Vergleichende Rezension zu: Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert und Explaining International Relations Since 1945


Hausarbeit, 2004
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Formale Aspekte
2.1. Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert
2.2. Explaining International Relations Since 1945

3. Ernst-Otto Czempiel. Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert
3.1. Von der Staatenwelt zur Gesellschaftswelt
3.2. Gewaltursachen beseitigen
3.3. Strukturen verändern
3.4. Bürgerkriege befrieden
3.5. Den Krieg austrocknen

4. Ngaire Woods: Explaining International Relations Since 1945
4.1. Geschichte, Theorie und Sozialwissenschaften in der Lehre der IB
4.2. Der Kalte Krieg in Europa
4.3. Andere Regionen und Staaten
4.4. Internationale Organisationen

5. Kritik und Schlussbemerkung

6. Literatur

1. Einleitung

Ernst-Otto Czempiel erklärt im Vorwort seines Buches „Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert“, dass der Ost-West-Konflikt die „Wirtschaft und Gesellschaft zwischen Vancouver und Wladiwostok, im Euro-Atlantik, derartig verändert [hat], dass die Außenpolitik ihren neuen Grundlagen angepasst werden muss.“[1] Es soll dargestellt werden, „welche Außenpolitik in Zukunft möglich, nötig und erfolgreich sein wird,“[2] wobei sich das Buch an die Öffentlichkeit[3] richtet, da die Außenpolitik nach Czempiels Meinung, der letzte Sachbereich ist, „auf dem sich die Politik weitgehend unkontrolliert noch bewegen kann.“[4]

Im Vorwort des Buches „Explaining International Relations Since 1945“ kritisiert Autor Ngaire Woods, dass Geschichtswissenschaft und die Theorien der Internationalen Beziehungen in der Lehre der Internationalen Beziehungen (IB)[5] oft separat behandelt werden.[6] Daher konzipierte Woods sein Werk „as a small step in the direction of drawing history and theory together“[7].

Die vergleichende Rezension soll die Konzeption der beiden Werke verdeutlichen und Unterschiede herausstellen. Anschließend soll ein kurzer inhaltlicher Abriss zu erkennen geben, was die Bücher bieten und wo Schwerpunkte in der Darstellung liegen.

2. Formale Aspekte

2.1. Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert

Czempiels Buch ist in 5 Kapitel gegliedert, von denen jedes aus mehreren Einzelkapiteln besteht.

Das erste Kapitel befasst sich mit den Veränderungen der internationalen Politik seit dem Ende des Ost-West-Konflikts. Hauptmerkmal dieser Entwicklung ist nach Czempiel die Entwicklung von einer Staatenwelt zur Gesellschaftswelt[8]. Im zweiten Kapitel werden internationale Organisationen wie die NATO, die EU und die UNO seit Ende des Ost-West-Konflikts beschrieben sowie ihre Handlungsfelder definiert. Czempiel gibt dabei Reformvorschläge für alle drei Organisationen in ihrer Struktur, aber auch in ihren Handlungsspielräumen. Das dritte Kapitel ist dem Thema Bürgerkrieg gewidmet und wie die Staatenwelt heute noch auf solche Konflikte reagiert und wie die Gesellschaftswelt reagieren sollte. Dabei erklärt Czempiel zunächst, wie Bürgerkriege und auch Terrorismus von Anfang an verhindert werden können, aber auch wie vorzugehen ist, wenn es bereits zu einer offenen Auseinandersetzung gekommen ist. Czempiel geht dabei gedanklich recht neue Wege, wenn er dass Gewaltmonopol der UNO in Frage stellt und auch anderen Organisationen die Anwendung von Gewalt zugesteht.[9]

Kapitel vier trägt die Überschrift „Den Krieg austrocknen“. Darin erklärt Czempiel, wie man der „Realismusfalle“[10] entkommen kann und welche praktischen Schritte notwendig sind, um mehr Sicherheit im internationalen Staatensystem zu erzeugen.

Das fünfte Kapitel befasst sich mit den Erfordernissen für die Erhaltung und Sicherung von Frieden und dem Ausbau von Handel und Wohlstand. Czempiel geht dabei zunächst auf Europa und die atlantische Gemeinschaft den ein und danach auf „die anderen Regionen“[11] der Welt. Eine genauere bzw. ausführlichere Darstellung der von ihm geforderten Kooperation in „anderen Regionen“ der Welt wäre hierbei wünschenswert und wohl auch interessant gewesen.

Abgeschlossen wird das Werk von einem Resümee, in dem Czempiel die Politik auffordert, sich auf die geänderten Grundlagen von Außenpolitik in der Gesellschaftswelt anzupassen.[12]

2.2. Explaining International Relations Since 1945.

Woods Buch folgt einem anderen Aufbau. Insgesamt 16 Autoren haben zu den verschiedenen Themengebieten Kapitel verfasst, die alle unter dem Aspekt der Verknüpfung von politischer Theorie und historischen Geschehnissen stehen. Jedoch ist das Verhältnis von Geschichte und politischer Theorie recht unterschiedlich. So wird die Geschichte des Kalten Krieges und der Einfluss der Sowjetunion in Europa chronologisch sehr detailliert abgehandelt, der Theoriebezug tritt dabei aber ganz in den Hintergrund. Anders dagegen das letzte Kapitel von George Downs und Peter Barsoom, die das Thema der Abrüstung und Rüstungskontrolle auf sehr theoretischem Niveau behandeln und den Bezug zu den realen Verhandlungen wie SALT 1+2 sowie START manchmal stark vernachlässigen.

Das erste Kapitel, mit drei von verschiedenen Autoren verfassten Teilen, lässt das Werk zu Anfang recht trocken erscheinen. Die Autoren erschöpfen sich in der Diskussion, ob Geschichte und Internationale Beziehungen wirklich Wissenschaften sind und ob man sie miteinander verknüpfen kann[13], was dem Lesefluss des ersten Kapitels keinesfalls zuträglich ist.

Im zweiten Kapitel, das in 5 Unterkapitel gegliedert ist, beschreiben die Autoren den Kalten Krieg aus verschiedenen Blickwinkeln und Fragestellungen.

Das dritte Kapitel behandelt die Gründe für die Dekolonisierung Afrikas seit 1945, die Ursprünge des israelisch-arabischen Konflikts, die „Auferstehung“ Japans nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die verschiedenen Ausprägungen der Außenpolitik der VR China.

Das abschließende Kapitel behandelt, ähnlich wie Czempiels Buch, die Organi- sationen EU, UNO und NATO sowie die Rüstungskontrolle. Nach der doch sehr umfangreichen Einleitung wäre jedoch auch ein Resümee wünschenswert gewesen, ob eine Verbindung von Geschichtswissenschaft und der Lehre der IB fruchtbar ist.

3. Ernst-Otto Czempiel: Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert

3.1. Von der Staatenwelt zur Gesellschaftswelt

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und der Selbstauflösung des Warschauer Paktes haben sich die Bedingungen der internationalen Politik, jedenfalls im atlantischen Raum, maßgeblich verändert.[14] Jedoch hat der Westen daraus keine Konsequenzen für die Entwicklung einer modernen Außenpolitik gezogen.[15] Nach Czempiels Meinung, verlangt die immer engere internationale Kooperation in Organisationen wie der EU oder der OSZE nicht mehr nach der klassischen Außenpolitik der Staatenwelt, die durch Machtvergrößerung und Machtdemonstration gekennzeichnet war.[16] Vielmehr ist in den OECD-Staaten eine Gesellschaftswelt entstanden, in der sich die Gesellschaft von ihrem politischen Herrschaftssystem emanzipiert hat. Dieser Prozess „hat dem Politischen System das außenpolitische Monopol genommen und zahlreiche bedeutende und starke gesellschaftliche Akteure freigesetzt, die ihre eigenen Interaktionen mit der internationalen Umwelt unterhalten…“.[17] Czempiel beschränkt die Gesellschaftswelt jedoch nicht nur auf die demokratischen und hochentwickelten OECD-Staaten, sondern sieht auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern die Tendenz zur Entwicklung einer vom politischen System emanzipierten Gesellschaft, wenn auch meist in anderer Form, Ausprägung und Entwicklungsstufe.[18] Charakterisiert wird die internationale Politik in der Gesellschaftswelt durch die große Interdependenz der Staaten. Ereignisse oder Entscheidungen des einen Staates haben Auswirkungen auf einen anderen Staat und somit auch auf dessen Gesellschaft. Wegen der großen Vorteile, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet, wird die Interdependenz der westlichen Staaten oft als „Relationship costly to break“ bezeichnet, als Beziehung also, deren Unterbrechung den Staat teuer zu stehen kommen wird.[19] Aus der Einsicht der vorteilhaften Interdependenz entstand schließlich der Entschluss zur Kooperation in Organisationen wie der Montanunion und später der EU. Die Staatsgrenzen stellen nur noch Verwaltungsbereiche dar, begrenzen aber nicht mehr die Politik. Czempiel geht sogar soweit, dass er dem heutigen europäischen Staat mittlerer Größe funktionale Handlungsunfähigkeit vorwirft, weil er durch die Interdependenz unterlaufen und überwölbt wurde.[20] Eine genaue Erklärung dieser „funktionalen Handlungsunfähigkeit“ bleibt der Autor jedoch schuldig. Weder Beispiele noch Denkmodelle untermauern seine These des „unterlaufenen“ und „überwölbten“ Staates.

Gegen Ende des ersten Kapitels stellt Czempiel die Leitfrage seines Buches. Wie muss Außenpolitik in der internationalen Politik aussehen, in der sich das gesellschaftliche Umfeld mit seiner internationalen Umwelt verwoben hat?[21]

Frieden erzeugen und Wohlstand vermehren sind Czempiels Antworten auf diese Frage, die er in den weiteren Kapiteln näher erläutert.

[...]


[1] Vgl.: Ernst-Otto Czempiel. Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert. München 1999. S. 11.

[2] Vgl.: Czempiel S. 11.

[3] Vgl.: Czempiel S. 11.

[4] Vgl.: Czempiel S. 11.

[5] Die Internationalen Beziehungen als Forschungsbereich sollen im weiteren Verlauf der Arbeit entweder als IB abgekürzt werden, oder groß geschrieben werden. Woods schreibt internationale Beziehungen klein, meint damit aber auch den Forschungsbereich.

[6] Vgl.: Ngaire Woods. International Relations Since 1945. Oxford, New York 1996. S. 1

[7] Vgl.: Woods, Ngaire. Explaining International Relations Since 1945. Oxford, New York 1996.

[8] Vgl.: Czempiel S. 41.

[9] Vgl.: Czempiel S.160.

[10] Die Realismusfalle bezeichnet den Mechanismus, dass das ständige Ansammeln von Machtmitteln zur Erhaltung und Erweiterung der eigenen Sicherheit schließlich das Gegenteil des ursprünglichen Ziels bedingt, nämlich gesteigerte Unsicherheit, weil diese politik von anderen Akteuren als Bedrohung empfunden wird und sie ihrerseits zum Aufrüsten veranlasst, um den vormaligen Machtanspruch wiederzuerlangen und auszubauen. Diese Spirale resultiert schließlich in Machtakkumulation, Machtwettstreit und schließlich in tatsächlicher Gewaltanwendung. Vgl.: Czempiel S. 82.

[11] Vgl.: Czempiel S.235.

[12] Vgl.: Czempiel S. 244.

[13] Vgl.: Woods, Ngaire : The Use of Theory in the Study of International Relations. Oxford, New York 1996. S. 22.

Vgl.: Gaddis, John Lewis. History, Science, and the Study of International Relations. In: Woods, Ngaire. Explaining International Relations Since 1945. Oxford, New York 1996. S. 22.

Vgl.: Muesquita, Bruce Bueno de. The benefit of a Social-Scientific Approach to Studying International Affairs. In: Woods, Ngaire. Explaining International Relations Since 1945. Oxford, New York 1996. S. 36, 38, 56.

[14] Vgl.: Czempiel S. 17.

[15] Vgl.: Czempiel S. 19.

[16] Vgl.: Czempiel S. 17.

[17] Vgl.: Czempiel S. 45.

[18] Vgl.: Czempiel S. 41.

[19] Vgl.: Czempiel S. 46.

[20] Vgl.: Czempiel S. 69.

[21] Vgl.: Czempiel S. 70.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Vergleichende Rezension zu: Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert und Explaining International Relations Since 1945
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Internationalen Beziehungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V32820
ISBN (eBook)
9783638334433
ISBN (Buch)
9783656302872
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleichende, Rezension, Kluge, Macht, Aussenpolitik, Jahrhundert, Explaining, International, Relations, Since, Einführung, Internationalen, Beziehungen
Arbeit zitieren
Bernd Reismann (Autor), 2004, Vergleichende Rezension zu: Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert und Explaining International Relations Since 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32820

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