Verschuldung eines vermeintlichen Helden. Über Wilhelm Raabes Stopfkuchen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Vorbemerkung

1. Der Philister gegen die PhilisterDie Problematik der Titelfigur.

2. Der Schnellfuß gegen das RiesenfaultierDie konfliktäre Beziehung zwischen Eduard und Stopfkuchen.

3. Anschauung versus BegriffZur Frage der Reflexion in Raabes Stopfkuchen

4. Verschuldung eines vermeintlichen Helden

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Vorbemerkung

Wenn Hegels Bestimmung des Kunstschönen in der klassischen deutschen Ästhetik durch die Einheit und Wechselwirkung von geistiger Idee und sinnlicher Gestalt charakterisiert wird[1], scheint Wilhelm Raabes Roman Stopfkuchen diesem ästhetischen Begriff in vollendeter Weise zu entsprechen. Denn mit Raabes „See- und Mordgeschichte“ liegt die seltene Begebenheit vor, dass der poetische Gehalt, der sich nicht nur in der psychologischen Charakterisierung des Titelhelden erschöpft, sondern zugleich ein metaphysisches Panorama über Prädestination und Schuldwerdung des Menschen aufwirft, und seine formale Gestaltung von der Erzählperspektive bis hin zur dichterischen Sprache in Wechselwirkung und Einheit erscheinen. So wird etwa Stopfkuchens übermenschliche Gelassenheit, seine „behagliche Weltverachtung“, nicht allein dadurch poetisch umgesetzt, dass er – vermittelt durch den schreibenden Erzähler Eduard – das Gespräch in herrischer und dominanter Weise immer wieder an sich reisst, auch in einer dichten Leitmotivik, die immer gleiche Bilder aufgreift, findet Heinrich Schaumanns Gemüt eine Entsprechung.

Im Folgenden soll versucht werden, diese Wechselwirkung inhaltlicher und formaler Züge in Raabes Stopfkuchen offenzulegen. Die existenziellen Aussagen des Romans werden dabei ebenso berücksichtigt wie Fragen des erzählerischen Verfahrens. Es wird somit einerseits eine inhaltlich orientierte Wertung der Handlung unternommen, insbesondere die Problematik der Hauptfigur herausgearbeitet, andererseits der Frage nach der Erzählstruktur Rechnung getragen. Es sei vorweg schon angedeutet, dass beide Perspektiven einander durchdringen; die erzählerische Komposition des Romans und die aufgeworfenen psychologischen, ethischen und philosophischen Probleme ergeben ein dichtes Spannungsfeld.[2]

1. Der Philister gegen die Philister - Die Problematik der Titelfigur

Raabes Stopfkuchen ist eine überaus schillernde Figur, dennoch haben sich nur wenige Raabe-Interpreten dazu durchgerungen, die überaus zweifelhaften Handlungen des von ihnen als Held titulierten Stopfkuchen kritisch zu hinterfragen.[3] Es drängt sich zuweilen die Erklärung auf, dass Raabes Eigenbeurteilung und Selbstzeugnisse zum Stopfkuchen, in denen er eine Identifikation mit seinem „Dicken“[4] andeutet[5], Einfluss auf das Urteilsvermögen des Großteils der deutenden Forschergemeinde zu nehmen scheinen.[6] Stopfkuchen wird immer wieder als Einzelgänger dargestellt, als ein „Ausnahmemensch“[7] der der dörflichen Spießergesellschaft gegenübergestellt wird. Daran ist durchaus etwas Wahres, zumal die Dualität von „Roter Schanze“ und dörflicher- bzw. städtischer Gemeinschaft, welche von Schaumann pejorativ als „Philistertum“ (34) gekennzeichnet wird, immer wieder als Motiv auftaucht. Andererseits ist Stopfkuchen selbst eine sehr ambivalente Persönlichkeit, er wird nicht nur als Erzphilister entlarvt denkt man an die gemütliche Erscheinung, seine abgedroschenen Allerweltsweisheiten („Der Herr beschere uns einen gemütlichen Sofatod“, 74) sowie die „Pastorenpfeife“ (48) und den „Schlafrock“ (68) als Symbole bürgerlicher Behaglichkeit[8] –, sondern bekennt sich auch selbst zu seinem Spießertum.

Heinrich Schaumanns literarische Belesenheit, seine Bildung und Sprachgewandheit, scheinen nur auf den ersten Blick Argumente gegen sein Philistertum zu sein. Wenn Schaumanns Eingeständnis der eigenen Biederkeit auch in ironischer Form geschieht, handelt es sich dabei doch um eine Selbstgefälligkeit, die das eigene Spießbürgerdasein zu verdecken sucht. Denn ungeachtet der ironischen Reflexion, die seine Bemerkungen scheinbar in ein selbstkritisches Licht zu rücken scheint, ist Stopfkuchen durch eine unerschütterliche Selbstgenügsamkeit gekennzeichnet. So erweist sich seine Selbstironie als ein Kokettieren, das den Widerspruch des Gesprächspartners evozieren soll, es ist somit nichts anderes als eine subtil verdeckte Form des Eigenlobes. „Herr Eduard, er stellt sich ja nur deshalb so albern, weil er es wieder nicht an die große Glocke hängen will, was er eigentlich Gutes an uns getan hat“ (144). Doch Stopfkuchen hängt sein Tun an „die große Glocke“: Auch wenn seine Hilfe bei der Sozialisierung der „Wildkatze“ Valentine und der sozialen Rehabilitation ihres Vaters Quakatz ohne Einschränkung gutzuheißen ist, rückt zumindest sein beharrliches Hinweisen („Jetzt sage mir dreist aufrichtig, wie du sie im Fleisch findest?“, 50)[9] auf seine Tat die Motive für dieselbige in ein zweifelhaftes Licht. Ohne Stopfkuchens Zuneigung zu seiner Frau in Zweifel ziehen zu wollen[10], liegt doch der Verdacht nahe, dass er zumindest in der Anfangsphase seiner Eroberung der Roten Schanze seine spätere Frau, die doch Erbtochter des „ungastlichen Anwesens“ (S.20) war[11], bis zu einem gewissen Grad instrumentalisiert haben könnte.[12]

Weitere Beispiele für die kokettierende Selbstgefälligkeit Stopfkuchens sind schnell ausgemacht. Die Rote Schanze, die eingangs als „ungastliches Anwesen“ beschrieben wurde, das genau wie seine Bewohner einen verwahrlosten und wilden Eindruck machte, wird bei Eduards Besuch als idyllisches Örtchen beschrieben.[13] Der Wandel von der kriegerischen Festung des „Mordbauern“ hin zum zurückgezogenen Heim des gemütlichen Ehepaares drückt sich symbolisch in der durch „Feldverbesserung“ (28) gewissermaßen sozialisierten Natur aus, die den „Belagerungsaufwurf“ umgibt. Auch hier ist es Stopfkuchens Verdienst, der Roten Schanze ihre Wildheit genommen und die zerrütteten Lebensumstände ihrer Bewohner geordnet zu haben. Doch offenbart sich Stopfkuchens Charakterschwäche an dem penetranten Insistieren auf die Kundmachung dieser Verdienste, wovon Eduard zu berichten weiss: „Er hatte gewiß nicht nötig, mich noch besonders aufmerksam zu machen. Die Verschönerungen mußten jedem, der die ‚Mördergrube‘ auf der Roten Schanze ehedem in ihrer ärgsten Verwahrlosung gekannt hatte, auffallen“ (70).[14]

Grund für Stopfkuchens Versicherungen der eigenen Wertigkeit ist ein tiefes Ressentiment und eine latente Agression gegenüber seinem „Freund Eduard“, der ihn mit den anderen „Schnellfüßlern“ „unter der Hecke“ hat sitzenlassen.[15] Immer wieder bringt sich Stopfkuchen in Opposition zu der Dorfjugend, und Eduard zählt er zweifellos dazu. Während des gesamten Gespräches ist eine abgrundtiefe Ironie gegenüber Eduard spürbar. Es ist ein Ziel der vorliegenden Arbeit, über die Analyse von Stopfkuchens Beziehung zu Eduard (Kap.2) einen Aufschluss auf sein verheerendes Verhalten gegenüber Störzers Familie zu erhalten (Kap.4).[16] Legitimiert wird eine solche Interpretation der Motivstruktur auch durch das hohe Reflexionsvermögen, das Heinrich Schaumann auszeichnet. Entgegen der Ansicht anderer Raabe-Interpreten, die in Schaumanns an Schopenhauer anklingendem Bekenntnis des Vorranges der Anschauung vor dem Begriff[17] eine wörtliche Aussage vermuten, soll der Nachweis für die berechnende Vorgehensweise Stopfkuchens geführt werden (Kap.3).[18]

Das Prinzip der Subjektivität, das Hegel in der Poesie vollendet sieht,[19] spielt in Raabes Stopfkuchen insofern eine Rolle, als ein bestimmender Wesenszug Heinrich Schaumanns, auf den im Folgenden eingegangen wird, sein beständiges Kreisen um das eigene Ich darstellt. Stopfkuchens rücksichtsloses Verhalten im Gespräch mit Tinchen und Eduard ist hierfür kennzeichnend.[20] So wird Stopfkuchens Bedürfnis, Mittelpunkt des Geschehens zu sein, besonders in der Situation deutlich, als er seiner Frau das Wort erteilt und diese über ihre tränenvolle Kindheit und Jugend erzählt:

„Du armes Kind“, murmelte ich unwillkürlich. „Jawohl, du armes Kind, Eduard“, brummte Stopfkuchen. „Ich armes Kind habe mich natürlich in meiner Jugend so kläglich anstellen können, wie’s mir beliebte: das machte auf niemanden bemerkenswerten Eindruck. ‚Der Bengel wird von Tag zu Tag muffiger!‘ das war das einzige, was ich zu hören kriegte“ (101, Kursivdruck i. Original).

Es besteht eine deutliche Asymmetrie in der Verteilung der Redezeit. Stopfkuchen beherrscht das Gespräch; er zeichnet sich durch ein äußerst unsensibles Dialogverhalten aus und wirft seinen Gesprächspartnern die Verletzung von Regeln vor, die für ihn selbst scheinbar nicht zu gelten haben:

„Aber Menschenkind, mußt du denn immer unterbrechen? Menschenkind, begreifst du denn gar nicht, wie viele verhaltene Reden, wieviel verhaltener Wortschwall in einem nicht zum Zweck und auf die Kanzel gekommenen Kandidaten der Theologie stecken können?“ (64).

Die eigentlich grundlegende und von fast allen Raabe-Interpreten zwar erwähnte, in ihrer Tragweite jedoch völlig übersehene Problematik, ist die Verkündigung der „Mordgeschichte“ am Kneipentisch. Wenn Schaumann in Anwesenheit der Kellnerin den wahren Ablauf der Ereignisse um Kienbaums Tod schildert, ist das Schicksal der offensichtlich verwitweten Schwiegertochter und ihrer beiden kleinen Kinder bereits vorgezeichnet. Nicht nur dass Schaumann keinen triftigen Grund hätte, nach solch langer Zeit die Geschichte der Öffentlichkeit preiszugeben[21], auch die Art und Weise, in der dies geschieht, wirft ein äußerst zweifelhaftes Licht auf die „menschliche Größe, menschliche Kraft und Geduld“[22] dieses „echte[n] Vertreter Raabeschen Seelenadels“[23]. Und es liegt die Vermutung nahe, dass Stopfkuchen aus sehr eigennützigen Motiven, die aufs Engste mit seinem angeblichen „Jugendfreund“ Eduard zusammenhängen, das Schicksal von Störzers Familie billigend in Kauf nimmt. Denn Stopfkuchens Wortwahl scheint bewusst auf die Rezeptionshaltung des Schenkmädchens abgestimmt zu sein, das die Sensation wittert und sich über Tragweite und Folgen für die Angehörigen nicht im Klaren ist und auch nicht sein kann, da ihr die Geschichte nicht gerade differenziert dargestellt wird.

Um eine differenzierte Interpretation zu gewährleisten, ist es notwendig, vorweg eine kurze Rekapitulation des Inhalts des Romans vorzunehmen. Eduard, ein vermögender Kolonialdeutscher, hat seine deutsche Heimatstadt besucht, und befindet sich auf der Rückreise per Schiff nach seiner neuen Wahlheimat Südafrika. Zu Gast in der Provinzstadt erfährt Eduard zwei Tage vor Ende seines Heimaturlaubes vom Tod des alten Landbriefträgers Störzer, der ihn als Gymnasiast mit den Reisebeschreibungen „Levalljangs“ für ferne Länder begeistert hatte, so dass er schließlich Farmer in Afrika wurde. Weiter fällt am Stammtisch der Name eines alten Schulkameraden, Heinrich Schaumann, der aufgrund seiner Schwerfälligkeit und körperlichen Statur von allen nur Stopfkuchen genannt wurde. Eduard fasst den Entschluss, Stopfkuchen einen Besuch abzustatten. Dieser ist mittlerweile Besitzer eines Hofes, der Roten Schanze, die bereits in seiner Jugend sein Ideal darstellte und deren Eroberung er angestrebt hatte. In idyllischer Umgebung treffen Eduard Schaumann und seine Frau Valentine auf der Roten Schanze an. Die nun folgenden Erzählungen Stopfkuchens und die weiteren Geschehnisse dieses Tages sind für Eduard von so großer Bedeutung, dass er sie während seiner Seereise ausführlich niederschreibt.

Für den Lebenslauf der beiden so verschiedenen Charaktere ist jeweils ein Initiationserlebnis in der Jugend verantwortlich. Während Eduard vermittelt über den Briefträger Störzer und dessen Lieblingsbuch „Reisen in das innere Afrika“ als erfolgreicher Schiffsarzt in die Ferne zieht, widmet sich Stopfkuchen einzig und allein der Eroberung der Roten Schanze. Deren Besitzer, der Bauer Andreas Quakatz, steht unter dem Verdacht, den Mord an dem reichen Viehhändler Kienbaum begangen zu haben. Die Tat konnte Quakatz nicht nachgewiesen werden, dennoch leiden er und seine Tochter Valentine unter der gesellschaftlichen Ächtung seitens der Bewohner des Dorfes und der Stadt. Auch Stopfkuchen, schon als Schuljunge feist und faul, mit „schwachen Füßen“ und starkem Leibesumfang, muss den Spott der Gymnasiallehrer und seiner „schnellfüßigen“ Schulkameraden, die ihn „unter der Hecke“ liegen lassen, erdulden. So wurde ihm das unwirtliche Anwesen, das in Opposition zu Stadt und Dorf steht, zum Ideal. Er schließt Freundschaft mit der scheuen „Wildkatze“ Valentine und verbündet sich mit ihr gegen die steinewerfende Dorfjugend. Bevor er auf Anraten der ehrgeizigen Eltern sein Studium beginnt, verspricht er Valentine, zu ihr zurückzukehren. Das Studium bricht er nach dem sechsten Semester ab und kehrt zur Roten Schanze zurück, wo Valentine mit einem verwirrten Vater das aufsässige Gesinde nicht mehr unter Kontrolle hat. Stopfkuchen sorgt für Ordnung und heiratet sein Tinchen. Mit der Hochzeitsfeier, zu der die dörfliche Gesellschaft eingeladen ist, sorgt Stopfkuchen kurz vor Quakatz Tod für dessen soziale Rehabilitation.

[...]


[1] Da die Hegelsche Ästhetik für den Interpretationsansatz der vorliegenden Arbeit von Bedeutung ist, werden an entscheidenden Stellen deren Gedanken aufgegriffen und näher expliziert. Hier soll nur insoweit darauf hingewiesen werden, als besonders der Vermittlungsgedanke für Hegel eine tragende Rolle spielt: Die Kunst vermittelt zwischen Sinnlichkeit und Geist, indem sie beide Sphären im Kunstwerk zu einer Einheit bringt. So schreibt Hegel in der Einteilung seiner Ästhetik: „Indem nun aber die Kunst die Aufgabe hat, die Idee für die unmittelbare Anschauung in sinnlicher Gestalt und nicht in Form des Denkens und der reinen Geistigkeit überhaupt darzustellen und dieses Darstellen seinen Wert und seine Würdigkeit in dem
Entsprechen und der Einheit beider Seiten der Idee und ihrer Gestalt hat, so wird die Höhe und Vortrefflichkeit der Kunst in der ihrem Begriff gemäßen Realität von dem Grade der Innigkeit und Einigkeit abhängen, zu welcher Idee und Gestalt ineinandergearbeitet erscheinen.“ (Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik I, 103)

[2] Als besonderer Kunstgriff Raabes erscheint die Komposition des Handlungs- bzw. Gesprächsverlaufes, wenn der Leser gleichsam mit Eduard und Tinchen mitleidet: Stopfkuchen deutet überraschend an, den Mörder Kienbaums zu kennen, hält mit seinem Wissen jedoch zurück und kreist in beinahe sadistischer Art und Weise (über die Motive Stopfkuchens wird noch ausführlich zu sprechen sein) um seine Jugenderinnerungen. So wird vermittels Eduard, der die Folter gleichsam ein zweites Mal erleidet (oder sich von ihr befreit), die nervzerrende Anspannung nachvollziehbar. Diese kompositorischen Eigenarten sollen im Folgenden durch entsprechende Textbelege ausgewiesen werden.

[3] Die positiven Ausnahmen stellen die Arbeiten von Claude David (David: Über Wilhelm Raabes Stopfkuchen) und Paul Derks (Derks: Raabe-Studien) dar.

[4] Raabe: Stopfkuchen, 22.

[5] So in einem Brief an Edmund Sträter: „Dies ist mein wirklich subjektives Buch und ein Kunstwerk insofern als nur Wenige Solches aus der Schnurre herausfinden werden“ (Hoppe: Wilhelm Raabe, 287, Hervorh. i. Original).

[6] Paul Derks hat dazu treffend bemerkt, dass „diese Analogie ausdrücklich nicht den Roman in seinem Kunstcharakter, als vom Dichter abgelöstes Werk“ (Derks: Raabe-Studien, 94) betrifft. Für die literaturwissenschaftliche Methodik ist es unabdingbar, zwischen dem Dichter, insbesondere biographischen Sachverhalten, und dem davon unabhängigen Kunstcharakter des Werkes zu unterscheiden. Selbstaussagen und biographische Zeugnisse können immer nur Hinweise und Anregungen bspw. zur Genese liefern, haben jedoch keinerlei Aussagekraft oder Einfluss bezüglich der Geltung des ästhetischen Gehalts des Kunstwerkes.

[7] Meyer: Raum und Zeit in Raabes Erzählkunst, 111; desweiteren: Fairley: Wilhelm Raabe, 5.

[8] Die Reihe der Beispiele ließe sich noch erweitern. So sei nur auf das Gartenidyll hingewiesen, das Eduard vorfindet, oder seine Einteilung des Tages in Mahlzeiten und „Mittagschlummer“ (44). Unterstützung findet eine solche Argumentation zudem in der Tatsache, dass mit Carl Spitzweg ein Maler und Illustrator im Text explizit genannt wird, der auf humorvolle Weise die Menschen der Biedermeierzeit darstellte: „Ich habe selber solch ein Bild, Spitzweg gezeichnet, draußen zu Hause, drunten in Afrika, an der Wand über dem Sofa und Sofatisch meiner Frau (es mutet mich dann und wann um so mehr an, weil unter dem letztern, dem Sofatisch meiner Frau nämlich, ein Löwenfell zum Fußteppich dient), und ich fand es nicht ohne Behagen wieder, hier zu Hause, am Tor der Roten Schanze“ (46). Die letzten Sätze des Zitats deuten schon an, dass über Eduards Spießbürgerdasein noch ausgiebig zu sprechen sein wird.

[9] Dergleichen Stellen lassen sich viele nachweisen. Eine der aussagekräftigsten Passagen sei hier aufgeführt: „Ich glaube, ich habe dich schon einige Male aufgefordert, Eduard, meine Frau dir anzusehen; aber jetzt bitte ich dich von neuem: guck sie dir noch einmal an.[...] Kannst du es heute noch für möglich halten, daß sie einmal wie eine in eine Wildkatze verzauberte Jungfer, die auf ihren Erlösungsritter wartet, dagesessen hat?“ (92, Hervorh. T.S.).

[10] Zweifel könnten allerdings aufkommen, wenn man Stopfkuchens Verhalten zu seiner Valentine genauer analysiert. Es sei hier nur darauf hingewiesen, dass Stopfkuchen zwar die Qualen seiner Frau wahrnimmt, die durch sein Verschweigen des Täters ausgelöst werden, dennoch fährt er mit seiner weitschweifigen Rede um vergleichsweise nichtige Dinge fort.

[11] Vgl., Raabe: Stopfkuchen, 34.

[12] Diese Vermutung schließt nicht aus, dass Stopfkuchen später tiefere Gefühle für sie entwickelt hat. Doch zunächst ging es ihm offensichtlich nicht um Valentine (im emphatischen Sinne um ihrer selbst willen ), sondern ursächlicher war sein Interesse für die Rote Schanze. Selbst Eduard hatte diesen Verdacht, auch wenn er Stopfkuchen eine solche Durchtriebenheit letztendlich doch nicht zutraute: „Meine Dumme-Jungens-Seele dachte nicht daran, daß die verschüchterte, verwilderte rothaarige Krabbe des Bauern Quakatz etwas anderes als eine sehr beiläufige Rolle bei seiner Verliebtheit in die Rote Schanze des Prinzen Xaver von Sachsen spielen könne. Ich und die Welt von damals konnten doch wahrhaftig nicht wissen, daß Stopfkuchen auch nach solcher Richtung hin romantischer Gefühle fähig sei“ (39). Schließlich ist noch zu bemerken, dass Stopfkuchens Beziehung zu seiner Frau durch eine eigentümliche Spannung ausgezeichnet ist: Einerseits ist die Zärtlichkeit auffallend, mit der er seinem „Kätzchen“ begegnet, andererseits wird durch all die Diminutive und Kosenamen eine Asymmetrie erzeugt, so dass mit Recht von einer Bevormundung durch den wortgewaltigen Stopfkuchen gesprochen werden kann. Dadurch, dass Valentine sich in ihr Schicksal ergibt und gar das „Besserverstehen“ (147) ihres Mannes hervorhebt, wird dieser Eindruck nicht relativiert. Die von vielen Raabe-Interpreten positiv gewertete Gemütlichkeit, auch in Stopfkuchens Umgang mit seinen Mitmenschen, ist demnach in Zweifel zu ziehen. Ein weiterer Beleg ist Stopfkuchens Auftreten in dem Gasthaus „Brummersum“: Das Schenkmädchen spricht er mit dem Kosenamen „Krabbe“ (176) an, der doch eigentlich für seine Frau bestimmt ist. Weiter zeigt Stopfkuchen dort eher Verhaltensweisen des Spießbürgers, wenn er der „Mamsell in die Backe“ kneift (160) und sie mit „Herz“ (162) und „liebes Mäuschen“ (160) anspricht.

[13] Vgl., Raabe: Stopfkuchen, 27-29.

[14] Eduard steht Stopfkuchen in seinem Philistertum allerdings in nichts nach, worauf noch einzugehen sein wird.

[15] Vgl., Raabe: Stopfkuchen, 60-62; 111. Auch Stopfkuchens ständige Stichelei und seine bissig-ironischen Anspielungen hinsichtlich Eduards Lebensweg, der schließlich durch Störzer maßgeblich beeinflusst wurde, rechtfertigen eine Analyse der Motive Stopfkuchens.

[16] Völlig zurecht weist Derks darauf hin, dass beide, sowohl Stopfkuchen, als auch Eduard, zu gleichen Teilen an der Weitergabe des Konfliktes beteiligt sind (Derks: Raabe-Studien, 70).

[17] Raabe: Stopfkuchen, 112.

[18] So argumentieren auch Ohl und Derks für die ausgeprägte Rationalität Stopfkuchens (Ohl: Eduards Heimkehr, 253f.; Derks: Raabe-Studien, 20). Weiter unten soll dieser Ansatz aufgenommen und Stopfkuchens Position als die eines zweckrationalen Denkens geschildert werden.

[19] Hegel: Ästhetik III, 273. Dass sich im Spätwerk Raabes ein modernes Bewusstsein der Subjektivität ausprägt, hat besonders Dieter Kafnitz klargemacht (Kafnitz: Die Appellfunktion der Außenseitergestalten, 51).

[20] So nennt Ulf Eisele Schaumann einen „Diskurs-Täter“ (Eisele: Der Dichter und sein Detektiv, 148), der mit seinen endlosen und ausufernen Reden die Zuhörer unterdrückt und jegliche Symmetrie einer zwischenmenschlichen Kommunikation im Ansatz verhindert.

[21] Hier muss man zwischen Eduard und der Öffentlichkeit als Adressaten unterscheiden; Schaumann hatte sehr wohl Gründe, Eduard die Geschichte zu erzählen - Kompensation für in „Jungenszeit“ erleidete Schmach ist, wie Derks (Derks: Raabe-Studien, 34) psychoanalytisch eruiert, einer der möglichen Erklärungsgründe dafür, dass Schaumann es Eduard heimzahlen will. Doch ungeachtet der Tatsache, dass mit der Veröffentlichung der Mordgeschichte der dörflichen Gesellschaft - die Stopfkuchen in seiner Jugend arg zusetzte und zweifellos ein weiteres Feindbild verkörpert - der Spiegel vorgehalten wird, da sie jahrelang einen Unschuldigen drangsalierte, ist sich Schaumann der Folgen für die unschuldigen Familienangehörigen Störzers bewusst.

[22] Moltmann-Wendel: Sintflut und Arche, 50.

[23] Mayer: Die geistige Entwicklung Wilhelm Raabes, 99.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Verschuldung eines vermeintlichen Helden. Über Wilhelm Raabes Stopfkuchen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fachbereich 3)
Veranstaltung
Schwarzer Realismus: Raabe, Fontane, Heinrich Mann
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
27
Katalognummer
V33205
ISBN (eBook)
9783638337403
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verschuldung, Helden, Wilhelm, Raabes, Stopfkuchen, Schwarzer, Realismus, Raabe, Fontane, Heinrich, Mann
Arbeit zitieren
Till Spielmann (Autor), 2000, Verschuldung eines vermeintlichen Helden. Über Wilhelm Raabes Stopfkuchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33205

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