Sexualpädagogisches Projekt für Jungen mit geistiger Behinderung


Vordiplomarbeit, 2002

34 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Ausgangslage
1.1 Die Institution
1.2 Meine Funktion
1.3 Sexualpädagogik in der Institution
1.3.1 Die Geschichte
1.3.2 Veränderungen in jüngster Zeit
1.4 Klasse Scherrer
1.4.1 Die Schüler und deren Beeinträchtigungen
1.4.2 Auftrag der Klassenlehrperson

2 Problemstellung
2.1 Es ist normal verschieden zu sein – Sichtweise von Behinderung
2.2 Wie müssen Inhalte vermittelt werden; bzw. was bei Hochschulabsolventen bewiesen werden muss ist bei Menschen mit Behinderung normal

3 Relevante Theorien
3.1 Männliche Sexualisation
3.2 Sexualität und geistige Behinderung
3.3 Sexuelle Ausbeutung und geistige Behinderung
3.4 Relevante Schnittpunkte der Theoriekomplexe

4 Praxisprojekt
4.1 Rahmenbedingungen
4.2 Inhalte
4.2.1 Einstieg
4.2.2 Hauptteil
4.2.3 Ausstieg
4.3 Beschrieb einer der Einheiten
4.3.1 Einstieg

5 Gewonnene Erkenntnisse
5.1 Wie ist es mir ergangen
5.2 Wie ist es den Buben ergangen
5.3 Was hat sich verändert

6 Anhang
6.1 Literaturliste
6.2 Arbeitsdokumentationen

1 Ausgangslage

1.1 Die Institution

Das Heilpädagogische Zentrum Hagendorn ist eine Institution für rund 65 Kinder und Jugendliche mit geistigen und mehrfachen Behinderungen aller Ausprägungen. Der Kernbereich ist eine Heilpädagogische Tagesschule mit pädagogischen und medizinischen Therapien und ein Internat mit 5 Wohngruppen. Zusätzlich engagiert sich die Institution für die integrative Schulung und bietet Beratungen und Weiterbildungen in ihrem Fachgebiet an. Gesamthaft werden rund 90 Mitarbeitende beschäftigt.

1.2 Meine Funktion

Der Gesamtleiter der Institution wird durch die Schulleiterin und den Internatsleiter unterstützt. Ich habe seit dem 01.01.92 die Funktion des Internatsleiters inne und bin zuständig für die Bereiche Internat und Betrieb. Meine beruflichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Personal-, Organisations- und Konzeptionsarbeit. In der Regel arbeite ich nicht direkt mit unseren Schülerinnen und Schülern. Abweichend davon sind einzelne Projekte oder Interventionen.

Zusätzlich zu meinem Kernauftrag bin ich in der Institution beratend im Bereich „Sexualität und Geistige Behinderung“ tätig. Dieser Bereich soll zukünftig ausgebaut werden.

1.3 Sexualpädagogik in der Institution

1.3.1 Die Geschichte

Der Bereich Sexualität fristete seit Jahren ein Schattendasein. Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen wurden nicht weiter beachtet und selten war etwas „auffällig“. Dies änderte sich schlagartig im März 95. Die Boulevardzeitung Blick titelte am 4. März 95 „Unhold brach in Kinderheim ein“ und am 11. März 95 „Unglaublich! Heimleiterin wusste von allem – und schwieg“. Diese sehr belastende Zeit hatte zur Folge, dass ein Sicherheitskonzept erstellt wurde und intensive interne Weiterbildungen zum Themenkreis Sexuelle Ausbeutung durchgeführt wurden. Das Sicherheitskonzept wurde von der Erziehungsdirektion verlangt, mit der Absicht, den Zugang von aussen abzusichern. Die „innere Sicherheit“ stand zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion.

1.3.2 Veränderungen in jüngster Zeit

Nach den Geschehnissen 1995 wurden in den folgenden zwei Jahren Intervallseminare zur Thematik Sexuelle Ausbeutung durchgeführt. Die Auseinandersetzung führte dazu, dass nebst dem Aspekt der Gewalt auch der Aspekt Sexualität mehr Gewicht erlangte. Dies zeigte sich vorab auf der Aussenwohngruppe für Jugendliche. Problemstellungen zur Thematik „Sexualität“ überforderte uns zuweilen mehr. Die Sexual- und Schwangerschaftsberatung des Kanton Zug wurde immer vermehrt zur Beratung hinzugezogen. Dies führte unter anderem dazu, dass ich mich mehr mit dem Themenkreis „Geistige Behinderung und Sexualität“ auseinanderzusetzen und mich entsprechend weiterzubilden begann.

Im Frühjahr 2000 entschloss sich die Institutionsleitung die interne Weiterbildung für das Schuljahr 00/01 dem Thema Sexualpädagogik zu widmen, mit dem Ziel, ein Sexualpädagogisches Konzept zu erstellen.

1.4 Klasse Scherrer

1.4.1 Die Schüler und deren Beeinträchtigungen

Die Klasse besteht aus einer Schülerin und fünf Schülern im Alter von 13 bis 15 Jahren. Sie werden von einer Heilpädagogin unterrichtet und sind alle in der Lage, den ihnen angepassten Schulstoff kognitiv zu verarbeiten. Alle weisen eine ihnen zugeschriebene „Geistige Behinderung“ im Sinne der IV auf. Das Leistungsspektrum sowie die Verhaltensweisen entsprechen der üblichen „Unüblichkeit“ einer Klasse. Ich verzichte bewusst auf die Beschreibung der Andersartigkeit oder gar der Defizitorientierung. Die nachfolgenden Ausführungen werden diese Haltung klären.

Die sexuelle Aufklärung der Schüler und der Schülerin wurde durch die Heilpädagogin eingeleitet. Im Verlaufe der Zeit kristallisierte sich bei den männlichen Schülern der Wunsch heraus, zusammen mit einem Mann über die Sexualität zu sprechen. Ab diesem Zeitpunkt verweigerten sie zumindest vordergründig jeglichen Austausch mit der Lehrerin.

1.4.2 Auftrag der Klassenlehrperson

Der Wunsch der Schüler wurde durch die Heilpädagogin aufgenommen. Sie bat mich, ein Projekt zusammen mit den männlichen Jugendlichen durchzuführen. Das Ziel des Projektes war, eine umfassende sexuelle Aufklärung der männlichen Jugendlichen unter den Aspekten Sexualität, Liebe, Beziehungsgestaltung und Männlichkeit. Einer der Schüler nahm am gesamten Projekt nicht teil, da er sich nicht auf die Thematik einlassen wollte. Er wurde mit einem Sonderauftrag betraut.

2 Problemstellung

2.1 Es ist normal verschieden zu sein – Sichtweise von Behinderung

Der Leitspruch des Heilpädagogischen Zentrums Hagendorn lautet: Es ist normal verschieden zu sein. Was wird damit zum Ausdruck gebracht?

Oftmals wird eine geistige Behinderung so beschrieben, dass die Andersartigkeit erkennbar ist. Dabei wird betont, wo, wer, wieviel von der Norm abweicht. Es wird der IQ gemessen, oftmals mit verschiedenen Tests, welche zu verschiedenen Aussagen kommen. Je nach IQ gilt man dann als Geistigbehindert – überquert man die Grenze zu Deutschland kann es sein, dass man dann doch „nur“ lernbehindert ist, da deren Normierung von der Schweizerischen abweicht. Somit ist ersichtlich, dass die Definition „geistige Behinderung“ stark mit der Wahrnehmung eines Personenkreises zu tun hat, der sich dazu berufen fühlt, zu definieren.

„Die Aussage –geistige Behinderung- ist eine auf einen anderen Menschen hin zur Wirkung kommenden Aussage schlechthin. Sie bezeichnet begrifflich eine gesellschaftliche und eine fachliche Realität, aber nicht die Individualität des Menschen, den wir mit diesem Begriff meinen“ (Feuser 1996, S.18). Im weiteren schreibt Feuser, dass es unser pädagogisches Anliegen sein muss, uns darauf zu orientieren was für Möglichkeiten ein Mensch hat und ihn nicht zu klassifizieren, ihn in eine Sackgasse zu stecken welche in einer Einbahn mündet (a.a.O. S.22).

So gesehen braucht jedes Kind einen, seinen Fähigkeiten angepassten Unterricht bzw. einen Pädagogen der die Möglichkeiten des Kindes erkennt. So normal es für den Menschen ist, nicht behindert zu sein, so normal ist es für die Menschheit behindert zu sein.

Entsprechend verhält es sich aus meiner Sicht auch mit der Sexualität jedes einzelnen Menschen. Auch da gilt, es ist normal verschieden zu sein. Entsprechend ist im Sexualpädagogischen Konzept der Institution zu lesen: „Bejaht man grundsätzlich die Existenz des Menschen als sexuelles Wesen, so folgt daraus, dass es keine besondere Sexualität geistigbehinderter Menschen geben kann. So wie jeder Mensch einmalig und einzigartig ist, so erhält die Sexualität eines Menschen durch seine Behinderung lediglich eine weiter Facette individueller Eigenart.“

2.2 Wie müssen Inhalte vermittelt werden; bzw. was bei Hochschulabsolventen bewiesen werden muss ist bei Menschen mit Behinderung normal

Das Unterrichten von Menschen mit geistiger Behinderung erfordert in der Regel mehr Verdeutlichung, Konkretheit, Anschaulichkeit und Wiederholung, als dies gewöhnlich bei normalbegabten Kindern der Fall ist. Es ist unabdingbar, alle Sinneskanäle anzusprechen und nicht nur mit „Worten“ das „Gehör“. Diese Art des Unterrichtes ist bei Menschen mit Behinderung normal und wird entsprechend in den Ausbildungsstätten angewandt. Der Unterricht über verschiedene Sinneskanäle führt zu einem effizienteren „Lernen“. Dies gilt allerdings nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auch für normal- oder überbegabte Menschen.

Etwas spöttisch lässt sich behaupten, dass die Erkenntnis, dass Menschen mehr lernen wenn sie auf verschiedenen Sinneskanälen angesprochen werden, beim Unterricht mit Menschen mit geistiger Behinderung längst erkannt wurde. Bei Hochschulabsolventen muss dies durch Erhebungen und Studien erst noch bewiesen werden. Obwohl J. Piaget dies in seinem Werk „Psychologie der Intelligenz“ bereits 1946 erläutert hat.

Die daraus resultierende Problemstellung, welcher ich mich mit der Projektarbeit zu stellen habe, lautet: Erkenne ich die Möglichkeiten der einzelnen Schüler und gelingt es mir den Unterricht entsprechend zu gestalten.

3 Relevante Theorien

Die Absicht, das Projekt mit vier männlichen Jugendlichen mit geistiger Behinderung durchzuführen, veranlasste mich zu folgenden Überlegungen:

- Worin liegen die Vorteile einer geschlechter getrennten Lernsituation? Welche theoretischen Grundlagen zur sexuellen Entwicklung von Buben gibt es?
- Gibt es eine „behinderte“ Sexualität? Worin liegen die Unterschiede, die Besonderheiten der Sexualität von geistig Behinderten?
- Wie kann der Angst des sexuellen Missbrauchs begegnet werden? Kann das Risiko zum Opfer oder zum Täter zu werden vermindert werden?

3.1 Männliche Sexualisation

Beim Studium von Fachliteratur fällt auf, dass es einerseits viel Literatur zur Erziehung von Buben gibt, anderseits deren Inhalt, bzw. deren theoretische Basis nicht immer erkennbar, widersprüchlich und verwirrend ist. Begriffe wie antisexistische Jungenarbeit, reflektierte Jungenarbeit, maskulinistische Jungenarbeit, emanzipatorische Jungenarbeit, kritische und verstehende Jungenarbeit sind mir bei der Durchsicht der Literatur begegnet. Mit Erleichterung nehme ich folgendes Zitat zur Kenntnis: „Der sozialwissenschaftlich oder pädagogisch unbedarfte aber gutwillige Bürger verliert angesichts der professionellen und populärwissenschaftlichen Äusserungen zum Geschlechterverhältnis inzwischen den Überblick.“(KARL, BRAUN, SIELERT 2000, S.389)

Trotz der Verwirrung bin ich überzeugt dass Standpunkte formuliert und pädagogische Linien erkennbar sein müssen. Um die Mündigkeit von Buben zu fördern benötigen sie verschiedene Erscheinungsformen von „Männlichkeit“, mit denen sie sich, mindestens probehalber, identifizieren und deren Wirkung sie bei sich nachspüren können.

Wie soll nun mit Jungen gearbeitet werden? Es reicht nicht aus das Geschlechtsrollenverhalten der Jungen zu kritisieren oder gar die Arbeit mit Jungen auf Verhaltensänderungen zum Schutze der Mädchen auszurichten. Nahezu alle Autoren sehen im Ziel der Jungenarbeit, dass Jungen eine neue, starke, emanzipierte und auf gegenseitige Akzeptanz ausgerichtete sexuelle Identität erlernen.

KARL, BRAUN und SIELERT erläutern, dass heute ein Unterschied zwischen den Geschlechtern bestritten wird, bzw. die Gemeinsamkeiten viel höher sind als die Unterschiede und dies ein gesellschaftliches Konstrukt sei. Dieser biplurale Ansatz jedoch klärt die vorhanden Unterschiedlichkeiten zwischen Mädchen und Jungen ebensowenig wie andere Ansätze.(a.a.O. S.396)

Sie stellen die Zwischenbilanz, dass sich Männer und Frauen unterscheiden und sich auch nicht unterscheiden. „Man einigt sich in der Regel darauf, dass Männer und Frauen inzwischen sowohl gleich als auch ungleich sind, eine Tautologie, die weder wissenschaftlich noch praktisch pädagogisch befriedigen kann.“ Sie führen aus, dass die Überwindung dieser Tautologie nur möglich ist „wenn der theoretische Referenzrahmen erweitert, wenn der Blick vom geschlechtsspezifischen auf einen übergreifenden Zusammenhang gerichtet wird: In Bezug auf was unterscheiden sie sich, in Bezug auf was sind sie gleich?“(a.a.O. S. 398)

Ebenso wie sich Mädchen von Jungen unterscheiden, Unterscheiden sich auch Jungen von Jungen. Ihr Erfahrungshintergrund und ihre Umweltbedingungen müssen in die Arbeit mit Jungen einbezogen werden. „Sexualpädagogische Jungenarbeit meint die Erziehung zu und die Förderung von sexueller Identität von Jungen unter Einbezug ihrer sozialen Herkunft, ihrer sozialen, kulturellen und politischen Umgebung, ihrer individuellen Sozialisation, ihrer geistigen, psychischen Verfassung, ihrer körperlichen Befindlichkeit und Selbstwahrnehmung und ihrer reflektiven und sozialen Fähigkeiten. Sexuelle Identität umfasst dabei neben dem Geschlechtlichen in engeren Sinne auch Bewusstsein, Standpunkt und Verhalten als geschlechtliches Wesen ‚Junge‘.“(MUNDING, 2000, S:11)

Die Überzeugung, dass die reflektive Selbstwahrnehmung von Jungen höher ist, wenn sie nicht um die Gunst von Mädchen buhlen „müssen“, sich nicht den Bewertungen der Mädchen aussetzen und so die Solidarität unter den Jungen eher eine Chance hat, berechtigt eine geschlechtgetrennte Lernsituation.

3.2 Sexualität und geistige Behinderung

Alle heute gängigen Sexualtheorien sind sich einig, dass das menschliche Sexualverhalten nicht „von Natur aus“ festgelegt ist, sondern als Produkt soziokultureller und sozialer Lernprozesse angesehen werden muss. Dazu gehört auch die Modellierung sexueller, zärtlicher und sinnlicher Bedürfnisse und Erlebensweisen sowie der Erwerb entsprechenden Sexualwissens. Bejaht man grundsätzlich die Existenz des Menschen als sexuelles Wesen, so folgt daraus, wie bereits einleitend erwähnt, dass es keine besondere Sexualität geistigbehinderter Menschen geben kann.

„Die körperliche Entwicklung verläuft in den meisten Fällen altersgemäss, und unabhängig von intellektuellen Faktoren. Daraus ergibt sich, dass das sexuelle Reifestadium des Geistigbehinderten sich gerade nicht mit dem Intelligenzniveau deckt, sondern fast immer dem Lebensalter entspricht, [...] und selbst in Fällen extremer geistiger Behinderung ist meist altersentsprechende sexuelle Reife anzutreffen.“(WALTER 1993, S:15)

Es wäre jedoch vermessen zu behaupten, die Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung würden keine zusätzlichen Probleme aufwerfen. Es stellt sich die Frage, ob diese Probleme diejenigen der Menschen mit Behinderung sind oder jene der betreuenden Personen? Dazu schreibt WALTER „Die Sexualität geistig behinderter Menschen ist weit mehr ein Problem für Eltern, Erzieherinnen und Betreuerinnen, als für die betroffenen behinderten Menschen selbst.“(1994, S:2)

Dies begründet er mit besonderen Benachteiligungen in den Institutionen, den moralischen Vorstellungen der Betreuenden, mit der Angst vor Schwangerschaft und den vielfachen Vorurteilsbarrieren und sexualfeindlichen Rahmenbedingungen, welche zu einer verhinderten, bzw. ‚behinderten‘ Sexualität führen kann.(vgl. a.a.O, S:3)

Es ist normal verschieden zu sein! Trotz dieser Ausgangslage können zusätzliche Probleme durch die Diskrepanz zwischen dem Entwicklungsalter (Sexualalter) und dem Intelligenzalter entstehen, indem Empfindungen schwieriger erfasst und verarbeitet werden oder Einsichts- und Konfliktverarbeitungsmöglichkeiten eingeschränkt sind.

Im Institutionsinternen Sexualpädagogischen Konzept formulierte ich folgende Schwerpunkte:

- Der Mensch mit Behinderung hat ein Recht auf den üblichen Spielraum sexuellen Verhaltens. Wie alle Menschen trägt er dieselbe Verantwortung für sein Verhalten innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten, d.h., die Verantwortung ist um so geringer, je stärker der Grad seiner Behinderung ist.
- Die Sexualpädagogik Behinderter erfordert mehr Verdeutlichung, Konkretheit, Anschaulichkeit und Wiederholung, als dies gewöhnlich bei normalbegabten Kindern der Fall ist.
- Eine derartige Sexualerziehung muss das Sexualverhalten im Kontext der jeweiligen Lebenserfahrung und der gesamten Sozialbeziehungen der Kinder und Jugendlichen berücksichtigen. In diesem Sinne ist es erforderlich, dass die Sexualerziehung und Begleitung situativ im Alltag integriert ist.
- Sexualität bzw. Sexualverhalten ist in einem 'Erziehungsprogramm' unter folgenden Gesichtspunkten zu sehen: Als angenehme, lustvolle Betätigung, innerhalb einer Sozialbeziehung und unter dem Fortpflanzungsaspekt.
- Bei der Wahl von Massnahmen zur sexualpädagogischen Förderung der Kinder und Jugendlichen muss, neben der (sexual-)biologischen Entwicklung, die bei geistig behinderten Menschen eher selten verzögert verläuft, auch der Entwicklungsstand im kognitiven und psychosexuellen Bereich berücksichtigt werden. Dazu gehören die Ausbildung der Geschlechtsidentität und die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit.

3.3 Sexuelle Ausbeutung und geistige Behinderung

Mit Erschrecken nahm ich vor wenigen Jahren zur Kenntnis, dass 50% von befragten Männern mit Behinderung und 64% Frauen mit Behinderung angeben, dass sie mindestens einmal in ihrem Leben sexuell ausgebeutet wurden. Ebenso Erschreckend ist, dass 44% der Gewaltfälle an Männern von behinderten TäterInnen ausgehen.(ZEMP, PIRCHER, SCHOIBL 1997, S: 71) Damit liegen die Zahlen um rund 10% höher als z.B. die Studie ‚Kindheit und Schatten‘ 1996 bei Menschen ohne Behinderung ausgewiesen hat.(PFISTER, BUCHER, LUSSI, MELLITI 2000, S:8)

„Dieses Ausmass stellt ein völlig neues Ergebnis dar und wirft ein grelles Licht auf das Alltagsleben in den Einrichtungen. Es muss vor allem im Zusammenhang mit der institutionellen strukturellen Gewalt sowie dem Umgang mit Aufklärung, Sexualität und sexueller Gewalt in der jeweiligen Einrichtung gesehen werden.“( ZEMP, PIRCHER; SCHOIBL 1997, S. 76)

Im weiteren stellen die Autoren fest: „Die befragten Männer sind in ausgesprochen hohem Mass nicht aufgeklärt. Bei vielen beschränkt sich ihre Sexualaufklärung auf das Wissen über männliche Geschlechtsteile und funktionelle Aspekte des Geschlechtsverkehrs mit Frauen. Das Tabu der Homosexualität kommt in einer hohen Unkenntnis zum Ausdruck. [...] Vor dem Hintergrund fehlender institutioneller Vorsorgen und weitgehendem Unwissen über Sexualität erstaunt es nicht, wenn sich rund ein Viertel der befragten Männer als Bub oder anderes bezeichnet und in diesem Sinn keine altersgemässe Sexualidentität hat.“ (a.a.O, S: 123)

Die Studie zeigt auf, dass der Identitätsentwicklung und der Aufklärung viel mehr Gewicht gegeben werden muss. Es ist davon auszugehen, dass durch das Einüben der Präventionsregeln nach dem „Leitfaden zur Prävention sexueller Gewalt; stark und sicher; Verlag Pro Juventute“, das Risiko, zum Opfer einer Ausbeutung zu werden, vermindert werden kann.

3.4 Relevante Schnittpunkte der Theoriekomplexe

Die Studie von Zemp, Pircher und Schoibl zeigt auf, dass davon auszugehen ist, dass Menschen mit Behinderung über eine mangelnde sexuelle Aufklärung und über keine adäquate altersgemässe Sexualidentität verfügen. Dies kann im Zusammenhang mit Benachteiligungen in Institutionen und sexualfeindlichen Rahmenbedingungen, welchen Menschen mit Behinderung ausgesetzt sind, zusammenhängen.

Allen Theoriekomplexen gemeinsam zu entnehmen ist die Notwendigkeit zur Hinführung zu einer Identität als geschlechtliches Wesen. Dies zu erreichen scheint bei Jungen (wie auch bei Mädchen) mit Behinderung wesentlich erschwert zu sein. Die Sozialisation als „behindertes Wesen“ ist oftmals gleichbedeutend mit asexuell und geschlechtsneutral. Um dies aufzulösen gilt es die geschlechtsspezifischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Dies unter Einbezug der Selbstwahrnehmung als Mensch mit Behinderung, individuell, den Fähigkeiten entsprechend.

Die Unwissenheit über Sexualität ist durch Aufklärung möglichst aufzuheben. Es ist davon auszugehen, dass wissende Menschen mit Behinderung einen adäquateren Umgang mit ihrer Sexualität finden und so allenfalls weniger zu Tätern sexueller Ausbeutung werden. Wobei ich davon ausgehe, dass dieser Ansatz die sexualisierte Gewaltbereitschaft, welche dem Kollektiv „Mann“ gemeinsam ist, nicht negiert. Die Gefahr, Opfer einer sexuellen Ausbeutung zu werden kann durch das Einüben der Präventionsregeln vermindert werden.

Das Ziel, dass Menschen mit einer Behinderung eine ‚uneingeschränkte‘ Sexualität leben, bzw. erlernen können, bedarf einem offenen, vorurteilsfreien Umgang durch die betreuenden Personen in deren Umfeld. Dabei ist auf das Lernverhalten von Menschen mit einer Behinderung Rücksicht zu nehmen und die Methodik entsprechend anzupassen.

Die Ziele des Projektes sind somit:

Einen Beitrag zur Identitätsfindung der beteiligten Jungen zu leisten.

Die Jungen sexuell aufzuklären und ihren Wissensstand zu komplementieren.

Die Präventionsregeln in das gemeinsame Arbeiten einzubeziehen.

4 Praxisprojekt

4.1 Rahmenbedingungen

- Mit den Schülern und der Lehrerin wurden folgende Punkte vereinbart:
- Es finden sechs Einheiten, jeweils am Donnerstagmorgen von 9.45 Uhr bis 10.15 Uhr statt.
- Uns steht das Klassenzimmer zur Verfügung. Die Lehrerin und die Schülerin gestalten ihren Unterricht in einem Gruppenraum. Es steht uns offen, andere Räumlichkeiten zu benutzen.
- Die Jugendlichen entscheiden bei der Wahl der Unterthemen mit. Sie können die Schwerpunkte bestimmen und aktiv auf den Inhalt Einfluss nehmen.
- Die Jugendlichen wünschten, dass ich keine Ton- oder Videoaufnahmen mache.

4.2 Inhalte

Ich habe mich zu Beginn des Projektes entschieden, die einzelnen Einheiten von Mal zu Mal vorzubereiten um so besser auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen zu können. Ich habe die Einheiten in eine Einstiegs- und Ausstiegsphase, sowie einem Hauptteil gegliedert.

4.2.1 Einstieg

Der Einstieg soll uns dazu verhelfen uns näher zu kommen und uns dem Thema zu öffnen. Dabei darf es ebenso ruhig sein wie auch wild oder spassig. Geplant sind der Gordische Knoten, Tennisballmassage, Baum der Jahreszeiten und Rhythmusspiele.

4.2.2 Hauptteil

Den Hauptteil gliederte ich im Voraus eher Aufklärungsbezogen mit der Absicht männerspezifische Themen betreffend Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Geschlechter mit einzubeziehen. Die Themenkreise waren Sprache, der männliche Körper, Vaterschaft, Zeugungsvorgang, wie kriege ich eine Freundin oder einen Freund, was lasse ich mit mir geschehen.

Die Einflussnahme der Jugendlichen bewog mich dazu die Schwerpunkte wie folgt zu setzen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2.3 Ausstieg

Den Ausstieg leitete ich jeweils ein mit einer gemeinsamen Zusammenfassung des Besprochenen. Anschliessend werteten wir die Einheit aus um festzulegen, was wir beim nächsten Mal unbedingt thematisieren wollen.

Als Ausstieg machten wir eine Übung zu einer der Grundregeln zur Prävention sexueller Gewalt. Dabei erwähnte ich jeweils die Grundregel und wir versuchten herauszufinden warum dies wohl wichtig ist. Anschliessend übten wir das Nein-sagen, stellten fest welche Berührungen wir mögen und welche nicht, tauschten uns aus, was wohl gute und/oder schlechte Geheimnisse sind, übten uns im Ausdruck von Gefühlen und stellten fest, ob wir immer alleine über unseren Körper bestimmen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Sexualpädagogisches Projekt für Jungen mit geistiger Behinderung
Hochschule
Hochschule Luzern  (HZH Hagendorn)
Veranstaltung
NDS Sexualität
Note
1.5
Autor
Jahr
2002
Seiten
34
Katalognummer
V33051
ISBN (eBook)
9783638336253
ISBN (Buch)
9783656181989
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
15 Seiten plus Anhang
Schlagworte
Sexualpädagogisches, Projekt, Jungen, Behinderung, Sexualität, sexuelle Bildung
Arbeit zitieren
Markus Betschart (Autor), 2002, Sexualpädagogisches Projekt für Jungen mit geistiger Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33051

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