Illka Pyysiäinen verschreibt sich in seiner Arbeit „How Religion Works“ einer großen Aufgabe. Er will eine natürliche Erklärung für die Mechanismen liefern, die religiöses Denken und Verhalten bestimmen. Komparatistisch gesehen taucht die Kategorie Religion in wiederkehrenden Mustern und Ideen auf, die man laut Pyysiäinen durch die kognitions-wissenschaftliche Betrachtung von Religion erklären kann.
Nachdem ich einige grundlegende Prämissen Pyysiäinens vorgestellt habe, soll auf seine Idee von Gegenintuitivität als maßgebliches Charakteristikum für Religion eingegangen werden. Einen weiteren Abschnitt meiner Analyse von Pyysiäinens Arbeit widme ich seiner Kritik an Clifford Geertz und Emile Durkheim. Näher eingehen will ich auf Pyysiäinens Überlegungen zu Emotion als wichtigem Faktor für religiöses Erleben und Denken, da er hier Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften verarbeitet, die für mich eine neuartige Betrachtungsweise von Religion darstellt. Bevor ich seine Arbeit einer eher allgemein gehalteneren Evaluation und Kritik unterziehe, werde ich seine Überlegungen zu Religion als einer spezifisch kognitiven Domäne rekapitulieren, die für Ilkka Pyysiäinen Religion zu einem Gegenstand kognitionswissenschaftlicher Betrachtungen macht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorüberlegungen zum Topos Religion
3. Gegenintuitivität als Charakteristikum von Religion
4. Pyysiäinens Kritik an Clifford Geertz und Emile Durkheim
5. Religiöse Vorstellungen und Erfahrung im Lichte einer neurowissenschaftlichen Emotionstheorie
6. Weitere Überlegungen zum Zusammenhang von Emotion und Religion
7. Evaluation und Kritik der Arbeit Pyysiäinens
8. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit Ilkka Pyysiäinens Werk "How Religion Works" auseinander und untersucht dessen Ziel, Religion durch kognitionswissenschaftliche Ansätze natürlich zu erklären, anstatt sie lediglich als kulturelles Konstrukt zu betrachten.
- Kognitionswissenschaftliche Erklärung religiöser Denkmuster.
- Analyse des Konzepts der Gegenintuitivität als Kernmerkmal von Religion.
- Kritische Auseinandersetzung mit symbolischen und soziologischen Theorien (Geertz/Durkheim).
- Einbezug neurowissenschaftlicher Theorien zu Emotionen und Bewusstsein in das Verständnis religiöser Erfahrung.
- Evaluation des Potenzials interdisziplinärer Ansätze für die Religionswissenschaft.
Auszug aus dem Buch
Gegenintuitivität als Charakteristikum von Religion
Die Idee einer unsichtbaren, transzendenten Realität jenseits der Beobachtbaren ist eine alte, kulturübergreifend vorkommende Vorstellung. Ob in Mesopotamien, in schamanistischen Vorstellungen oder der indianischen Idee einer allem innewohnendern Kraft; Menschen haben sich zu allen Zeiten und in den meisten Teilen der Welt Gedanken über die Möglichkeit einer transzendenten Realität gemacht. In der westlichen Denktradition bildet die platonische Idee des Seins den Ausgangspunkt für eine spätere judeo-christliche Systematisierung des Konzeptes von Transzendenz und schließlich dem Konzept Gott als Absolutem Wesen, das die christliche Theologie beherscht.
Wie Boyer feststellt: intuitiv unnatürliche Dinge können demnach als durchaus real angesehen werden (Boyer 1996:629). Für übernatürliche Wesenheiten gilt demnach: sie sind gegenintuitiv im Verhältnis dazu, was Menschen intuitiv von ihrer Beschaffenheit erwarten. Genau diese Gegenintuitivität übernatürlicher Wesen unterscheidet sie von Menschen. Gemeinsam ist beiden jedoch, daß sie Agenzen sind. Agenzen, im Sinne selbstgetriebener Träger von Handlung, die 1.zielgerichtet ist, 2.reagiert/agiert und 3.kognitive Fähigkeiten wie Denken, Wissen, Erinnern besitzen.
„We can therefore specify the category ‚god’ using the notion of agency as a key. Gods are agents like humans, but they have such counterintuitive properties as not growing old, not needing food, etc.” (Pyysiäinen 2001:18)
Indem man also die Konzepte von Gegenintuivität, gegenintuitiver Repräsentation und gegenintuitiver Agenz einführt, kann man die Begriffe „Übernatürliche Wesen“ und „Transzendenz“ ersetzen. Die menschliche Wahrnehmung und Auffassung von Realität ist immer unvollkommen, indem manche Objekte oder Erlebnisse nicht immer durch intuitive Ontologien erfasst werden können. Deshalb kommt es Menschen so vor, als ob sich hinter der wahrnehmbaren Realität noch etwas anderes verbirgt. Dieses Etwas ist gegenintuitiv, wird aber durchaus als real und existent angesehen. Genau diese gegenintuitiven Repräsentationen sind für Pyysiäinen das Merkmal von Religion. (Pyysiäinen 2001:23)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Vorhaben Pyysiäinens, religiöses Denken durch kognitionswissenschaftliche Ansätze zu erklären und dessen Relevanz.
2. Vorüberlegungen zum Topos Religion: Untersuchung von Religion als heuristisches Konstrukt und die Begründung, warum mentale Prozesse einen kognitionswissenschaftlichen Zugang rechtfertigen.
3. Gegenintuitivität als Charakteristikum von Religion: Darstellung des zentralen Konzepts der Gegenintuitivität als Unterscheidungsmerkmal übernatürlicher Agenzen.
4. Pyysiäinens Kritik an Clifford Geertz und Emile Durkheim: Gegenüberstellung der kognitionswissenschaftlichen Sichtweise mit Geertz' Symboltheorie und Durkheims soziologischem Religionsbegriff.
5. Religiöse Vorstellungen und Erfahrung im Lichte einer neurowissenschaftlichen Emotionstheorie: Analyse der Rolle von Emotionen in religiösen Ritualen und der kognitiven Verarbeitung religiöser Erfahrungen.
6. Weitere Überlegungen zum Zusammenhang von Emotion und Religion: Vertiefung der Interaktion von Emotion, Gedächtnis und religiösem Glauben unter Einbezug der Somatic-Marker-Hypothese.
7. Evaluation und Kritik der Arbeit Pyysiäinens: Kritische Würdigung der theoretischen Kohärenz sowie der Stärken und Schwächen der interdisziplinären Herangehensweise.
8. Bibliographie: Auflistung der im Text referenzierten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Religion, Kognitionswissenschaft, Gegenintuitivität, Mentale Repräsentationen, Emotion, Gehirn, Ritual, Clifford Geertz, Emile Durkheim, Neurobiologie, Somatic-Marker-Hypothese, Kulturelle Evolution, Religiöse Erfahrung, Agency, Kognitive Fluidität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk "How Religion Works" von Ilkka Pyysiäinen und beleuchtet dessen Versuch, Religion aus kognitionswissenschaftlicher Perspektive zu erklären.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf kognitive Mechanismen hinter Religion, den Begriff der Gegenintuitivität, die Kritik an klassischen Theorien (Geertz/Durkheim) sowie die Bedeutung von Emotionen und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen für den religiösen Glauben.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den kognitionswissenschaftlichen Ansatz Pyysiäinens darzustellen, seine Argumente zu rekapitulieren und eine kritische Evaluation seiner theoretischen Grundlagen vorzunehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor wählt einen komparatistischen und analytischen Ansatz, indem er Pyysiäinens kognitionswissenschaftliche Thesen mit bestehenden anthropologischen und soziologischen Theorien vergleicht und mit neurowissenschaftlichen Modellen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Konzepte der Gegenintuitivität, die Kritik an Geertz und Durkheim, die Verknüpfung von religiöser Erfahrung mit Emotionstheorien sowie die neurologische Basis von religiösem Erleben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Kognitionswissenschaft, Gegenintuitivität, religiöse Repräsentation, Emotion, Somatic-Marker-Hypothese und Interdisziplinarität.
Warum ist der Begriff der "Gegenintuitivität" für die Arbeit so wichtig?
Er dient als zentrales Merkmal, um übernatürliche Wesen und religiöse Konzepte von intuitiven Alltagskategorien abzugrenzen und sie als kognitiv verarbeitbare, wenn auch besondere, Phänomene zu verstehen.
Wie bewertet der Autor den interdisziplinären Ansatz von Pyysiäinen?
Der Autor lobt das Zusammenbringen verschiedener Disziplinen, kritisiert jedoch teilweise die mangelnde theoretische Kohärenz und die Vernachlässigung der kulturellen Einbettung durch eine zu starke Fokussierung auf universelle kognitive Prozesse.
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- Rene Kaufmann (Author), 2004, How Religion Works, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33017