Kontrollüberzeugung und die Rezeption von Medieninhalten


Magisterarbeit, 1999

138 Seiten, Note: 1,75


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundbegriffe der rezipientenorientierten Forschung
2.1 Vom Publikum zum aktiven Rezipienten
2.1.1 „ Audiences“ als Konstrukt
2.1.2 Die Konzeption des aktiven Rezipienten
2.2 Rezeption und Text
2.2.1 Rezeption von M edieninhalten
2.2.1.1 M otive für die Rezeption
2.2.1.2 Das „ Wie“ der Rezeption
2.2.2 Text und Polysemie des Textes
2.3 Fazit

3 Die Rezeptionsforschung
3.1 Der Gegenstand der Rezeptionsforschung
3.2 Ausgewählte Forschungsansätze
3.2.1 Cultural Studies
3.2.2 Die Geschlechterforschung
3.2.3 Der rezipientenorientierte Ansatz
3.3 Fazit

4 Die M essung von Rezeption
4.1 Rezipientenvariablen als dominante Wirkfaktoren
4.1.1 Situative Faktoren
4.1.2 Soziale Faktoren
4.1.2.1 Lebensalter
4.1.2.2 Soziales Geschlecht
4.1.2.3 Lebensstil und Lebenswelt
4.1.3 Psychische Faktoren
4.2 Messung der Wahrnehmung von M edieninhalten
4.3 Fazit

5 Das Konstrukt der Kontrollüberzeugung in der Rezeptionsforschung
5.1 Das Konstrukt der Kontrollüberzeugung
5.1.1 Die soziale Lerntheorie von Julian Rotter
5.1.2 Bedeutung der Kontrollüberzeugung
5.1.3 M essung der Kontrollüberzeugung
5.1.4 Unterschiede zwischen internen und externen Kontrollüberzeugungen
5.2 Die Bedeutung der Kontrollüberzeugung für die Rezeptionsforschung
5.2.1 Die Kontrollüberzeugung in der Kommunikationswissenschaft
5.2.2 Rolle der Kontrollüberzeugung bei der Rezeption von M edieninhalten
5.3 Fazit

6 Untersuchungsziel und Hypothesen
6.1 Untersuchungsziel
6.2 Hypothesen

7 Methode und Untersuchungsdesign
7.1 Wahl der M ethode
7.2 Genereller Untersuchungsablauf
7.3 M essung der Kontrollüberzeugung
7.4 Darstellung der Befragtengruppe
7.4.1 Bildung der Versuchsgruppe
7.5 Untersuchungsdesign
7.5.1 Befindlichkeitstest
7.5.2 Auswahl der Fernsehausschnitte
7.5.2.1 Nachrichten: ARD Tagesschau („ Konjunkturprognose 1999“ und „ Übernahmegerüchte zurückgewiesen“ )
7.5.2.2 Werbung: „ VO LKSWAGENBANK direct“
7.5.2.3 Spielfilmausschnitt 1: „ Vampyr“
7.5.2.4 Spielfilmausschnitt 2: Szene „ Tischtennis“
7.5.2.5 Spielfilmausschnitt 3: Szene „ Abendessen“
7.5.3 Fragebögen zur Fernsehnutzung, -bewertung und -rezeption
7.5.3.1 Fragen zur Fernsehnutzung
7.5.3.2 Fragen zur Fernsehbewertung
7.5.3.3 Fragen zur Fernsehrezeption
7.5.3.4 Reliabilität und Validität
7.6 Versuchsdurchführung

8 Ergebnisse
8.1 Die Verteilung der Kontrollüberzeugung innerhalb der Befragtengruppe
8.2 Ergebnisdarstellung des Hauptversuchs
8.2.1 Erste Eindrücke bei der Versuchsdurchführung
8.2.2 Fernsehnutzung und -bewertung (1. Fragebogen)
8.2.2.1 Fernsehnutzung
8.2.2.2 Einstellungen und M einungen zum Fernsehen
8.2.3 Rezeption der Nachrichtenbeiträge (2. Fragebogen)
8.2.4 Rezeption der Werbung (3. Fragebogen)
8.2.5 Rezeption von „ Vampyr“ (4. Fragebogen)
8.2.6 Rezeption der Szene „ Tischtennis“ (5. Fragebogen)
8.2.7 Rezeption der Szene „ Abendessen“ (6. Fragebogen)

9 Diskussion und Zusammenfassung der Ergebnisse

10 Schlußbetrachtung

11 Literaturverzeichnis

Anhang

Inhaltsverzeichnis Anhang

Lebenslauf

Eidesstattliche Erklärung

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit siedelt sich im Bereich der Rezeptionsforschung in der Kommuni- kationswissenschaft an. Die Rezeptionsforschung richtet bei der Betrachtung von Prozessen der Massenkommunikation ihren Blick vor allem auf die Rezipienten, die als aktiv handelnd angesehen werden. Aktiv ist der Rezipient einerseits hinsichtlich der Entscheidung, welchen Medienreizen er sich wie stark aussetzt, andererseits kann die Aktivität des Rezipienten auch in dem Sinne aufgefaßt werden, daß Medienrezeption an sich aktives soziales Handeln be- deutet. Diese Vorstellung geht davon aus, daß Medienrezeption für das soziale System und die Persönlichkeit der Rezipienten von Bedeutung ist und eine soziale Interaktion darstellt.1

Eine Konsequenz dieser Betrachtung der Massenkommunikation ist die Erkenntnis, daß die Bedeutung, die durch Medieninhalte vermittelt wird, erst im Moment der Rezeption ent- stehen kann. Zwar lenken Medieninhalte die Art ihrer Interpretation, letztendlich konstruie- ren die Rezipienten durch ihre individuelle Art der Rezeption aber selbst die Bedeutung dieser Inhalte. So existieren auf der Seite der Rezipienten zahlreiche soziale, kulturelle und psychische Dispositionen, die spezifische Rezeptionsstile nach sich ziehen. Vor allem der Einfluß sozialer Dispositionen auf die Rezeption von Medieninhalten wurde in der rezipien- tenorientierten Forschung oftmals untersucht. In der Rezeptionsforschung besteht zwar Ü- bereinstimmung hinsichtlich der Notwendigkeit, auch die Relevanz der psychischen Dispositionen zu erforschen, bisher liegen dazu jedoch nur wenige Untersuchungen vor.

Die vorliegende Arbeit möchte die Bedeutung eines Persönlichkeitsmerkmals– der Kon- trollüberzeugung – in ihrer Wirkung auf die Rezeption von Medieninhalten untersuchen. Die Art der Kontrollüberzeugung reflektiert bei Individuen entweder das Gefühl, selbst Kontrolle ausüben und Ereignisse bewirken zu können, oder das Empfinden von außen (wie durch Glück oder Schicksal) beeinflußt zu werden.

Im theoretischen Abschnitt der vorliegenden Arbeit sollen zunächst die Grundbegriffe der rezipientenorientierten Forschung erläutert und der Bereich der Rezeptionsforschung vorge- stellt werden. Daraufhin sollen die Rezipientendispositionen beschrieben werden, die einen wesentlichen Einfluß auf die Rezeption von Medieninhalten ausüben, und es soll die Frage ihrer Meßbarkeit behandelt werden. Im Anschluß daran wird das Konstrukt der Kontroll- überzeugung und seine Bedeutung für die Rezeptionsforschung diskutiert.

Im empirischen Bereich soll schließlich ein Versuch den Einfluß der Kontrollüberzeugung auf die Rezeption von Medieninhalten untersuchen.

2 Theoretische Grundbegriffe der rezipientenorientierten Forschung

Bevor ein Überblick über das Feld der rezipientenorientierten Forschung gegeben wird (vgl. 3. S. 18), sollen hier die dafür wesentlichen Grundbegriffe vorgestellt und ihre theoreti- schen Dimensionen abgegrenzt werden. So werden nun verschiedene theoretische Konzepti- onen des „Publikums“ zur Definition des „aktiven Rezipienten“ hinführen und im Anschluß die Begriffe „Rezeption“ und „Text“ beschrieben werden.

2.1 Vom Publikum zum aktiven Rezipienten

Will Teichert schreibt in seinem vielzitierten Aufsatz „Fernsehen als soziales Handeln“ zur Entwicklung der Publikumstypologien: „Jede Untersuchung, jede theoretische Überle- gung zur Wirkung von Massenmedien enthält – implizit oder explizit – ein Modell von der sozialen Existenz oder: Wirklichkeit des Rezipienten.“2 So existiert mittlerweile eine große Zahl von Definitionen des Publikums der Massenmedien, die dieses je nach ihrer Entste- hungszeit und ihrem Zweck tendenziell als „homogene Masse“ bis als „Ansammlung von aktiven Individuen“ begreifen.3

Von der theoretischen Vorstellung des Publikums als „homogene Masse“ ausgehend kann jedoch nur wenig über das konkrete Verhalten der einzelnen Zuschauer ausgesagt werden:

„They may change the channel, turn off the TV set, or exit the viewing area. Subsequently, TV viewers may remember some of the content and their economic, social, political, and intellectual behaviour may be influenced.“4 Betrachtet man nun hingegen einzelne Rezipien- ten in ihren sozialen, psychologischen und kulturellen Kontexten, so wird deutlich, welch vielfältige Faktoren bei der Rezeption von Medieninhalten zusammenwirken.

Im folgenden soll kurz auf die theoretischen Positionen zur Publikumsbetrachtung einge- gangen werden und der Wechsel vom Konzept des Publikums als „amorphe Masse“ zur Vor- stellung von unterschiedlichen Publika aus aktiven Rezipienten skizziert werden.

2.1.1 „Audiences“ als Konstrukt

Eine mögliche und für die Medienwirkungsforschung lange Zeit relevante Perspektiveauf das Publikum der Massenmedien war die Vorstellung einer passiven Masse:

„Initially, the audience was perceived as an undifferentiated mass, as a passive target for persuasion and information, waiting for media messages to come along so the audience members could respond to them in a quite uniform, foreseeable manner.“5

Diese Sichtweise stellt die Medien in den Vordergrund und ordnet das Publikum diesen un- ter. Einerseits wurden vor diesem theoretischem Hintergrund Medienwirkungen auf das Pub- likum untersucht, anderseits bedienen sich vor allem Studien, die von marktwirtschaftlichen Interessen geleitet sind, auch heute noch – mehr oder weniger – dieser Perspektive auf das Publikum:

„Under this model it is usually sufficient to know what media offerings have captured people’s atten- tion, (...), what they are likely to consume tomorrow, and over the long haul, how media must adapt if they are to maintain an audience.“6

Ein Problem dieser Sichtweise ist, daß das Publikum von Massenmedien als ganzes nicht direkt beobachtbar ist und so als abstrakter Begriff der Wissenschaft und Markforschung kein soziales Kollektiv befriedigend beschreiben oder definieren kann. So gab es immer wieder Bestrebungen, diese Perspektive auf das Publikum zu modifizieren. Eine Art Paradigmen- wechsel leiteten Elihu Katz und David Foulkes 1962 ein, als sie mit ihrem „Uses-and- Gratification-Ansatz“ (vgl. auch 3 S. 18) den Blickpunkt von den Medien auf das Publikum richteten: „This is the approach that asks the question, not ‘What do the media do to people?’ but rather ‘What do people do with the media?’“.7 Zu dieser Zeit änderte sich die Vorstellung vom passiven Publikum, das starken Medienreizen ausgesetzt ist, zu der von aktiveren und selektiv auswählenden Nutzern von Medieninhalten. Zehn Jahre später beschrieb Will Tei- chert, daß sich Fernsehzuschauer nicht in allgemeine Kategorien eingliedern ließen und stellte fest, daß der Prozeß der Rezeption von Medieninhalten aktiver verlaufe, als bislang ange- nommen wurde.8 In der Folge etablierten sich ausgehend vom Konzept des aktiven Rezipien- ten neue Forschungstraditionen, die eigene Publikumsdefinitionen entwickelten (wie zum Beispiel Cultural Studies, vgl. 3.2.1 S. 20). Das Publikum erfährt hier die Bedeutung von sinnproduzierenden Gruppen: „Like cultural studies, reception analysis speaks of media mes- sages as culturally and generically coded discourses, while defining audiences as agents of meaning production.“9

Eine weitere Perspektive, die Massenkommunikation als soziales Handeln betrachtet, geht davon aus, daß Massenmedien Informationen anbieten, die von Zuschauern individuell interpretiert werden.10 Dieses Publikum kann nicht mehr wie bisher nur quantitativ statistisch erfaßt werden – mit qualitativen Methoden nähert man sich diesem „neuen Zuschauer“, der mit seinen Vorstellungen und Bedürfnissen, eingebettet in seinen sozialen, psychologischen und kulturellen Lebens- und Alltagskontext, in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt: „We- niger wichtig ist, was und wie oft im Fernsehen geschaut wird, wesentlicher ist die Beziehung zwischen TV-Apparat (und seinen Inhalten) und seinen ZuschauerInnen.“11 So geht die alte Frage „What do people do with the media?“ (siehe oben) allmählich in die Frage über: „Was bedeutet es, Medien zu nutzen?“

Ien Ang stellt in ihrem wegweisenden Buch „Desperately Seeking the Audience“ in An- lehnung an Michel Foucaults Machtbegriff dar, daß die Definition des Fernsehpublikums ein Konstrukt der mächtigen Institutionen ist (gemeint sind die Fernsehindustrie und die diese unterstützende Politik), die Fernsehzuschauer durch die Definition des Publikumbegriffes kontrollieren, um ihre eigenen kommerziellen Interessen zu wahren.12 Ein passives Publi- kum, das eine Masse darstellt, braucht man eben nicht in Entscheidungsprozesse einzubezie- hen; es ist ausreichend, diesem ein Programm vorzusetzen und im Anschluß daran zu messen, wie groß die Zuschauerbeteiligung war.

Zumindest ein Teil der Kommunikationswissenschaft wählt eine andere Perspektive und richtet seinen Blick auf den aktiven Rezipienten. Fraglich ist nur, ob der Begriff des Publi- kums hier noch Verwendung finden kann:

„It may well be that we have reached the end of the age of the mass media audience and that it is no longer a useful term for purposes of theory. There are simply too many varieties of ‘sets of receivers’ for diverse kinds of communication, and too much fragmentation and individualization of media use, for a single concept to capture the diversity.“13

2.1.2 Die Konzeption des aktiven Rezipienten

Wie eben dargestellt, besteht ein Problem bei der Definition des Publikums von Mas- senmedien darin, daß der Publikumsbegriff keine einzelnen Personen in ihrer „realen“ Re- zeptionssituation abbilden oder erklären kann. Das Konzept eines „aktiven Rezipienten“ kann sich der Wirklichkeit eines Individuums bei der Beschäftigung mit Medien besser annä- hern. In diesem Abschnitt soll veranschaulicht werden, wie man sich diese „Aktivität“ von Rezipienten vorstellen kann.

Zunächst wurde Massenkommunikation als ein einseitiger Kommunikationsakt begriffen, bei dem keine direkte Interaktion zwischen Kommunikator und Informationsempfänger möglich ist, da beide nicht räumlich oder virtuell verbunden sind. Diese Sichtweise läßt sich auf das „Stimulus-Response-Modell“ zurückführen, das Massenkommunikation als einfache Wirkkette begreift:

„[D]ie Rezipienten erscheinen darin als eine Art Spielbox, die beim Einwerfen einer Münze eine be- stimmte Melodie ausspucken. Die Wirkungen des Massenmediums sind in diesem Modell garantiert, der Kommunikator kann quasi beliebig über Wirkungen und damit über die Rezipienten verfügen.“14

Diese Ansicht war aber nicht haltbar. Im Rezipienten selber spielen sich gerade bei der und durch die Aufnahme von Medieninhalten komplexe Prozesse ab, die sich einerseits auf ihn persönlich auswirken und andererseits auf seine Art, mit Medien umzugehen, Einfluß neh- men. Diese sind gerade nicht durch einfache Wirkketten erklärbar: So ist der Rezipient, nachdem er eine bestimmte Medienbotschaft aufgenommen hat, nicht mehr derselbe wie davor. Sein Wissen, sein Interesse und seine Erwartungen an ein bestimmtes Medium oder dessen Inhalte haben sich verändert.15

Geht man noch davon aus, daß der Rezipient eine Autonomie bei der Aufnahme von Medieninhalten besitzt (die schon durch die Entscheidung gegeben ist, sich bestimmten Me- dien auszusetzen), lassen sich nach Frank Biocca verschiedene Aktivitätsarten beschreiben:16

Aktivität bedeutet zunächst selektive Zuwendung zu einem Medium, seinem Programm und seinen Inhalten („Selectivity“). H iermit können auch die Prozesse der selektiven Wahr- nehmung und des selektiven Gedächtnisses erfaßt werden. Das Konzept der Selektivität läßt sich um den Aspekt des Nutzens für den Rezipienten ergänzen („Utilitarianism“). Dabei wird davon ausgegangen, daß der Mediennutzer bewußt seine Motive und Bedürfnisse durch Auswahl bestimmter Medieninhalte befriedigen kann.

Des weiteren kann eine kognitive Form der Aktivität beschrieben werden, bei der Perso- nen durch individuelle Schemata Informationen der Medien aufnehmen und strukturieren („Intentionality“). „Involvement“ wiederum charakterisiert die bewußte Möglichkeit des Re- zipienten sich mehr oder weniger stark auf Medieninhalte einlassen zu können. Schließlich bezieht sich „Imperviousness to influence“ auf die Fähigkeit des Mediennutzers, Medienwir- kungen aktiv zu limitieren, zu kontrollieren und zu beeinflussen.

Ein weiterer Aspekt bei der Konzeption des aktiven Rezipienten ist nach Teichert,

„...daß auch das zunächst passiv konzipierte ‘Rezipieren’ durchaus aktives soziales Handeln darstellt, das von Bedeutung ist für das aktuelle soziale System, in dem sich der Rezipient in der Aufnahmesitua- tion bewegt, und für die soziale Persönlichkeit des Rezipienten.“17

Auf der persönlichen Ebene des Rezipienten findet also bei der Aufnahme von Medieninhal- ten ein aktiver Prozeß der emotionalen und kognitiven Informationsverarbeitung statt – eine Interaktion mit Inhalten, die eine Veränderung des Rezipienten bewirkt und schließlich auch in einer komplexen Weise auf dessen Umwelt einwirkt: Mediengebrauch stellt nach Michael Charlton eine rekonstruierende und interpretierende Auseinandersetzung und Bewertung mit und von gesellschaftlich produzierten und medial vermittelten Deutungsmustern der Welt dar.18

Aktiv ist der Rezipient dadurch, daß er Medieninhalte rezipiert. Im folgenden Abschnitt wird auf den Vorgang der Rezeption und die Bedeutung des Textes eingegangen.

2.2 Rezeption und Text

Über Rezeption schreibt Ulrich Saxer:

„Die Rezeption von Medienkommunikation muß (...) als ein hochkomplexes, individuell wie kollektiv determiniertes Geschehen konzipiert werden, dessen Implikationen sämtliche Personenkategorien, ver- schiedenste Organisationen und überhaupt alle Sozialsysteme betreffen. (...). Als Medienrezeption sind also letztlich alle mit dem Empfang von Massenkommunikation verbundenen Phänomene kommunika- tionswissenschaftliches Thema.“19

In diesem Abschnitt soll die Rezeption von Medieninhalten beschrieben werden, wobei dazu zunächst kurz grundsätzliche Ansichten aus der Literaturwissenschaft und dann kom- munikationswissenschaftliche und erkenntnistheoretische Sichtweisen dargestellt werden. Im Anschluß daran wird das Phänomen der Mehrdeutigkeit von Medieninhalten – den „Texten“

– veranschaulicht. Im umgangssprachlichen Gebrauch bedeutet „Text“ in der Regel geschrie- bene Sprache. In Teilen der rezipientenorientierten Forschung (vgl. 2.2.2 S. 16) wird mit

„Text“ meistens neben Geschriebenem und Gesprochenem auch Bild und nonverbaler Ton bezeichnet. Christian Doelker begründet diesen Terminus folgendermaßen: „Entsprechend sind die Verarbeitungsprozesse, also der Begriff des ‘Lesens’ auf Bild und Ton anwendbar: Wie Sätze werden auch Bildaussagen und Tongebilde ‘gelesen’.“20

2.2.1 Rezeption von Medieninhalten

„wir müssen unseren blick verändern. wir müssen wissen, daß wir nicht nur sehen und denken. wir müssen wissen, daß wir auf unterschiedliche weisen sehen und denken. unser denken ist nicht eine anlage, eine aus der natur her- vorgegangene veranlagung. es ist ein instrument, ein kulturelles instrument, mit verschiedenen werkzeugen und techniken. wir müssen lernen, die metho- den des denkens zu verstehen als ursachen dafür, wie wir die welt sehen.“21

[...]


1 Vgl. Will Teichert: ‘Fernsehen’ als soziales Handeln. Zur Situation der Rezipientenforschung: Ansätze und Kritik. In: Rundfunk und Fernsehen 20/ 4, 1972. S. 421.

2 Will Teichert a.a.O. S. 422.

3 Vgl. Elisabeth Klaus: Konstruktionen der Zuschauerschaft: vom Publikum in der Einzahl zu den Publika in der Mehrzahl. In: Rundfunk und Fernsehen 45/ 4, 1997. S. 456–474.

4 Daniel Anderson/ Diane Field: Online and Offline Assessment of the Television Audience. In: Jennings Bryant/ Dolf Zillmann: Responding to the Screen – Reception and Reaction Processes. Hillsdale, Hove, London 1991. S. 199.

5 Karsten Renckstorf/ Denis McQuail: Social Action Perspectives in Mass Communication Research. In: Communications 21/ 1, 1996. S. 5.

6 James Webster: The Audience. In: Journal of Broadcasting & Electronic Media 42/ 2, 1998. S. 192.

7 Elihu Katz/ David Foulkes: On the Use of the Mass Media as „Escape“. Clarification of a Concept. In: Public Opinion Quarterly 26/ 3, 1962. S. 378.

8 Vgl. Will Teichert a.a.O. S. 427 und S. 434.

9 Klaus Bruhn Jensen/ Karl Rosengren: Five Traditions in Search of the Audience. In: European Journal of Communication 5, 1990. S. 217. Siehe dazu auch James Webster a.a.O. S. 194.

10 Vgl. Karsten Renckstorf/ Denis McQuail a.a.O. S. 18.

11 Marie–Luise Angerer: „ Was, wenn nur der Hund fernsieht?“ – Anmerkungen zu aktuellen Tendenzen in der TV-Forschung im Rahmen der Cultural Studies. In: Medien Journal 1, 1994. S. 3.

12 Ien Ang: Desperately Seeking the Audience. London, NY 1991. S. 1–14.

13 Denis McQuail: Mass Communication Theory – An Introduction. 3. Aufl. London, Thousand Oaks, New Delhi 1994. S. 324.

14 Ruth Ayaß: Auf der Suche nach dem verlorenen Zuschauer. In: Werner Holly/ Ulrich Püschel (Hrsg.): Medienrezeption als Aneignung: Methoden und Perspektiven qualitativer Medienforschung. Opladen 1993. S. 28.

15 Vgl. Klaus Schönbach: Transaktionale Modelle der Medienwirkung: Stand der Forschung. In: DFG Deutsche Forschungsgemeinschaft: Medienwirkungen – Einflüsse von Presse, Radio und Fernsehen auf Individuum und Gesellschaft. Forschungsbericht, Herausgegeben von Winfried Schulz. Weinheim 1992. S. 111f.

16 Vgl. Frank Biocca: Opposing Conceptions of the Audience: The Active and Passive Hemispheres of Mass Communication Theory. In: James Anderson (Hrsg.): Communication Yearbook/ 11. Beverly Hills, London, New Delhi 1988. S. 53f.

17 Will Teichert a.a.O. S. 421.

18 Vgl. Michael Charlton/ Klaus Neumann: Medienkonsum und Lebensbewältigung in der Familie. Me- thode und Ergebnisse der strukturanalytischen Rezeptionsforschung – mit fünf Falldarstellungen. Mün- chen, Weinheim 1986. S. 17f.

19 Ulrich Saxer: Medien, Rezeption und Geschichte. In: Walter Klingler/ Gunnar Roters/ Maria Gerhards (Hrsg.): Medienrezeption seit 1945 – Forschungsbilanz und Forschungsperspektiven. Baden- Baden 1998. S. 29.

20 Christian Doelker: Kulturtechnik Fernsehen: Analyse eines Mediums. Stuttgart 1987. S. 24.

21 Otl Aicher: analog und digital. Berlin 1992. S. 69. – Otl Aicher praktizierte die Kleinschreibung.

Ende der Leseprobe aus 138 Seiten

Details

Titel
Kontrollüberzeugung und die Rezeption von Medieninhalten
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Note
1,75
Autor
Jahr
1999
Seiten
138
Katalognummer
V330
ISBN (eBook)
9783638102384
Dateigröße
1016 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fernsehen, Rezeptionsforschung, Medieninhalte, Kontrollüberzeugung, Wahrnehmung, Psychologie
Arbeit zitieren
Benjamin Meyer (Autor), 1999, Kontrollüberzeugung und die Rezeption von Medieninhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/330

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kontrollüberzeugung und die Rezeption von Medieninhalten



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden