Der Versuch am Menschen - Georg Büchners "Woyzeck" als literarische Verarbeitung wissenschaftlicher Theorie und Praxis um 1830


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

17 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Naturwissenschaftlich und naturphilosophische Tendenzen zur Entstehungszeit des Woyzeck als Vorbild für die Figur des Doktors
2.1. Cartesianischer Idealismus und materialistisch orientierte Philosophie
2.2. Spekulative Naturphilosophie und experimentelle Naturwissenschaft
2.3. Ein Spektrum der Theorien: die Figur des Doktors

3. Die Rolle des ernährungsökonomischen Menschenversuchs in der naturwissenschaftlichen Forschung zwischen 1800 und 1835

4. Das Ernährungsexperiment im Woyzeck
4.1. Versuchsverlauf und Folgen
4.2. Das Versuchstier Woyzeck

5. Die Bedeutung des Menschenversuchs und der Wissenschaft im Woyzeck

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Er ernährt sich monatelang ausschließlich von Erbsen, er stellt seinen Körper einem obskuren Wissenschaftler zu Forschungszwecken zu Verfügung, er hört unheimliche Stimmen, er dreht durch, er kauft ein Messer, er ersticht die Mutter seines Kindes. Das ist Woyzeck, genauer gesagt „Friedrich Johann Franz Woyzeck, geschworener Füsilir im 2. Regiment, 2. Bataillon, 4. Compagnie, geboren Mariae Verkündigung […], heut den 20. Juli als 30 Jahre 7 Monate und 12 Tage“[1], Titelfigur von Georg Büchners Dramenfragment, an dem dieser vermutlich ab Juli 1836[2] arbeitete. Dieser Woyzeck, in Anlehnung an den Fall des Mörders Johann Christian Woyzeck, ist für die Forschung – neben der literaturwissenschaftlichen auch für die medizin- und psychiatriehistorische – nach wie vor von großem Interesse. Immer neu wird das nur wenige Seiten füllende Werk interpretiert, immer neu inszeniert geht Woyzeck auf Theaterbühnen seinem Schicksal entgegen, immer neu wird er in Hörsälen und Klassenzimmern diskutiert.

Diese Arbeit soll den Zusammenhang von Büchners Drama und der medizinischen Forschung zu seiner Entstehungszeit untersuchen. Zentral dabei soll das Motiv des Menschenversuchs im Woyzeck betrachtet und in Verbindung zu tatsächlich durchgeführten Versuchen, besonders im Bereich ernährungsökonomischer Experimente, gesetzt werden. Zu diesem Zweck werden zunächst die vorherrschenden naturwissenschaftlichen Strömungen um 1830 – und damit auch zur Zeit von Büchners Medizinstudium – vorgestellt, kontrastiert und in Bezug zur Figur des Doktors gesetzt werden. Daran anschließend soll die Rolle des Menschenversuchs in der naturwissenschaftlichen Forschung beleuchtet werden. Unter besonderer Berücksichtigung der Szenen H2,6 und H 4,8, H2,7, und H 4,9 sowie H3,1 wird die Funktion des Experiments am Menschen in Büchners Drama analysiert. Die Lese- und Bühnenfassung Mayers wird dabei weitestgehend außer Acht gelassen, da die für die Arbeit entscheidenden Szenen entweder gekürzt oder gestrichen sind. In Folge dessen soll das Augenmerk auf die Kritik Büchners an der wissenschaftlichen Theorie und Praxis seiner Zeit und dem Menschenversuch gerichtet werden. Abschließend soll die Frage aufgeworfen werden, inwieweit Woyzeck als Opfer des wissenschaftlichen Forschungsdranges oder eines Herrschaftsinstruments innerhalb eines Systems[3] zu sehen ist.

2. Philosophische und naturwissenschaftliche Tendenzen zur Entstehungszeit des Woyzeck als Vorbild für die Figur des Doktors

Sowohl dem wissenschaftliche Diskurs um den Fall des historischen Mörders Woyzeck als auch der Darstellung der wissenschaftlichen Welt im Drama Büchners liegen die unterschiedlichen philosophischen und naturwissenschaftlichen Strömungen der Zeit zugrunde. Daher soll an dieser Stelle kurz auf diese Tendenzen eingegangen und der enge Zusammenhang zwischen Philosophie und Naturwissenschaft verdeutlicht werden.

2.1. Cartesianischer Idealismus und materialistisch orientierte Philosophie.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts findet eine von idealistischen Grundannahmen geprägte Philosophie viel Beachtung. Orientiert an dem Dualismus Descartes’ geht diese Philosophie davon aus, der Mensch bestehe aus zwei Komponenten: einem materiellen Körper und einer immateriellen, vernünftigen Seele. Diese Unterscheidung grenzt ihn vom unvernünftigen Tier ab. Anhänger dieser Philosophie nehmen an, dass der Mensch mit seinem freien Willen bestimmen und über den vergänglichen Körper herrschen kann. Doch, so billigen die Idealisten zu, im „Zustand von Affekten und Leidenschaften“ könne sich der Körper tendenziell „der Herrschaft der Vernunft entziehen“[4]. Diese Philosophie ist essentiell für die Psychiatrie zu Beginn des 19. Jahrhundert. Als Vertreter der idealistischen Strömung ist auch der Arzt und Psychiater Johann Christian August Clarus, der Gutachter im Fall des historischen Woyzeck, zu sehen. Einige radikale Idealisten, darunter auch Befürworter der Clarus-Gutachten, negieren gar die Möglichkeit, dass die vernünftige Seele des Menschen überhaupt erkranken könne und nur die Sünde körperliche Beschwerden und geistige Desorientierung hervorrufen könne.[5]

In Opposition dazu steht die materialistisch orientierte Philosophie etwa eines La Mettries.[6] Sie versteht den Menschen als unfreies Wesen, dessen Wille nicht an einer körperunabhängigen Seele hängt, sondern ein Resultat der körperlichen Organisation darstellt.[7] Mit anderen Worten: Die Seele und Willenskraft des Menschen ist seinem körperlichen Trieb untergeordnet. Im Streit um die historischen Woyzeck-Gutachten schreibt Johann Christian August Grohmann: „Der Mensch ist auch Naturwesen. Also seine Willenskraft steht auch mittelbar unter den Einflüssen intellektueller und physischer Bedürfnisse.“[8] Konsequent weitergedacht bedeutet das, dass schlechte Lebensumstände nicht nur körperliche Mangelerscheinungen und Schwäche hervorrufen kann, sondern auch geistige. Auf der Basis dieser Vorstellungen ist die Grenze zwischen Mensch und Tier bei weitem nicht so deutlich zu ziehen wie in der idealistischen Philosophie. Laut La Mettrie ist der Übergang nicht gewaltsam, das Tier sei prinzipiell zur Vervollkommnung fähig, wie er in seiner Theorie zur Sprachfähigkeit des Affen erläutert.[9] Durch äußere Einflüsse und deren Verarbeitung können Tiere demnach eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen Mensch und Tier, nämlich die Fähigkeit bzw. Unfähigkeit zur Sprache, überwinden.[10]

2.2. Spekulative Naturphilosophie und experimentelle Naturwissenschaft

Eine ähnliche Kontroverse wie in der Philosophie ist auch in der naturwissenschaftlichen Forschung zu beobachten. Am philosophischen Idealismus orientiert liegen die Interessen der Vertreter einer spekulativen Naturphilosophie darin, innere und äußere Verkettungen der Natur darzustellen, nämlich die äußeren Wesensformen der Natur zu klassifizieren und allgemeingültige Regeln für das Wirken der Natur aufzustellen.[11] Linné, Lamarck, Buffon, Oken und Büchners Professor Johann Bernard Wilbrand sind dieser Richtung zuzurechnen. In Wilbrands Vorlesungen erlebt Büchner dessen eigentümliche Methodik wie seine wissenschaftlich-methodisch bedenklichen Analogien der Physiologie („Die Beweglichkeit der Ohren [ist] ein Zeichen für die Nähe des Menschen zum Tier bzw. fehlende Kultur, […] der cultivierte Mensch [ist] noch weniger fähig, seine Ohren in Bewegung zu setzen, als der Wilde.“[12]), seine Marotten und den Sammeleifer des Zoologen und Botanikers. Zahlreiche Anekdoten aus den Vorlesungen Wilbrands sind in den Aufzeichnungen Büchners und seiner Kommilitonen überliefert.

[...]


[1] Büchner, Georg: Woyzeck. Studienausgabe. Nach der Edition von Thomas Michael Mayer herausgegeben von Burghard Dedner. Stuttgart: Reclam 2002. S. 34.

[2] Woyzeck 176.

[3] Vgl. Glück, Alfons: Der Menschenversuch. Die Rolle der Wissenschaft in Georg Büchners „Woyzeck“. In: Georg Büchner Jahrbuch 5 (1985). S. 139-182. Hier: S. 152.

[4] Dedner, Burghard: Georg Büchner. Woyzeck. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam 2002. S. 167/168.

[5] ebenda

[6] Vgl. Oesterle, Günter: Das Komischwerden der Philosophie in der Poesie. Literatur-, philosophie- und gesellschaftsgeschichtliche Konsequenzen der „voie physiologique“ in Georg Büchners „Woyzeck“. In: Georg Büchner Jahrbuch 3 (1983). S. 200-239. Hier: S. 200-203.

[7] Vgl. Dedner 170.

[8] Zitiert nach: James, Dorothy: The ‘Interesting Case’ of Büchner’s ‘Woyzeck’. In: Dorothy James (Hrsg.): Patterns of Change. German Drama and the European Tradition. Essay in Honour of Ronald Peacock. New York, Bern u.a.: 1990. S. 104-119. Hier: S. 115.

[9] Vgl. Oesterle 209.

[10] Das Fundament dieser sensualistischen Theorie findet sich bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Philosophie des britischen Empiristen John Locke. In seinem Essay Concerning Human Understanding legt er die Grundlage der Annahmen La Mettries, indem er den cartesianischen Grundsatz der angeborenen Ideen bestreitet und behauptet, Ideen und Fähigkeiten werden erst durch Sensation und Reflexion hervorgerufen.

[11] Vgl. Dedner 178.

[12] Dedner 179.

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Details

Titel
Der Versuch am Menschen - Georg Büchners "Woyzeck" als literarische Verarbeitung wissenschaftlicher Theorie und Praxis um 1830
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Seminar für deutsche Literatur und Sprache)
Note
gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V33246
ISBN (eBook)
9783638337687
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Versuch, Menschen, Georg, Büchners, Woyzeck, Verarbeitung, Theorie, Praxis
Arbeit zitieren
Jasmin Ostermeyer (Autor), 2004, Der Versuch am Menschen - Georg Büchners "Woyzeck" als literarische Verarbeitung wissenschaftlicher Theorie und Praxis um 1830, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33246

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