Vertrauen, Charisma, Rhetorik - ein Kommunalwahlkampf im bolivianischen Amazonas


Magisterarbeit, 2004

132 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

0. Vorwort

Methodische Grundlagen (Diskurs)

1. Theoretischer Teil
1.1. Vertrauen
1.1.1. Definitionen
1.1.2. Rational Choice
1.1.3. Niklas Luhmann
1.1.4. Vertrauensdispositionen
1.1.5. Personales vs. Systemvertrauen
1.1.6. Vertrauen und Selbstdarstellung
1.2. Charisma
1.2.1. Vertrauen und Charisma
1.2.2. Herrschaftstypen
1.2.3. Charismatische Herrschaft
1.2.4. Charisma und Führung
1.3. Rhetorik

2. Empirischer Teil
2.1. Der Forschungskontext
2.2. Die Kolonialzeit
2.3. Gesellschaftliche Akteure
2.3.1. Die lokalen Eliten
2.3.2. Die Indios
2.3.3. Die Missionare
2.3.4. Die Collas
2.3.5. Die Tieflandvölker
2.3.5.1. Chimanes
2.3.5.2. Tacana
2.3.5.3. Mosetenes
2.3.5.4. Esse-Eja

3. Kommunikationsmedien und –kanäle
3.1. Kommunikationskanäle
3.1.1. Infrastruktur
3.1.2. Verkehrsmittel
3.2. Kommunikationsmedien
3.2.1. Vertikales Vertrauen
3.2.1.1. Legitimität und Legalität
3.2.1.2. Recht: Drei Fälle
3.2.2. Horizontales Vertrauen
3.2.2.1. Klatsch, Tratsch und Intrigen
3.2.2.2. Kulturelle Identität

4. Politisches Vertrauen - Analytischer Teil
4.1. Das Problem der Öffentlichkeit
4.2. Parteien
4.3. Diskurse der Eliten
4.4.Politische Reden
4.4.1. Lorgio Argandoña (NFR)
4.4.2. Antonio (MSM)
4.4.3. Doctor Miguel Ángel Chumacero (MBL)
4.4.4. José Danielo “Toyo” Negrete, (UCS)
4.4.5. Juan Carlos Haensel (ADN)
4.4.6. Chiquilín Negrete (MIR)
4.4.7. Yerco Nuñez (MNR)
4.5. Politische Agenda
4.6. Vertrauenstypen

5. Schlussbemerkung

6. Bibliographie

7. Liste der Informanten

0.Vorwort

Viel hält Finanzsenator Thilo Sarrazin nicht von dem Volksbegehren, das der Berliner Senat gerade abgelehnt hat. Eine Abwicklung der Bankgesellschaft hätte in seinen Augen fatale Folgen. Mindestens acht bis zehn Milliarden Euro würde eine solche kosten. Die Folgeschäden bei den Unternehmen und den Kunden der Bank seien darin noch nicht eingerechnet, und der immense Vertrauensschaden sowieso nicht.1

Doch auch diese Worte lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Von einem „weitverzweigtes Kartell aus Unfähigkeit, Verantwortungslosigkeit und Korruption“ ist da die Rede, von Vertuschung und Verschleierung, die „unsere Stadt lähmt und ihre Zukunftsfähigkeit verbaut.“ Auf vielfältige Weise würde „den Bürgern dieses Landes mitgeteilt, dass das Fehlverhalten nicht strafbar ist und es keine andere Möglichkeit geben soll, als die Risiken dieser Bank auf das Land Berlin zu verlagern. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation bewirkt dies Ohnmacht, Resignation und den Verlust an Vertrauen in die politische Führung des Landes.“2

Zwei Stellungnahmen zu ein und dem selben Fall. Der eine fürchtet um das Vertrauen in die Wirtschaft, falls die Abwicklung der Berliner Bankgesellschaft vollzogen werde, die anderen fürchten um das Vertrauen in das politische System, falls genau das nicht geschieht.

Der Vorgang illustriert nicht nur die mannigfaltige Bedeutung des Vertrauensbegriffes, sondern stellt auch einen interessanten Fall politischer Strategie im politischen Wettbewerb dar: die Besetzung von Begrifflichkeiten auf der politischen Agenda und, in diesem speziellen Fall, die Vereinnahmung von Diskursen auf Kosten politischer Kontrahenten, ein Thema, mit dem ich mich im vierten Teil dieser Arbeit näher beschäftigen werde.

Eines der auffälligsten Merkmale des von mir besuchten Forschungsgebiet – der Stadt Rurrenabaque am westlichen Rand des bolivianischen Amazonas - ist seine scheinbare Unberührtheit von nationalen politischen Diskursen und Bewegungen in einem in den vergangenen 50 Jahren von Krisen, Rebellionen, Putschen und Revolutionen gekennzeichneten Land. Die Dichotomie zwischen hoher politischer Dynamik im Zentrum und weitgehendem politischen, wirtschaftlichen und sozialem Stillstand, wie er für die Peripherie dieser schwach vernetzten Gesellschaft kennzeichnend zu sein scheint, zeigt sich, ungeachtet umfassender struktureller Umgestaltung des verfassungsrechtlichen Rahmens in Richtung Bürgerbeteiligung, nicht zuletzt im nach wie vor niedrigen Organisationsgrad zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Zu denen dieser Arbeit zugrundeliegenden Fragestellungen gehört daher diejenige nach den Mobilisierungsbedingungen für politische Bewegungen. Welche Akteure und Voraussetzungen braucht es zur Bildung und sozialen Mobilisierung von Wir-Gruppen, die bereit und in der Lage sind, ihre Interessen im politischen Diskurs offensiv zu vertreten und durchzusetzen? Welche Akteure und spezifischen Voraussetzungen verhindern oder bremsen politische Mobilisierung und - mithin daraus folgend - wirtschaftliche und demokratische Entwicklung?

Mangels prägnanter Beispiele politischer Bewegungen im Forschungskontext kann dieses Thema gleichwohl nur auf einer Meta-Ebene verhandelt werden. Wenn von der Abwesenheit politischer Mobilisierung ausgegangen werden kann, dann muss stattdessen die Frage diskutiert werden, wie politische Kultur ansonsten funktioniert, von welchen Akteuren Positionen politischer Führerschaft besetzt werden und unter welchen spezifischen historischen und soziostrukturellen Voraussetzungen die Dinge so und nicht anders gelagert sind.

Auf der Suche nach einer Erklärung für die Abwesenheit politischer Mobilisierung in der von mir untersuchten Gesellschaft bin ich auf das Vertrauen gestoßen. Nun heißt Abwesenheit politischer Mobilisierung nicht einfach Abwesenheit von Vertrauen. Vielmehr wird ein Bürger von Rurrenabaque aus seiner emischen Perspektive eine Reihe von Beziehungen nennen können, in denen er vertraut. Er wird von seinem Vertrauen in seine Familie sprechen, in seine Ehefrau und seine Kinder, vom Vertrauen in seine Brüder und Schwestern, in seine Onkels und Schwager, von seinem Vertrauen in Gott und vielleicht auch von seinem Vertrauen in den Führer der von ihm präferierten Partei. Er wird vielleicht auch polemisieren gegen die modernen westlichen Gesellschaften, in denen die Menschen einen großen Teil jener von ihm genannten Loyalitätsbeziehungen längst verleugnet und verraten hätten.

Doch sind diese Vertrauensbeziehungen nicht Gegenstand dieser Arbeit. Worum es hier vielmehr geht, sind Vertrauensbeziehungen, die durch das strukturiert werden, was in modernen westlichen Gesellschaften den Bereich der politischen Öffentlichkeit ausmacht. Mit anderen Worten: Es geht um gesellschaftliche Plattformen, auf denen kollektive Werte und Interessen nicht nur verhandelt, sondern mithin erst generiert werden. Es geht um Strategien der Konfliktlösung und der Kooperation, die für alle sichtbar erprobt und praktiziert werden und dem Einzelnen konkrete Handlungsmodelle für seinen Umgang mit Mitmenschen und Institutionen bieten.

Vertrauen wird dabei verstanden als eine zentrale Ressource im Prozess des politischen Wandels von einer elitären Ständegesellschaft zu einer modernen Demokratie. Dies betrifft sowohl den Wandel des institutionellen Systems, als auch die Mobilisierung politischer Interessenartikulation auf der Mikroebene. Trotz institutionalisierter Rahmenbedingungen für Bürgerbeteiligung, bleiben weite Teile der Bevölkerung weitgehend von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Meine These lautet, dass die Inkorporation gesellschaftlicher Gruppen in politische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse primär am Fehlen effektiver Vertrauensbeziehungen und -netzwerke auf der horizontalen Ebene der Gesellschaft scheitert.

Vertrauen ist ein Querschnittsthema. Es impliziert sowohl rechtsanthropologische, sozialpsychologische, kommunikations-wissenschaftliche wie demokratietheoretische Fragestellungen und erweist sich dabei als geeignet, die sozialtheoretische Schwelle zwischen Mikro- und Makroebene zu überbrücken3. Eine zentrale theoretische Fragestellung in diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung von personalem und Systemvertrauen. Dabei ist, wie Offe ausführt, von einer ungebrochenen Bedeutung persönlichen Vertrauens in komplexen modernen Gesellschaften auszugehen:

„Der Ansicht, dass Institutionen personales Vertrauen ersetzen und damit Vertrauen gleichsam überflüssig machen würden, da es sich um funktionelle Einheiten handelt, die nach feststehenden Regeln und Kontrollmechanismen funktionierten, kann dadurch begegnet werden, dass Institutionen immer unvollständig und umstritten sind, Regeln unterlaufen oder verändert werden können. Da Entscheidungen eine ebenso wichtige Rolle wie Regeln spielen, ist Vertrauen in anonyme Mechanismen von Institutionen daher „allein durch das Vertrauen in [bestimmte] Personen gerechtfertigt.“4

Der Gedanke, dass Systeme letztlich so unvollkommen und fehlbar seien wie die Menschen, die sie repräsentieren, mag uns im modernen formalisierten und differenzierten Wohlfahrtsstaat zunächst fremd erscheinen. In Gesellschaften, in denen persönliche Vertrauensnetzwerke eine wichtige Ressource zur Bewältigung des Alltags darstellen, ist eben dies eine alltägliche Erfahrung. Unter habsburgischem Recht etwa konnten sich die Menschen in Süditalien weder auf Gerechtigkeit, noch auf den Schutz des Gesetzes verlassen. Unter solchen Bedingungen gewinnt Misstrauen eine sich selbstverstärkende Dynamik, die bis heute nicht durchbrochen ist. Das Unvermögen, dem Staat zu vertrauen, führt zu dem Unvermögen, anderen Individuen zu vertrauen.

Die ökonomische Rückständigkeit der sizilianischen Gesellschaft ermöglichte wenig Aufstiegsmöglichkeiten. Eine gängige Art, voranzukommen, bestand in der Durchsetzung gegen andere. Menschen kooperierten nicht, auch wenn es zu ihrem gegenseitigen Vorteil gewesen wäre. Stattdessen konkurrierten sie auf schädliche Weise und enthielten sich in solchen Fällen der Konkurrenz, in denen alle vom Wettbewerb profitieren hätten können. Sie förderten Misstrauen und beuteten es selektiv aus.5 Anton Blok stellt fest, dass die Mafia sich „während des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelte, als der moderne Staat mehr und mehr eine bäuerliche Randgesellschaft überlagerte, die im wesentlichen noch eine weitgehend feudale war“6.

Vor diesem Hintergrund erscheinen Mafiosi Blok als „eine Spielart des politischen Mittelsmannes oder ‚Macht-Maklers’, der „über die entscheidenden Knotenpunkte (...) in der Beziehung zwischen dem lokalen System und dem größeren Ganzen“ wacht, „Kommunikationslücken (...) zum eigenen Vorteil aus[nutzt]“ und sich hütet, „sie zu schließen oder zu beseitigen: sie [die Macht-Makler] leben von diesen Leerräumen und hindern anderen daran, Beziehungen anzuknüpfen. Zum anderen sichern und festigen die Mafiosi ihre Mittlerposition durch die systematische Androhung von Gewalt.“7 Eine parlamentarische Untersuchung kommt Anfang der 70er Jahre zu dem Ergebnis, „dass sich die Mafia ihrer ganzen Natur nach jeder Bekämpfung entzieht. Alle staatlichen Stellen, die in Aktion treten würden, bleiben unwirksam, weil sie in unterschiedlichem Ausmaß mit Mafiosi und ihren Beschützern verfilzt sind.“8

Und schließlich: „Die Mafia in Sizilien ist ein ‚Geisteszustand’, der all und jedes auf allen Ebenen durchdringt. Die Mafia hat man im Blut: sie endet in den verborgensten Strukturen der Gesellschaft. Sie besteht vor allem im atavistischen Misstrauen gegen das Gesetz und damit in der Missachtung des Gesetzes, die bei den Sizilianern den Charakter einer epidemischen Wollust annimmt.“9

Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist es nicht mehr schwer, eine Brücke zu schlagen zu einer Region, die Ende des 19. Jahrhunderts als „die

unbekannteste (...) der Welt“10 galt und noch bis Anfang der 1990er Jahre nur auf dem Luft- und Wasserweg erreichbar war. Was sich dort, im Schatten beachtlicher politischer Umwälzungen auf der Ebene des Nationalstaates, herausbildete, war eine mit dem sizilianischen Beispiel beinahe detailgenau übereinstimmende Gemengelange von Jahrhunderte langer Fremdherrschaft, patrimonialen Strukturen, Marginalisierung, „zellenhafter“ Fragmentierung, lokaler Isolation, Abwesenheit des Staates, Autonomie lokaler Machthaber und einem tief in der Gesellschaft verankerten, institutionell verbürgten Recht des Stärkeren.

Die Verknüpfung der Begriffe Vertrauen, Charisma und Rhetorik verweist auf meine Grundannahme des performativen Charakters demokratischer Prozesse, d.h. dass Vertrauen in politische Systeme und analog in die Führerschaft sozialer Bewegungen wesentlich auf Modi der Selbstdarstellung ihrer politischen Repräsentanten beruht. Dieses Thema werde ich im Abschnitt 1.1.6. vertiefen.

Meine Arbeit gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil widme ich mich den für mein theoretisches Konzept wesentlichen Begriffen Vertrauen, Charisma und Rhetorik und werde das meiner These zugrundeliegende begriffliche Konzept näher umreißen.

Im zweiten Teil geht es um die soziostrukturellen Merkmale der auf der empirischen Ebene relevanten gesellschaftlichen Gruppen in ihrer historischen Entwicklung.

Im dritten Teil untersuche ich verschiedene Kommunikationskanäle und –medien. Letzteres auf den Ebenen vertikales Vertrauen (Legitimität/Legalität, Recht) und horizontales Vertrauen (Klatsch/Tratsch/Intrigen, kulturelle Identität).

Im vierten und letzten Teil schließlich widme ich mich dem Thema des politischen Vertrauens anhand der Darstellung und Analyse eines konkreten historischen Ereignisses: des Kommunalwahlkampfes 1999 in Bolivien. Im Zentrum meiner Betrachtung stehen dabei, analog zu den oben entwickelten theoretischen Implikationen, eine Diskursanalyse politischer Rhetorik und die unterschiedlichen Modi und Konzeptionen politischer Führerschaft.

Diskurs: Methodische Grundlagen

Jeder Ort besitzt seine Eigenheiten, die in seiner Klarheit nur derjenige begreift, der sie mit der Distanz des Fremden betrachtet. Das Missverständnis im interkulturellen Diskurs fungiert dabei als Scharnier und Schlüssel für das Verständnis des „anderen“. Da ist die voneinander abweichende Interpretation von Termine in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Eben diese Missverständnisse oder „Fettnäpfchen“11, gehören zu den wichtigsten Informationsquellen für den Feldforscher. Sozialanthropologische Forschung ist per se gesellschaftsvergleichend, da jeder Forscher eine fremde Gesellschaft mit dem ihm eigenen Reverenzsystem betrachtet und das besondere, bemerkenswerte am Fremden erst im Vergleich mit der eigenen herausarbeiten kann.

Der reisende Forscher nennt aber noch ein weiteres Privileg sein eigen: Er entdeckt eine fremde Welt wie ein Kind: naiv, ohne gesicherte Informationen darüber, was ihn erwarten wird. Und er durchläuft, um die Analogie fortzuführen, während seines Aufenthaltes gleichsam eine ganze Sozialisation, die jenem vorsichtigen Vorantapsen und Weltentdecken des Neugeborenen in nichts nachsteht, außer dass sie sich in einem viel kürzeren Zeitraum vollzieht. Trotz der Kürze, der Flüchtigkeit des Blicks auf die fremde Kultur, muss dieser nicht oberflächlich bleiben. Das subjektive Gefühl einer erhöhten Sensibilität und Intensität des Erlebens, das jeder Reisende kennt, geht einher mit der hohen Effizienz wissenschaftlichen Arbeitens in der Fremde.

Nichts nimmt der Forscher mit mehr Aufmerksamkeit zur Kenntnis, als das unmittelbar Neue und Erstaunliche. Diese Phase des ungerichteten Sammelns von Auffälligkeiten ist vielleicht die wichtigste während der gesamten Forschung. Taucht der Forscher tiefer in die von ihm beobachtete Kultur ein, so wird das Neue zu Bekanntem, das Erstaunliche zum Alltag. Er wird nun deutlich weniger Daten erheben können. Es beginnt die Phase der Datensicherung. Das analytische Heranziehen von auf Erfahrung beruhenden Vergleichsgrößen erlaubt es dem Forscher, das Gesehene in eine Ordnung zu bringen. Er beginnt, Thesen über das von ihm Beobachtete anzustellen und überprüft diese Thesen fortan an der Wirklichkeit.

Ohne seine analytische Distanz wäre es dem Forscher gar nicht möglich, zwischen dem zu unterscheiden, was in der beobachteten Gesellschaft gang und gäbe ist und dem, was einem als Person im besonderen zuteil wird, einem persönlich, dem Ausländer, dem Fremden, dem Lehrer, dem Türenöffner, dem Geheimnisvollen, dem lästigen oder willkommenen Fragensteller. Ich für meinen Teil halte es für wenig wünschenswert, aus einem falsch verstandenen Objektivitätsanspruch eine Trennung vorzunehmen zwischen dem Erleben als Forscher und jenen als Privatperson, sich persönlichen Bindungen mit den Einheimischen zu entziehen oder gar zu versuchen, die Tatsache der eigenen Präsenz im Forschungskontext zu verleugnen. Die Art und Weise, wie sich eine Gesellschaft gegenüber dem Fremden verhält, ist ein Schlüssel zu fundamentalen Erkenntnissen über die Gesellschaft, zumal wenn hier die Erfahrung des Fremden eine Alltagserfahrung ist, die das Leben der Menschen nachhaltig prägt.

Gemeinsam mit zwei weiteren Stipendiaten der Carl-Duisberg-Gesellschaft war ich seit August 1999 mit dem Aufbau eines Bürgerradios für Rurrenabaque und die umliegenden Provinzen beauftragt. Meine Doppelrolle als Forscher auf der einen, Medienpädagoge und Radiomoderator auf der anderen Seite war dabei durchaus problematisch. Dem Journalisten werden Einzelheiten verschwiegen, weil immer die Sorge mitschwingt, er könnte einen mit unangenehmen Wahrheiten in der Öffentlichkeit bloßstellen. Der Sozialforscher kann eine andere Ebene von Vertrauen aufbauen und sich im besten Fall als einer tarnen, der aus bloßem Interesse Fragen stellt.

Die andere Seite der Medaille: Womöglich gelingt es ihm in Einzelfällen nicht, den Grund für ein Interview zu rechtfertigen. Der Journalist, eine öffentliche Person im Dienste der Demokratie, hat solche Probleme nicht. Nach zwei Monaten in Rurrenabaque standen mir als "Direktor des Radioprogramms" alle Türen offen. Insofern brachte mir meine Position als Journalist, hinsichtlich des freien Zugangs zu Informationen, letztlich wohl mehr Vor- als Nachteile. So sind die unzähligen Interviews, die wir im Zuge unserer Arbeit für das Radioprojekt geführt haben, auch eine wesentliche Quelle meiner Forschung. Die Datensammlung nahm dabei alle journalistischen Formen an, sie reichte vom Leitfadeninterview über die quantitative Datenerhebung bis hin zur Straßenumfrage.

Bei meiner Untersuchung durfte ich mich zudem eines Privilegs erfreuen, das sonst nur arrivierten Wissenschaftlern zuteil wird: einer Schar von kompetenten Assistenten nämlich, unseren Reporterschülern, die unermüdlich für das Radioprogramm und damit letztlich auch für meine Forschung Daten über alle wichtigen Grundsatzthemen sozialanthropologischer Betrachtung (Geschichte, Religion, Politik, Wirtschaft, Kultur, Kommunikation, Verwandtschaft) sammelten und zu kommentieren wussten.

Eine wichtige Informationsquelle der vorliegenden Arbeit lag außerdem in den Lehrgesprächen. Wie wird in dieser Weltgegend Wissen vermittelt, wie reagieren die Menschen in Lehrsituationen, auf welche Weise eignen sie sich Wissen an und über welches Wissen verfügen sie? Ein großer Teil unserer Arbeit vor Ort bestand in eben solchen Lehrgesprächen, wobei wir in aller Regel die Position der Lehrenden innehatten.

Eine wichtige Rolle spielte auch die teilnehmende Beobachtung. Wobei mir sowohl die Eingebundenheit in das Projekt, als auch die fünfmonatige Präsenz im Projektgebiet (August 1999-Februar 2000) nicht nur erlaubte, das Leben der Menschen zu beobachten, sondern auch, ganz im Sinne Malinowskis12, wirklich daran teilzuhaben.

Eine vierte wichtige Quelle meiner empirische Datensammlung war die partizipative Methode. Der lluvia de ideas (span. = “Ideenregen“), das Brainstorming gehörte nicht nur zu den wichtigsten Methoden des von uns gestalteten Unterrichts, sondern war auch eine unerschöpfliche Informationsquelle für meine sozialanthropologische Arbeit. Eben jene mit offenen Vorgaben auf der Grundlage der Ideen der Teilnehmer entwickelten Konzepte waren bestens dazu geeignet, die Relevanzstruktur der Menschen, mit denen wir gearbeitet haben, zu ergründen.

Da wir mit Vertretern aller Altersklassen und ethnischen Gruppen beiderlei Geschlechts gearbeitet haben, bleibt der kreuzperspektivische Ansatz grundsätzlich gewahrt. Der naturgemäß eingeschränkte Zugang eines männlichen Forschers zum weiblichen Teil der zu untersuchenden Gesellschaft wurde durch mein häufiges gemeinsames Auftreten mit meiner Projektpartnerin entschärft.

Die wichtigste Einschränkung hinsichtlich der Gültigkeit derjenigen Daten, die ich unmittelbar im Forschungskontext erheben konnte, ist, dass Sie insofern in erster Linie für den gebildeteren Teil der Bevölkerung gelten, als dass wir in aller Regel nur solche Interviewpartner befragt haben, die der spanischen Sprache mächtig waren. Die Teilnehmer an unserer Reporterausbildung, die mir in besonderer Weise als Informationsquelle dienten, gehörten gewissermaßen einer Bildungselite innerhalb der Bevölkerung an, nämlich einer Gruppe von Personen, die bewusst Fortbildungsangebote wie das unsrige wahrnahmen und regelmäßigen Kontakt zu Ausländern pflegten. Was für weite Teile der Bevölkerung keinesfalls eine Alltagserfahrung darstellt.

Empirische Lücken, die durch einen in solcher Weise selektiven Zugang zu gesellschaftlichen Gruppen und Prozessen entstanden sind, habe ich in dieser Ausarbeitung durch die Auswertung historischer und soziologischer Monographien aufgefüllt, wenngleich diese für das konkrete soziale Umfeld, das den empirischen Rahmen meiner Untersuchung absteckt, mehr als rar gesät sind. Die transkriptive Auswertung überwiegend oraler Quellen entspricht der dominanten Diskursform der von mir untersuchten Gesellschaft.

1.Theoretischer Teil

1.1. Vertrauen

1.1.1. Definitionen

Im folgenden soll das dieser Untersuchung zugrundeliegende theoretische Konzept des Vertrauens näher umrissen werden.

Simmel (1922) beschreibt Vertrauen als „einen mittleren Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen“ und zwar, was seltener dokumentiert wird, „um den Menschen“. Der Begriff des Vertrauens beschreibt also einen Modus sozialer Beziehungen, die weder durch absolutes Wissen noch durch dessen vollständige Abwesenheit gekennzeichnet sei: „Der völlig Wissende braucht nicht zu vertrauen, der völlig Nichtwissende kann vernünftigerweise nicht einmal vertrauen.“13

Mit der Frage, welche Determinanten die Neigung einer Person fördern bzw. hemmen, sich vertrauensvoll zu verhalten, beschäftigen sich die Untersuchungen des Sozialpsychologen Deutsch (1962). Als konstitutive Merkmale einer Vertrauenskommunikation erscheinen dabei erstens die Unsicherheit, unter der ein Vertrauensgeber seine Entscheidung zu treffen hat, und zweitens dessen hohe Verwundbarkeit. Die möglichen Kosten eines nicht-kooperativen Verhaltens des Vertrauensnehmers sind für den Vertrauensgeber größer als der erwartete Nutzen für den Fall, dass seine Erwartung erfüllt wird.14

1.1.2. Rational Choice

Für James Coleman gründet Vertrauen auf komplexen rationalen Erwartungen. Diese orientieren sich einerseits an den Anreizen des Vertrauensnehmers, das Vertrauen zu erfüllen, und andererseits an dem Wissen, das dem Vertrauensgeber ermöglicht zu vertrauen. Nach Coleman fördert die Entwicklung von Normen, die mit Sanktionen verbunden sind, Kooperation.15 Colemans These lässt sich wie folgt zusammenfassen: Wir vertrauen einer anderen Person, wenn wir über genügend Gründe verfügen, um zu glauben, dass es im Interesse dieser Person liegen wird, zum, für den Vertrauensgeber, relevanten Zeitpunkt in den, für den Vertrauensgeber, relevanten Hinsichten vertrauenswürdig zu sein.

Rational-Choice-Theorien gehen von einer rationalen Grundlage des Vertrauenserweises aus. Dies setzt voraus, dass dem Vertrauensgeber genügend Informationen zur Verfügung stehen, um entscheiden zu können, dass es sich für den anderen lohnen würde, sich als vertrauenswürdig zu erweisen, also kooperativ zu verhalten. Ein Vertrauenskonzept, dass auf einer solchen Annahme beruht, verkennt jedoch zentrale Aspekte für die Konstitution von Vertrauen: Seine symbolische Dimension und seinen phänomenalogischen Charakter.

Anthony Giddens hat das „Fehlen vollständiger Information“ als Hauptbedingung von Vertrauenserfordernissen charakterisiert.16 Insofern ist Vertrauen präreflexiv. Wer nach Gründen sucht, die das Vertrauen in eine andere Person initiieren können, der vertraut nicht oder nicht mehr.17 Es nimmt häufig die Form eines Habitus an, den Bourdieu als „Spontaneität ohne Willen und Bewusstheit“ gekennzeichnet hat.18

Auch Niklas Luhmann verweist auf die Unsicherheit als konstitutives Merkmal der Vertrauenssituation. Vertrauen stellt sich dar – in Abgrenzung zur Hoffnung - als ein „Problem der riskanten Vorleistung.“ Ein Fall von Vertrauen liege nur dann vor, „wenn die vertrauensvolle Erwartung bei einer Entscheidung den Ausschlag gibt. (...) Vertrauen bezieht sich also stets auf eine kritische Alternative, in der der Schaden beim Vertrauensbruch größer sein kann als der Vorteil, der aus dem Vertrauenserweis gezogen wird.“19

Anders als in den Theorien des Rational Choice, die Vertrauen als Ergebnis eines rationalen Kosten-Nutzen-Kalküls betrachten, kann Vertrauen nach Luhmann „auch unbedacht, leichtsinnig, routinemäßig erwiesen werden (...)“20. Die prinzipielle Unbegründbarkeit des Vertrauens sei geradezu konstitutiv für das Phänomen. Vertrauen sei „letztlich immer (...) ein Überziehen der vorhandenen Information“ und „ein Wagnis“.21

Zum Aspekt des Vertrauensbeziehungen inhärenten Risikos führt Offe aus:

„Sowohl exzessiv (blindes) Vertrauen, als auch strikte Risiko-Aversion sind Strategien, die hohe Kosten verursachen können. Insofern ist die Gewährung von Vertrauen ein Optimierungsproblem, wenn auch nicht im Sinne im Sinne einer gegenseitigen Abwägung von Kosten und Nutzen. Vertrauen ist eine Überzeugung, die sich auf Wahrnehmungen von und Vorstellungen über die Eigenschaften anderer Personen gründet. Jemandem nicht aufgrund dessen zu vertrauen, was wir aufgrund unserer Wahrnehmungen von ihm erwarten, sondern wegen der Nettogewinne, die wir uns von der Etablierung einer Vertrauensbeziehung versprechen, wäre eine wenig erfolgversprechende Strategie. Das Moment des Kalküls ist in der sozialen Beziehungen als ausgewiesenes Misstrauensvotum besetzt, das sich in zweifacher Weise selbst verstärkt: als Versuch der Kontrolle und als solcher der Manipulation.“22

1.1.3. Niklas Luhmann

Dem Vertrauen wohnt in Luhmanns Diktion der Charakter rational begründeter Irrationalität inne: Der Gewinn und die Rationalität des vertrauensvollen Handelns lägen insbesondere in dem mit ihm vollzogenen „Aufschwung zur Indifferenz: Man schließt durch Vertrauen gewisse Entwicklungsmöglichkeiten von der Berücksichtigung aus. Man neutralisiert gewisse Gefahren, die nicht ausgeräumt werden können, die aber das Handeln nicht irritieren sollen.“23

Damit rückt Luhmanns zentrale These vom Vertrauen als einer Reduktion von Komplexität ins Blickfeld. Indifferenz als rationaler Handlungsstrategie liegt die Notwendigkeit selektiver Prozesse in einer komplexen Welt zugrunde. Hintergrund ist die, von Schütz24 ins Feld geführte Notwendigkeit, allen sozialen Systemen immanente Entwicklung intersubjektiv übereinstimmender Erlebnismöglichkeiten. Die Last der Selektion von Erleben und Handeln muss geregelt und verteilt werden. Generalisierte Kommunikationsmedien (Liebe, Geld, Wahrheit etc.) schaffen symbolisch generalisierte Selektionscodes, deren Funktion es ist, die intersubjektive Übertragbarkeit von Selektionsleistungen zu sichern. Durch Generalisierung solcher Medien werden Erwartungsstrukturen und Motivationsmuster ausgebildet.25

Wer Vertrauen erweist, nimmt Zukunft vorweg. Allem menschlichen Zeiterleben liegt ein Erleben von Dauer trotz wechselnder Impressionen zugrunde. Aus einem Prozess intersubjektiver Konstitution bildet sich „objektive Zeit“, definiert als „ein für alle Menschen gleiches Kontinuum von Zeitpunkten, in dem etwas dauern oder wechseln kann, das aber“ – paradoxerweise – „selbst gegen diesen Unterschied neutral ist“.26 Geld, Macht und Wahrheit sind „soziale Mechanismen, die es erlauben, Entscheidungen zu vertagen und doch (...) sicherzustellen, also mit einer Zukunft von hoher, unbestimmter Ereigniskomplexität zu leben. Die gegenwärtige Stabilisierung (...) [solcher] Mechanismen setzt Vertrauen voraus.“27

Vertrauen eröffnet Handlungsmöglichkeiten, die ohne Vertrauen unwahrscheinlich oder unattraktiv geblieben wären. Es handelt sich somit sowohl um eine Reduktion von Komplexität (der Lebenswelt), als auch um einen Weg, die Komplexität des sozialen Systems zu steigern, indem es die Möglichkeiten des Erlebens und Handelns erweitert.28

1.1.4. Vertrauensdispositionen

Einer weiterführenden sozialpsychologischen Theorie des Vertrauensbegriffs hat Ericson29 den Weg geebnet. Das „Urvertrauen“ bezeichnet eine grundlegende Disposition zu vertrauen, die in früher Kindheit erlernt wird. Konstitutive Bedingungen für die Genese von Vertrauen sind hier dichte Interaktionskontexte, in denen wir Personen, denen wir Vertrauen entgegenbringen, häufig begegnen und uns eine tiefe Beziehung mit diesen Personen verbindet. In dem Maße, in dem das Kind lernt, die Abwesenheit der Mutter auszuhalten, lernt es, sich auf das Verhalten anderer Subjekte zu verlassen. Die mehr oder weniger erfahrene Zuverlässigkeit wird zu einer „inneren Gewissheit“, die letztlich als Basis für die Ausbildung einer stabilen Ich-Identität dient.

Die Stabilität der Ich-Identität ist wiederum konstitutiv für eine grundlegende menschliche Bereitschaft, anderen wohlwollend zu begegnen, ihnen Vertrauen entgegenzubringen. Dabei können wir jemanden als vertrauenswürdig empfinden, ohne über Informationen zu verfügen, um seine Vertrauenswürdigkeit kognitiv zu begründen. Analog können gegenüber anderen ein Gefühl des Misstrauens haben, obgleich unsere Erfahrungen den anderen als vertrauenswürdig ausweisen. Es gibt also individuelle Dispositionen für Vertrauen und Misstrauen, die stärker wirken können als intersubjektiv objektivierbare Dispositionen.30

Vertrauensleistungen können zunächst einseitig vorgebracht werden, also ohne das Einholen von Informationen über den anderen; die Bereitschaft, das Vertrauen nicht zu enttäuschen, entsteht häufig aufgrund dieser Vorleistung, durch die man sich als ein potentiell vertrauenswürdiges Subjekt anerkannt fühlt. Bei der Begegnung mit Fremden kommt daher unserem Gespür für die Aufrichtigkeit und den Charakter des anderen eine zentrale Bedeutung zu. Ferner differenzieren wir aufgrund der prägenden Kraft unserer sozioökonomischen Herkunft, etwa zwischen jenen, denen wir immer vertrauen und solchen, denen wir aufgrund ihrer Schichtangehörigkeit, Berufsgruppe oder ihrer Hautfarbe etc. nicht vertrauen.31

1.1.5. Personales vs. Systemvertrauen

Vertrauen wächst am leichtesten in Situationen der Vertrautheit und Bekanntschaft, also im familiären Nahbereich und quasi-familialen Beziehungen des durch langjährige Erfahrung und Loyalität verbundenen näheren sozialen Umfeldes.

Eisenstadt/Ronigers Untersuchung von Freundschaftsnetzwerken und Patron-Klient-Beziehungen verortet den Vertrauensbegriff im Spannungsfeld von Partizipation, Solidarität und Sinnstiftung. Vertrauen oszilliert zwischen der öffentlichen Sphäre von Institutionen und der privaten Sphäre persönlicher Vertrauensnetzwerke. Konkreten Gesetzen und Pflichten zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung stehen informelle Formen sinnstiftender Solidarität gegenüber. Familien und face-to-face -Gesellschaften bieten gute Voraussetzungen für das Entwickeln von Vertrauen.32

Wo verfestigte institutionelle Strukturen fehlen, werden Vertrauensbeziehungen primär über kleinräumige Interaktionsmuster vermittelt und in persönlicher Interaktion, „auf der Grundlage askriptiver Gruppenzugehörigkeit“ generiert. Ohne institutionell vermittelte und generalisierte Vertrauensbildung tendieren Interaktionen dazu, „tribalistisch und lokal fixiert“ zu bleiben.33 Wie Rose34 für die osteuropäischen Transformationsländer gezeigt hat, sind es unter Bedingungen schwacher staatlicher Institutionen und Strukturen insbesondere Netzwerke von Freunden, Kollegen, Clans, Stämme und andere lokale Gemeinschaften, denen Vertrauen entgegengebracht wird.

Zum Erreichen politischer und wirtschaftlicher Ziele brauchen Systeme Vertrauen, die über persönliche Vertrauensbeziehungen und –netzwerke hinausgehen. Das Bezugsproblem des Vertrauens in modernen Gesellschaften liegt also primär in der effektiven Ausweitung der Reichweite von Vertrauen über diesen Minimalbereich hinaus.35

Vertrauensvermittelnde Institutionen lenken das Handeln von Entscheidungsträgern und der Bevölkerung in die gewünschten Bahnen und machen es kontrollierbar. Fehlt es umgekehrt an der Verlässlichkeit solcher Institutionen, wird das System als ganzes in seiner Funktionsfähigkeit gestört:

„Wo im­mer es Anhaltspunkte dafür gibt, dass das System der Institutionen es nicht vermag, Lügen und Irrtümer aufzudecken, die Beteiligten zur Ein­haltung von Verträgen zu verpflichten, Diskriminierung und Privilegien auszuschließen oder nicht individuell behebbare soziale Notlagen zu korrigieren, generieren diese Evidenzen Misstrauen und Zynismus in der vertikalen wie in der horizontalen Dimension. (...) Die Wahrnehmung solchen institutionellen Versagens ist verantwortlich dafür, dass der Horizont vertrauensbasierter Interaktionen den universalistischen Idealfall einer „Republik“ verfehlt und zusammenschrumpft auf den Kreis der Angehörigen von kommunitären Gemeinschaften, „Stände“, „Stämme“, persönliche Bekanntschaften oder Familien.“36

Weitere Gründe für Misstrauen in das System sind mangelnde Transparenz und Beständigkeit, existentielle politische und ökonomische Krisen, Selbstblockade, systematische Manipulation, Selbstbereichung oder Forcierung gesellschaftlicher Ungleichheit, und zwar nicht nur durch einzelne, lokalisierbare Volksvertreter (in ihrer Reichweite begrenzte Skandale können das Vertrauen in das System als ganzes erhöhen!), sondern durch Eliten, die als tragende Säulen des Systems fungieren oder wahrgenommen werden.37

Grundsätzlich gilt: Reiche tun sich leichter mit dem Gewähren von Vertrauen als Arme. „Der Eindruck dass die obere Mittelschicht gegenüber anderen enorme Vorteile hat, basiert zum Teil auf der größeren Neigung ihrer Kinder, anderen Vertrauen entgegenzubringen, also Beziehungen zu wagen, die vorteilhaft für sie sein können.“38 Soziale Not hingegen begrenzt die Handlungsspielräume und erhöht den Bedarf zu vertrauen, senkt aber die Disposition des potentiellen Vertrauensgebers, dies auch tu tun. Die Menschen leiden an einer „wohlbegründeten Hoffnungslosigkeit“39. Wem es an Macht, materiellen Ressourcen und Wissen fehlt, dem legt das Eingehen einer Vertrauensbeziehung ein kaum tragbares Risiko auf.

Umgekehrt machen weitreichende Handlungsspielräume durch alternative Ressourcen (Geld, Macht, Wissen), wie sie sozialen Eliten zur Verfügung stehen, den Rückgriff auf reziproke Beziehungen auf Vertrauensbasis weniger notwendig, obgleich die handelnden Subjekte sich aufgrund ihrer historischen Erfahrung und des geringeren Risikos, dass mit einem durch andere enttäuschten Vertrauen verbunden wäre, leichter tun, Vertrauen zu schenken.40

Vertrauen beruht wesentlich auf Erfahrung. Verallgemeinertes Vertrauen, das unspezifischen Kategorien von fremden Personen entgegengebracht wird und Grundlage ist für politisches Vertrauen in Demokratien, kann nur entstehen, nachdem Gründe für Misstrauen methodisch widerlegt sind. Möglichkeiten zur Prüfung von Gründen für Misstrauen sind z.B. regelmäßige Wahlen und Wahlkämpfe, Meinungs- und Pressefreiheit.

1.1.6. Vertrauen und Selbstdarstellung

Die Moderne ist nach Luhmann gekennzeichnet durch einen Übergang von emotionalen zu darstellungsgebundenen Vertrauensgrundlagen.41 Komplexe Gesellschaften fordern zunehmend „Vertrauen für Systeme, für die man nichts fühlen kann.“ Es entsteht ein Bedarf für funktional äquivalente Problemlösungsmechanismen, die das Gefühl als Vertrauensbasis teils ersetzen, teils auf private Funktionen zurückdrängen. Die Sicherheit der sozialen Selbstdarstellung gewinnt daher im Prozess der zivilisatorischen Entwicklung an Bedeutung.42

Das Konzept des sozialen Akteurs als eines gegenüber seiner Umwelt gegenüber per se strategische Interessen verfolgenden Selbstdarstellers geht auf Erving Goffman (1959) zurück. Sowohl öffentliche Selbstdarstellung, als auch relevante Handlungszusammenhänge erweisen sich dabei als durchgängig intersubjektiv strukturiert. Im Zusammenhang mit der Eröffnung von Vertrauenssequenzen weist Wenzel darauf hin, dass Selbstdarstellungen die Funktion erfüllen, ein gemeinsames Handlungsprojekt zu fingieren, das in der Fiktion überhaupt erst hergestellt wird und auf das Einverständnis des Publikums angewiesen ist.43

Vertrauen ist Produkt einer intersubjektiven Anerkennungsbeziehung. Nur solche kooperativen Handlungssituationen sind vertrauensrelevant, die „unseren Status als Mitglied einer Kooperationsgemeinschaft thematisch werden lassen“44. Die symbolische Strukturierung solcher Situationen erlaubt den Akteuren, mit starken Wertungen, die unsere Bestätigung und Anerkennung motivieren, unsere Ansprüche an Selbstachtung und soziale Anerkennung zu reflektieren und zu bestätigen. In der überzeugenden Ansprache liegt ein identitätsstiftendes Moment.45

Politische oder demokratische Erfahrungen offenbaren dem Individuum, in welchem Masse es sich gesellschaftlichen Gruppen zugehörig fühlen kann, die sich materiell oder symbolisch strukturierter Wertschätzung erfreuen, und zwar sowohl in Form ihrer Rechte und ihrer konkreten Zugangsmöglichkeiten zu gesellschaftlichen Ressourcen, als auch ihrer sozialen Anerkennung, in dem urdemokratischen Sinne der begründeten Erwartung, dass „andere meine Ziele auch dann unterstützen, wenn sie sie nicht teilen.“46

Vertrauen wird in vor diesem Hintergrund im Rahmen dieser Arbeit nicht einfach als eine Frage der Vertrauenswürdigkeit von Personen oder Institutionen gefasst, sondern trägt der individuellen, affektiven und emotionalen Komponente und deren Zusammenhang mit rationalen und kognitiven Aspekten Rechnung. Dieser Ansatz trägt der performativen Qualität von Vertrauensbeziehungen Rechnung, wie sie etwa in verschiedenen Modi der Selbstdarstellung politischer Führer zum Tragen kommt.

1.2. Charisma

1.2.1. Vertrauen und Charisma

Mein Studium begann mit einem Hochschulstreik, und endete mit einem solchen. Augenfällig war in beiden Fällen die Außeralltäglichkeit der Handlungssituation: Der kreative Freiraum, den die Ausnahmesituation eines sozialen Protestes eröffnete, erhöhte die Interaktionsdichte unter den Studierenden, förderte die Vergemeinschaftung und setzte zugleich einen Prozess kollektiver Sinnstiftung und symbolischer Konstituierung von Normen in Gang, der nicht nur das Selbstbild der Akteure veränderte, sondern auch deren Rollenzuweisung innerhalb der sozialen Gemeinschaft.

Eine soziale Bewegung erfordert andere Schlüsselkompetenzen als der Studienalltag. Mit den äußeren Bedingungen ändern sich auch die Anforderungen an jeden einzelnen, sein Handeln zu strukturieren. Die Karten werden neu gemischt. Das heißt: Kommunikationskanäle werden geöffnet, Beziehungen geknüpft, Hierarchien verändert, und ein jedweder versucht nach Kräften, sich auf einem sich öffnenden Feld außeralltäglicher Handlungsoptionen in Position zu bringen, sei es als Wortführer oder Mitläufer, Befürworter oder Gegner, Pragmatiker oder Visionär. Dabei unterscheiden sich die Rollenbilder jedes einzelnen oft signifikant von denen, die dieselben Akteure im Studienalltag bekleidet haben – und in die sie ernüchternderweise oft wieder zurückkehren, wenn die Bewegung - wie es in den seltensten Fällen der Fall oder auch nur zu erwarten ist - keine fundamentalen strukturellen Veränderungen oder fundamental veränderte Modi der Organisation von Alltag entwickelt hat.

In eben jener Dynamik der kollektiven Konstituierung von Rollenbildern, Handlungsoptionen und Normen liegt die Schnittstelle zwischen Vertrauen und Charisma. Denn kollektives Handeln ist immer auch Herrschaftshandeln, eine Frage der Fähigkeit konkreter Akteure zur Durchsetzung eigener Interessen, das heißt des Einflusses dieser Akteure auf das Gruppenhandeln, also das Handeln konkreter anderer Akteure, und den Bedingungen, an die dieser Einfluss geknüpft ist, mit anderen Worten: der Art und Weise ihrer Legitimation.

1.2.2. Herrschaftstypen

Max Webers Soziologie der Herrschaft differenziert drei Typen legitimer Herrschaft, die immer dann vorliegen, wenn sich das soziale Handeln an der Vorstellung vom Bestehen einer legitimen Ordnung (in Abgrenzung zu Gewohnheit, Sitte etc.) orientiert: die legale (rationale), die traditionale und die charismatische Herrschaft. Jeder Herrschaftstyp basiert auf spezifischen Legitimitätsgründen: entweder auf solchen primär rationalen Charakters, die sich an der Legalität gesatzter Ordnungen orientieren, auf solchen traditionalen Charakters, die auf dem Alltagsglauben an die Heiligkeit überkommener Traditionen beruhen, oder auf solchen charismatischen Charakters, basierend auf der „außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnung“47.

Herrschaft ist bei Weber als die Chance definiert, „für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“48 Motive materieller und zweckrationaler Art derjenigen, die sich gehorsam zeigen, sind freilich nicht ausreichend, um die Herrschaftsbeziehung zu stabilisieren. Hinzu kommen stets Motive affektueller und wertrationaler Art. Als zentralen Faktor für die Stabilisierung einer Herrschaftsbeziehung führt Weber jedoch den Glauben der Beherrschten an die Legitimität der Herrscher an. Jedes Mittel der Herrschaftssicherung wird somit abhängig von einer grundsätzlichen, mit dem Begriff des „Glaubens“ umrissenen Anerkennung der Herrscher durch die Beherrschten. Um ihren eigenen Bestand zu sichern, seien die Herrscher darum stets bemüht, den Glauben an ihre Rechtmäßigkeit zu nähren.49

Gehorsam kann gleichwohl anderen Motiven folgen, als den genannten. Fügsamkeit kann „aus Opportunitätsgründen geheuchelt, aus materiellem Eigeninteresse (...) geübt, aus individueller Schwäche und Hilflosigkeit als unvermeidlich hingenommen werden.“ Das sei jedoch nicht maßgeblich für die Definition von Herrschaft. Vielmehr seien Legitimitätsbeziehungen selbst dann konstituierend für die Struktur der Herrschaft, wenn die Herrscher den Anspruch auf allgemeine Legitimität verschmähten, Herrschaft etwa primär auf der Wehrlosigkeit der Beherrschten beruht und Legitimationsglauben nur innerhalb einer Elite von Herrschern und Verwaltungsstab zirkuliert.50

1.2.3. Charismatische Herrschaft

Etymologisch stammt das Wort Charisma vom altgriechischen „charis“, gleich Gnade ab. In Verknüpfung mit dem Suffix „ma“ ist es als „Geschenk der Gnade“ bzw. „Gnadengabe“ übersetzbar.51 Für Weber ist Charisma „eine als außeralltäglich (...) geltende Qualität einer Persönlichkeit (...), um deretwillen sie mit übernatürlichen und übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften begabt oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ‚Führer’ gewertet wird.“ Über die Geltung des Charisma entscheide „die durch Bewährung (...) gesicherte, freie, aus Hingabe an Offenbarung, Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene, Anerkennung durch die Beherrschten“52.

Die Legitimität des charismatischen Herrschers beruht auf seiner Gottgesandtheit oder einer funktional äquivalenten, mithin magischen Kraft. Ihm zu folgen ist den Beherrschten gleichsam heilige Pflicht. Die Gesandtheit des Herrschenden muss freilich fortwährend unter Beweis gestellt werden. Bleibt dem charismatisch Begnadeten der Erfolg dauerhaft versagt, so hat seine charismatische Autorität „die Chance zu schwinden“.53

Wesentliches Merkmal der charismatischen Herrschaft ist ihre Außeralltäglichkeit. Im Gegensatz zur bürokratischen Herrschaft beruhe sie nicht auf diskursiv analysierbaren Regeln, sondern sei spezifisch regelfremd. Der charismatische Herrscher steht außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung und lehnt tradierte rechtliche Institutionen ab: „Es gibt kein Regelement, keine abstrakten Rechtssätze, keine an ihnen orientierte rationale Rechtsfindung.“54 Charakteristische Formen der Streitschlichtung sind die Offenbarung durch den Propheten oder der „salomonische Schiedsspruch“ eines charismatisch qualifizierten Weisen.55

Im Gegensatz zur traditionalen Herrschaft sei die charismatische Herrschaft auch nicht an die „Präzedenzien der Vergangenheit“ gebunden, sondern stürze die Vergangenheit um, und sei in diesem Sinne „spezifisch revolutionär“. Die beiden letztgenannten Aspekte – die Regelfremdheit und die Tendenz zum Umsturz überkommener Ordnungen - kulminieren in dem charakteristischen Satz des genuinen Propheten: „Es steht geschrieben, ich aber sage Euch.“

Die Legitimation charismatischer Herrschaft basiert weder auf rationalen noch auf moralischen Gründen, sondern einzig auf dem Prinzip der Bewährung, was insofern zweckrational ist, als dass die Legitimität des Herrschers nur solange gesichert ist, wie sie sich für die Beherrschten als „brauchbar“ erweist.56

Charakteristisch für die charismatische Herrschaft ist weiterhin, dass sie oft unter ungewöhnlichen äußeren Umständen auftritt, unter Bedingungen ökonomischer Krisen, sozialen und politischen Wandels. Mit den Verhältnissen ändern sich auch die Einstellungen der Menschen, die aus Not oder Begeisterung für das Neue erwachsen können. Charisma sei insofern eine „typische Anfangserscheinung“ prophetischer Bewegungen oder politischer Eroberungen.57

Dem Prozess des durch charismatische Führer bewirkten oder vorangetriebenen Umsturzes bzw. Wandels folgt eine Phase der Institutionalisierung charismatischer Herrschaft, in der die „reine Herrschaft des Charisma (...) gebrochen, ins ‚Institutionelle’ transportiert und umgebogen“ wird.58 Insofern wohnt der charismatischen Herrschaft eine spezifische Spannung inne, die zwischen ihrer Funktion als institutionssprengender Kraft und derjenigen als neuordnende, institutionsbildende Instanz angesiedelt ist.59

Hauptmotive für die „Veralltäglichung des Charisma“ sind das Streben nach Sicherung sowie das ideelle wie materielle Interesse der Menschen am Fortbestehen der Gemeinschaft und der Nutzung ökonomischer Chancen für die Beherrschten. Damit einher gehen die Legitimierung von Herrschaftspositionen und die notwendige Anpassung von Ordnung und Verwaltung (z.B. der Rechtssprechung) an die normalen Bedingungen und Anforderungen des Alltags.60

Die charismatische Herrschaft wird dabei traditionalisiert und rationalisiert bzw. legalisiert, das Prinzip des Charisma als Gnadengabe gleichsam ausgehöhlt. Das Charisma wird, von einer exklusiven und nicht übertragbaren, zu einer unter bestimmten Rahmenbedingungen erwerbbaren Ressource. In der Vergötterung von Ahnen, der Vererbung politischer Ämter oder der Salbung von Königen wird der charismatische Status entpersonalisiert. Die Entwicklung von Königs- und Adelsmacht ist eine Geschichte der Versachlichung von Charisma. Das Amtscharisma – der Glaube an die spezifische Begnadigung einer sozialen Institution - ist das institutionalisierte Äquivalent zum persönlichen Charisma des mit herausragenden persönlichen Eigenschaften begnadeten religiösen oder politischen Führers.61

1.2.4. Charisma und Führung

Seit den 1970er Jahren gab es in der Organisations- und Führungsforschung eine anhaltende Debatte über charismatische Führung. Während politik- und sozialwissenschaftliche Forschung sich dem Phänomen des Charisma insbesondere unter dem Aspekt seiner Bedeutung für religiöse und politische Bewegungen bzw. der Konstitution und langfristigen Bestandssicherung von Herrschaftssystemen widmete, betrachtet die Organisationsforschung das Charisma als Führungsstrategie im Kontext organisationaler Systeme, im Hinblick auf deren Effizienz und Fähigkeit zur Selbsterneuerung.

Der zunehmenden Bedeutung postmaterialistischer Werte (Selbstverwirklichung u.a.) vor dem Hintergrund postmodernen Wertewandels und Sinnverlust konnte sich auch dieser, primär im Bereich der Wirtschaftswissenschaften angesiedelte Forschungszweig nicht verschließen. In einer komplexer werdenden Arbeitswelt, die eine Entpersonalisierung von Führung zugunsten technokratisch-formaler Subziele mit sich bringt, eröffnet charismatische Führung, indem sie die Kommunikation einer Vision einschließt, neue Perspektiven der Arbeitsorganisation.62

Führen meint „das Verhalten einer Person, das wichtige Werte, Motive und das Selbstverständnis anderer so beeinflusst, dass diese außerordentliche Anstrengungen jenseits der normalen Anforderungen aus ihren Rollen oder Positionen auf sich nehmen und freiwillig Eigennutz zurückstellen und zugunsten eines gemeinsamen Zieles ihr Äußerstes geben (...).“63 Die dem Führer zugeschriebene Autorität muss nicht zwingend formal legitimiert sein. An Webers Konzeption angelehnt, erscheint der charismatische Führer als ein Visionär, der innovative Lösungen für soziale Probleme anbietet.

Charismatische Führer blühen insbesondere in Krisensituationen auf und können eine nachhaltige Veränderung von Rahmenbedingungen bewirken. „Wenn Geführte seelische Belastung erfahren, wenn Organisationen oder ihre Mitglieder hoher Unsicherheit ausgesetzt sind, wird das Auftreten und der wahrgenommene Erfolg von Führern erleichtert.“64 Führer beeinflussen andere kraft einzigartiger Eigenschaften und unvergleichlichen Verhaltens. Ihre kommunikative Begabung verleiht ihnen eine natürliche Autorität.65 Sashkin (1988) sieht den charismatischen Führer als einen Visionär mit der Fähigkeit, durch exemplarische Handlungen Aufmerksamkeit zu erzielen, eine überzeugende Vision sowohl zu formulieren als auch vorzuleben und seine Mitarbeiter dazu zu bewegen, sich mit dieser Vision zu identifizieren.66

Konstitutiv für die Identifikation eines Führers als charismatisch sind u.a. seine hohe Risikobereitschaft, seine Entschlossenheit und Ausdauer sowie seine Ergebenheit in die Aufgabe. Charismatische Führer sind zu außerordentlichen Opfern bereit und gewinnen dadurch ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit.67

Hier kommt der Begriff des Vertrauens ins Spiel. Denn in besonderer Weise verkörpern und vermitteln charismatische Führer sowohl Selbstvertrauen und Vertrauen in ihre Vision als auch Vertrauen in die von ihnen Geführten. Einerseits haben sie in „dem Maß, in dem [sie] vertrauenswürdig, bewährt, bewundert und anerkannt sind, (...) motiverregende Wirkungen auf ihre Anhänger.“ Andererseits vermitteln sie, während sie hohe Erwartungen an ihre Getreuen stellen, zugleich ihr großes Vertrauen in ihre Anhänger, diese zu erfüllen. Die Verbindung von hohen Ansprüchen und hohem Vertrauen wirkt hochmotivierend.68

Burns (1978) hat die Unterscheidung zwischen transformationaler und transaktionaler Führung eingeführt. Transformationale Führung ist dazu geeignet, durch geistige Anregung und individuelle Bedachtnahme bei den Menschen höhere oder niedere Bedürfnisse zu wecken und das Anspruchsniveau zu transformieren, und zwar entweder zu erhöhen (z.B. Mahatma Gandhi) oder zu senken (z.B. Jugendbanden).69

Transformational Geführte sind durch intrinsische Motivation gekennzeichnet: Sie sind bereit, Dinge um ihrer selbst Willen zu tun.70 Solch manifestes, d.h. zwangloses, auf Freiwilligkeit beruhendes Gefolgschaftshandeln ähnelt dem Verhalten in Bürgerrechtsbewegungen. Untersuchungen zeigen, dass transformationale Führer aktivere Mitarbeiter haben als Führer ohne Ausstrahlung.71

Transaktionale Führung zeigt den Geführten Wege auf, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Sie ist insbesondere dort angebracht, wo Führer die Möglichkeit haben, Ziele zu spezifizieren und über ausreichendes Wissen über die Mittel zur Zielerreichung verfügen, wo sie weitgehende Disziplinierungsbefugnisse haben und die Möglichkeit enger Verschränkung extrinsischer Belohnungsanreize (Lohn, Gehalt u.a.) mit individueller Leistung. Charismatische Führung ist unter Bedin­gungen wahrscheinlicher, die nicht transaktio­nale Führung begünstigen. Ohne extrinsische Anreize wer­den Geführte eher nach selbstbezogener Rechtfer­tigung für ihre Anstrengungen suchen und so leichter durch charismatische Führung zu beeinflussen sein.72

1.3. Rhetorik

Als der amerikanische Globalisierungskritiker Reverend Billy im Januar 2004 vor einer emotionalisierten Menge in den Potsdamer Platz Arkaden eine seiner berüchtigten Predigten gegen den Konsumterror hielt, kam es zu einem Moment bemerkenswerter Irritation. Eine Frau störte den Vortrag Reverend Billys mit Zwischenrufen, weil sie der Meinung war, in dessen Agitationsform läge eine Manipulationsabsicht, die dem Habitus faschistoider Demagogen in nichts nachstünde.

In der Tat parodiert der Schauspieler und Aktionskünstler Bill Talen mit seiner Rolle als Reverend Billy die scheinheiligen amerikanischen Fernsehprediger, um gegen die Macht der Großkonzerne zu Felde zu ziehen. Der Effekt ist verblüffend. Denn ungeachtet des satirischen Moments seines Vortrags, kann man sich der mitreißenden Attitüde des Vortrags kaum entziehen. Reverend Billy gibt den Prediger, und die Menge stimmt ehrlich berührt ein in den Chor der Hallelujas.

Das Beispiel zeigt, dass die Wahrnehmung von der Überzeugungskraft eines Redners nicht unbedingt – und wahrscheinlich in den seltensten Fällen - von dem abhängt, was jemand inhaltlich sagt, sondern dass Persönlichkeit des Sprechers und die Art und Weise seines Vortrags – seine rhetorischen Mittel -, je nach Kontext eine mehr oder weniger entscheidende Rolle für den Erfolg des Redners beim Publikum spielen. Auf diesen Zusammenhang von Überzeugungskraft mit dem Charakter und der Fähigkeit zur emotionalisierenden Ansprache eines Sprechers hat schon Aristoteles hingewiesen:

„Von den durch die Rede geschaffenen Überzeugungsmitteln gibt es drei Arten: Sie sind zum einen in dem Charakter des Redners angelegt, zum anderen in der Absicht, den Hörer in eine bestimmte Gefühlslage zu versetzen, zuletzt in der Rede selbst, indem man etwa nachweist oder zumindest den Anschein erweckt, etwas nachzuweisen.“73

In meiner an Offe und Wenzel angelehnten Konzeption politischen Vertrauens habe ich auf die Bedeutung selbstdarstellenden performativen Verhaltens für die kollektive Identitätsstiftung und Anbahnung von Kooperationsbeziehungen hingewiesen. Charisma habe ich, in Anlehnung an Weber, als über herausragende Eigenschaften konkreter Akteure konstituierte Fähigkeit zur Durchsetzung eigener Interessen definiert.

Mit der Rhetorik, einem seit der Antike praktizierten Modus der „Beherrschung erfolgsorientierter strategischer Kommunikations-verfahren“74, ist nunmehr eine jener herausragenden Eigenschaften benannt, die dazu verhelfen können, eigenen Anliegen Geltung zu verschaffen und damit der Durchsetzung eigener Interessen zu dienen.

Eine beliebte Technik erfolgsorientierter rhetorischer Kommunikation ist zum Beispiel die Kunst der Vergegenwärtigung anhand von Beispielen, Analogien und Metaphern, die Bekanntes für sich sprechen lassen.75 Die politische Sprache kann als ein Kampf um Wörter begriffen werden. Mit ihrem gesellschaftlichen Gebrauch erhalten Wörter Sinn und Hintersinn, ihr Deutungsrahmen wird bestimmt. Schlüsselwörter wecken bestimmte Assoziationen, die in möglichst positiver Weise auf den Sprecher zurückfallen sollen. Die politischen Akteure besetzen Wörter und Themen und erbringen damit den Erweis ihrer Kompetenz.

In der bolivianischen politischen Öffentlichkeit etwa gibt es einen Kampf um das Wort dignidad (= Würde). Der Marcha por el Territorio y la Dignidad (Marsch für das Land und die Würde) vom Beni nach La Paz brachte im Jahr 1990 das Landproblem der Indiovölker des bolivianisches Tieflandes auf die nationale politische Agenda. Jahre später gab die Regierung Banzer die Parole des Plan por la Dignidad (Plan für die Würde) aus – und meinte damit die von den Indiovölkern des Hochlandes als Krieg gegen die Kokabauern aufgefasste Vernichtung der Kokaplantagen des Chapare. Auch der Bürgerrechtler Juan Granada, Lider des Movimiento Sin Miedo, und späterer Bürgermeister von La Paz, trat 1999 unter dem Leitbild von Justicia y Dignidad (Gerechtigkeit und Würde) an.

Jeder der genannten politischen Akteure verbindet unterschiedliche Inhalte und Ziele mit dem Begriff und weckt wiederum ganz andere Assoziationen und Erwartungen bei den Hörern. Diese multible und von politischen Akteuren instrumentalisierbare Bedeutung von Begrifflichkeiten ist gemeint, wenn Degenkolbe von „Konsens suggerierenden Leerformeln“76 spricht.

House/Shamir beschreiben, wie charismatische Führer Rhetorik als Mittel der politischen Mobilisierung einsetzen:

„Begnadete Führer bemühen sich, in Kommunikationsprozessen Attitüden, Werte und Perspektiven der Geführten ihren eigenen anzuglei­chen. Methoden zur Vereinheitlichung des Welt­bildes bestehen in klarer Ideologieformulierung, Nutzung geeigneter Etiketten und Slogans, Be­schwörung der Vision und dichotomer Ziele an­hand der Verheißung einer besseren Zukunft und Verweisen auf Grundwerte und die moralische Rechtfertigung. Begabte Führer (...) verbinden oft Gegenwart und Vergangenheit, indem sie gegenwärtiges Verhalten an historischen Beispielen vergleichen. Sie suggerieren Verbindun­gen zwischen historischen Vorfällen und Werten, Identitäten, erwartetem Verhalten und zukünfti­gem Geschehen.“77

Die Funktion der Rhetorik als Modus politischer Mobilisierung ist für unsere Fragestellung in mindestens zweierlei Hinsicht interessant:

Erstens können wir anhand einer Diskursanalyse der politischen Agenda wesentliche Aussagen über den Zusammenhang von gesellschaftlich relevanten Themen und den gesellschaftlichen Einfluss bestimmter gesellschaftlicher Akteure treffen. Zweitens können wir anhand der Untersuchung verschiedener Modi rhetorischer Performance der politischen Akteure Tendenzen erkennen, welche Formen politischen Handelns Akteure unter den je gegebenen Bedingungen am ehesten befähigen, ihre Interessen durchzusetzen, als legitime Führer anerkannt zu werden und politisch Erfolg zu haben.

Dem Thema der Formen und Funktionen politischer Rhetorik im Kommunalwahlkampf 1999 in Rurrenabaque widme ich mich im vierten Teil dieser Arbeit.

2. Empirischer Teil

2.1. Der Forschungskontext

Rurrenabaque ist eine Stadt mit 9.000 Einwohnern an der Schnittstelle zwischen den Provinzen Ballivián (Beni) und Iturralde (La Paz). Das Gebiet wurde ursprünglich von Tacana besiedelt. Im 19. Jahrhundert war die Stadt als Intermediär zwischen andinem Amazonas-Tiefland, dem nahegelegen Reyes, dem Yungas-Hochland, den Geschäfts- und Handelszentren im bolivianisch-peruanischen Grenzgebiet und seit 1880 den Gebieten des Kautschuk-Booms in den nördlichen Provinzen des Landes, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Zielort von mestizischen Siedlern (Cambas), die insbesondere aus Santa Cruz kamen.

Bis Ende der 1980er Jahre war das Dorf nur auf dem Luft- und Wasserweg zu erreichen gewesen. Rurrenabaque war damals ein verschlafenes Fischerdorf mit kaum 3 000 Einwohnern. Ein Zielgebiet fast ausschließlich für Wildjäger, Goldsucher, Abenteurer und Missionare. Mitte der 1970er Jahre verirrte sich ein Israeli in das Dschungelgebiet um Rurrenabaque. Er galt monatelang als verschollen. Über seine Erlebnisse verfasste er ein Buch, das in seiner Heimat zum Bestseller wurde. Seither ist Rurrenabaque das Reiseziel Tausender israelischer Touristen jedes Jahr. 15 000 Besucher werden inzwischen jährlich gezählt78. Jeder zweite stammt aus Israel.

Zu einer zweiten massiven Einwanderungswelle, diesmal durch Siedler aus dem Hochland von Cochabamba und La Paz, kam es mit der Schließung der staatlichen Minen Mitte der 80er Jahre und der Fertigstellung der Landverbindung La Paz-Rurrenabaque im Jahre 1989. Innerhalb weniger Jahre verdreifachte sich die Einwohnerzahl. Aymara und Quechua bilden heute die größte Bevölkerungsgruppe (35%), gefolgt von Mestizen (20%) und Chimanes/Mosetenes (10%). Die Tacana machen heute nur noch 30% der Bevölkerung aus, wobei die Verdrängung im urbanen Raum augenscheinlich höher ist als im ländlichen. Hinzu kommt eine kleine Gemeinde von Esse-Eja.

Nach Gold, Schildkrötenpanzern, Tigerfellen, exotischen Vögeln und Krokodilshäuten, begann nun die Ausbeutung der Ressource Tropenholz. Viel Kapital, häufig aus dem Cocaanbau um Cochabamba und aus den Yungas, wurde in die Region gespült. Viele Neureiche tauchten in dem gesetzlosen Raum des Beni unter. Mit der neuen Industrie kamen Menschen in die Fremde, die ihre Kultur, ihre Bildung und Lebensweise mitbrachten. Das bedeutete auch die Einführung von Handel und Landbau im großen Stil.

Viele Tacana konnten sich mit der neuen Lebensweise nicht mehr identifizieren, wanderten in Dörfer des Hinterlandes ab (Tumupasa, Ixiamas) oder gründeten neue Gemeinden entlang des Río Beni. Vielen muss die rasante Entwicklung jener Jahre wie eine Invasion vorgekommen sein. Einige wenige einheimische Familien freilich profitierten von den Veränderungen, weil sie sich rechtzeitig auf die neuen Verhältnisse einzustellen wussten und häuften in kurzer Zeit einen immensen Reichtum an. Tico Tudela etwa wirkte Mitte der 70er Jahre als Bürgermeister. Diese Position verschaffte ihm das notwendige Kapital, um nach dem Ende seiner Amtszeit ein erfolgreiches Tourismusunternehmen zu gründen.

In wenigen Jahren wurden große Teile des Waldes im unmittelbaren Umkreis Rurrenabaques vernichtet. Insbesondere den Esse-Eja, die von den natürlichen Ressourcen der Umwelt gelebt hatten, war die Lebensgrundlage weitgehend entzogen. Was da stattfand, war eine Art postkoloniales Trauma: nicht durch weiße Europäer waren sie erobert worden, sondern durch Einwanderer aus dem bolivianischen Hochland, Indianern und Mestizen, die unter dem Begriff der Collas (ein Synonym für Aymara) zusammengefasst werden.

Anfang bis Mitte der 90er Jahre gab es einen weiteren tiefen Einschnitt in der Region: Internationale Umweltorganisationen errichteten auf beiden Seiten des Flussufers zwei große Nationalparks. Der Holzeinschlag wurde unter strenge Kontrolle gestellt. Und diesmal war es ein ausländischer, ein weißer Eingriff in das Leben der Menschen, der vielen Menschen urplötzlich wieder die Lebensgrundlage entzog.

Das Lebensgefühl der Menschen in der Region ist bis heute von einer gewissen Unsicherheit geprägt. Zur hohen sozialen Dynamik kam die wirtschaftliche Dynamik, die einige wenige steinreich machte und vielen anderen das Gefühl vermittelte, den Zug verpasst zu haben. Die Jahrhunderte lang gewachsene Bindung der Indígenas an die Erde des Beni scheint in Frage gestellt.

Die „Macht des Geldes“ als ein neues, von außen in die Region getragenes Tauschsystem, überdeckt traditionelle Wertvorstellungen und Identitäten. Der Verlust sozialer Bindungen geht einher mit wirtschaftlicher Ungewissheit. Arbeitsaufkommen, Mobilität und Umweltzerstörung bringen unbekannte Bedrohungen für die Gesundheit und das Leben der Menschen mit sich. Touristen kommen und gehen. Entwicklungsprojekte tauchen auf und verschwinden. Sogar das Klima verändert sich.

Die Region ist ein klassisches Randgebiet. Die geographische Ferne zu den jeweiligen Hauptstädten der Provinzen Beni (Trinidad) und La Paz führte zu einer jahrzehntelangen politischen und ökonomischen Vernachlässigung. Als Indiz dafür darf gelten, dass in Rurrenabaque zwar drei Tageszeitungen aus La Paz verkäuflich sind, aber keine einzige aus der genauso weit entfernten Provinzhauptstadt Trinidad. Da kein regelmäßiger Verkehr zwischen den beiden Städten besteht, gibt es innerhalb der Provinz Beni offenbar auch kaum über die jeweilige Region hinausreichende wirtschaftliche Beziehungen.

Die kommunale Politik ist durch Regionalismus und Familismus geprägt. Rurrenabaque wird seit Jahrzehnten praktisch von einer einzigen Familie regiert, die neben den Spitzenämtern der wichtigsten Parteien u.a. anderem auch das einzige Lokalradio kontrolliert.

Die konservative politische Haltung der Bevölkerung ist freilich auch Ausdruck des alle Lebensbereiche durchdringenden Konfliktes zwischen einheimischen Indios, Collas , Cambas und Benianern (was eine Spezialkategorie der Tacana zu sein scheint). Erstere kontrollieren praktisch den gesamten wirtschaftlichen Handel, während die Cambas das politische Leben der Stadt kontrollieren.

Die Analphabetenrate erreicht in den Landgemeinden bis zu 90%. Insbesondere unter der esse-eja-, chiman- und quechuasprachigen Bevölkerung gibt es einen hohen Anteil derer, die der spanischen Sprache nicht mächtig sind79. Unter dem niedrigen Bildungsstandart haben vor allem die Frauen zu leiden.

Von den Männern ausgehende familiäre Gewalt ist an der Tagesordnung, Fehlende Aufklärung und Familienplanung, häufige Partnerwechsel und zufällige Schwangerschaften können weder sozial noch ökonomisch kompensiert werden. Dass eine alleinstehende Frau mit Erreichen der Volljährigkeit zwei Kinder ernähren muss, ist eher die Regel denn die Ausnahme. An eine auch nur halbwegs vielversprechende schulische Ausbildung ist unter diesen Umständen nicht zu denken.

Die demographische Struktur der männlichen Bevölkerung ist gekennzeichnet von einem hohen Anteil Alter und Kinder. Beschäftigungsfelder und Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen, die die Schule verlassen, sind so rar, dass ihnen, so sie es sich leisten können, kaum eine andere Möglichkeit bleibt, als in die Städte abzuwandern.

Das Ley INRA (seit 1994) hat offenbar zu einer erheblichen Entspannung bezüglich der Konflikte um das Landrecht geführt, so dass das Thema fast ausschließlich von den Esse-Eja thematisiert wird. Den Mitgliedern dieser ärmsten und gesellschaftlich am wenigsten integrierten ethnischen Gemeinschaften, die weder über Schusswaffen noch über einen Benzinmotor verfügen und deren einzige ständige Einkunftsquelle der Fischfang darstellt, ist von der Regierung ein Land zugeteilt worden, das fernab von jeglicher Anbindung an das Dorf liegt.

Dasselbe wird inzwischen als Bananenplantage genutzt. Die neugegründete Gemeinde der Esse-Eja liegt 80 Minuten Fußweg von San Buenaventura, der Nachbarstadt Rurrenabaques am gegenüberliegenden Flussufer, auf einem Privatgrundstück. Die 166 Bewohner von Copacapana sind erst seit März 1999 sesshaft. Zuvor lebten sie, über die gesamte Region verstreut, als Nomaden an den Ufern des Beni. Obwohl die Esse-Eja dort im Laufe unseres Aufenthaltes 40 Hütten errichten, sind mit der Inhaberin bislang keinerlei Vereinbarungen über die Höhe der Mietzahlungen getroffen worden.

2.2. Die Kolonialzeit

Im Jahr 1561 gründen spanische Siedler Santa Cruz, Grundlage der cultura camba, einer Gruppe von Mestizen mit spanischen Einflüssen, die das kulturelle Leben des bolivianischen Tieflandes heute dominiert. Bis zum Jahr 1782 obliegt Santa Cruz die zentrale Verwaltung des gesamten Oriente.

Auf der Suche nach Gold, unternehmen die Cruceños Anfang des 17. Jahrhunderts erste Expeditionen in das Gebiet von Mojos. 1680 beginnt die Epoche der Jesuiten-Mission. 1767 lässt Carlos III von Spanien die Jesuiten vertreiben und ersetzt sie durch Kleriker. Dies markiert den Beginn der Cruceño-Migration.

Von nun an erobern die Cambas die Flussläufe des Amazonas, eine bis dato weitgehend unerschlossenes Hinterland von 500.000 Quadratkilometern, der Hälfte des heutigen nationalen Territoriums. Sie kommen zu Wasser, zu Pferd, zu Fuß, gründen Städte, Missionen und Schulen und sind dabei von denselben Motiven geleitet wie die spanischen Eroberer: Kampf und Katechese, Glaube und Zivilisation.80

1842 wird das Departament Beni gegründet. Indios werden zu Staatsbürgern und zugleich ein neues Steuersystem installiert, das viele von ihnen als praktische Konsequenz in eine Verschuldungsspirale treibt und sie auf Gedeih und Verderb an ihre Patrone bindet.81 Die Region gilt als „gelobtes Land“, die Suche nach der goma santa („heiliges Kautschuk“)82 trägt Züge einer religiösen Erweckungsbewegung. Die Möglichkeit des Handels mit Brasilien über die Flüsse des Amazonas bringt große Erwartungen mit sich, die aber zunächst in Enttäuschung umschlagen. Mangelnde Investitionen, Verkehrswege, Infrastruktur und Arbeitskraft stehen der Entwicklung einer produktiven Landwirtschaft entgegen.

Seit den 1830er Jahren sind Reyes und das nahegelegene Yungas-Hochland Zentren des Booms der Quina, einer aus der Rinde der Kaskarille gewonnenen Medizin gegen Malaria, die in den Folgejahren zum wichtigsten (und z.T. auch zum einzigen) Exportprodukt Boliviens avanciert. Der Unternehmer Pablo Salinas baut einen Hafen bei Rurrenabaque, der die Region mit den Handelszentren in Mojos, Peru und Santa Cruz verbindet. Das Geschäft liegt in den Händen Tausender Händler aus Santa Cruz, der lokalen Bootswerften und des peruanischen Zolls, der den Löwenanteil der Gewinne einstreicht.

Versuche des Präsidenten Ballivián, zur Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung und des Aufbaus von Infrastruktur europäische Migranten in der Region anzusiedeln, scheitern. Der Beni gilt zu jener Zeit „als die unbekannteste Region der Welt“. Der Zugang zum Atlantik über die Flüsse des Amazonas ist zwar unbürokratisch, aber mit erheblichem Aufwand verbunden: Eine Fahrt von Reyes nach Rio de Janeiro in Kanus und Ochsenkarren dauert drei Monate, in umgekehrter Richtung sechs83. Später scheitert auch ein Bahnprojekt (1867) am mangelnden Interesse der Regierung in La Paz. Mit dem Import der Quina in die afrikanischen und südindischen Kolonien durch die Engländer (1859), fällt die Region in einen jahrelangen Dornröschenschlaf.84

Zum Anziehungspunkt wird stattdessen das brasilianische Geschäft mit dem Kautschuk. In den Jahren 1862-72 emigrieren jährlich 1000 Menschen vom Beni nach Brasilien. Die Bevölkerung wird massiv ausgedünnt, Anfang der 1870er Jahre sind 80% der Benianer Frauen.85 1869 finden Pablo Salinas und Francisco Cardinas Kautschuk am Río Beni und eröffneten ein Geschäft für Regenmäntel in Reyes, die von den Indios der Franziskaner-Mission in Cavinas hergestellt werden.86 In den Jahren 1877-85 verhilft der deutsche Pharmaunternehmer Otto Richter dem Geschäft mit der Quina zu einem zweiten Frühling. In jenen Jahren produziert Richter allein bis zu 80% des Bruttosozialprodukts der Region.87

Fehlendes kartographisches Material, die geringen Hoffnungen, überseeische Märkte erreichen zu können und die Angst vor Überfällen der Indios lassen die Cruceños lange Zeit vor der Erschließung der nördlichen Provinzen zurückschrecken. Dies ändert sich schlagartig, als der Amerikaner Edwin Heath und der Cruceño Nicolás Suárez im Jahre 1880 von Rurrenabaque aus die Schiffbarkeit des Beni nach Norden nachweisen.

Damit legen sie den Grundstein für den bolivianischen Kautschuk-Boom, der seit den 1880er Jahren Anlass für eine massive Migration von Santa Cruz und Europa in den Norden des Beni ist, zumal die landwirtschaftliche Produktion von Santa Cruz mit der Eröffnung der Eisenbahnverbindung zwischen Autofagasta (Chile) und den Minen von Oruro seit 1892 praktisch zum Erliegen kommt.88 Kautschuk wird in den folgenden vier Jahrzehnten zum wichtigsten Exportprodukt Boliviens (1900: 29%) und zum Ursprung des „ cruceño dream “, einer época rosa, deren Abenteuerlust und Unternehmensgeist das Selbstbild der lokalen Eliten bis heute prägt.89

Selbst als das Geschäft bereits auf Hochtouren läuft, sind weite Teile des Beni nördlich von Rurrenabaque noch immer unerschlossenes Land. Diesem Umstand kommt hohe Bedeutung angesichts der ständigen Grenzstreitigkeiten mit Brasilien zu. Der bolivianische Kongress erlässt 1878 ein Gesetz, das jedem Eroberer, der „den Barbaren Land abtrotzt“ die Überschreibung einer Quadratmeile Land verspricht. Im Jahr 1892 bricht der spätere Nationalheld José Manuel Pando von der Franziskaner-Mission in Ixiamas aus zu einer Expedition zur Erschließung neuer Gebiete auf. Pandos Mission ist die Erweiterung der Einflusszone von La Paz „in derselben Weise wie es zuvor den Siedlern von Santa Cruz gelungen war“. 1897 wird Pandos zweite Expedition von Guarayús am Río Madidi überfallen und drei seiner Begleiter, darunter sein Neffe Eduardo, werden getötet.90

[...]


1 Keilani, Fatina, in: Der Tagesspiegel: 4. Februar 2004

2 Offener Brief von Rolf Dieter Kreibich und Albrecht Dehnhard an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (6. Januar 2004)

3 Offe: 245

4 ebd.: 275f.

5 Pagden: 158ff.

6 Blok: 23

7 ebd.: 23ff.

8 ebd.: 278

9 ebd.: 277f.

10 Roca: 205

11 Elwert 1994

12 Malinowski 1979, S. 29

13 Simmel: 263

14 Deutsch: 266

15 Coleman: 146

16 Giddens 1995: 45

17 Hartmann: 79

18 Bourdieu 1987: 105

19 Luhmann 1973: 24f.

20 ebd.: 25

21 ebd.: 26f.

22 Offe: 253

23 Luhmann 1973: 26

24 Schütz 1932: 186ff., vgl. Luhmann 1973: 6

25 Luhmann 1973: 51

26 ebd.: 8f.

27 Luhmann 1973: 17

28 ebd.: 9

29 Ericson 1968: 241; vgl. Hartmann: 80

30 Hartmann: 83

31 Hartmann: 84

32 Eisenstadt/Roniger 1985

33 Offe: 287

34 Rose: 29

35 Eisenstadt 1995: 312f., 366f.

36 Offe: 283

37 vgl. Offe: 266

38 Hardin: 310

39 Eine Bemerkung Jimmy Carters bei der Vorstellung eines Armutsprojektes in Atlanta in der New Yorker Russell Sage Foundation, 24. September 1992; vgl. Hardin: 316

40 vgl. Offe: 259

41 Luhmann 1989: 23

42 Luhmann 1973: 90

43 Wenzel: 61ff.

44 Luhmann 1989: 49

45 Schmalz-Bruns: 27f.

46 Hartmann: 95

47 Weber: 124

48 ebd.: 28

49 ebd.: 122

50 Weber: 123

51 Steyrer 1995: 21

52 Weber: 140

53 ebd.: 140

54 Weber: 141

55 ebd.: 657

56 ebd.: 141

57 ebd.: 147

58 ebd.: 661

59 Mühlmann 1961: 9

60 Weber: 143

61 ebd.: 671ff.

62 Steyrer: 47

63 House/Shamir: 879

64 ebd.: 894

65 ebd.: 880f.

66 vgl. Rebmann 1996: 148ff.

67 Als Beispiel nennen House/Shamir Nelson Mandela, der es auch nach 20 Jahren Haft vorzog, im Gefängnis zu bleiben, anstatt möglicher Gewaltanwendung im Kampf gegen die Apartheid abzuschwören. (House/Shamir: 883)

68 House/Shamir: 884

69 vgl. Bass 1985: 31

70 Gros 1994: 118

71 House/Shamir: 890

72 ebd.: 892

73 Aristoteles: 12

74 Knape: 33

75 Perelman: 103f.

76 Degenkolbe 1965

77 House/Shamir: 886

78 Radiosendung „ Gritos de la Selva “ am 29.9.1999

79 geschätzte Zahlen für die Region: Esse-Eja: Frauen: 90%, Männer: 70%; Chimanes: Frauen: 55%, Männer: 30%; Quechua: Frauen: 30%, Männer: 20%, Mosetén: Frauen: 20%, Männer: 10%; über die Tacana liegen keine genauen Daten vor (Quelle: Ort/Espinoza)

80 Roca: 22ff.

81 ebd.: 191

82 Roca: 129

83 ebd.: 205

84 ebd.: 196ff.

85 ebd.: 99

86 ebd.: 235

87 ebd.: 204f.

88 Roca: 213ff.

89 ebd.: 172ff.

90 ebd.: 226

Ende der Leseprobe aus 132 Seiten

Details

Titel
Vertrauen, Charisma, Rhetorik - ein Kommunalwahlkampf im bolivianischen Amazonas
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Ethnologie)
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
132
Katalognummer
V33268
ISBN (eBook)
9783638337878
ISBN (Buch)
9783656072751
Dateigröße
1426 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit befasst sich mit den Konstitutionsbedingungen politischer Bewegungen und beinhaltet die Analyse und Auswertung politischer Agenda, Performance, Führungsmodi und Rhetorik. Empirische Grundlage war ein Kommunalwahlkampf im Amazonasdschungel. Die politischen Akteure, Mechanismen und Dynamiken dieses Mikrokosmos wirken gleichwohl nach eingehender Betrachtung weder besonders exotisch noch allzu weit entfernt von einem Bundestagswahlkampf.
Schlagworte
Vertrauen, Charisma, Rhetorik, Kommunalwahlkampf, Amazonas, Wahlen, Wahlkampf, Bolivien, politische Rede, politische Kommunikation, Lateinamerika, Luhmann
Arbeit zitieren
Clemens Grün (Autor:in), 2004, Vertrauen, Charisma, Rhetorik - ein Kommunalwahlkampf im bolivianischen Amazonas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33268

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