Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Betrachtung der Ökonomie als Teil der praktischen Philosophie bei Aristoteles, basierend auf dem Buch I der Politik.
Um die Ausführungen Aristoteles‘ über die Wirtschaft nachvollziehen zu kön-nen, behandele ich zunächst dessen Weltbild und stelle seine ethischen Grundgedanken vor. Den Schwerpunkt lege ich dabei auf die Tugenden und die Staatslehre. Im zweiten Teil werde ich die Eigenschaften des Hauswesens (‚oikonomia‘) bei Aristoteles näher beleuchten und die Begründung des Sklaventums erörtern sowie den Unterschied zwischen Ökonomie und Chrematistik (‚Kunst des Gelderwerbs‘) herausarbeiten. Abschließend gehe ich noch einmal auf einige zentrale Punkte des aristotelischen Werkes kritisch ein.
Der 322 v.Chr. in Makedonien geborene Aristoteles gilt, im Gegensatz zu sei-nem Lehrer Platon, der einen Idealstaat mit literarischer Qualität beschreibt, als kühler Analytiker. Aristoteles ist der erste Philosoph, der wie ein Professor schreibt; seine Abhandlungen sind systematisch in Kapitel eingeteilt. Ein echter Lehrer ist er auch während seiner zwölfjährigen Wanderzeit - sogar der Alexanders des Großen. Da ihn die Leiden der Menschheit scheinbar unberührt lassen, wird ihm Nüchternheit und Gefühlsarmut vorgeworfen.
Aristoteles ist in erster Linie Universalwissenschaftler, der die Vielfalt der Welt ergründen möchte. Neben der umfangreichen empirischen Forschung - im rein deskriptiven Teil seines Gesamtwerkes untersucht er 158 Verfassungen - er-kennt er auch im philosophischen Denken, dass sich alles Bestehende unter einheitliche Prinzipien ordnet. Anstoß für Aristoteles' philosophische Überlegungen ist die Frage nach dem ‚Warum‘ der Dinge und des menschlichen Verhaltens.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Ethik als Lehre von der Glückseligkeit (‚eudaimonia‘)
1.1 Theoretischer Teil der Ethik: Die Tugenden
1.2 Praktischer Teil der Ethik: Die Staatslehre
2 Die Wirtschaftssphäre bei Aristoteles
2.1 Ökonomie als Lehre vom ganzen Haus
2.1.1 Begründung des Sklavenwesens
2.2 Die Unterscheidung von Ökonomie und Chrematistik
3 Kritische Anmerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aristotelische Ökonomie als integralen Bestandteil seiner praktischen Philosophie, wobei der Fokus auf den ökonomischen Grundbegriffen und deren Einbettung in das aristotelische Weltbild liegt. Ziel ist es, das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik zu analysieren und die Unterscheidung zwischen der naturgemäßen Ökonomie und der naturwidrigen Chrematistik kritisch zu beleuchten.
- Grundlagen der aristotelischen Ethik und Staatslehre
- Struktur und Zielsetzung des antiken Hauswesens (Oikos)
- Rechtfertigung und Funktion des Sklavenwesens im aristotelischen System
- Differenzierung zwischen Ökonomie und Chrematistik
- Kritische Reflexion der Aktualität aristotelischer Wirtschaftsauffassungen
Auszug aus dem Buch
2.2 Unterscheidung von Ökonomie und Chrematistik
Zur Beschreibung der allgemeinen wirtschaftlichen Tätigkeit benutzt Aristoteles den Terminus ‚Erwerb‘, was eine „spezifische Auffassung über die Schaffung wirtschaftlicher Werte klar zum Ausdruck bringt“.
Aristoteles unterscheidet zwei Prinzipien der Erwerbskunst nach dem Zweck, den sie verfolgen: Während die Ökonomie auf die Verschaffung und Verwendung von Gütern und Leistungen gerichtet ist, die zur Verwirklichung des ‚guten Lebens‘ führen sollen (vgl. 2.1), zielt die Chrematistik auf den Erwerb von Geld.
Aristoteles weist auf eine „Doppelrolle des Geldes“ hin. Es geht ihm nicht nur um die Analyse der Funktionen des Geldes als Wertaufbewahrungsmittel, als Zahlungsmittel, das den Tausch vereinfacht und als Recheneinheit, sondern vor allem um den Wert, der dem Geld zugeschrieben wird.
Die Chrematistik entsteht aus der Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert. In seinem Schuhbeispiel grenzt Aristoteles den ‚eigentlichen‘ von dem ‚uneigentlichen‘ Zweck ab: Den Schuh kann man entweder zum Anziehen oder als Tauschmittel benutzen. Dinge werden also nicht mehr nur zum Gebrauch erworben, sondern auch um sie weiter zu tauschen. Die Chrematistik bewirkt eine „Inversion von Zweck und Mittel“, denn nicht mehr die Waren sind der Endzweck des Tausches, sondern das Ziel ist der Erwerb von Geld. Demnach erhält Geld einen eigenständigen Wert. Bei dieser ‚unnatürlichen‘ Art der Erwerbskunst handelt es sich nicht mehr um einen lebensnotwendigen - der Tausch von Gütern und Waren an sich ist nicht wider die Natur -, sondern um einen Tausch um des Geldes willen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung stellt das Vorhaben dar, die Wirtschaftsphilosophie des Aristoteles im Kontext seiner praktischen Philosophie auf Basis von Buch I der Politik zu betrachten.
1 Ethik als Lehre von der Glückseligkeit (‚eudaimonia‘): Das Kapitel erläutert das teleologische Weltbild des Aristoteles, in dem die Glückseligkeit als höchstes Ziel menschlichen Strebens durch Tugendhaftigkeit erreicht wird.
1.1 Theoretischer Teil der Ethik: Die Tugenden: Hier wird die Tugend als vernunftmäßige Mitte zwischen zwei Extremen definiert, die der Mensch durch Gewöhnung und Erziehung entwickelt.
1.2 Praktischer Teil der Ethik: Die Staatslehre: Aristoteles sieht den Menschen als politisches Lebewesen, das seine volle sittliche Erfüllung nur im Rahmen der autarken Polis finden kann.
2 Die Wirtschaftssphäre bei Aristoteles: Dieses Kapitel verortet die wirtschaftliche Tätigkeit als unentbehrlichen, aber untergeordneten dienenden Bereich, der nicht den Selbstzweck der Lebensführung bilden sollte.
2.1 Ökonomie als Lehre vom ganzen Haus: Das Hauswesen wird als in sich geschlossenes System definiert, das der Sicherung der materiellen Grundlage für das ‚gute Leben‘ dient.
2.1.1 Begründung des Sklavenwesens: Aristoteles rechtfertigt die Sklaverei durch natürliche Über- und Unterordnungsverhältnisse und die Notwendigkeit der Befreiung der Bürger von körperlicher Arbeit.
2.2 Die Unterscheidung von Ökonomie und Chrematistik: Es erfolgt die entscheidende Abgrenzung zwischen dem naturgemäßen Erwerb zur Lebenssicherung und dem naturwidrigen, maßlosen Streben nach Geldgewinn.
3 Kritische Anmerkungen: Der abschließende Teil hinterfragt die aristotelischen Positionen, insbesondere das Frauenbild, die soziale Elitarität und die Anwendbarkeit seiner Lehre auf moderne ökonomische Systeme.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Politik, Eudaimonia, Tugend, Ökonomie, Chrematistik, Oikos, Hauswesen, Sklavenwesen, Ethik, Geldwirtschaft, Gutes Leben, Autarkie, Staat, Teleologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die ökonomischen Konzepte des Aristoteles und bettet diese in den Kontext seiner praktischen Philosophie und Ethik ein.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem aristotelischen Tugendbegriff, der Staatslehre, der Hausverwaltung (Ökonomie) sowie der kritischen Auseinandersetzung mit der Geldwirtschaft (Chrematistik).
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Aristoteles Wirtschaft als dienenden Bereich für das „gute Leben“ konzipiert und warum er das grenzenlose Streben nach Gewinn ablehnt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse von Primärquellen (Buch I der Politik) und stützt sich auf die Konstruktion von Idealtypen zur systematischen Differenzierung ökonomischer Phänomene.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden das Weltbild des Aristoteles, die Funktion des Hauses als Sozialisationsinstanz, die Rechtfertigung der Sklaverei sowie die Dichotomie zwischen Ökonomie und Chrematistik ausführlich dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Eudaimonia, Ökonomie, Chrematistik, Tugendethik, Autarkie und die Kritik am Zinswesen.
Wie begründet Aristoteles das Sklavenwesen?
Er argumentiert mit einer vermeintlichen naturgegebenen Hierarchie, in der der Vernunftbegabte den Mindervernünftigen leitet, was er als nützlich für beide Parteien darstellt.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Ökonomie und Chrematistik für Aristoteles so wichtig?
Für ihn ist es eine moralische Grenzziehung: Während Ökonomie der Existenzsicherung dient und damit das gute Leben ermöglicht, verkehrt die Chrematistik Mittel und Zweck, indem sie den Geldgewinn absolut setzt und dadurch das sittliche Zusammenleben gefährdet.
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- Jutta Staudte (Author), 2001, Ökonomische Aspekte im Werk des Aristoteles, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3310