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Der Versuch am Menschen - Georg Büchners "Woyzeck" als literarische Verarbeitung wissenschaftlicher Theorie und Praxis um 1830

Title: Der Versuch am Menschen - Georg Büchners "Woyzeck" als literarische Verarbeitung wissenschaftlicher Theorie und Praxis um 1830

Term Paper (Advanced seminar) , 2004 , 17 Pages , Grade: gut

Autor:in: Jasmin Ostermeyer (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Er ernährt sich monatelang ausschließlich von Erbsen, er stellt seinen Körper einem obskuren Wissenschaftler zu Forschungszwecken zu Verfügung, er hört unheimliche Stimmen, er dreht durch, er kauft ein Messer, er ersticht die Mutter seines Kindes. Das ist Woyzeck, genauer gesagt „Friedrich Johann Franz Woyzeck, geschworener Füsilir im 2. Regiment, 2. Bataillon, 4. Compagnie, geboren Mariae Verkündigung […], heut den 20. Juli als 30 Jahre 7 Monate und 12 Tage“, Titelfigur von Georg Büchners Dramenfragment, an dem dieser vermutlich ab Juli 18362 arbeitete. Dieser Woyzeck, in Anlehnung an den Fall des Mörders Johann Christian Woyzeck, ist für die Forschung – neben der literaturwissenschaftlichen auch für die medizin- und psychiatriehistorische – nach wie vor von großem Interesse. Immer neu wird das nur wenige Seiten füllende Werk interpretiert, immer neu inszeniert geht Woyzeck auf Theaterbühnen seinem Schicksal entgegen, immer neu wird er in Hörsälen und Klassenzimmern diskutiert.

Diese Arbeit soll den Zusammenhang von Büchners Drama und der medizinischen Forschung zu seiner Entstehungszeit untersuchen. Zentral dabei soll das Motiv des Menschenversuchs im Woyzeck betrachtet und in Verbindung zu tatsächlich durchgeführten Versuchen, besonders im Bereich ernährungsökonomischer Experimente, gesetzt werden. Zu diesem Zweck werden zunächst die vorherrschenden naturwissenschaftlichen Strömungen um 1830 – und damit auch zur Zeit von Büchners Medizinstudium – vorgestellt, kontrastiert und in Bezug zur Figur des Doktors gesetzt werden. Daran anschließend soll die Rolle des Menschenversuchs in der naturwissenschaftlichen Forschung beleuchtet werden. Unter besonderer Berücksichtigung der Szenen H2,6 und H 4,8, H2,7, und H 4,9 sowie H3,1 wird die Funktion des Experiments am Menschen in Büchners Drama analysiert. Die Lese- und Bühnenfassung Mayers wird dabei weitestgehend außer Acht gelassen, da die für die Arbeit entscheidenden Szenen entweder gekürzt oder gestrichen sind. In Folge dessen soll das Augenmerk auf die Kritik Büchners an der wissenschaftlichen Theorie und Praxis seiner Zeit und dem Menschenversuch gerichtet werden. Abschließend soll die Frage aufgeworfen werden, inwieweit Woyzeck als Opfer des wissenschaftlichen Forschungsdranges oder eines Herrschaftsinstruments innerhalb eines Systems zu sehen ist.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Naturwissenschaftlich und naturphilosophische Tendenzen zur Entstehungszeit des Woyzeck als Vorbild für die Figur des Doktors

2.1. Cartesianischer Idealismus und materialistisch orientierte Philosophie

2.2. Spekulative Naturphilosophie und experimentelle Naturwissenschaft

2.3. Ein Spektrum der Theorien: die Figur des Doktors

3. Die Rolle des ernährungsökonomischen Menschenversuchs in der naturwissenschaftlichen Forschung zwischen 1800 und 1835

4. Das Ernährungsexperiment im Woyzeck

4.1. Versuchsverlauf und Folgen

4.2. Das Versuchstier Woyzeck

5. Die Bedeutung des Menschenversuchs und der Wissenschaft im Woyzeck

6. Schluss

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Georg Büchners Dramenfragment Woyzeck und der medizinischen Forschung des 19. Jahrhunderts, wobei der Fokus gezielt auf dem Motiv des Menschenversuchs liegt. Ziel ist es, die literarische Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Theorie und Praxis zu analysieren und Woyzeck als Figur im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Forschungsdrang und systemischer Unterdrückung zu verorten.

  • Philosophische Strömungen (Idealismus vs. Materialismus) im 19. Jahrhundert
  • Entwicklung experimenteller naturwissenschaftlicher Forschungsmethoden um 1830
  • Die Figur des Doktors als Spiegel zeitgenössischer wissenschaftlicher Diskurse
  • Analyse der ernährungsökonomischen Experimente im Woyzeck
  • Ethische Bewertung der Rolle der Wissenschaft im sozialen Kontext des Dramas

Auszug aus dem Buch

4.2. Das Versuchstier Woyzeck

Die Darstellung des Verhältnisses von Doktor und Woyzeck lässt nur einen Schluss zu: Woyzeck ist für den Wissenschaftler nicht mehr als Forschungsobjekt und kaum mehr wert als eines seiner Tierpräparate. Er behandelt seine Testperson herablassend, spricht ihn unpersönlich in der dritten Person an und belehrt ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf überhebliche Weise. Das Experiment abzubrechen scheint für Woyzeck trotz allem nicht zu Diskussion zu stehen. Er ist auf die Bezahlung des Doktors für den Missbrauch seines Körpers angewiesen, um seine Bindung an Marie, und damit seine einzige zwischenmenschliche Beziehung, aufrecht zu erhalten: „Das Geld für die menage kriegt die Frau.“

Dass Woyzeck den geschlossenen Vertrag bricht, indem er Untersuchungsmaterial verschwendet, als er an die Wand uriniert, bringt den Doktor gegen seinen Forschungsgegenstand auf. Seine idealistische Theorie, der Mensch könne seine Triebnatur, in diesem Fall den Harndrang, mittels seiner Willenkraft unterdrücken, scheint lügen gestraft, als Woyzeck jammert: „Aber Herr Doctor, wenn einem die Natur kommt!“ Doch lässt der Doktor das nicht gelten, ein solches Verhalten entspräche nur einem Tier, Woyzeck hat „An die Wand gepißt wie ein Hund.“ Doch ist es ihm Woyzeck nicht wert, sich zu sehr über ihn zu ärgern. Voller Menschenverachtung sagt er: „Behüte wer wird sich über einen Menschen ärgern! Wenn es noch ein proteus wäre, der einem krepirt!“ Das Motiv der Entmenschlichung und Degradierung zieht sich durch alle Szenen mit Woyzeck und dem Doktor. So führt er mit groteskem Eifer den Studenten das sehenswerte Studienmaterial ‚Subject Woyzeck’ vor, dabei steht der Soldat im direkten Vergleich mit einer Katze, deren Position er einnimmt.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des Menschenversuchs in Georg Büchners Woyzeck ein und umreißt die Zielsetzung der Arbeit unter Berücksichtigung medizin- und psychiatriehistorischer Aspekte.

2. Naturwissenschaftlich und naturphilosophische Tendenzen zur Entstehungszeit des Woyzeck als Vorbild für die Figur des Doktors: Dieses Kapitel erläutert die philosophischen Gegensätze (Idealismus vs. Materialismus) und die wissenschaftlichen Strömungen um 1830, die die Charakterisierung des Doktors maßgeblich beeinflusst haben.

3. Die Rolle des ernährungsökonomischen Menschenversuchs in der naturwissenschaftlichen Forschung zwischen 1800 und 1835: Es wird der historische Kontext von Versuchen an Menschen in der Forschung beleuchtet, wobei besonders das Bestreben zur Einsparung von Verpflegungskosten und die moralischen Folgen thematisiert werden.

4. Das Ernährungsexperiment im Woyzeck: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse der Erbsendiät Woyzecks, ihrer körperlichen und psychischen Auswirkungen sowie die Darstellung Woyzecks als entmenschlichtes ‚Versuchstier’.

5. Die Bedeutung des Menschenversuchs und der Wissenschaft im Woyzeck: Dieses Kapitel diskutiert die Kritik an einer Wissenschaft, die sich als Herrschaftsinstrument instrumentalisiert, und bewertet die Rolle Woyzecks als Opfer dieser Entwicklungen.

6. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und betont die anhaltende Aktualität von Büchners Kritik an einer ethisch fragwürdigen, bedingungslosen Wissenschaft.

Schlüsselwörter

Georg Büchner, Woyzeck, Menschenversuch, Wissenschaftskritik, Ernährungsökonomie, medizinische Forschung, 19. Jahrhundert, Idealismus, Materialismus, Entmenschlichung, Forschungsethik, Sozialdrama, naturphilosophische Tendenzen, physiologisches Minimum, Johann Christian Woyzeck.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das Drama Woyzeck von Georg Büchner vor dem Hintergrund medizinischer Forschungsexperimente an Menschen, wie sie um das Jahr 1830 verbreitet waren.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Im Zentrum stehen die philosophischen und naturwissenschaftlichen Strömungen des 19. Jahrhunderts, die Rolle des ernährungsökonomischen Menschenversuchs und die kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichem Fortschrittsoptimismus auf Kosten der Menschlichkeit.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen Büchners Dramenfragment und zeitgenössischer medizinischer Praxis zu beleuchten sowie zu klären, inwieweit Woyzeck als Opfer wissenschaftlicher Instrumentalisierung und eines herrschaftlichen Systems dargestellt wird.

Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?

Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Dramas in Verbindung mit einer medizinhistorischen Kontextualisierung, gestützt durch Fachliteratur und zeitgenössische medizinische Quellen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert die philosophischen Grundlagen der Figur des Doktors, vergleicht reale ernährungsökonomische Versuche mit dem Experiment an Woyzeck und interpretiert die moralischen Konsequenzen der Entmenschlichung im Drama.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?

Wichtige Begriffe sind insbesondere Menschenversuch, Wissenschaftskritik, Georg Büchner, Woyzeck, Forschungsethik und die Auseinandersetzung zwischen idealistischer und materialistischer Philosophie.

Wie unterscheidet sich die Rolle des Doktors im Drama von einem realen Arzt seiner Zeit?

Der Doktor im Woyzeck fungiert als karikierte, überspitzte Darstellung, die verschiedene reale Tendenzen und Typen medizinischer Forscher um 1830 in einer einzigen, moralisch fragwürdigen Figur vereint.

Inwiefern spielt der soziale Status von Woyzeck eine Rolle bei seiner Auswahl als Versuchsobjekt?

Aufgrund seiner Position als Füsilier und Angehöriger der Unterschicht ist Woyzeck ökonomisch abhängig und verfügt über kaum Autonomie, was ihn in der zeitgenössischen Wahrnehmung zu „geeignetem Material“ für medizinische Experimente macht.

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Details

Title
Der Versuch am Menschen - Georg Büchners "Woyzeck" als literarische Verarbeitung wissenschaftlicher Theorie und Praxis um 1830
College
University of Hannover  (Seminar für deutsche Literatur und Sprache)
Grade
gut
Author
Jasmin Ostermeyer (Author)
Publication Year
2004
Pages
17
Catalog Number
V33246
ISBN (eBook)
9783638337687
Language
German
Tags
Versuch Menschen Georg Büchners Woyzeck Verarbeitung Theorie Praxis
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Jasmin Ostermeyer (Author), 2004, Der Versuch am Menschen - Georg Büchners "Woyzeck" als literarische Verarbeitung wissenschaftlicher Theorie und Praxis um 1830, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33246
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