Struktur und Wandel der Familie in Deutschland


Hausarbeit, 2003
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Demographische Veränderungen
2.1. Geburtenrückgang
2.2. Abnahme der Eheschließungen und verändertes Eheverhalten
2.3 Zunahme von Scheidungen
2.4 Veränderungen in der Familiengröße

3. Binnenfamiliale Veränderungen

4. Veränderungen im Familienzyklus

5. Differenzierung privater Lebensformen
5.1. Alleinlebende
5.2. Alleinerziehende
5.3. Nichteheliche Lebensgemeinschaften
5.4. Kinderlose Ehen

6. Abbildungen und Graphiken

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine genauere Analyse der Struktur und eines möglichen Wandels der Familie beruht zunächst auf einer klaren Definition des Begriffes. Lange Zeit wurde diese gekennzeichnet durch den Typus der modernen Klein- oder Kernfamilie nach Parsons (Parsons, S.128). Im Vordergrund der typischen Familienform in modernen Industriegesellschaften steht dabei das Zusammenleben von Vater, Mutter und einem oder mehreren leiblichen Kindern. Ein weiteres Merkmal der so genannten „Normalfamilie“ ist die klare Aufgaben- und Rollenverteilung zwischen den Ehepartnern. Dem Vater werden vor allem die externen Aufgaben wie zum Beispiel ökonomische Sicherheit zugeschrieben. Erwünscht ist ein instrumentelles Verhalten des männlichen Familienmitgliedes, das dadurch die Bezeichnung als „Haupt“ oder „Ernährer“ der Familie erhält (Geißler, S.403). Die Mutter übernimmt im Gegensatz dazu eine innerhäusliche Stellung ein. Mit ihrem expressiven Verhalten ist sie an erster Stelle dem Haushalt, der Familie und damit der Erziehung der Kinder zugewiesen.

Nach 1950 verbreitete sich dieses bürgerliche Ehe- und Familienideal durch alle Schichten der Bevölkerung und wird zu einer „kulturellen Selbstverständlichkeit“ (Geißler, S.403). Dies führte im Weiteren zu einer Abwertung von Ledigen und zur Aufwertung von Verheirateten, weil die Mehrheit der Bevölkerung diese Lebensform „als die einzig gesellschaftlich richtige und rechtlich legitimierte“ ansah (Geißler, S.403). Es ergaben sich aus dieser Entwicklung aber auch eine zunehmende Emotionalisierung und Intimisierung der Familienmitglieder untereinander. Die Anerkennung der romantischen Liebe als einziger Heiratsgrund zeigt dies sehr deutlich.

Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts war das Modell der Klein- bzw. Kernfamilie unumstritten. Der stetige Wandel verdeutlicht jedoch, dass dieser enge Familienbegriff der aktuellen Situation nicht mehr gerecht wird. „Da gibt es schockierende Entwicklungen: Wilde Ehen, Ehen ohne Trauschein, Zunahme der Einpersonenhaushalte im Quadrat, Alleinerziehende, allein herumirrende Elternteile…“, erklärte Beck in seinem Eröffnungsvortrag auf dem 25. deutschen Soziologentag (Nave-Herz 1997, S.13). Spätestens hier wird klar, dass eine breitere Definition des Begriffs ‚Familie’ zum Tragen kommen muss. Nave- Herz zeigt auf, dass die Institution Familie vor allem durch folgende drei Merkmale und Funktionen gekennzeichnet wird:

a) Eine biologisch- soziale Doppelnatur, die durch die Reproduktions- und Sozialisationsfunktion zum Ausdruck kommt.
b) Ein besonderes Kooperations- und Solidaritätsverhältnis mit spezifischen Rollenstrukturen, -definitionen und –bezeichnungen.
c) Die Generationsdifferenzierung wie zum Beispiel Vater- Kind- Verhältnis, Mutter- Kind- Verhältnis und Eltern- Kind- Verhältnis. (Nave-Herz 1997, S.15)

Fragt man nun nach der aktuellen Situation der Familien in Deutschland kommen zunächst demographische und binnenfamiliale Veränderungen, sowie Veränderungen im Familienzyklus zum Tragen, die in den folgenden Abschnitten näher erläutern werden. In den Erklärungen zur Struktur der Familie setzt sich die Theorie der Differenzierung privater Lebensformen immer mehr durch. Dies soll anhand von Beispielen näher erklärt und beleuchtet werden.

2. Demographische Veränderungen

2.1. Geburtenrückgang

Der Rückgang der Geburten in Deutschland kann in der heutigen Zeit nicht mehr übersehen werden. Fakt ist, dass die Zahl der Lebendgeborenen vor allem in den letzten 50 Jahren drastisch gesunken ist. Aber schon seit 130 Jahren ist die Anzahl der Kinder pro Frau rückläufig. Von 1875 bis zum ersten Weltkrieg hat sich die Zahl von knapp fünf Kindern pro Frau auf zwei Kinder reduziert.[1] Und auch nach dem „Nachkriegsboom“ des zweiten Weltkrieges verringerte sich die Anzahl von 2,5 auf 1,4 Kinder pro Frau in zehn Jahren. 1964 hatte die Zahl der Lebendgeborenen mit 1,36 Millionen einen hohen Stand erreicht. Ab 1965 ist jedoch eine kontinuierliche Geburtenflaute zu beobachten, seit 1972 sterben sogar mehr Menschen als Kinder geboren werden.[2]

Die Entwicklung der Geburten in der DDR verläuft zwischen 1958 und 1974 parallel zur BRD. Ab 1975 zeigt sich dann ein Anstieg der Zahlen, der auf bevölkerungspolitisch motivierte Maßnahmen zurück zuführen ist. Mit der deutschen Einheit sanken die Geburten drastisch, erst allmählich nähern sie sich dem westdeutschen Niveau an.[3] Weiterhin ist die Anzahl an nichtehelichen Geburten überproportional gestiegen: in dem Zeitraum zwischen 1970 und 1998 von 22% auf 47% aller Geburten. Im Gegensatz dazu stehen die Zahlen aus der BRD und den alten Bundesländern, bei denen im selben Abschnitt ein Anstieg von 9% auf 16% aufzuweisen ist.

Aber auch in anderen Bereichen zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den neuen und den alten Bundesländern. Westdeutschland ist zum Beispiel dadurch gekennzeichnet, dass sich in den letzten Jahren die so genannte „späte Mutterschaft“ durchgesetzt hat (Geißler, S.404). Das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes lag 1970 bei 24,3 Jahren und 1999 bei 28,8 Jahren. Obwohl eine Angleichung nach der Wende 1989/90 stattgefunden hat, liegt das durchschnittliche Alter in den neuen Bundesländern und Ostberlin sieben Jahre darunter. Dieses Phänomen wird grundsätzlich auf die verlängerten Bildungs- und Ausbildungszeiten und auf das gestiegene Bildungsniveau von Frauen zurückgeführt.

Die Ursachen für den starken Geburtenrückgang sind jedoch zunächst in der Abnahme der Mehrkindfamilie zu suchen. 1940 hatten 27% aller Mütter drei und mehr Kinder, hingegen es 1955 nur noch 18% sind. Hier wird deutlich, dass sich das Idealbild der Familie geändert hat. Entgegen der weitläufigen Meinung, dass heute die Einkindfamilie die bedeutendste Lebensform darstellt, sind die Zahlen rückläufig. 70% der westdeutschen Mütter bekommen nach der Geburt des ersten Kindes ein weiteres. „Das typische Muster lautet also, entweder ganz auf Kinder verzichten oder mindestens zwei Kinder zu bekommen.“ (Geißler, S.404)

Seit 1980 ergibt sich die Abnahme der Geburtenquote zudem aus der wachsenden Kinderlosigkeit. Der Anstieg der kinderlosen Ehen in Deutschland wird zunehmend bedeutender. So werden von allen Frauen einer Geburtskohorte ungefähr 20-25% in den alten und ca. 11% in den neuen Bundesländern ohne Kinder leben. Kaufmann sieht eine weitere Ursache in der „verantworteten Elternschaft“ (Kaufmann, S.42). Ob und wann man heutzutage ein Kind bekommt, ist zumeist die eigene Entscheidung. Dabei wollen Eltern der gestiegenen Verantwortung gerecht werden. Ökonomische, psychische und zeitliche Belastungen werden abgeschätzt, und nur bei hundertprozentiger Gewährleistung fällt die Entscheidung für ein Kind positiv aus.

2.2. Abnahme der Eheschließungen und verändertes Eheverhalten

In den Jahren 1946 bis 1950 sind die Zahlen der Eheschließungen in beiden Teilen Deutschlands gestiegen, doch seitdem nehmen diese kontinuierlich ab. Bis in die 70er Jahre war eine Hochzeit in der BRD meist eine ökonomische, rechtliche und wohnungsbezogene Entscheidung. Diese Aspekte haben jedoch in der heutigen Zeit an Bedeutung verloren. Die Ehe stellt demnach auch keine Versorgungsinstitution für Frauen mehr dar.

Obwohl man in der DDR ehefreudiger war als im Westen, ist auch hier ein Anstieg der Nichtverheirateten zu verzeichnen. Die Wende 1989/90 ist durch einen drastischen Einbruch der Heiratswilligen gekennzeichnet, der 1992 seinen Tiefstand erreichte. 1991 gaben sich hier nur noch halb so viele Paare das Jawort wie in dem Jahr zuvor. Im Laufe der 90er Jahre erholten sich die Zahlen allmählich wieder und glichen sich zusehends dem westlichen Niveau an.[4]

Das veränderte Eheverhalten zeigt sich zudem in dem Anstieg des Heiratsalters. Seit Mitte der 70er Jahre ist das Hochzeitsalter der Ledigen in den alten Bundesländern bei Männern und Frauen um sechs Jahre gestiegen. Das durchschnittliche Alter liegt damit bei den weiblichen Ledigen bei 28 Jahren und bei den männlichen Ledigen bei 31 Lebensjahren.[5] Diese Werte liegen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr hoch. Der Anstieg des Erstheiratsalters wird im Allgemeinen auf das „Nesthockerphänomen“ zurückgeführt (Nave-Herz 1997, S.81). Dieses zeigt auf, dass die Jugendlichen immer länger in der Herkunftsfamilie verweilen. So wohnen nach dem 25. Lebensjahr noch 24% der Männer und 10% der Frauen bei ihren Eltern.

Dennoch bleibt die Frage, warum ca. 30% von den heute lebenden jüngeren Männern und Frauen Zeit ihres Lebens ledig bleiben werden. Dabei ist hervorzuheben, dass sich die Gründe einer Eheschließung verschoben haben. Nave-Herz geht von einer „kindorientierten Ehegründung“ aus, die drei Ursachen haben kann: Schwangerschaft, Kinderwunsch oder Vorhandensein eines Kindes (Nave-Herz 2002, S.50). Nach dieser These und der steigenden Kinderlosigkeit ist zunächst eine Ursache für die steigende Anzahl der Ledigen gefunden. Eine weitere wird wohl darin bestehen, dass die Eheschließung heutzutage eine freie Wahl des Einzelnen darstellt. Damit muss sich die Ehe aber auch gegenüber anderen Lebensformen behaupten, sie muss sich unter anderen Alternativen als die beste Möglichkeit herausstellen. An dieser Stelle kommt die Rolle der Differenzierung privater Lebensformen zum Tragen, auf die in einem der folgenden Abschnitte näher eingegangen werden soll.

2.3 Zunahme von Scheidungen

Ein entscheidender Wandel in der Demographie zeigt sich in der stetigen Zunahme von Ehescheidungen seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Bis zu diesem Zeitpunkt wird oft von einer „total verheirateten Gesellschaft“ gesprochen. Heute ist die Wahrscheinlichkeit einer Eheauflösung fünfmal höher als noch vor 20 Jahren. Somit werden gegenwärtig etwa ⅓ aller Ehen im Laufe der Zeit wieder geschieden. Eine Häufung der Ehebeendigung findet im 5. und 6. Ehejahr statt. Aber auch die späten Scheidungen sind in den letzten 20 Jahren vermehrt zu finden. Zwischen dem 20. und 30. Ehejahr, d.h. nach der eigentlichen Kind- bzw. Elternphase, werden heutzutage doppelt so viele Ehen geschieden wie 1970. Der Wert stieg von 9% auf 16% an (Fokken, S.40).

Für die neuen Länder ist diese Auflösungstendenz von Ehen jedoch kein neues Phänomen. Die Scheidungsanfälligkeit der Ehen in der DDR lag bis 1989 um ca. 50% höher als die in der BRD. Dies lässt sich mit der besonderen rechtlichen Lage in Bezug auf Unterhaltsverpflichtungen und Versorgungsausgleich, sowie der Vollerwerbstätigkeit von Frauen begründen. Nach der deutschen Einheit in den Jahren 1989/90 erfolgte ein rasanter Rückgang der Scheidungsziffern, die aber ab 1992 stetig ansteigen und sich somit dem westdeutschen Stand annähern[6].

[...]


[1] siehe Abbildung 1

[2] siehe Abbildung 2

[3] siehe Abbildung 3

[4] siehe Abbildung 4

[5] siehe Abbildung 5

[6] siehe Abbildung 6 und 7

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Struktur und Wandel der Familie in Deutschland
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Soziologie)
Veranstaltung
Die Sozialstruktur Deutschlands
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V33314
ISBN (eBook)
9783638338172
ISBN (Buch)
9783638652025
Dateigröße
3300 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Struktur, Wandel, Familie, Deutschland, Sozialstruktur, Deutschlands
Arbeit zitieren
Andrea Anschütz (Autor), 2003, Struktur und Wandel der Familie in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33314

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