Der "Arme Heinrich", das Verständnis des Aussatzes und die Frage der Schuld bei Hartmann von Aue


Seminararbeit, 2004
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der „Arme Heinrich“ und das Verständnis des Aussatzes und die Frage der Schuld bei Hartmann von Aue
2. 1 Das Motiv des Aussatzes in der mittelalterlichen Literatur
2. 2 Der Begriff der Schuld nach christlichem Gedankengut
2. 3 Das Verständnis des Aussatzes
2. 4 Der Gehalt der Schuld innerhalb der Erzählung

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der „Arme Heinrich“ gehört zu jenen Dichtwerken der erzählenden, mittelalterlichen Literatur, in denen der Einbruch einer Krankheit in das Leben eines Menschen thematisiert wird. Wie der scheinbar Unschuldige aus dem Alltag des Lebens gerissen wird, und wie die mit der Krankheit verbundene Angst vor dem Tod den Charakter verwandelt.

In der mittelalterlichen Literatur sind unheilbare und lebensbedrohliche Krankheiten ein weit verbreitetes Motiv. Der Aussatz nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Er galt zu damaliger Zeit als das furchtbarste Los, das einen Menschen treffen konnte. Der von ihm Befallene war ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Lebenden, der körperliche Zerfall wurde aufgefasst als Zeichen der seelischen Vergiftung, mit dem Gott den Bösen strafte. Die Schuld galt als erwiesen.

Das Besondere dieses Werkes ist, dass Hartmann seinen Protagonisten als Idealtypus eines ritterlich-höfischen Menschen einführt, bei dem auf den ersten Blick keinerlei Sündhaftigkeit zu erkennen ist. Dennoch wird er inmitten des Glanzes seiner Vollkommenheit vom Aussatz befallen und ist damit aus der Welt ausgesetzt. So stellt sich bereits zu Beginn der Erzählung die Frage nach der Ursache für dieses einschneidende Ereignis. Hartmann lässt außer Frage, dass die Krankheit von Gott gesandt ist, doch worin dessen Motivation besteht, Heinrich mit einer solch schweren Krankheit zu belegen, ist ein mannigfach in der Forschung diskutiertes Problem. Wie soll der furchtbare Schicksalsschlag, der die weitere Handlung im „Armen Heinrich“ auslöst, gedeutet werden? Im Zusammenhang mit der innerhalb der Erzählung erwähnten Figur Hiobs, lässt sich Heinrichs Aussatz als göttliche Prüfung verstehen. Andererseits legt das vorangehende biblische Absalombild und dessen literarischer und exegetischer Gebrauch es zunächst nahe, den plötzlichen Sturz vom Glanz des Lebens in die Tiefe als Strafe Gottes zu interpretieren.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Suche nach dem Verständnis des Aussatzes im Hinblick auf folgende Fragen: Lässt sich die Krankheit eindeutig als göttliche Prüfung oder Strafe Gottes erklären? Inwiefern trägt Heinrich Schuld an seiner Erkrankung am Aussatz? Trifft Heinrich anhand der Erzählung überhaupt eine Schuld?

Bevor ich mich näher mit der Auslegung der Krankheit und dem Problem der Schuld auseinandersetze, befasse ich mich zu Beginn mit dem Motiv des Aussatzes in der mittelalterlichen Literatur. Anschließend folgt eine Definition der Schuld nach christlichem Gedankengut, da das Werk einer christlich geprägten Kultur entstammt, und diese möglicherweise für die Frage der Schuld nützlich sein kann.

2. Der „Arme Heinrich“ und das Verständnis des Aussatzes und die Frage der Schuld bei Hartmann von Aue

2. 1 Das Motiv des Aussatzes in der mittelalterlichen Literatur

Die Aussatzgeschichten im Mittelalter mit der Thematik der Heilung vom Aussatz durch das Bad oder Waschung in Menschenblut, vor allem dem von unschuldigen Kindern, kommen in verschiedenen Variationen vor. Sie sind einteilbar in zwei Grundtypen, nämlich den Barmherzigkeitstypus, der durch die Sylvesterlegende vertreten wird, und den Erzähltypus der Freundschaftsprobe, in der das Motiv der Krankenheilung verbunden wird mit dem der Freundesbewährung.[1]

Die Sylvesterlegende lässt sich klassifizieren als „Heilsgeschichte eines Kranken.“[2] Der heidnische Kaiser Konstantin ist der vom Aussatz befallene Kranke, der auf Empfehlung der Ärzte Vorbereitungen für ein Bad in Kinderblut treffen lässt. Das Leid der betroffenen Mütter rührt den Kranken, und er verzichtet auf das grausame Blutopfer. „Es sei besser, er allein sterbe, als dass so viele Kinder um seinetwillen [...] ihr Leben verlören.“[3] Die Entsagung des Opfers ermöglicht die Heilung, die als Wunder Gottes zur Offenbarung der Gnadenmitteilung im Vollzug der Taufe erfolgt. Für das Verständnis der Erzählung ist es ausschlaggebend, dass der vom Aussatz befallene Kaiser, um seines und der Christenheit Heiles willen befallen wird. Die Heilung gründet sich im Verzicht auf das Opfer und der Ergebenheit ins Schicksal der Krankheit.[4]

Mit dem Motiv des Aussatzes wird der Typus der Freundschaftssage, dem es ursprünglich um die Erprobung eines Freundes gegenüber der Frau des anderen geht,[5] mit der Geschichte von Amicus und Amelius verbunden. In dieser wird Amicus vom Aussatz befallen. Die Krankheit, die von Gott kommt, erfordert keine spezielle Motivierung. Es reicht die miselsuht als bloße Tatsache, da die Krankheit dem Fähigkeitsnachweis eines anderen Menschen zu dienen hat, nicht dem Heil des Kranken. Die Heilung soll durch das Blut der beiden Knaben des Amelius erfolgen. Dieser, der Amicus wegen seiner früheren Hilfeleistung besonders dankbar ist, erfährt von der möglichen Heilung, steht nun vor dem Problem, für Freundeshilfe ein schwerstes persönliches Opfer zu bringen. Er entschließt sich, seine Knaben zu opfern und dem Freund zu helfen. Sein Handeln beweist seine bedingungslose Treue. Nach dem blutigen Heilungsakt, der im Hintergrund der Geschichte bleibt, erweckt Gott die getöteten Knaben wieder zum Leben.[6] Im Gegensatz zur Silvesterlegende ist hier die Opfertat Schwerpunkt der Erzählung.

Der altfranzösische Prosaroman „La Queste del Saint Graal“, speziell der „Queste“-Teil in einer Episode, repräsentiert den gleichen Typus der Opferbereitschaft in reiner Form.[7] Eine Schlossherrin, die vom Aussatz befallen ist, drängt alle an ihrer Burg Ankommenden, eine Schale voller Blut für ihre Heilung zu spenden. Auch ihre Krankheit wird von Gott verhängt und bleibt, genau wie diejenige des Amicus, unbegründet. Die Opferwillige ist Percevals Schwester, deren Opfertat freiwillig und aus reiner Barmherzigkeit erfolgt, und das, obwohl keine persönliche Bindung zur wahrscheinlich sogar schuldbeladenen Opferempfängerin existiert. Das Blut der Opferbringenden führt genau wie in der Freundschaftssage von Amicus und Amelius zur Heilung der Aussätzigen. Das Spenden des Blutes zieht allerdings den Tod als Folge nach sich. Trotz der erfolgreichen Heilung wird der Vorgang dadurch bestraft, dass die Burg der Aussätzigen von einem Blitzstrahl getroffen und die Bewohner getötet werden. Eine Stimme vom Himmel verkündet, dies sei ein Zeichen Gottes für die Bestrafung eines Frevels.[8]

„Amicus und Amelius“ und der „Queste“-Teil sind Variationen desselben Erzählmodells, das auf der selbstlosen Tat eines Opferwilligen basiert. Die Differenzen liegen lediglich in der Motivation der Opfertat. Amelius leistet in der Freundschaftssage sein freiwilliges Opfer aus Freundestreue, wohingegen Percevals Schwester aus reiner Barmherzigkeit ihr Lebensopfer bringt. Beide Male führt das Blutopfer zur Heilung.

Das Mittelalter bietet zum Thema der Heilung des Aussatzes durch das Blutopfer also zwei verschiedene, aber einander ähnliche Erzählmodelle. Welchem Modell lässt sich der „Arme Heinrich“ zuordnen? Der „Arme Heinrich“ gilt als Mischtypus, der beide Erzählmodelle integriert.[9] Zum einen ist der „Arme Heinrich“ eine Heilsgeschichte, in der Heinrich vom Aussatz befallen wird, um zu seinem wahren Heil zu gelangen. Mit dem Verzicht des Opfers aus bärmde,[10] und in der Hingabe in das Schicksal der Krankheit, wird Heinrich durch den göttlichen Gnadenakt geheilt. Zum anderen lässt sich Hartmanns Erzählung seitens der opferbereiten Meierstochter als Erlösungsgeschichte deuten. Dieses Opfer ist freiwillig, genau wie das Wohltätigkeitsopfer der Schwester Percevals.

[...]


[1] Wapnewski, Peter: Hartmann von Aue, Stuttgart 1969, S. 95.

[2] Ruh, Kurt: Hartmanns „Armer Heinrich“. Erzählmodell und theologische Implikationen, in: Mediaevalia litteraria. Festschrift für Helmut de Boor, München 1971, S. 318.

[3] Ebd., S. 318.

[4] Ebd., S. 320.

[5] Wapnewski, Peter: Hartmann, S. 95.

[6] Cormeau, Christoph und Strömer, Wilhelm: Hartmann von Aue: Epoche-Werk-Wirkung, München 1985, S. 148.

[7] Ebd., S. 148.

[8] Ruh, Kurt: Hartmanns „Armer Heinrich“, S. 319.

[9] Ebd., S. 320.

[10] Hartmann von Aue: Der arme Heinrich. Hrsg. von Hermann Paul. – 17.,durchges. Aufl. / neu bearb. von Kurt Gärtner. – Tübingen 2001, S. 57, V. 1366.

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Details

Titel
Der "Arme Heinrich", das Verständnis des Aussatzes und die Frage der Schuld bei Hartmann von Aue
Hochschule
Technische Universität Berlin
Veranstaltung
PS: „Textinterpretation: Allegorie und Melancholie in der Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit“
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V33190
ISBN (eBook)
9783638337267
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arme, Heinrich, Verständnis, Aussatzes, Frage, Schuld, Hartmann, Allegorie, Melancholie, Literatur, Mittelalters, Neuzeit“
Arbeit zitieren
Sebastian Kreft (Autor), 2004, Der "Arme Heinrich", das Verständnis des Aussatzes und die Frage der Schuld bei Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33190

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