Identifikation und Analyse der wichtigsten Quellen des Romans Moby-Dick


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Melvilles wichtigste Quellenarten

3. Der biblische Hintergrund des Ich-Erzählers Ishmael
3.1 Die Einbeziehung Melvilles persönlicher Lebensgeschichte bei der Erschaffung Ishmaels
3.2 Die Verarbeitung Alan Melvilles Tod in Moby-Dick

4. Der biblische Hintergrund der Figur Ahabs
4.1 Shakespeares Einfluss auf die Konzeption Ahabs

5. Die Geschichte des Walfangschiffs Essex
5.1 Moby Dick und Mocha Dick

6. Die naturwissenschaftlichen Quellen im Roman

7. Fazit

8. Bibliographie

1. Einleitung

Herman Melvilles Roman Moby-Dick ist in heutiger Zeit eines der bekanntesten Hauptwerke der amerikanischen Literatur. Der Roman wurde nicht nur mehrmals sowohl als Spielfilm als auch als Zeichentrickfilm und Kinderserie verfilmt, sondern man findet den legendären weißen Wal und den einbeinigen Captain Ahab auch auf unzähligen Illustrationen, Karikaturen in Zeitungen und Zeitschriften und sogar als Spielzeugfigur. Diesen späten und teilweise zweifelhaften Ruhm konnte Herman Melville (1819-1891) nicht mehr selbst erleben. Zu seinen Lebzeiten war sein Roman nämlich höchst umstritten und wurde von vielen Lesern nicht verstanden. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Werken, wie die Abenteurergeschichten Redburn und White Jacket, blieb der kommerzielle Erfolg lange Zeit aus. Doch damit hatte Melville gerechnet, wie er seinem Schriftstellerkollegen und guten Freund Nathaniel Hawthorne in einem Brief mitteilte: „What I feel most moved to write that is banned --it will not pay. Yet altogether write the other way, I cannot."[1] Trotzdem trafen ihn die negativen Reaktionen – besonders die der britischen Kritiker – sehr hart, denn als er sich gegen einen kommerziellen Erfolg entschied (den er gut hätte gebrauchen können), hoffte er auf Anerkennung aus Literaturkreisen und war von der Ablehnung zutiefst enttäuscht. Allen voran verdross ihn der am 25. Oktober 1851 erschienene Artikel im Athenaeum von Henry Fothergill Chorley, in dem es heißt: "An ill-compounded mixture of romance and matter of fact [¼], Mr. Melville has to thank himself only if his horrors and heroics are flung aside by the general reader as so much trash belonging to the worst school of Bedlam literature,--since he seems not so much unable to learn as disdainful of learning the craft of an artist."[2] Diese Kritik und eine weitere negative Bewertung am selben Tage im Spectator setzen Melvilles Selbstbewusstsein stark zu. „From these terrific blows the supersensitive Melville may never have completely recovered.”[3] Dabei gab es vor allem in Amerika auch eine sehr positive Resonanz. Besonders hervorzuheben ist die Kritik von James Watson Webb, dem Editor und Inhaber des Courier and New York Enquirer, welcher Moby-Dick als Melvilles besten Roman und einflussreiches Werk der amerikanischen Literaturlandschaft einstufte. „His purity and freshness of style and exquisite tact in imparting vividness and lifelikeness to his sketches long since gained him hosts of admirers on both sides of the water. The book has all the attractiveness of any of its predecessors; in truth it possesses more of a witching interest, since the author's fancy has taken in it a wilder play than ever before. It is ostensibly taken up with whales and whalers, but a vast variety of characters and subjects figure in it, all set off with an artistic effect that irresistibly captivates the attention. The author writes with the gusto of true genius, and it must be a torpid spirit indeed that is not enlivened with the raciness of his humor and the redolence of his imagination.”[4]

Daher kann die häufige Annahme, Melvilles Roman sei zu seinen Lebzeiten ausschließlich auf Kritik und Ablehnung gestoßen, wiederlegt werden. Trotzdem gibt es Strukturen, Elemente und Charaktere in Moby-Dick, die besonders dem damaligen Leser, der Melvilles vorherige Werke schätzte und einen klassischen Abenteuerroman erwartete, durchaus merkwürdig vorkommen konnten. Melville füllt endlos viele Seiten mit Beobachtungen und Gedanken seines Erzählers Ishmael, sowie Erklärungen und Definitionen, die der Thematik des Walfangs zwar zugeordnet werden können, teilweise aber für einen Roman sehr langatmig und belehrend wirken. So zum Beispiel sein ‚Buch im Buch’ im Kapitel Cetology über die verschiedenen Walarten, das wie ein Lexikonauszug klingt und dadurch die Struktur und den Fluss der Erzählung aufbricht und unterbricht.[5] Schon die Überschrift lässt auf eine wissenschaftliche Abhandlung und nicht auf ein Kapitel in einem Roman schließen. Doch vielleicht macht auch diese Vielfältigkeit und Tiefgründigkeit die von James Watson Webb beschriebene Genialität aus. Melville überlässt nichts dem Zufall. „Moby-Dick is rich and complex above any other novel in American literature.”[6] Diese Komplexität beruht besonders auf der Vielzahl von Quellen, derer sich Melville in Moby-Dick bedient. In dieser Arbeit sollen die wichtigsten Quellen aufgespürt und analysiert werden. Dabei soll ergründet werden, wie Melville diese Quellen einsetzt und warum er das tut. Am Ende dieser Arbeit kann dann hoffentlich geklärt werden, welche Kritiker nun Recht hatten. Ist Moby-Dick nun ill-compounded und trash oder true genius ?

2. Melvilles wichtigste Quellenarten

In ihrem Buch Melville`s Sources zählt Mary K. Bercaw über 160 Quellen, derer sich Melville bedient hat und die man in Moby-Dick textlich nachweisen und nachvollziehen kann. Das wäre mehr als eine Quelle für jedes Kapitel, und wenn diese Aussage stimmt, hat Melville wahrscheinlich in jahrelanger Vorarbeit Hunderte von Büchern und Texten gesammelt und gelesen und jeden kleinsten Fakt für sein Buch eigenhändig recherchiert oder nachgeschlagen. Ob Melville wirklich so gearbeitet hat und 160 verschiedene Quellen als Grundlage für sein Werk dienten, kann in dieser Arbeit nicht nachvollzogen werden. Vielmehr werden die wichtigsten Quellenarten benannt und zu jeder Art ein paar Beispiele gegeben, die dann wiederum textlich belegt und analysiert werden. Für die Bestimmung der Quellenarten dient Hershel Parkers Artikel Sources of Moby-Dick als Grundlage. Parker unterscheidet in seinem Text zwischen drei verschiedenen Quellenarten, nämlich Melvilles eigener Lebenserfahrung, Bücher und Texte anderer Autoren, sowie Melvilles Phantasie und Ideenreichtum. Melvilles eigene Erfahrung zeigt sich besonders in seinem Ich-Erzähler Ishmael, der viele Parallelen zu Melvilles eigenem Leben und seinen Charakterzügen aufweist, sowie seine eigenen Erfahrungen auf einem Walfangschiff.

Die zweite Quellenart, also Werke anderer Autoren, kann wiederum in mehrere Subkategorien unterteilt werden. Als wichtigstes Werk ist die Bibel zu nennen. Melville bedient sich biblischer Symbole und benennt seine Charaktere nach biblischen Figuren. „ [ Moby-Dick ] was pervasively influenced by the Bible, in particular by the Book of Job, and the book of Jonah [...]“[7].

Des weiteren finden sich viele Elemente der Werke Shakespeares in Moby-Dick wieder, allen voran King Lear als Modell des tragischen Helden für die Person Ahabs, sowie Shakespeare-typische Bühnenanweisungen, die in der Mitte des Romans mit dem Auftreten Kapitän Ahabs die Erzählstruktur unterbrechen und dramatische Elemente einbringen. Neben dieser symbolischen und literarischen Quellen bedient sich Melville zahlreiche naturwissenschaftliche Quellen über den Walfang und die Seefahrt. Er zieht Zeitungsartikel und Enzyklopädien zu Rate und beschäftigt sich ausgiebig mit naturwissenschaftlichen Büchern über die Anatomie der verschiedenen Walarten. Auch für Augenzeugenberichte und Memoiren von erfolgreichen Walfängern findet Melville Verwendung. Hierbei verschmelzen manchmal seine Quellen mit seinen eigenen Erfahrungen. So erinnern viele Elemente und Begebenheiten in Moby-Dick, die Melville hinterher als eigene Erfahrungen auf einem Walfangschiff kommentiert, an die Beschreibungen von Owen Chase über den Untergang des Walfangschiffes Essex.[8] Daher ist es sehr schwer, manche Szenen und Kapitel des Romans einer Quelle zuzuordnen, da sie sowohl auf Melvilles eigenen Leben als auch auf Erlebnissen anderer Schiffsleute basieren könnten. Wie vieler Quellen sich Melville bedient, macht er dem Leser am Anfang des Romans deutlich. In seinen Extracts findet man schon zu Beginn so etwas wie eine Quintessenz seiner Quellen. Melville stellt dem Roman Zitate verschiedenster Quellen voran, in denen Wale vorkommen. Die Extrakte reichen von Passagen aus der Bibel über Texte von Shakespeare und anderen namhaften Schriftsteller aus vielen Jahrhunderten bis hin zu hochwissenschaftlichen Abhandlungen über den Walfisch. Diese Zitate zeigen nicht nur, welch große Bedeutung dem Wal über die Jahrhunderte hinweg beigemessen wurde, sondern lassen auch auf die Sachkundigkeit und Belesenheit des Autors schließen. Doch auch diesen Eindruck lässt Melville nicht unkommentiert stehen, sondern er erfindet einen sub-sub-librarian , einen obskuren Hilfsarbeiter in einer Bibliothek, der all diese Zitate über Wale zur Verfügung stellt. Melville betrachtet diese ihm oft zugeschriebene Belesenheit also durchaus ironisch und relativiert damit gleichzeitig auch wieder die Rolle des Wals im Laufe der Geschichte. Trotzdem spiegeln die Extracts den Inhalt des Romans wieder, denn viele dieser Quellen werden im Verlauf der Handlung wieder aufgegriffen.

Wenn man diese zahlreichen Quellen, die Melville benutzt, identifiziert, was bleibt dann eigentlich noch vom Roman übrig? Wo ist Melvilles eigene Handschrift zu erkennen?

3. Der biblische Hintergrund des Ich-Erzählers Ishmael

„Call me Ishmael“ – der erste und wahrscheinlich berühmteste Satz in Melvilles Roman Moby-Dick. Doch wer verbirgt sich hinter Ishmael? Zunächst einmal der von Melville erschaffene Ich-Erzähler des Romans, der den Leser durch die Handlung führt und die Geschehnisse kommentiert. Der Leser erlebt die Suche nach dem weißen Wal durch Erlebnisse und Gedanken Ishmaels. Alle Figuren des Romans werden durch seine Augen charakterisiert. „Ishmael is not simply a narrative device for recording what happens in Moby-Dick: he is a character, a distinctive human presence no less important than Ahab.”[9] Ishmael ist genauso wichtig für den Roman wie Ahab, denn er bietet einen charakterlichen Gegenpol zu Ahab “and the depth of his humanity are values in themselves: they imply a conception of man which is a completely satisfying alternative to the gloomy egoistical grandeur of Ahab.”[10] Die eine Figur lebt vom Gegensatz der anderen und wird durch sie noch stärker definiert. Melville drückt durch Ahab und Ishmael zwei Menschenbilder und Literaturkonzeptionen aus, die sich im Roman besonders durch ihre Unterschiede zueinander klar abzeichnen: den tragischen Helden und den einsamen, heimatlosen Intellektuellen. Beide sind in Moby-Dick eher auf der Suche als auf Reisen. Beim fanatischen Ahab ist das Ziel ganz klar definiert: er sucht den weißen Wal und will ihn töten. Das Ziel des Ich-Erzählers Ishmael ist unklar. Er begibt sich aus einem inneren Gefühl heraus auf See. „Whenever I find myself growing grim about the mouth; whenever it is a damp, drizzly November in my soul, whenever I find myself involuntary pausing before coffin warehouses, and bringing up the rear of every funeral I meet; and especially whenever my hypos get such an upper hand of me, [¼], I account it high time to get to sea as soon as I can”[11] Ohne familiäre Kontakte oder Beziehungen an Land treibt es Ishmael rastlos umher, bis es ihn wieder auf das Meer zieht. Brian Way charakterisiert Ishmael “both physically and intellectually a wanderer and a homeless man.”[12] Ishmael ist ein großer Denker und Träumer, aber trotzdem zieht es ihn zum Walfang, „the bloody hunt of whales.”[13] Dieses Image wird durch Melvilles Wahl des Namens Ishmael für seinen Erzähler noch verstärkt. Der Name ist programmatisch und bringt einen bestimmten Assoziationsbereich mit sich: die Bibel. Ishmael ist in der Bibel der Prototyp des Heimatlosen und des von der Gemeinschaft mit Gott Ausgestoßenen. Als Sohn Abrahams und der Sklavin Haga wird Ishmael in die Wüste verstoßen, als Abrahams Frau Sara ihm auch einen Sohn Isaak schenkt. Ishmael sehnt sich fortan nach seinem Vater und kehrt zur Beerdigung Abrahams zurück nach Kanaan[14] Auch wenn man in Moby-Dick eigentlich nichts über Ishmaels Familienverhältnisse oder seinen Vater erfährt, sehnt er sich gegen Ende des Buches nach dem Vater. „Where lies the final harbor, whence we unmoor no more? In what rapt ether sails the world, of which the weariest will never weary? Where is the foundling`s father hidden? Our souls are like those orphans whose unwedded mothers die in bearing them: the secret of our paternity lies in their grave, and we must there to learn it.”[15] Ishmael verbindet mit der Vaterfigur Sicherheit und Geborgenheit, den sicheren Hafen in den das Schiff am Ende der Reise einläuft. „The orphan`s discovery of a lost parent would constitute an entry into a tireless and timeless world of golden peace: the final escape, the final freedom from doubt, the final and safe pillow for the head of the troubled child.”[16] Der Ozean symbolisiert das Leben, mit all seinen Gefahren und Unwegsamkeiten, denen sich Ishmael stellen muss, und obwohl er sich freiwillig auf See begibt, sehnt er sich nach dem sicheren Hafen und damit auch nach der Geborgenheit des Vaters. Diese Einsamkeit verbindet Ishmael mit seinem Namensgeber aus der Bibel. Das zeigt, dass Melville seine Namen nicht wahllos aussucht, sondern durch den Namen ganz bewusst für seinen gebildeten Leser einen Interpretationsansatz mitliefert.

[...]


[1] Jay Leyda, The Melville Log, 1951, New York: Harcourt , Brace, S.142.

[2] Hugh W. Hetherington , Melville's Reviewers: British and American, 1846-1891, 1961 , Chapel Hill: University of North Carolina Press, S. 192.

[3] Hugh W. Hetherington, S. 193

[4] Hugh W. Hetherington, S. 204

[5] vgl. Herman Melville in Charles Child Walcutt, Moby-Dick, 2003, New York: Bantam Dell, S.146-159.

[6] Howard P. Vincent , The Trying-Out of Moby-Dick, 1949, Boston: The Riverside Press, S.8

[7] Hershel Parker, Sources of Mob-Dick. In: Brian Higgings, Parker Hershel, Critical Essays on Herman Melville`s Moby-Dick, 1992, New York, S.389

[8] Vgl. Tim Severin, In Search of Moby Dick, 2000, Great Britain: Basic Books, S. 6-8

[9] Brian Way, Herman Melville: Moby Dick, 1977, Southampton: The Camelot Press Ltd., S. 53

[10] Ibid., S. 53

[11] Herman Melville in Charles Walcutt (ed.), S. 17

[12] Brian Way. S. 53

[13] Herman Melville in Charles Walcutt (ed.), S. 202

[14] Vgl. http://ismael.adlexikon.de/Ismael.shtml

[15] Herman Melville in Charles Walcutt (ed.), S. 507

[16] Charles J. Haberstroh, Melville and Male Identity, 1980, Cranbury: Associated University Presses Inc., S.13

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Identifikation und Analyse der wichtigsten Quellen des Romans Moby-Dick
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Herman Melville: Moby-Dick
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V33285
ISBN (eBook)
9783638338042
Dateigröße
760 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identifikation, Analyse, Quellen, Romans, Moby-Dick, Herman, Melville
Arbeit zitieren
Jenny Richter (Autor), 2004, Identifikation und Analyse der wichtigsten Quellen des Romans Moby-Dick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33285

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