Herausgabe dieses Werkes ihre Verbundenheit zur Truppe und ihre Unterstützung zeigen[1].

Die beiden riefen Ende 1813 zur Pränumeration, d.h. zur Vorbestellung des Buches mit Vorauszahlung, ihres noch nicht fertiggestellten Werkes auf und ließen in den von ihnen gewählten Worten keinen Zweifel an dem Zweck ihrer Rezeption:

„In der glücklichen Zeit, wo jeder dem Vaterlande Opfer bringt, wollen wir das altdeutsche schlichte, tiefsinnige und herzliche Buch vom armen Heinrich, worin dargestellt ist: wie kindliche Treue und Liebe Blut und Leben ihrem Herrn hingibt und dafür herrlich von Gott belohnt wird, neu herausgeben“[2].

Den Erlös, den sie durch den Verkauf des Werkes erhalten würden, wollten sie den Freiwilligen für den Feldzug zukommen lassen, um so, zumindest indirekt, ihre Unterstützung für diesen Krieg kundzutun.

Die meiste Arbeit an der Rezeption wird Wilhelm zugeschrieben, da Jakob seit Ende 1813 als Legationssekretär des hessischen Gesandten Graf Keller tätig war. Das Werk selbst versucht alle gebildeten Schichten der damaligen Zeit anzusprechen und der Wunsch der Menschen nach Befreiung und Neuordnung Deutschlands sollte eigentlich ein weiteres zur guten Verbreitung des Buches tun. Durch die Pränumeration stellte sich jedoch heraus, dass die gewünschte Resonanz ausblieb und sich die im Gegensatz zu den eigenen Ambitionen geringen Bestellungen vor allem auf den Bekanntenkreis der Grimms bezogen. Zu erklären ist die geringe Zahl der georderten Exemplare vor allem durch das mangelnde Interesse der Bevölkerung an mittelalterlichen Texten und an dem noch nicht so stark verbreiteten Ruhm der Grimms[3].

Im Sommer 1815 erschien schließlich die Edition der Brüder Grimm, also in einem gehörigen Abstand zum Pränumerationsaufruf. Da sich die politische Lage wieder beruhigt hatte, war der ursprüngliche Sinn einer Unterstützung des Heeres nicht mehr gegeben und Wilhelm spendete den Erlös dem Frauenverein.

III. Die Intentionen der Grimms und die Wirkung der Edition auf die Nachwelt

Wie oben bereits angeklungen, haben die Brüder Grimm natürlich mit der Wahl des „Armen Heinrich“- Stoffes bestimmte Absichten verbunden, von denen die drei entscheidenden nun herausgehoben werden sollen.

So wäre als erstes die politische Intention zu nennen, die sie sowohl in ihrem Pränumerationsaufruf als auch in ihrem Vorwort zu ihrer Rezeption deutlich erkennen lassen. Die Bevölkerung für den „Befreiungsschlag“ zu wappnen, den deutschen Patriotismus zu stärken und sie um Opferbereitschaft zu bitten, waren die entscheidenden Anliegen, die die Grimms in ihrer Edition vertreten wollten. Durch sprachliche und literarische Traditionen sollte dem deutschen Volk eine gemeinsame Identität vermittelt werden, die zu einer Festigung bzw. Erneuerung des Nationalbewusstseins führen sollte[4]. Ebenso die finanzielle Unterstützung, die sie für die Truppe anstrebten – auch wenn sie nicht erreicht wurde – zeigt das starke politische Interesse, das sie durch die Rezeption verfolgten.

Des weiteren ist das Bemühen der Grimms um die Wissenschaft hervorzuheben, das ihnen in ihrem Gesamtwerk immer zu eigen war. „Die Herausgabe eines wichtigen Werks der altdeutschen Poesie (nicht zuletzt auch in konservatorischer Absicht), die sorgfältigen Untersuchungen zu Sprache und Herkunft Hartmanns und das Aufspüren verwandter volkskundlicher Motive“[5] sind die erwähnenswerten Leistungen in diesem Zusammenhang, was aber mit Sicherheit nicht an heutigen wissenschaftlichen Maßstäben gemessen werden kann.

Auch war es den Brüdern Grimm ein Anliegen, einen bis auf wenige Ausnahmen nahezu vergessenen mittelalterlichen Stoff für die damalige Leserschaft wieder interessant zu machen. Das Interesse der Bevölkerung am Mittelalter zu wecken ohne jedoch eine unbedingte Übernahme damaliger Sitten anzustreben, war das Ziel der Autoren.

Dieser dritte Punkt hat sich auch im Unterschied zu den beiden vorher genannten, von denen sich der erste einerseits der veränderten politischen Situation beugen musste und der zweite andererseits einen geringen wissenschaftlichen Nutzen für die damalige Zeit hervorbrachte, durchgesetzt.

„Allein der dritte in der Ausgabe angelegte Aspekt hat als rezeptionssteuerndes Moment für die Wirkung des Armen Heinrich weitreichende Folgen gehabt und zur Popularität dieses Textes beigetragen, der vielleicht neben dem Nibelungenlied im 19. Jahrhundert zu den bekanntesten und beliebtesten Werken der mittelhochdeutschen Literatur gehört hat“[6].

Ob sich die Brüder Grimm der weit reichenden Folgen für zukünftige Rezeptoren bewusst waren, scheint fraglich zu sein, jedoch haben sie ein Modell geliefert, das für viele spätere Rezeptionen prägend wirkt und ihrem Wunsch nach einer Hinwendung zur Volksliteratur gerecht wird.

Ihre wissenschaftlichen Arbeiten zu Beginn ihrer Tätigkeit beschäftigen sich vor allem mit der volkskundlichen Germanistik[7]. Vor allem in ihren Kinder- und Hausmärchen zeigen die Brüder Grimm deutlich, dass Volkskunde und Germanistik eng zusammenwirken und sich gegenseitig beeinflussen. Aus dieser Verbundenheit heraus entstand die so genannte Volksliteratur[8].

[...]


[1] Vgl. Ursula Rautenberg, Volksbuch vom Armen Heinrich, S. 108f.

[2] Wilhelm Grimm, Kleinere Schriften, Bd. 2, S. 504.

[3] Vgl. Ursula Rautenberg, Volksbuch vom Armen Heinrich, S. 110ff.

[4] Vgl. Horst Dieter Schlosser, dtv-Atlas zur deutschen Literatur, S. 145.

[5] Ursula Rautenberg, Volksbuch vom Armen Heinrich, S. 123.

[6] Ebd. S. 124.

[7] Vgl. Ludwig Denecke, Jacob Grimm, S. 63ff.

[8] Vgl. Horst Dieter Schlosser, dtv-Atlas zur deutschen Literatur, S. 183.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption des armen Heinrich bei den Brüdern Grimm - Volksbuch und Spiegel der Zeit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V32814
ISBN (eBook)
9783638334372
ISBN (Buch)
9783638842778
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezeption, Heinrich, Brüdern, Grimm, Volksbuch, Spiegel, Zeit
Arbeit zitieren
Hans-Peter Schneider (Autor), 2004, Die Rezeption des armen Heinrich bei den Brüdern Grimm - Volksbuch und Spiegel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32814

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