Importsubstitution als binnenmarktorientierte Entwicklungsstrategie am Beispiel Brasiliens


Seminararbeit, 2004

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Begriff der Importsubstitutionspolitik
2.1 Absolute und relative Importsubstitution im weiteren Sinn
2.2 Ursache und Erfassungsprobleme der Importsubstitution

3 Versagen der klassischen Außenhandelstheorie
3.1 Strukturelle Einwände
3.2 Infant industry Argument

4 Instrumente der Importsubstitutionspolitik
4.1 Indikative Maßnahmen
4.2 Politik der Investitionsanreize
4.3 Wechselkurspolitik
4.4 Protektionspolitik
4.4.1 Tarifäre Handelshemmnisse
4.4.2 Nicht tarifäre Handelshemmnisse

5 Importsubstitution industrieller Produkte in Brasilien im Zeitraum 1947 – 1961
5.1 Zeit der Importlizenzen und Devisenbewirtschaftung von 1947 bis 1953
5.2 System der multiplen Wechselkurse von 1953 - 1957
5.3 Zollregime von 1957 – 1961
5.4 Industrieförderung
5.5 Ergebnis der Importsubstitutionspolitik
5.6 Die Zeit nach 1961 im Kurzabriss

6 Ergebnisse

Literaturverzeichnis

Anhang

Darstellungsverzeichnis

Darst.1 Klassische Erziehungszoll Argument

Darst.2 Klassische Kosten der Protektion

Darst.3 Importe als Prozentsatz am Gesamtbedarf

1. Einleitung

„Seine Uranvorkommen sind die sechstgrößten der Welt. Bisher wird brasilianisches Natur – Uran in Kanada und Europa aufgearbeitet und angereichert, bevor es als Brennstoff nach Brasilien zurückkommt. Diese Schritte in eigener Regie zu übernehmen würde dem Land jährlich elf Millionen Dollar Devisen sparen.“[1]

Die Eingliederung der unterentwickelten Länder in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung wird entscheidend von der Außenhandelspolitik dieser Länder selbst und von jener der Industrieländer beeinflusst. Das Problem der unterentwickelten Länder besteht jedoch darin die geeignete Strategie zu finden. Die Politik der Importsubstitution ist dabei nur eines von zahlreichen Entwicklungskonzepten. Und, wie der Bericht in der Frankfurter Rundschau beweist, immer noch ein wichtiges wirtschaftspolitisches Instrument zur Verbesserung der Handelsbilanz. Denn in vielen Ländern ist das größte Entwicklungshemmnis die Devisenknappheit. Nach Raul Prebisch, Direktor der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) und Hans Singer war die weitgehende Abkopplung der unterentwickelten Länder vom Weltmarkt die aussichtsreichste Entwicklungsstrategie für Lateinamerika. In Zeiten sich verschlechternder Handelsbilanzen, war eine der Kernaussagen der Prebisch-Singer-These, dass aufgrund sich verschlechternder Austauschrelationen zwischen den Gütern der Entwicklungs- und Industrieländer, den sogenannten terms of trade, sich der Staat stärker vom Welthandel ausschließen und die Entwicklung des Binnenmarktes forcieren sollte. Hiervon erhoffte man sich vor allem eine Verbesserung der Zahlungsbilanz, eine Erhöhung des Volkseinkommen und eine Verbesserung der terms of trade.[2]

Die als importsubstituierende Industrialisierung bezeichnete Strategie wurde in nahezu allen lateinamerikanischen Ländern angewandt und konnte in den Anfangsjahren auch einige Erfolge vorweisen. Langfristig jedoch führte sie oftmals zu schwerwiegenden Wirtschaftskrisen, geprägt von völliger Überschuldung, ineffizienter Versorgung der Märkte, übermäßig besteuertem Agrarmarkt, Missallokation der Ressourcen, Korruption und Klientelismus.[3] Dies verdeutlicht der Kommentar der Volkswirtin Anne O. Krueger: „The vicious circle, once started, thus had a number of built-in political and economic interactions which resulted in a cumulative deterioration of economic performance and increasing support for intensification of existing policies. Political support of special interest for import substitution grew, while the market response increasingly undermined general support.”[4] Ausgehend von der Betrachtung der theoretischen Grundlage der Prebisch-Singer-These, dem infant industry Argument, nehme ich kurz Bezug auf die verwendeten Instrumente der Importsubstitutionspolitik und werde am Beispiel Brasiliens die Frage erläutern, welche Instrumente in der Frühphase von 1947 bis 1964 zum Einsatz kamen und ob bzw. warum die Strategie der Importsubstitution scheiterte.

2. Zum Begriff der Importsubstitutionspolitik

Unter Importsubstitutionspolitik versteht man den gezielten Einsatz von entwicklungspolitischen Instrumenten auf eine Ersetzung von Importen durch Inlandserzeugnisse.[5] Sie umfasst neben der Protektionspolitik verschiedene weitere wirtschaftspolitische Instrumente, deren Wirkungsmechanismen in Kapitel 4 dargestellt werden.

Der Begriff der Importsubstitution wird als wissenschaftlicher Terminus in der Literatur insbesondere hinsichtlich der erzielten empirischen Messergebnisse unterschiedlich verwendet.[6] Allgemein bezeichnet die Importsubstitution einen Prozess, in dem bisher importierte Güter durch Inlandsprodukte ersetzt werden.[7] Folglich wird die inländische Produktion diversifiziert und die Spezialisierung auf wenige Güter aufgegeben, wobei Importsubstitution keineswegs Autarkie bedeutet. Generell unterscheidet man zwischen:

2.1 Absolute und relative Importsubstitution im weiteren Sinn

Bei der absoluten Importsubstitution ersetzt die inländische Produktion bestimmte bisher importierte Güter, so dass das Importvolumen absolut zurückgeht.[8] Während bei der relativen Importsubstitution das Importvolumen unter Umständen auch steigen kann, „...jedoch mit einer niedrigeren Rate als die inländische Produktion, d.h. der Importanteil am inländischen Angebot fällt.“[9] In anderen Worten: Der Importkoeffizient aus Importvolumen/(Bruttosozialprodukt + Importvolumen) sinkt, das heißt, erst ein überproportionales Wachstum eines international konkurrierenden Sektors bezeichnet man als Importsubstitution.

2.2 Ursache und Erfassungsprobleme der Importsubstitution

Importsubstitution kommt durch zwei verschiedene Ursachen zustande:

Zum einen eine in Folge des entwicklungsbedingten Strukturwandels hervorgerufene natürliche Importsubstitution. So führt z.B. ein Anstieg des durchschnittlichen Erwerbseinkommen normalerweise zu einer gestiegenen Binnenmarktnachfrage wodurch sich potenzielle Investoren veranlasst sehen könnten, in diesen Markt zu integrieren und mit ausländischen Produzenten in einen Wettbewerb zu treten.

Bzw. führte die Weltwirtschaftskrise 1929 zu einer sinkenden Nachfrage nach Primärgütern, wodurch sich zahlreiche unterentwickelte Länder aufgrund von verstärkt auftretenden Zahlungskrisen veranlasst sahen, den Aufbau der heimischen Industrie voranzutreiben.[10]

Zum anderen eine durch wirtschaftliche Maßnahmen induzierte Importsubstitution, aufgrund z.B. eines gestiegenen Bedürfnisses nach wirtschaftlicher Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Hieraus ergibt sich eine klare Trennung von Importsubstitution und Importsubstitutionspolitik.

Zu beachten ist, dass der Prozess der Importsubstitution empirisch relativ schwierig zu erfassen ist, da die gesamte Zunahme der Inlandsproduktion nicht zwangsläufig der Importsubstitution zuzurechnen ist. So können z.B. Produkte aus dem importkonkurrierenden Sektor auch exportiert werden. Auch haben unter anderem Strukturveränderungen der Binnennachfrage, Veränderungen des Volkseinkommen, Bevölkerungswachstum oder Segmentwachstum, Auswirkungen auf den Importanteil ausländischer Produkte.[11]

3. Versagen der klassischen Außenhandelstheorie

Trotz der bereits in der Einleitung genannten negativen Erfahrungen zahlreicher unterentwickelter Länder mit der Importsubstitutionsstrategie bleibt die Frage, wieso diese Staaten eben diese Strategie wählten bzw. wieso die Strategie der importsubstituierenden Industrialisierung freiem Außenhandel vorgezogen wurde. Oder anders formuliert: Unter welchen Bedingungen ist freier Außenhandel nicht optimal?

Ricardos Theorie der „komparativen Kostenunterschiede“, erweitert um die Arbeiten von Heckscher und Ohlin, besagt, dass unter den strengen Annahmen der vollkommenen Konkurrenz Außenhandel eine effiziente Allokation der Ressourcen sicherstellt und stets zu Wohlfahrtsverbesserungen führt.[12] Gegenüber dieser Theorie bestehen zahlreiche Einwände, von denen im Folgenden zwei vorgestellt werden.

3.1 Strukturelle Einwände

Oftmals ist die zentrale Bedingung der vollkommenen Konkurrenz Freihandelstheorie in den unterentwickelte Ländern nicht oder nur geringfügig erfüllt. So können Monopole bzw. Verzerrungen auf dem Arbeitsmarkt zu suboptimalen Allokationen führen. Aufgrund dieser Marktunvollkommenheiten führt eine Weltmarktöffnung oftmals zu einem geringeren Wohlfahrtsniveau als vor der Öffnung. Dazu steht ein in den unterentwickelten Ländern traditionelles strukturelles Ungleichgewicht der Faktorausstattung zwischen Arbeit und Kapital und eine Immobilität, insbesondere des Produktionsfaktors Arbeit, der Theorie der vollkommenen Konkurrenz entgegen.[13]

Deshalb könnte es wirtschaftspolitisch sinnvoll sein, zuerst diese strukturellen Unvollkommenheiten zu beseitigen, bevor der Binnenmarkt für Freihandel geöffnet wird.

3.2 Infant industry Argument

Das klassische Argument der Importsubstitution, das sowohl für unterentwickelte Länder als auch für neue hochentwickelte Industriesektoren angeführt wird, ist der Erziehungszoll nach List. Dieser beruht auf der Annahme sogenannter Lerneffekte in Form von z.B. technischem Know-how, Organisationskenntnissen oder Humankapital die bei aufwendigen Produktionsprozessen auftreten können.[14] „In diesem Fall hängen die Durchschnittskosten negativ von der Anzahl der bisher gefertigten Mengen ab.“[15] Mit Hilfe von Protektionismus soll insbesondere die bis dato international nicht konkurrenzfähige Industrie gefördert werden, die sonst „...nie errichtet worden wäre und somit ihre Konkurrenzfähigkeit nie hätte nachweisen können.“[16] Nach List wäre freier Außenhandel zwischen zwei Ländern nur dann sinnvoll, sofern diese auf gleicher Entwicklungsstufe stünden. „Zentral bei dieser Argumentation ist, dass komparative Kostenvorteile keine feststehende, sondern vielmehr endogene Größen sind, die von Zufall und Geschichte abhängen und prinzipiell durch Außenwirtschaftspolitik beeinflusst werden können.“[17] An Darstellung 1 soll der Erziehungszollgedanke erläutert werden. Dieses Modell nimmt Bezug auf spezifische Industrien. In der Grafik sieht man die Durchschnittskosten der einheimischen (D) und der weltweiten (W) Produktion. Zum Zeitpunkt t0 kann die einheimische Industrie nicht mit dem Weltmarkt konkurrieren. Die Produzenten bieten erst ab einem Zoll in Höhe von t an. Im Laufe der Zeit können durch Lerneffekte die Produktionskosten abgebaut werden. „But the tariffs should be only temporary.“[18] Der Zoll soll kontinuierlich parallel zur Kostendegression der geschützten Industrien zurückgeführt werden, bis er bei t* vollständig wegfällt.

[...]


[1] W. Kunath, Die Atom-Kontrolleure müssen draußen bleiben, in: Frankfurter Rundschau , Nr.254/44, 30.10.04, S.1.

[2] Vgl. R. Schröder, Mexiko – Entwicklung und Krise, Marburg 1992, S.24f.

[3] Vgl. G. Buckes, Der Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung und Demokratisierung, Hamburg 2000, S.18f.

[4] A. O. Krueger, Vituos and Vicious Circles in Economic, Development, 1993, S.351, zit. Nach G. Buckes, Der Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung und Demokratisierung, Hamburg 2000, S.20.

[5] Vgl. T. Stauch, Verzögerung des Übergangs von Importsubstitution zu Exportdiversifizierung, Hamburg 1998, S.13.

[6] Vgl. H.-R. Hemmer, Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer, München 1978, S342.

[7] Vgl. T. An Chen, Zum Problem der Importsubstitution und der Exportdiversifikation, Diss. Münster 1969, S.49.

[8] Vgl. T. An Chen, Zum Problem der Importsubstitution und der Exportdiversifikation, Diss. Münster 1969, S.49.

[9] J.-Y. Bae, Importsubstitution im weltmarktorientierten Entwicklungsland, Berlin 1990, S.12.

[10] Vgl. R. Thorp, Progress, Poverty and Exclusion, Baltimore 1998, S. 133.

[11] Vgl. T. An Chen, Zum Problem der Importsubstitution und der Exportdiversifikation, Diss. Münster 1969, S.50.

[12] Vgl. W. Maennig, Außenwirtschaft, München 1998, S.117.

[13] Vgl. J.-Y. Bae, Importsubstitution im weltmarktorientierten Entwicklungsland, Berlin 1990, S.24.

[14] Vgl. H.-R. Hemmer, Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer, München 1978, S354f.

[15] W. Maennig, Außenwirtschaft, München 1998, S.186.

[16] N. Wagner/M. Kaiser/ F. Beimdiek, Ökonomie der Entwicklungsländer, Stuttgart 1983, S.77.

[17] W. Maennig, Außenwirtschaft, München 1998, S.186.

[18] G. von Haberler, International Trade, 9. Aufl., London 1965, S.279.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Importsubstitution als binnenmarktorientierte Entwicklungsstrategie am Beispiel Brasiliens
Hochschule
Universität Hamburg  (IWI)
Veranstaltung
WS 04/05
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V33086
ISBN (eBook)
9783638336543
Dateigröße
962 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Importsubstitution, Entwicklungsstrategie, Beispiel, Brasiliens
Arbeit zitieren
Nils Kompe (Autor:in), 2004, Importsubstitution als binnenmarktorientierte Entwicklungsstrategie am Beispiel Brasiliens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33086

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