Sprachkontakt - geschichtliche und sprachliche Einflussbereiche in Katalonien


Hausarbeit, 2003
18 Seiten, Note: 1-

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zweisprachigkeit
2.1 Diglossie

3. Geschichtliche und sprachliche Entwicklung des Sprachkontakts/ Sprachkonflikts

4. Die Kastilisierung in 3 Etappen
4.1. Horizontale und selektive Kastilisierung im 16.Jh
4.1. Spontane Kastilisierung in absteigender Richtung in der 2. Hälfte des 19.Jh. und der 1. Hälfte des 20.Jh
4.2. Zwangsweise Verbreitung des Kastilischen in der 2. Hälfte des 20.Jh
4.3. Der Prozess der Katalanisierung – bis heute

5. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

In der folgenden Ausarbeitung soll es um Kontaktsituationen gehen, die zwischen Sprachen existieren. Die Betrachtung der Sprachkontakte auf der iberischen Halbinsel, und hier konkret der zwischen Kastilien und Katalonien, ist deshalb so interessant, weil ihn eine bewegte Geschichte zeichnet und er zudem bis heute aktuell geblieben ist, die Identitätsfrage katalanischer Spanier eingeschlossen.

Auf der Iberischen Halbinsel bestehen zwei Staaten, Spanien und Portugal, aber es sind keinesfalls nur zwei Sprachen die hier gesprochen werden.[1] Außer dem Spanischen oder Kastilischen, (welches im Zentrum, im Süden und auf den Kanarischen Inseln gesprochen wird), und dem Portugiesischen, gibt es das Galizische (im Nordwesten Spaniens), das Baskische (im Baskenland und Nordnavarra) und das Katalanische (in den Regionen Katalonien, (Ost) Valencia, Balearen).[2] Um letzteres soll es in dieser Arbeit gehen.

„Es steht außer Zweifel, dass das Katalanische infolge seiner besonderen geographischen und historischen Lage manche Züge mit dem Norden, andere mit dem Süden gemeinsam hat. Das Katalanische ist gewissermaßen eine Brückensprache.“[3]

„Obwohl das Katalanische typologisch betrachtet dem Französischen und Okzitanischen näher steht – es wird daher als Brückensprache bezeichnet – brachte die historische Entwicklung Kataloniens dieses Idiom näher an das Kastilische heran.“[4]

Aufgrund letzterer These werde ich mich auf den Sprachkontakt des Katalanischen zum Kastilischen beschränken und die ebenfalls untersuchenswerten Einflusserscheinungen des Okzitanischen, leider auch aus Platzgründen, aussparen müssen. Da wir uns im Rahmen des Seminars bereits intensiver mit der Geschichte und dem Sprachgebiet Kataloniens auseinander setzten, liegt entsprechender Themenschwerpunkt in dieser Arbeit nahe.

Kastilisch ist in Spanien die dominante Sprache, sie ist die Amts, - und Staatssprache. Die sog. Minderheitensprachen[5] Galizisch, Baskisch und Katalanisch besitzen ebenfalls einen hohen Grad an Autonomie. „Spanien ist ein dominant einsprachiges Land mit regionaler Zweisprachigkeit. (...) Die jeweilige Minderheitensprache ist als regionale Amtssprache mit dem Spanischen gleichgestellt.“[6] Katalanisch wird heutzutage von 7 - 9 Millionen[7] Menschen gesprochen und hat von allen Minderheitensprachen den höchsten Einfluss.[8]

Kontaktsituationen zwischen verschiedenen Sprachen bestehen automatisch, da eine Sprachgemeinschaft meistens nicht in vollkommener Isolierung zu leben pflegt.[9] Das Problem der Berührung einer Sprache mit einer Fremdsprache oder mit einer Varietät derselben Sprache wird unter dem Begriff der Zweisprachigkeit behandelt..[10] Im folgenden soll zunächst der Begriff Zweisprachigkeit differenziert definiert werden. Direkt im Anschluss daran soll die geschichtliche Entwicklung des Sprachkontaktes in Katalonien vollzogen werden.

Der Sprachkontakt beginnt in Katalonien bereits im 14. Jh., d.h. der Nachvollzug der geschichtlichen Ereignisse wird ab dieser Zeitmarke in die Betrachtung mit ein fließen. Hierbei spielt zunächst die Reconquista in Kastilien eine bedeutende Rolle, sowie später in Katalonien die Decadencia, auf die dann wiederum die Renaixenca folgt; bis schließlich General Franco mit seiner Diktatur enormen Einfluss auf die Sprachentwicklung vornimmt. Abschließend soll die aktuelle Sprachkontakt,- und Konfliktsituation im heutigen Katalonien angesprochen werden. Es bleibt an dieser Stelle bewusst zu machen, dass Sprache immer auch Kultur und Identität beinhaltet.

2. Zweisprachigkeit

Zweisprachigkeit bedeutet, dass sich ein Sprecher abwechselnd zweier Sprachen bedient. Im folgenden Absatz beziehe ich mich auf die Ausführungen von Vallverdú[11], um, nur an einigen ausgewählten Beispielen, exemplarisch die Vielseitigkeit von sog. Zweisprachigkeit deutlich zu machen. Bei Vallverdú wird zunächst unterschieden zwischen der „instrumentalen“ Zweisprachigkeit, bei der der Sprecher die zweite Sprache aus instrumentalen und utilitaristischen Gründen erlernt (um z.B. einen bestimmten Arbeitsplatz zu bekommen) und der „integrativen“ Zweisprachigkeit, bei der der Sprecher potentielles Mitglied der anderen Kultur, - Gemeinschaft werden möchte und bestrebt ist, die Sprache perfekt zu beherrschen. Weiter bestehen Unterschiede in der Art der Anwendung der Zweisprachigkeit. Ein Sprecher kann beide sprachlichen Systeme zweckmäßig getrennt halten und somit „geordnet“ mit der Zweisprachigkeit verfahren, oder er kann durch eine ungeordnete Art und Weise die beiden Sprachsysteme miteinander vermischen, so dass sich Interferenzen ergeben. Interferenzprobleme sind „die Abweichungen von den Normen einer Sprache durch den Kontakt mit einer anderen“.[12] Der Grad der Interferenz hängt stark vom Gesprächspartner ab, wenn dieser ebenfalls zweisprachig ist, lockert sich die sprachliche Kontrolle. Emotionelle Situationen spielen bei der Beobachtung von Interferenzen eine große Rolle. Darüber hinaus kann auch ein Unterschied in der Beherrschung der Sprachen bestehen, was als „asymmetrische“ Zweisprachigkeit gilt, oder der Sprecher beherrscht beide Sprachen in verschiedenen Sprechsituationen in gleichmäßiger Weise, dann spricht man von einer „symmetrischen“ Zweisprachigkeit. Dieser so genannte „Ambilinguismus“ (Beidsprachigkeit)[13] ist eher seltener, weil die vollständige Beherrschung zweier, sich in Kontakt befindlichen, Sprachen sehr schwierig ist. Bei den meisten Zweisprachigen überwiegt die eine Sprache auf Kosten der anderen. Gemäß der Verbreitung der Fremdsprache in einer Gesellschaft kann man von „begrenzter“ oder „generalisierter“ Zweisprachigkeit sprechen. Die Begrenzte wiederum kann gebildet oder populär sein, je nachdem ob sie intellektuelle Minderheiten oder relativ breite Gebiete betrifft. Es gibt Frühzweisprachigkeit, also zwei Muttersprachen oder Spätzweisprachigkeit, also eine Mutter und eine erlernte Sprache. „Massen-Zweisprachigkeit“ als Phänomen ist laut Vallverdú[14] charakteristisch für die heutige Welt.[15]

„Eine ruhmlose und unvermeidliche Zweisprachigkeit in einen fruchtbaren, glänzenden und freigewählten Bilinguismus zu verwandeln, ist nicht mehr als eine Art, aus einer Not eine Tugend zu machen.“[16]

Der Bilinguismus wird laut Aracil viel und häufig verherrlicht und als ein Phänomen, das es zu bewundern gilt, verkauft. Auf ideologischem Niveau aber spiegele er eine wirkliche „Konfliktsituation“ wider[17]. Denn der Bilinguismus ist letztlich „ein Kompromiss“[18] zwischen zwei Sprachen, die durch ihr Aufeinandertreffen und Stoßen in ein und dem selben Land, eine, nicht immer spannungsfreie, „Vereinbarkeit herausfordern“[19]. „Der Bilinguismus wird verteidigt, aber nicht praktiziert.“[20] Hier bezieht sich Aracil auf die Kastilisierung in Katalonien, wo, als diese längst vollzogen war, und bei der folgenden Generation schon gar nicht mehr die Anstrengung der zweisprachigen Erziehung aufgebracht wurde, „der Mythos des Bilinguismus“[21] immer noch weiter existierte. Der Bilinguismus ist nach Aracil eine „verbale Strategie“, die in der Praxis nicht oder nur sehr schwer und in wenigen Fällen durchführbar ist. Die meisten betroffenen Menschen weigern sich eine Wahl zwischen zwei Kulturen zu treffen, sie verteidigen deshalb gerade den Bilinguismus. Der Bilinguismus ist laut Aracil in der Realität ein „ernster Sprachkonflikt“, der den Prozess der Kastilisierung der katalanischen Gesellschaft veranlasste und vorantrieb. „Es ist schockierend (...), dass der Mythos des Bilinguismus gerade zur Rechtfertigung [dieses Prozesses] gedient hat“[22]. Genau auf diesen Prozess werden sich die folgenden Ausführungen konzentrieren. Doch zunächst gilt es die Zweisprachigkeit noch unter einem weiteren wichtigen Gesichtspunkt zu betrachten.

2.1 Diglossie

Eine Diglossie- Situation erkennt man an der Ausprägung einer sprachlichen Dualität und deren konkreten, sprachpraktischen Verwirklichung. „Diglossie ist eine Form der Zweisprachigkeit, bei der die eine Sprachform die Standard- oder Hochsprache darstellt, während die andere im täglichen Gebrauch sowie in informellen Texten auftritt.“[23] Es besteht ein Unterschied zwischen Zweisprachigkeit und Diglossie. Bei der Zweisprachigkeit wird sich zweier Sprachen abwechselnd, meist in willkürlicher Weise, bedient. Diglossie liegt erst dann vor, wenn die Sprachen nach der jeweiligen Funktion, die man ihnen gesellschaftlich zuschreibt[24], gezielt in unterschiedlichen Situationen eingesetzt werden. Bis weit in das 19.Jh. hinein erreichte der Prozess der sozialen Kastilisierung kaum die mittleren Bevölkerungsschichten. Und genau deshalb lag, zumindest in Valencia, vom 16. bis zum 19. Jh. eine diglossische Situation im Adel vor, mit der kein Bilinguismus im Volk einherging.[25] Das heißt es existierte der kastilisierte Adel, als einzige gesellschaftliche Schicht, die beider Sprachen mächtig war und sich dieser je nach Erfordernissen taktisch bedienen konnte. Die restliche Bevölkerung war nicht zweisprachig, sondern ohne Kenntnisse des Kastilischen, darüber hinaus war sie größtenteils analphabetisch.[26] Der Adel stellte eine Minderheit dar, die keine direkten Beziehungen zum Volk unterhielt, weshalb auch kein Bilinguismus entstehen konnte.[27]

[...]


[1] Berschin, Helmut: Die Spanische Sprache. S.39. Hueber Verlag. Ismaring, 1995.

[2] Berschin, 1995. S.39.

[3] Schlieben-Lange, Brigitte: Okzitanisch und Katalanisch. Ein Beitrag zur Soziolinguistik zweier romanischer Sprachen. S. 20. Gunter Narr Verlag. 2. Auflage. Tübingen: 1973.

[4] http://www.hausarbeiten.de

[5] Winkelmann, Otto: Die Lage der romanischen Minderheitensprachen in Spanien. In: Kattenbusch, Dieter: Minderheiten in der Romania. S. 61. Gottfried Egert Verlag. Wilhelmsfeld, 1995.

[6] Ebenda. S. 42, 45.

[7] Dietrich, Wolf; Geckeler, Horst: Einführung in die spanische Sprachwissenschaft. S.27. Erich Schmidt Verlag. Berlin: 1990.

[8] Winkelmann, 1995. S.62.

[9] Vallverdú, Francesc: Kontaktsituationen: Bilinguismus und Diglossie. In: Kremnitz, Georg: Sprachen im Konflikt. S. 44. Gunter Narr Verlag. Tübingen,1979.

[10] Ebenda.

[11] s.o.

[12] Vallverdú, 1979. S. 52.

[13] Ebenda. S.46.

[14] Ebenda. S.54.

[15] „Zweisprachigkeit kann zu einem Problem werden:Die Welt der Zukunft wird immer vielsprachiger werden, und die Ausbreitung des Phänomens ist unvorhersehbar(...)“

[16] Aracil, Luis V.: Ein valencianisches Dilemma. In: Kremnitz, Georg: Sprachen im Konflikt. S. 82. Gunter Narr Verlag. Tübingen,1979.

[17] Ebenda. S. 81.

[18] Ebenda.

[19] Ebenda.

[20] Ebenda. S. 83.

[21] Ebenda.

[22] Ebenda.

[23] Meyers Grosses Taschenlexikon, 1999.

[24] Vallverdú, 1979. S. 56.

[25] Ebenda.

[26] Ninyoles, Rafael Ll.: Der sprachliche Konflikt. In: Kremnitz, Georg: Sprachen im Konflikt. S.96. Gunter Narr Verlag. Tübingen,1979. :

„...betrug laut einer Statistik aus dem Jahre 1867 die Zahl der Analphabeten der Stadt Valencia 58,3% der erfassten Bevölkerung – d.h. 63.102 Personen.“

[27] Beispiele für diglossische Situationen mit Bilinguismus: 1.die deutschsprachige Schweiz (Beherrschung von zwei recht unterschiedlichen Varianten des Deutschen: Hochdeutsch- Schriftdeutsch und Schweitzerdeutsch), 2.Paraguay (praktisch die gesamte Bevölkerung spricht Kastilisch (A-Sprache) und Guaraní (B-Sprache). Die Sprecher verfügen in beiden Fällen über sprachliche Rollen, auf die sie je nach Situation zurückgreifen können.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Sprachkontakt - geschichtliche und sprachliche Einflussbereiche in Katalonien
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1-
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V33283
ISBN (eBook)
9783638338028
ISBN (Buch)
9783638901956
Dateigröße
761 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachkontakt, Einflussbereiche, Katalonien
Arbeit zitieren
Ann-Katrin Kutzner (Autor), 2003, Sprachkontakt - geschichtliche und sprachliche Einflussbereiche in Katalonien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33283

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