Der Urvogel Archaeopteryx


Fachbuch, 2004
61 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Der Fundort

Die Funde

Die Forscher und der Wandel der Zeit

Vogel oder Reptil – oder beides?

Rekonstruktion

Federevolution – woher und warum

Evolution des Vogelfluges

Geflattert oder Geflogen?

Systematik - Problematik

Frühere Vogelfossilien

Spätere Vogelfossilien

Archaeopteryx – gefälscht?

Kreationistisches

Epilog

Danksagung

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Vorwort

Als ich begann, mich aufgrund meines Hobbys Fossiliensammeln mit Archaeopteryx zu beschäftigen , hatte ich nicht vor, und auch nicht im Traum daran gedacht, jemals ein derartig großes Manuskript zu diesem Thema zu verfassen. Manch einer wird nun sagen : „ Bitte nicht noch eine Veröffentlichung über den Urvogel“, da es ja schon eine Reihe dieser Bücher gibt. Nun ist es aber meiner Meinung nach so , dass die Bücher , die auf Deutsch erhältlich sind , entweder sehr populärwissenschaftlich gehalten oder Fachartikel sind, die unter Umständen für den Laien wenig verständlich sein mögen. Wem sich aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse die englische Literatur nicht erschließt , hat so leider auch keinen Zugriff auf die zum Teil sehr guten englischsprachigen Bücher. Da ich mich mit einigen englischsprachigen Büchern zu diesem Thema beschäftigt habe, habe ich erst einmal für mich angefangen die Informationen verständlich zusammenzutragen. Neben einem Artikel, den ich im Mai 2001 für meine Webseite verfasst habe um kreationistische Sichtweisen denen der aktuellen Wissenschaft gegenüberzustellen, ist daraus dieses Werk entstanden.

Vielleicht hilft es dem einen oder anderem der sich näher mit der Materie Vogelevolution, Entstehung der Vögel sowie Archaeopteryx beschäftigen will oder sich dafür interessiert. Sicherlich, ich bin weder Paläontologe noch Ornithologe, aber dennoch hoffe ich einen Einblick in diese höchst interessante Materie geben zu können.

Dieses Werk will sich aber nicht als anti-kreationistisch verstehen, sondern durchaus als wissenschaftlich. Dennoch habe ich versucht , die grundlegenden Vorgehensweisen der Kreationisten in einem eigenen kurzen Kapitel zu skizzieren, und auch einige Fehler aufzuzeigen; in der Hoffnung , dass diejenigen , die mit offenen Augen und Ohren durch das Leben wandern nicht auf die auf den ersten Blick teilweise überzeugend wirkenden, kreationistischen Darstellungen in Bezug auf die Vogelevolution hereinfallen.

Martin Sauter

Anmerkung:

Korrekt müssten die Urvögel mit "die Archaeopteryx" angesprochen werden, da "pteryx" (Die Feder) weiblich ist. In der gängigen Literatur wird aber darauf verzichtet, daher werden auch hier die Fossilien mit "dem (Urvogel) Archaeopteryx" angesprochen.

Der Fundort

Es wird wohl kaum eine Fossiliensammlung oder ein paläontologisches Museum geben, welche nicht Versteinerungen aus dem Solnhofener Plattenkalk beherbergen. Die kleine Ortschaft Solnhofen, mitten im Naturpark Altmühltal gelegen, ist diesbezüglich weltberühmt, obwohl mit dem Begriff „Solnhofener Plattenkalk“ im weiteren Sinne auch alle anderen Plattenkalkvorkommen der Region wie zum Beispiel Eichstätt, Zandt und viele weitere umschrieben werden.

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Abb. 1 Das Vorkommen des Solnhofener Plattenkalkes

Es handelt sich bei diesem Vorkommen um eine sogenannte Lagerstätte, damit ist im paläontologischen Sinne ein Fundort gemeint, welcher durch seinen Artenreichtum und die Erhaltung der Fossilien besonders hervorsticht. Mittlerweile sind über 700 verschiedene Tier- und Pflanzenarten aus dem Solnhofener Plattenkalk wissenschaftlich bearbeitet, und es ist sicherlich anzunehmen, dass es noch mehr werden, da durch den industriellen Abbau der Plattenkalke, die auch Lithographischer Schiefer genannt werden, immer wieder neue Fossilien an das Tageslicht kommen.

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Abb. 2 Schichtprofil von der Donau nach Erding

Die Plattenkalke sind ca. 144 bis 150 Mio. Jahre alt, damit gehören diese stratigraphisch in das Untere Tithonium. Nach der heute immer noch gebräuchlichen geologischen Einteilung von F.A. QUENSTEDT ist dies das Malm epsilon bis Malm zeta 3. Die Schichtstärke beträgt insgesamt bis zu 85 Meter (Untere und Obere Solnhofener Schichten).

Abgebaut werden aber in der Regel nur die oberen Solnhofener Schichten, welche eine Mächtigkeit von ca. 30 bis 40 Meter haben können. Weiter im Westen gelegen finden sich ältere Sedimente, der Treuchtlinger Marmor. Die Stärke der Schichten des Treuchtlinger Marmors beträgt ca. 40 Meter und stratigraphisch gehört dieser zum Kimmeridgium.

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Abb. 3: Plattenkalk in der Weißenburger Therme

Wie durch archäologische Ausgrabungen im Raum Weißenburg und auch andernorts nachgewiesen wurde, haben bereits die Römer oftmals den Solnhofener Plattenkalk als Baumaterial verwendet. Allerdings ist uns nicht überliefert, wie die sicherlich entdeckten Fossilien erklärt wurden, wenn dies überhaupt der Fall war.

Im 16. und 17. Jahrhundert wurde der Solnhofener Plattenkalk im Fundgebiet ebenfalls als Baumaterial verwendet, die Fossilien wurden allerdings zum Teil als „Teufelswerk“ abgetan, was sich in der Bezeichnung „Eichstätter Spinnensteine“ widerspiegelt. Mit dieser Umschreibung wurde die freischwimmende Seelilie Saccocoma tenella, die zum Teil sehr häufig auftritt, bezeichnet. Die Ablagerungen wurden, dem strengen Glauben nach, der Sintflut zugeschrieben.

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Abb. 4: „Eichstätter Spinnenstein“

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Abb. 5: Alois Senefelder

Einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erfuhr die Wirtschaft um den Solnhofener Schiefer im Jahre 1793, als ALOIS SENEFELDER mit seiner Erfindung der Lithographie (Steindruck) den Solnhofener Plattenkalk als optimalen Druckstein entdeckte. Heutzutage erfolgt der Abbau immer noch per Hand, die Plattenkalke werden unter anderem als Fliesen weiterverarbeitet. Der Abraum, der nicht genutzt werden kann, wird entweder auf Halden gelagert oder zu Beton verarbeitet.

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Abb. 6: Steinbruchgebiet Untere Haardt bei Solnhofen / Langenaltheim

Als die Paläontologie als Wissenschaft entstand, haben sich viele Wissenschaftler mit den Fossilien des Solnhofener Plattenkalkes auseinandergesetzt. Allerdings haben die meisten sich nur mit den Fossilien, nicht aber mit der Rekonstruktion des damaligen Lebensraumes beschäftigt.

Dies änderte sich als Paläontologen anfingen sich nicht nur für die Fossilien sondern auch für den Lebensraum zu interessieren, und so wurde versucht diesen zu rekonstruieren. Wenn man sich die Landschaft ansieht, in der das Plattenkalkvorkommen liegt, wird klar, dass es sich um Lagunen gehandelt haben muss, denn man findet an den Rändern des Vorkommens Riffstotzen. Daher ist klar, dass der Lebensraum der Solnhofener Lagunen vom offenen Meer mehr oder weniger abgetrennt gewesen sein muss.

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Abb. 7: „Dohlenfelsen“ bei Kohnstein

Eben dieses „mehr oder weniger“ führte dazu, dass einige Wissenschaftler angenommen haben, dass diese Wannen zeitweise trocken fielen oder dass es sich um ein von Ebbe und Flut zeitweilig überschwemmtes Gebiet gehandelt haben muss. Andere wiederum waren davon überzeugt, dass die Lagunen stetig von Wasser bedeckt waren.

Betrachten wir die Argumentationen von OSKAR KUHN, welcher überzeugt war, dass die Lagunen zeitweilig trocken fielen: Er brachte ins Feld, dass die meisten Fossilien auf der Unterseite der Platten (hangende Schicht) liegen. Dies erklärte er damit, dass der Organismus, eingebracht durch eine Überschwemmung, sich nicht auf der trockenen vorhandenen Oberfläche ablagerte, sondern sich in den frischen, nassen Schlamm, der sich über dem Organismus ablagert, einbettete. Allerdings konnte er das Fehlen von Trockenrissen, welche zweifelsohne beim Trocknen des Schlammes hätten entstehen müssen, nicht erklären. Interessanterweise deutete er Aufsetzmarken von Landlebewesen als Todeskampfspuren, wohingegen Rollmarken von Ammoniten während der Flut entstanden sein sollen [1].

K. WERNER BARTHEL argumentierte, dass die Solnhofener Lagunen ständig von Wasser bedeckt gewesen sein mussten. Hauptargument war zum einen das völlige Fehlen von Laufspuren landbewohnender Lebewesen, die bei einem Trockenfallen zu erwarten wären, und zum anderen die Tatsache, dass sich Fossilien dieser Lebewesen nur äußerst selten finden lassen. Das Argument, dass die Fossilien meist auf der hangenden Schicht zu finden sind, konnte er entkräften. Er zeigte, dass sich auf unter Wasser befindlichen Sedimenten ein Oberflächenhäutchen aus Tonmineralien bildet, welches tote Organismen nur wenig an sich bindet. So konnte das Sediment welches sich über dem Organismus absetzte das jetzige Fossil einbetten [2].

BARTHEL ging davon aus, dass die Solnhofener Lagune ein komplett lebensfeindlicher Raum war, nur an den begrenzenden Riffen herrschten lebensfreundlichere Voraussetzungen.

Heute hat sich das Bild wie es von BARTHEL gezeichnet wurde nur insofern verändert, dass wir davon ausgehen, dass die oberen sauerstoffreichen Wasserschichten der Solnhofener Lagune durchaus lebensfreundlich waren. Nur die unteren Wasserschichten waren lebensfeindlich, da in diesen Wasserschichten der Sauerstoff fehlte [3]. Was bis heute leider immer noch nicht ausreichend geklärt ist, ist die Sedimentationsgeschwindigkeit. Es ist aber anzunehmen, dass diese zum Teil sehr schnell war [4]. Auch die Frage woher das Sediment an sich gekommen ist, kann noch nicht beantwortet werden

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Abb. 8: Schematische Rekonstruktion der Lagunen

Die Riffstotzen, die man überall an den Hängen im Altmühltal sieht, waren im Jura die Begrenzungen der Solnhofener Wannen, die diese voneinander trennten. Das Festland lag - Rekonstruktionen zufolge - weiter im Nord-Westen. Die offene See, die Thetys, hingegen lag südlich im heutigen Alpenraum. Die Gegend um Solnhofen war ein Flachwassergebiet, welches von Schwamm- und Korallenriffen gesäumt war. Das Klima war subtropisch, wovon die überlieferte Tier- und Pflanzenwelt zeugt. Hauptsächlich werden die Bewohner dieser Korallenriffe (Fische und Krebse) gefunden, seltener auch Insekten, Flugsaurier, Eidechsen und andere Tiere.

Einige Beispiele der Tierwelt des Solnhofener Plattenkalk:

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Abb. 9:

Amiopsis lepidota, ca. 16 cm großer Fisch aus Eichstätt. Diese räuberischen Fische werden aufgrund der Schwanzflosse auch als „Besenfische“ bezeichnet.

Abb. 10:

Propterus microstomus aus Eichstätt. Dieser ca. 10 cm große Fisch gehört zur angrenzenden Korallenriff Fazies.

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Abb. 11:

Antrimpos speciosus, einer der häufigsten Krebse, hier mit ca. 16 cm Körpergröße. Fundort ist Eichstätt.

Abb. 12:

Dieser ca. 7 cm große Ammonit, ein Subplanites rueppelianus, stammt ebenso aus Eichstätt.

Die Funde

Archaeopteryx – dieser Name klingt nach Abenteuer

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Abb1: Die Feder - Positivplatte

... und dieses Abenteuer begann im Jahre 1860, als HERMANN VON MEYER, ein Jahr nach dem Erscheinen von DARWINS Entstehung der Arten, eine Feder aus den Solnhofener Plattenkalken beschrieb. Diese wurde im Gemeindesteinbruch in Solnhofen gefunden, genauer gesagt in dem Anteil des Bruches welches KOHLER gehörte. Bis zu diesem Zeitpunkt war man davon ausgegangen, dass Vögel sich erst nach dem Niedergang der Flugsaurier entwickelt hatten. Daher war diese Feder, die wie eine eines modernen Vogels aussah, eine Sensation. Entsprechend vorsichtig war VON MEYER, der dies wohl selber nicht ganz glauben mochte, waren doch verschiedene Paläontologen seiner Zeit Fälschungen aufgesessen. Doch diese Feder war echt

Für den unbekannten Träger dieser „uralten Feder aus dem Lithographischen Schiefer“ prägte er den Namen Archaeopteryx lithographica [1]. Die Positivplatte der Feder wird heute im Museum für Naturkunde der Humboldt - Universität in Berlin, die Gegenplatte in der Bayerischen Paläontologischen Sammlung in München aufbewahrt.

Im darauf folgenden Jahr, also 1861, wurde in der Grube Ottmann ein ungewöhnliches Fossil gefunden. Es war ein hybrides Geschöpf: Vogel, weil es Federn trug, aber auch Reptil, denn es hatte krallenbesetzte Finger und einen langen knöchernen Schwanz. Einzig der Schädel fehlte. (Später konnte man Teile der Hirnkapsel auf der Platte identifizieren, zu diesem Zeitpunkt war dem aber nicht so).

Durch die Aufregung um den Fund wurde Dr. KARL HÄBERLEIN darauf aufmerksam. Er erwarb das Fossil von den Grubenarbeitern in Gegenleistung ärztlicher Dienste. Er bot die Fossilplatte zum Kauf an – wobei er Wert darauf legte, dass potentielle Interessenten bei der Besichtigung keine Zeichnungen oder Notizen anfertigten. Natürlich haben dies einige später aus dem Gedächtnis gemacht, wie ALBERT OPPEL, der das Exemplar inspizieren sollte. Interessanterweise ist diese Zeichnung spiegelverkehrt, zeigt aber den Zustand der Positiv-Platte. Vielleicht hat OPPEL aus beiden Platten (Positiv und Negativ) eine komplette Zeichnung gefertigt.

Da zu diesem Zeitpunkt der Darwinismus, oder besser gesagt der Evolutionsgedanke, noch in den Kinderschuhen steckte, ist es nicht verwunderlich, dass durch die Geheimhaltung - die nur dazu dienen sollte den Kaufpreis des Stückes in die Höhe zu treiben - sich allerlei Geschichten um den Fund rankten und viele den wahren Wert dieser Entdeckung nicht erkannten.

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Abb. 2: Die Archaeopteryx Zeichnung von OPPEL

So hat der Münchener Universitätsprofessor ANDREAS WAGNER, ein Verfechter der Schöpfungsgeschichte, den Fund als „Kriechtier“ abgetan. Er benannte ihn „Griphosaurus“ also „Rätselechse“. Ebenso schrieb er in einer Veröffentlichung, dass dieses Tier als „Kriechtier“ anzusehen sei und die Federn nur „Zierrat“ seien. Auch wetterte er gegen die Darwinisten, die dieses Fossil als willkommenes Argument ihrer Thesen sahen. Er war überzeugt davon dass die Darwinisten mir Ihrer Ansicht falsch lagen und so überließ er den Fund anderen [2].

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Abb. 3: Das Londoner Exemplar

Schließlich kaufte das Britische Museum für Naturgeschichte (damals unter dem Kurator RICHARD OWEN) das Fossil. So gelangte der erste Urvogel nach London. 1863 beschrieb OWEN das Fossil als Archaeopteryx macura. Das Fossil wurde in der Kontroverse zwischen OWEN, einem Verfechter der Schöpfungslehre, und THOMAS HUXLEY, einem Vertreter des Darwinismus, zu einem wahrhaften Kronzeugen der aufkeimenden Evolutionstheorie. HUXLEY, der die Theorien DARWINS unterstützte, konnte alle Argumente von OWEN, der im Archaeopteryx einen durch göttliche Hilfe mutierten Pterodactylus sah, entkräften. Er stellte diesen zwischen die Reptilien und die Vögel als das Bindeglied, welches immer wieder von Gegnern der Evolutionstheorie gefordert wurde. CHARLES DARWIN, der diese Theorie formulierte, hielt sich im Hintergrund und äußerte sich nicht zu diesem Fossil.

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Abb. 4: Das Berliner Exemplar

1877 wurde in der Grube Dörr erneut ein Urvogel gefunden. Und wieder eignete sich ein Häberlein, diesmal der Sohn Ernst, den Fund an. ERNST HÄBERLEIN wollte den Fund zuerst für 36000 Mark innerhalb Deutschlands veräußern, allerdings fand sich lange Zeit kein Käufer. Daher bot er das Fossil auch ausländischen Museen an, unter anderem auch dem Naturhistorischen Museum in New Haven, USA. Um diesen Fund nicht wieder in das Ausland gehen zu lassen wurde das Fossil nach langem Ringen vom Industriellem WERNER SIEMENS im Frühjahr 1880 aufgekauft, da dieser über die nötigen finanziellen Möglichkeiten verfügte. Das Fossil wurde dann an die Berliner Humboldt Universität weitergegeben und befindet sich heute noch im Museum für Naturkunde der Humboldt - Universität in Berlin. Das Berliner Exemplar, wie dieser Fund nun bezeichnet wird, ist bis heute der mit Abstand schönste Fund des Urvogels. Offiziell wurde es 1884 vom damaligen Kustos, WILHELM DAMES, als Archaeopteryx siemensi beschrieben. BRANISLAV PETRONIEVECS benannte das Fossil 1917 um in Archaeornis siemensi, da er der Ansicht war das der Berliner Urvogel sich so stark vom Londoner Exemplar unterschied, dass eine neue Gattung gerechtfertigt ist. Heute wird das Berliner Exemplar wieder zu Archaeopteryx lithographica gezählt. Glücklicherweise überstand das Berliner Exemplar den zweiten Weltkrieg unbeschadet. Bis 1956 sollte dies auch das letzte gefundene, oder besser gesagt erkannte, Exemplar eines Urvogels bleiben.

Im Jahr 1956 wurde erneut ein Archaeopteryx gefunden. Als Fundort wurde die Langenaltheimer Haardt bei Solnhofen angegeben. Dieses Exemplar wurde 1959 erstmals wissenschaftlich untersucht. Das Fossil war im Privatbesitz des Steinbruchbesitzers EDUARD OPITSCH. Dieser stellte das Exemplar als Leihgabe dem Museum auf dem Maxberg zur Verfügung, daher wird dieses Fossil auch als „Maxberger Exemplar“ bezeichnet. 1974 wurde das Fossil wieder in die Privatsammlung von EDUARD OPITSCH integriert und war seitdem nicht mehr im Museum zu sehen. Aus welchen Gründen auch immer war es seitdem auch nicht mehr möglich das Fossil im Original zu untersuchen, da dies vom Eigentümer immer abgelehnt wurde. Selbst zur Archaeopteryx-Konferenz im Jahre 1984, als man sich bemühte das Original des Maxbergers Archaeopteryx verfügbar zu machen, war es nicht möglich dieses im Original zu zeigen.

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Abb. 5: Das Maxberger Exemplar

Als im Jahre 1991 EDUARD OPITSCH im Alter von 91 Jahren verstarb, fand sich in seinem Nachlass keine Spur des Archaeopteryx. Soweit wir wissen, gab es keinen offiziellen Verkauf, auch konnte in den Unterlagen keinerlei Hinweis auf den Verbleib des Maxberger Exemplars gefunden werden. Selbst die Untersuchung der diesbezüglich eingeschalteten Staatsanwaltschaft hat keine weiteren Erkenntnisse geliefert. Ob dieses Exemplar nun verkauft, gestohlen oder sonstwie weitergegeben wurde ist bis heute nicht geklärt. Auch warum die Herausgabe vom Besitzer für weitere Untersuchungen untersagt wurde ist ein Rätsel. War OPITSCH zu diesem Zeitpunkt vielleicht gar nicht mehr im Besitz des Fossils? Welche Gründe sollte er sonst gehabt haben, das Fossil nicht mehr leihweise der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen? Wir wissen es nicht! Das Fossil ist bis heute nicht wieder aufgetaucht, was natürlich für die Wissenschaft ein sehr großer Verlust ist, da weitere Untersuchungen an diesem Exemplar nicht mehr möglich sind. Aus diesem Grunde wurden damals Stimmen laut, die eine gesetzliche Regelung forderten, wie mit wissenschaftlich wertvollen Fossilien umgegangen werden soll. Eine solche gesetzliche Regelung gibt es allerdings bis heute in Bayern nicht.

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Abb. 6: Das Haarlemer Exemplar

1970 ergab sich ein Zufall. JOHN H. OSTROM untersuchte Fossilien im Archiv der Sammlung im Teyler´s Museum in Haarlem (Niederlande). Als er die Fossilplatten eines als Pterodactylus crassipes beschriebenen Flugsauriers sah, traf ihn wohl fast der Schlag - er hatte die Überreste eines Urvogels vor sich. Deutlich erkennbare Federn entlarvten diesen vermeintlichen Flugsaurier. Da dieses Exemplar schon 1855 gefunden worden war, also vor dem Londoner Archaeopteryx, hätte dies eigentlich bedeutet, dass man den Urvogel umtaufen muss. Nach der Nomenklaturregel gilt der älteste vergebene Name als der zu verwendende.

Dies führte anfangs zu Verwirrungen. Die Bezeichnung „Archaeopteryx lithographica“ bezog sich ja eigentlich nur auf die isolierte Feder, und nicht auf das Londoner Exemplar. Das Berliner Exemplar wurde zwischenzeitlich als „Archaeornis siemensi“ beschrieben, daher wäre eigentlich die korrekte Bezeichnung „Archaeornis crassipes“. Die Internationale Kommission für Zoologische Nomenklatur entschied aber das „Archaeopteryx lithographica“ zu verwenden ist. Das Londoner Exemplar, Archaeopteryx macura sowie auch Archaeornis siemensi werden heute der Art Archaeopteryx lithographica zugerechnet.

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Abb. 7: Das Eichstätter Exemplar

Ähnlich erging es dem Eichstätter und dem Solnhofener Exemplar des Urvogels. Beide wurden zuerst als Compsognathus longipes beschrieben, bevor erkannt wurde, dass es sich um einen Urvogel handelte. 1951 wurde der Eichstätter Archaeopteryx in Workerszell gefunden und erst 1973 von MAYR als Archaeopteryx erkannt. Dieses Exemplar, bei welchem der Schädel sehr gut erhalten ist, zeigt nur ganz schwache im Streiflicht erkennbare Federabdrücke, was diese falsche Zuordnung erklärt. Ausgestellt ist dieser Urvogel im Juramuseum auf der Willibaldsburg in Eichstätt.

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Abb. 8: Das Solnhofener Exemplar

1987 wurde ein neues Exemplar des Urvogels bekannt [3]. Wie schon beim Eichstätter Exemplar war dieses zuerst fälschlicherweise als Compsognathus bestimmt worden. Das Solnhofener Exemplar war ursprünglich im Besitz des Solnhofener Bürgermeisters FRIEDRICH MÜLLER und ging während der wissenschaftlichen Bearbeitung in den Besitz des Bürgermeister Müller-Museums in Solnhofen über. Im Jahre 2001 wurde durch das Oberlandesgericht Nürnberg die Klage eines Steinbruchbesitzers abgewiesen, der behauptet hat das dieses Exemplar 1985 aus seinem Besitz entwendet wurde. Da der genaue Fundort nicht nachweisbar ist, ist das Urteil mittlerweile rechtskräftig. Dieses Exemplar ist im Schnitt 10% größer als die bisher gefundenen Exemplare und wurde von PETER WELLNHOFER als Archaeopteryx lithographica bestimmt. ANDREJ ELZANOWSKI überarbeitete dieses Exemplar 2001 und ordnete es einer neuen Gattung - Wellnhoferia grandis - zu. Begründet wird dies damit, dass der Schwanz kürzer ist als bei den anderen Archaeopteryx, das Fußskelett sich unterscheidet und es ein etwas anderes Becken aufweist [4]. Damit gibt es nun zwei Gattungen von Urvögeln, Archaeopteryx und Wellnhoferia.

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Abb. 9: Das Münchener Exemplar

In den Steinbrüchen des Solnhofener Aktien-Vereins wurde 1992 ein weiteres Fossil eines Urvogels gefunden. Glücklicherweise überließen die Besitzer den Fund zur wissenschaftlichen Bearbeitung der Bayrischen Staatsammlung, wo PETER WELLNHOFER die Bearbeitung vornahm [5]. Dieses Exemplar, zuerst als das „Exemplar des Solnhofener Aktien-Vereins“ bezeichnet, ist das bisher kleinste Fossil. Aufgrund des verknöcherten Brustbeines wurde es als neue Art abgegrenzt: Archaeopteryx bavarica. Letztendlich konnte dieses Exemplar von der Bayerischen Staatsammlung aufgekauft werden, und ist nun als „Münchener Exemplar“ bekannt. Dies war aber nur möglich, weil sich viele Spender und Geldgeber gefunden hatten und weil die Besitzer weitaus höhere Gebote ausschlugen und so den Urvogel in seiner „Heimat“ - Bayern - beließen.

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Abb. 10: 8. Exemplar von Archaeopteryx

Über das 8. Exemplar eines Archaeopteryx ist bisher sehr wenig bekannt. Als Fundort wird Workerszell angegeben, und es handelt sich dabei um ein fragmentarisches Exemplar. Leider kennt man weder den Besitzer noch den Aufbewahrungsort. Dieses Exemplar ist auch wissenschaftlich noch nicht bearbeitet worden, daher muss man es als Archaeopteryx sp. ansprechen. Bekannt ist bisher nur ein Abguss aus dem Jahre 1997

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Abb. 11: „Chicken Wing“

Das 9. Exemplar eines Archaeopteryx wurde im Frühjahr 2004 gefunden. Das Fossil ist in Privatbesitz der Familien OTTMANN & STEIL , welche in Solnhofen ansässig sind. Gefunden wurde dieses Fossil zwischen Solnhofen und der Langenaltheimer Haardt, im so genannten „Alten Steinberg”. Dem Finder, der Steinbrecher KARL SCHWEGLER, ist es zu verdanken dass dieses Exemplar den rechtmäßigen Besitzern und damit der Wissenschaft zugeführt wurde. Der Spitzname „Chicken Wing“, der diesem Exemplar verliehen wurde, bezieht sich darauf, dass es sich um eine isolierte Schwinge handelt [6]. Die Federn sind im Streiflicht gut zu erkennen. Weitere Teile des Körpers wurden leider nicht gefunden, es ist aber gut möglich dass diese noch in nicht abgebauten Plattenkalken liegen. Dieses Fossil kann als Leihgabe im Bürgermeister Müller Museum in Solnhofen besichtig werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Der Urvogel Archaeopteryx
Autor
Jahr
2004
Seiten
61
Katalognummer
V33203
ISBN (eBook)
9783638337380
ISBN (Buch)
9783640667130
Dateigröße
5180 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Urvogel, Archaeopteryx
Arbeit zitieren
Martin Sauter (Autor), 2004, Der Urvogel Archaeopteryx, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33203

Kommentare

  • Ernst Probst am 11.8.2009

    Autor ist Experte.

    Das Buch über Archaeopteryx kann man nur wärmstens empfehlen. Der Autor ist ein anerkannter Fossilienexperte.

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