Die Berichterstattung der Medien stellt den Bundesrat oft als Blockadeinstrument bzw. als Mittel der Opposition zur Disziplinierung der Bundestagsmehrheit dar. Sogar in politikwissenschaftlicher Literatur wird der Bundesrat häufig als Instrument der Parteien und damit, meines Erachtens, etwas vereinfacht untersucht. Der Bundesrat ist eine sehr vielschichtigere Institution. Er ist keine klassische zweite Kammer, kann aber als solche fungieren, er hat eine außergewöhnlich starke Position in der Legislative, aber zugleich auch eine sehr schwache. Er ist eine Ländervertretung von Gebietskörperschaften und gleichzeitig Instrument der Bundesparteien. Diese scheinbaren Widersprüche möchte ich in der vorliegenden Hauptseminararbeit etwas näher beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Bundesrat in der Gesetzgebung
1.1 Einordnung des Bundesrats in das Zwei-Kammern-System
1.2 Einspruchsgesetze
1.3 Zustimmungsgesetze und Grundgesetzänderungen
1.4 Gesetzesvorlagen durch Bundesregierung oder Bundesrat
2. Der Bundesrat als uneinheitlicher Veto-Spieler im deutschen Parlamentarismus
2.1 Subinstitutionelle Akteure
2.2 Der Bundesrat als uneinheitlicher Vetospieler
2.2.1 Große Steuerreform 1996/1997 der Regierung Kohl
2.2.2 Reform der Juristenausbildung 2001
2.2.3 Steuersenkungsgesetz 2000
2.3 Schlussfolgerungen Kapitel 2
3. Einordnungsversuch in die Veto-Spieler Theorie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den deutschen Bundesrat als Veto-Spieler und hinterfragt, inwiefern die Institution lediglich als parteipolitisches Blockadeinstrument fungiert oder ob sie ihre verfassungsmäßige Rolle als Vertretung von Gebietskörperschaften wahrnimmt.
- Analyse des Bundesrates im Veto-Spieler-Ansatz nach George Tsebelis.
- Unterscheidung zwischen institutionellen und partisan Veto-Spielern.
- Untersuchung der Rolle subinstitutioneller Akteure (A- und B-Länder) im Gesetzgebungsprozess.
- Fallstudien zu kontroversen Gesetzgebungsverfahren (Steuerreformen, Richtergesetz).
- Kritische Reflexion der "Veto-Spieler Theorie" im Hinblick auf den deutschen Föderalismus.
Auszug aus dem Buch
2.2.3 Steuersenkungsgesetz (Drucksache 410/00) 2000
Die Rot/Grüne Bundesregierung brachte im Frühsommer 2000 zur Vervollständigung ihres bereits verabschiedeten Gesetzes zum Abbau von Steuervergünstigungen ein in großen Teilen zustimmungspflichtiges Gesetz zur Durchsetzung einer Steuerreform in den Gesetzgebungsprozess ein. Der Gesetzesentwurf wurde vom Bundestag verabschiedet und vom Bundesrat an den Vermittlungsausschuss überwiesen. Interessant ist bei diesem Gesetz hauptsächlich die letzte Beratung und Abstimmung im Bundesrat.
Der überarbeitete Gesetzesentwurf des Vermittlungsausschusses war ein unechtes Vermittlungsergebnis, das nur von der A-Seite her zu Stande kam. Deswegen war es vor der Bundesratssitzung anzuzweifeln, dass der Entwurf eine Mehrheit bekommen würde.
Nach den damaligen Kräfteverhältnissen hatten die A-Länder zusammen mit dem Rot/Rot regierten Mecklenburg-Vorpommern 26 Stimmen bei einer erforderlichen Mehrheit von 35 Stimmen. Die B-Länder vereinten 22 Stimmen auf sich. Für die Bundesregierung waren also hauptsächlich die durch große Koalitionen geführten C-Länder von Bedeutung. Rheinland-Pfalz wurde von einer sozial/liberalen Koalition geführt, deren Koalitionsvereinbarung bei Unstimmigkeit eine Enthaltung vorsah, Berlin und Baden-Württemberg waren große Koalitionen unter Führung der Christdemokraten und Brandenburg und Bremen waren großen Koalitionen unter Führung der SPD.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Bundesrat in der Gesetzgebung: Dieses Kapitel erläutert die verfassungsrechtliche Einordnung des Bundesrates als zweite Kammer, differenziert zwischen Einspruchs- und Zustimmungsgesetzen und beleuchtet die Mitwirkungsmöglichkeiten der Länder.
2. Der Bundesrat als uneinheitlicher Veto-Spieler im deutschen Parlamentarismus: Hier wird der Bundesrat anhand praktischer Gesetzesvorlagen als uneinheitlicher Akteur analysiert, wobei der Fokus auf dem Einfluss subinstitutioneller Akteure liegt.
3. Einordnungsversuch in die Veto-Spieler Theorie: Dieses Kapitel diskutiert die Anwendbarkeit der Veto-Spieler-Theorie von Tsebelis auf das deutsche System und plädiert für eine differenziertere Betrachtung der 16 Landesregierungen als Akteure.
Schlüsselwörter
Bundesrat, Veto-Spieler, Gesetzgebung, Föderalismus, A-Länder, B-Länder, C-Länder, Vermittlungsausschuss, Subinstitutionelle Akteure, Zustimmungsgesetz, Einspruchsgesetz, George Tsebelis, Policy stability, Reform gridlock, Landesinteressen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die Rolle des deutschen Bundesrates innerhalb des Gesetzgebungsprozesses unter Anwendung der Veto-Spieler-Theorie nach George Tsebelis.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Machtverhältnisse im deutschen Zweikammernsystem, die Unterscheidung zwischen parteipolitischen Zielen und Länderinteressen sowie die Funktionsweise des Vermittlungsausschusses.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Der Autor möchte aufzeigen, dass die Klassifizierung des Bundesrates als einheitlicher Veto-Spieler zu kurz greift und plädiert stattdessen für die Betrachtung der Länder als 16 individuelle subinstitutionelle Akteure.
Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?
Die Arbeit kombiniert theoretische Grundlagen des Veto-Spieler-Ansatzes mit empirischen Fallstudien zu ausgewählten Gesetzesvorlagen aus den Jahren 1996 bis 2001.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die legislative Einordnung des Bundesrates, die Analyse konkreter Abstimmungsverhalten anhand von Steuer- und Ausbildungsreformen sowie die kritische theoretische Diskussion.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt am besten beschreiben?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Bundesrat, Veto-Spieler, Föderalismus, subinstitutionelle Akteure, Zustimmungsgesetze und Vermittlungsausschuss.
Inwiefern beeinflussen C-Länder den Charakter des Bundesrates als Veto-Spieler?
Die sogenannten C-Länder mit gemischten Koalitionen fungieren als Mittler zwischen A- und B-Ländern, was den Bundesrat von einem starren Blockadeinstrument zu einem variablen, uneinheitlichen Akteur macht.
Warum hält der Autor die Veto-Spieler-Theorie für den deutschen Fall für teils ungenau?
Der Autor kritisiert, dass die Theorie von einheitlichen Präferenzen der Landeskoalitionen ausgeht, während die Realität zeigt, dass sachpolitische Landesinteressen oft wichtiger als reine Parteipolitik sind.
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- Christian Heinzelmann (Author), 2003, Der Deutsche Bundesrat als Vetospieler in der Gesetzgebung des Bundes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33270