Transtextualität in Blas de Oteros Gedicht Impreso Prisionero


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

23 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Intertextualität: Historischer Überblick der Begriffsentstehung und Definition
II.1 Definition nach Gérard Genette

III. Impreso prisionero
III.1 Intertextualität: Die autobiographische Ebene
III.2 Transtextualität im Intertext
III.3 Weitere intertextuelle Bezüge
III.4 Der Bezug zum Titel: Paratextualität

IV. Schluss

V. Literaturverzeichnis

VI. Anhang
VI.1 Blas de Oteros Impreso prisionero
VI.2 Góngoras « Suspiros tristes, lágrimas cansadas »
VI.3 Fray Luis de Leóns Profecía del Tajo
VI.4 César Vallejos Salutación Angélica

I. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Transtextualität in Blas de Oteros Gedicht Impreso prisionero. Bevor ich jedoch auf die einzelnen Phänomene der Transtextualität in dem Gedicht eingehe, werde ich einen kurzen historischen Überblick über die Begriffsentstehung und ihre Definition geben. Dabei ist es zunächst notwendig, auf den von Julia Kristeva geprägten Begriff Intertextualität zurückzugreifen und ihn zu erläutern. Obwohl es mittlerweile weitaus modernere Ansätze gibt, habe ich mich dazu entschlossen, die Terminologie zu verwenden, die Gérard Genette in seiner 1982 veröffentlichten Abhandlung Palimpseste[1] angeboten hat. Deshalb werde ich ebenfalls Genettes Vorschlag kurz vorstellen.

Die eigentliche Analyse des Gedichtes beginnt mit einer zeitlichen Einbettung von
Impreso prisionero. Im weiteren Verlauf werde ich das Kapitel dann in vier Abschnitte unterteilen. Da zunächst am auffälligsten ist, dass Blas de Otero in dem vorliegenden Gedicht seine eigenen Buchtitel verwendet, werde ich hiermit beginnen. Im Anschluss hieran habe ich ein weiteres Kapitel den Titeln gewidmet. Da auch sie bereits teilweise von anderen Autoren entlehnt sind, möchte ich diesen transtextuellen Bezug kurz darstellen. Der dritte Abschnitt wird sich mit weiteren transtextuellen Bezügen, die im Gedicht vorzufinden sind, beschäftigen. Abschließend werde ich dann versuchen, eine Beziehung zwischen der vorgefundenen Transtextualität und dem Titel des Gedichtes herzustellen.

Im Anhang dieser Hausarbeit befinden sich sowohl das Gedicht Impreso prisionero als auch drei weitere Gedichte, aus denen explizit Textstellen entnommen worden sind. Dabei handelt es sich um ein Sonett Góngoras, um das Gedicht Profecía del Tajo von Fray Luis de León und um das Gedicht Salutación Angélica von César Vallejo.

II. Intertextualität: Historischer Überblick der Begriffsentstehung und Definition

„Das Phänomen der Intertextualität ist so alt wie die Literatur. [...]. Die Begriffe Dialogizität und Intertextualität, die dieses Phänomen bezeichnen, sind allerdings relativ jung.“[2]

Die Schöpferin des Begriffes „Intertextualität“ ist Julia Kristeva. In ihrem 1967 veröffentlichten Aufsatz Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman[3] weitet sie die Dialogizitätstheorie[4] des russischen Literaturwissenschaftlers Michail M. Bachtin aus und führt den Ausdruck „intertexte“ ein[5]. Sie bezeichnet damit zunächst den Bezug von Texten auf andere Texte. Später bekommt der Begriff eine noch spezifischere Bedeutung. Und zwar liegt nach Kristeva Intertextualität dann vor, wenn ein Autor bei der Abfassung eines Textes sich nicht nur der Verwendung anderer Texte bewusst ist, sondern auch vom Leser erwartet, dass er diese Beziehung zwischen seinem Text und anderen Texten als vom Autor angestrebt und als wichtig für das Verständnis seines Textes erkennt.

II.1 Definition nach Gérard Genette

„Die Theorie der Intertextualität ist die Theorie der Beziehungen zwischen Texten. Dies ist unumstritten; umstritten jedoch ist, welche Arten von Beziehungen darunter

subsumiert werden sollen.“[6]

Da der Begriff Intertextualität zum Homonym für zwei verschiedene Sachen wurde, d.h. „ganz bestimmte, Zitat- oder zitatähnliche Beziehungen in einem, Text-Beziehungen in [sic] weitesten Sinn im anderen Fall“[7], sah sich Genette veranlasst, neue Bezeichnungen für die einzelnen Phänomene zu schaffen, die bisher alle intertextuell genannt wurden.

Als Oberbegriff wählt Genette den Ausdruck „Transtextualität“. Hierunter versteht er alles was einen Text „in eine manifeste oder geheime Beziehung zu anderen Texten bringt.“[8] Im weiteren Verlauf stellt er fünf verschiedene Typen transtextueller Beziehungen vor.

Intertextualität: Die einfachste und wörtlichste Form der Intertextualität ist das Zitat. Das Zitat wird durch die Verwendung von Anführungszeichen gekennzeichnet und unter Umständen mit Quellenangaben versehen. Eine weitere Form der Intertextualität ist das Plagiat. Bei Plagiaten handelt es sich um eine wörtliche Entnahme, die jedoch nicht kenntlich gemacht wird. Die letzte Form der Intertextualität ist die Anspielung. Hiermit ist eine Aussage gemeint, „deren volles Verständnis das Erkennen einer Beziehung zwischen ihr und einer anderen voraussetzt.“[9]

Paratextualität: Paratexte sind „Begleit-, Bei- und Nebentexte und textexterne Informationen“[10] die einen Rahmen um das eigentliche literarische Werk bilden. Gemeint sind damit, z.B. Titel, Untertitel, Zwischentitel, Vor- und/oder Nachworte, Einleitungen, Anmerkungen, Widmungen, Klappentexte etc. Desweiteren stellen Skizzen, Entwürfe etc. Paratexte dar. Sie sind zwar in dem eigentlichen Werk nicht mehr vorzufinden, stehen aber in unmittelbarer Nähe zu dem Text.

Metatextualität: Ein Metatext ist ein Text, der sich mit einem anderen Text auseinandersetzt „ohne ihn unbedingt zu zitieren (anzuführen) oder auch nur zu erwähnen.“[11] Zu finden sind Metatexte, z.B. in der Literaturkritik.

Hypertextualität: Als Hypertextualität bezeichnet Genette jede Beziehung zwischen einem Text B, dem Hypertext, und einem Text A, dem Hypotext. Der Hypertext wurde von dem Hypotext abgeleitet und könnte ohne ihn, auch wenn er ihn nicht explizit benennt, nicht existieren. Der Unterschied zwischen Metatextualität und Hypertextualität besteht darin, dass der Metatext als Kommentar angesehen wird, der Hypertext jedoch als „eigentlich literarisches“ Werk. Als Beispiel nennt Genette James Joyce Werk Ulysses (Hypertext), das ohne Homers Odyssee (Hypotext) nicht hätte entstehen können.

Architextualität: Laut Genette gehört jeder einzelne Text einer bestimmten Kategorie an. Damit meint er, z.B. literarische Gattungen, Diskurstypen, Äußerungsmodi. Laut Genette lenkt und bestimmt „das Wissen um die Gattungszugehörigkeit eines Textes [...] in hohem Maß den »Erwartungshorizont« des Lesers und damit die Rezeption des Werkes.“[12]

III. Impreso Prisionero

„Una de las características que, de modo particular, caracterizan la poesía de Blas de Otero es la intertextualidad, es decir la inserción en sus textos de palabras procedentes de otros textos.”[13]

In Blas de Oteros Gedichten wird häufig auf andere Gedichte bzw. andere Autoren verwiesen. Besonders auffällig ist dies in dem vorliegenden Gedicht Impreso prisionero. Erschienen ist dieses Gedicht 1964 im Rahmen Blas de Oteros Gedichtsammlung Que trata de España. Entstanden ist es aber wahrscheinlich bereits im Jahre 1960, da Blas de Otero in
Impreso prisionero einen zeitlichen Rahmen schafft: In der ersten Strophe erwähnt er die «noches de agosto de mil novecientos/ cuarenta y uno» (Verse 10-11) in denen sein Werk Cántico espiritual entstanden ist. In der letzten Strophe spricht er von «diecinueve cegadores años» (Vers 50), also die Zeitspanne bis zu dem Zeitpunkt in dem er vermutlich
Impreso prisionero verfasst hat.[14]

III.1 Intertextualität: Die autobiographische Ebene

Auf Impreso prisionero bin ich in erster Linie aufmerksam geworden, da Blas de Otero in diesem Gedicht die Titel seiner eigenen Gedichtbände verwendet.

„«Impreso prisionero», en donde Blas de Otero hace una síntesis de su poesía, de todos sus libros y etapas a partir del breve y temprano Cántico espiritual, [...]”[15]

Bei den erwähnten Gedichtbänden handelt es sich um: Cántico espiritual,
Ángel fieramente humano, Redoble de conciencia, Pido la paz y la palabra,
Con la inmensa mayoría [16] und En castellano. Auffällig erscheint zunächst, dass die Titel in chronologischer Reihenfolge angeordnet sind. In der ersten Strophe (Verse 1-11) wird Cántico espiritual (Verse 3-4), Blas de Oteros erster Gedichtband, erwähnt. Veröffentlich wurde diese Sammlung 1942, entstanden ist sie aber anscheinend bereits 1941, da, wie bereits erwähnt, Blas de Otero von «noches de agosto de mil novecientos/ cuarenta y uno»
(Verse 10-11) spricht. Auch inhaltlich beschäftigt sich diese Strophe mit seiner ersten poetischen Schaffensphase. Zu dieser Zeit war Blas de Otero religiös inspiriert. Aus diesem Grund wird Cántico espiritual auch zur „poesía religiosa“ gezählt. Blas de Otero beschreibt diese Zeit als «tiempo agraz y hondo/ y duradero como el Duero» (Verse 4-5). Zurückzuführen ist dies auf seine tiefgehende religiöse Erziehung, die ein wichtiger Bestandteil seiner Jugend war («soterrado/ en mis años azueles de Palencia», Verse 6-7).

„Esta poesía religiosa [...] revela [...] la verdadera época de educación y formación poética, al mismo tiempo que descubre la primera de las respuestas poéticas a la búsqueda humana: la religiosa. De esta manera, es posible ofrecer una definición a esta primera poesía: la búsqueda de salvación humana en la poesía religiosa.”[17]

[...]


[1] Genette, Gérard. Palimpseste. La littérature au second degré, Paris: Éditions du Seuil, 1982; dt.: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1993.

[2] Klinker, Sabine. “Intertextualität”, in: Hispanorama, Nr. 67, Juni 1994, S. 23.

[3] Kristeva, Julia. “Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman”, in: Critique, Nr.239, 1967, S. 438-465; dt. in: Ihwe, Jens (Hrsg.). Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven, Band III, Frankfurt am Main: 1972, S. 345-375.

[4] Dialogizitätstheorie: Nach Bachtin ist Sprache ein kommunikativer, dynamischer Prozess. D.h. jede sprachliche Äußerung ist als inhärent dialogisch zu verstehen, da sich Wörter immer nur auf andere Wörter beziehen können. Als Folge dieser Feststellung entstand für Bachtin die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Literatur und Gesellschaft. Das Resultat ist die Begriffsentstehung der Monologizität und der Dialogizität. Laut Bachtin wird eine autoritäre und hierarchisch strukturierte Gesellschaft versuchen die Monologizität durchzusetzen, da hier Tradition und Autorität im Vordergrund stehen. Sprache und Rede werden versucht zu vereinheitlichen. Die Dialogizität ist die offene Auseinandersetzung gegensätzlicher Standpunkte, d.h. Politik und Gesellschaft werden herausgefordert und abgewertet.

[5] Vgl.: Stocker, Peter. Theorie der intertextuellen Lektüre. Modelle und Fallstudien, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 1998, S. 17-18.

[6] Pfister, Manfred. “Konzepte der Intertextualität”, in: Broich, Ulrich, Pfister, Manfred. (Hrsg.). Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien, Tübingen: Niemeyer, 1985, S. 11.

[7] Stocker, Peter. 1998, S. 23.

[8] Genette, Gérard. 1993, S. 9.

[9] Genette, Gérard. 1993. S.10.

[10] Wilpert, Gero von. Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 2001, S. 591.

[11] Genette, Gérard. 1993. S. 13.

[12] Genette, Gérard. 1993. S. 14.

[13] http://html.rincondelvago.com/blas-de-otero_1.html

[14] Eine weitere Möglichkeit ist, dass Blas de Otero hier das Erscheinungsjahr seines 1960 in Spanien erschienenen Gedichtband En castellano meint. Ich möchte dies jedoch zum einen ausschließen, da der Gedichtband bereits 1959 in französischer Sprache in Paris publiziert wurde (somit wären es nur 18 Jahre), zum anderen gehe ich davon aus, dass er von Entstehungsdaten spricht, da dies bei Cántico espiritual auch der Fall ist.

[15] Miro, Emilio. “España, tierra y palabra, en la poesía de Blas de Otero”, in: Cuadernos Hispanoamericanos,

Nr. 356, 1980, S. 290.

[16] In dem Gedicht Impreso prisionero heißt es «para la inmensa mayoría». Erschienen sind bis zu dem Zeitpunkt, in dem Impreso prisionero entstanden ist, die Gedichte A la inmensa mayoría und En la inmensa mayoría (beide 1955 in: Pido la paz y la palabra) und seine Sammlung Con la inmensa mayoría (1960). Später folgt dann noch der Gedichtsband Hacia la inmensa mayoría (1962). Es ist ungewiss, ob erst Impreso prisionero oder Hacia la inmensa mayoría entstanden ist, da es sich bei den Jahresangaben immer nur um die Erscheinungsjahre handelt. Impreso prisionero ist, wenn wir uns einmal zurückerinnern, erst 1964 im Rahmen Blas de Oteros Gedichtsammlung Que trata de España erschienen, obwohl es vermutlich bereits 1960 verfasst wurde.

[17] Ascunce Arrieta, José Angel. Cómo leer a Blas de Otero, Madrid: Ediciones Júcar, 1990, S. 48.

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Details

Titel
Transtextualität in Blas de Oteros Gedicht Impreso Prisionero
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Tendenzen der spanischen Lyrik im 20. Jahrhundert
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V33330
ISBN (eBook)
9783638338301
Dateigröße
728 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transtextualität, Blas, Oteros, Gedicht, Impreso, Prisionero, Hauptseminar, Tendenzen, Lyrik, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Melanie Janet Göbel (Autor), 2004, Transtextualität in Blas de Oteros Gedicht Impreso Prisionero, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33330

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