Noch im Barock durften, aufgrund der Ständeklausel, nur Personen des höheren Standes in der Tragödie auftreten, während den Menschen des bürgerlichen Standes die Komödie vorbehalten war. Die lächerlichen Bühnenhelden des französischen Komödiendichters Moliere, vom eingebildeten Kranken bis zu Tartuffe, waren Bürger, und die komische Figur der Volkskomödie war ein Bauer. Doch die Tragödie des 17. und frühen 18. Jahrhunderts zeigte im Mittelpunkt der Handlung stets eine Hauptfigur, die der Aristokratie angehörte. Tragische Schicksale - so scheint es - konnten nur Angehörige des ersten Standes erleben, während die Schicksale niederer Standespersonen, also der Bürger und Bauern, als unerheblich galten. Man glaubte den Bürger erhabener Gefühle nicht fähig; zudem fehlte ihm die soziale „Fallhöhe“ (Schopenhauer), die angeblich die tragische Wirkung hervorbringt. Doch mit der Epoche der Aufklärung entstand Mitte des 18. Jahrhunderts das bürgerliche Trauerspiel, das den Bürger in den Mittelpunkt des tragischen Geschehens rückte.
„Der tragische Konflikt wurde [im bürgerlichen Trauerspiel] durch den Gegensatz der sozialen Schichten (Stände) ausgelöst.“ (Mettenleiter/Knöbl 1991, S. 291) Konflikt und Tragik resultierten entweder aus Standesgegensätzen zwischen Adel und Bürgertum (z.B. Lessings „Emilia Galotti“, „Miß Sara Sampson“; Schillers „Kabale und Liebe), aus innerständischen Gegensätzen, die im Bürgertum selbst begründet waren (z.B. Hebbels „Maria Magdalena“) oder „aus der Fragwürdigkeit und Brüchigkeit des Bürgertums selbst gegenüber dem entrechteten Arbeiterstand.“ (Winkler 1986, S. 99)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Das bürgerliche Trauerspiel
1.2 Die Entstehung des bürgerlichen Trauerspiels
2. Vergleich der ausgewählten Trauerspiele
2.1 Die weiblichen Hauptpersonen
2.2 Nebenpersonen
2.3 Die Handlung
2.4 Bürgerlichkeit der drei Stücke
3. Wesentliche Aspekte der ausgewählten Trauerspiele
3.1 Sara als „Heilige“
3.2 Der Tod Emilia Galottis
3.3 Gesellschaftskritik in „Kabale und Liebe“
4. Abschließender Kommentar
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattung des bürgerlichen Trauerspiels unter besonderer Berücksichtigung ihrer historischen Entstehung und ihrer Entwicklung hin zur Gesellschaftskritik. Ziel ist es, Lessings Werke „Miß Sara Sampson“ und „Emilia Galotti“ sowie Schillers „Kabale und Liebe“ in einem vergleichenden Kontext zu analysieren, um Gemeinsamkeiten in der Figurenzeichnung, der Handlungsmotivation und der moralischen Verortung innerhalb der Epoche herauszuarbeiten.
- Historische Genese und Merkmale des bürgerlichen Trauerspiels
- Vergleich der zentralen weiblichen Protagonistinnen und ihrer moralischen Konflikte
- Analyse der privaten versus öffentlichen Sphäre als Handlungsraum
- Untersuchung der gesellschaftskritischen Dimensionen im Kontrast zum Absolutismus
- Bewertung der Stücke als jeweilige Weiterentwicklung der Gattungskonventionen
Auszug aus dem Buch
2.1 Die weiblichen Hauptdarstellerinnen
Lessing und Schiller haben mit ihren weiblichen Figuren der „Emilia“, „Sara“ und „Luise“ bekannte Figuren der deutschen Dramatik geschaffen. Ein Vergleich zwischen diesen drei Personen soll verdeutlichen, welches Frauenbild die beiden Schriftsteller gestalten wollten.
Ähnlich wie in „Miß Sara Sampson“, ist auch in „Emilia Galotti“ und „Kabale und Liebe“ ein Mädchen aus gutbürgerlicher Familie die tragische Hauptfigur. Oft liegt die Schuld der weiblichen Hauptgestalten im bürgerlichen Trauerspiel in dem Fehltritt einer vorehelichen Sexualbeziehung. Sara, Emilia und Luise befinden sich alle in einem Zustand der inneren Zerrissenheit. Sowohl Sara als auch Luise stehen zwischen ihrem Vater und ihrem Geliebten, Emilia jedoch zwischen ihrer lebensgewandten Mutter, die sie gerne mit dem Prinzen verheiratet sähe, und ihrem tugendtreuen Vater. Die Auflösung dieser Zwiespältigkeiten ist in den drei Werken sehr unterschiedlich. Sara wird von ihrer Nebenbuhlerin getötet und muss somit keine Verantwortung mehr für ihr Fehlverhalten tragen. Luise geht es ähnlich; sie trifft zwar noch eine Entscheidung, nämlich die für ihren Vater und gegen Ferdinand, wird aber aufgrund einer Intrige des Präsidenten von ihrem Geliebten Ferdinand getötet, wodurch auch sie nicht die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens tragen muss.
Im Gegensatz dazu gesteht Emilia ihrem Vater ihre Angst, der Verführung des Prinzen zu erliegen, und fordert den Vater daher auf, sie zu töten, damit sie und ihre Familie vor Schande bewahrt wird. Aus dieser Sicht ist Emilia die einzige Heldin, die eigenständig handelt und selbst über ihr Schicksal bestimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Gattung des bürgerlichen Trauerspiels und Vorstellung des Untersuchungsgegenstands anhand von drei ausgewählten Dramen.
2. Vergleich der ausgewählten Trauerspiele: Detaillierte Gegenüberstellung der weiblichen Hauptfiguren, der Rollen von Nebenpersonen, der handlungstreibenden Konflikte und der unterschiedlichen Ausprägungen von Bürgerlichkeit.
3. Wesentliche Aspekte der ausgewählten Trauerspiele: Vertiefende Analyse spezifischer thematischer Schwerpunkte wie der Heiligendarstellung Saras, der Deutung von Emilias Tod und der Gesellschaftskritik bei Schiller.
4. Abschließender Kommentar: Zusammenfassende Reflexion über die Gattungsentwicklung und die Bedeutung der untersuchten Stücke als Meilensteine des bürgerlichen Trauerspiels.
Schlüsselwörter
Bürgerliches Trauerspiel, Lessing, Schiller, Emilia Galotti, Miß Sara Sampson, Kabale und Liebe, Aufklärung, Standeskonflikte, bürgerliche Tugend, Gesellschaftskritik, Absolutismus, Mätressen-Motiv, private Sphäre, Tragödie, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Gattung des bürgerlichen Trauerspiels im 18. Jahrhundert und analysiert diese anhand dreier klassischer Dramen von Lessing und Schiller.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die historische Entstehung der Gattung, der Vergleich von Figurenkonstellationen, die Rolle der Moral und die aufkommende Kritik an den absolutistischen Machtverhältnissen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch einen vergleichenden Blick auf Lessings und Schillers Werke aufzuzeigen, wie sich das bürgerliche Trauerspiel als Gattung weiterentwickelt hat und welche sozialen Ideale es transportierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, bei der zentrale Motive und Figurenkonstellationen der Dramen systematisch gegenübergestellt und unter Einbeziehung von Sekundärliteratur interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen direkten Vergleich der drei Stücke hinsichtlich ihrer Protagonistinnen, Nebenfiguren und Handlungsverläufe sowie in eine Untersuchung spezifischer Aspekte wie der Gesellschaftskritik und der moralischen Legitimation der tragischen Enden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen "Bürgerliches Trauerspiel", "Aufklärung", "Standeskonflikte", "Tugend" und "Gesellschaftskritik".
Warum wird Emilia Galotti als eine Weiterentwicklung von Miß Sara Sampson betrachtet?
Die Arbeit argumentiert, dass Emilia Galotti inhaltlich mutiger konzipiert ist, da sie die private familiäre Thematik um eine explizite Auseinandersetzung mit der fürstlichen Hofwelt und deren moralischer Korruption erweitert.
Welche Rolle spielt die Gesellschaftskritik in Schillers Kabale und Liebe?
Schiller nutzt das Stück, um den Absolutismus des württembergischen Hofes direkt zu kritisieren, wobei er den Gegensatz zwischen bürgerlichen Tugendidealen und höfischer Willkür ins Zentrum rückt.
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- Fee Krausse (Author), 2002, Das bürgerliche Trauerspiel am Beispiel von Lessings "Miß Sara Sampson" und "Emilia Galotti" und Schillers "Kabale und Liebe", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33262