"Bitte mailen Sie mir doch ein Courriel" - Ein Vergleich der Sprachpolitik in Frankreich und Deutschland am Beispiel von Anglizismen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Einfluss der englischen Sprache auf Deutschland und Frankreich
2.1 Der Status des Englischen
2.2 Der Einfluss auf Deutschland und Frankreich

3 Sprachpolitik in Frankreich
3.1 Geschichte der Sprachpolitik
3.1.1 Die Anfänge
3.1.2 Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert
3.1.3 Das 20. Jahrhundert
3.2 Sprachpolitische Institutionen und Sprachgesetzgebung
3.2.1 Die verschiedenen Institutionen
3.2.2 Die Sprachgesetze - ‚Loi Bas-Lauriol’ und ‚Loi Toubon’

4 Vergleich - Sprachpflege und Sprachpolitik in Deutschland
4.1 Historisches
4.2 Deutsche Sprachpflegeinstitutionen heute

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit dem Jahr 2003 ist französischen Beamten, die in behördlichem Auftrag durch die Weiten des Cyberspace surfen, die Benutzung der E-Mail - untersagt: „Sprachlich gesehen, versteht sich. Statt des englischen, respektive amerikanischen Ausdrucks haben die Staatsdiener nunmehr das Kunstwort ‚courriel’ zu verwenden, wie das Amtsblatt ‚Journal officiel’ schreibt“1. Die elektronische Post heißt in Frankreich nach den Anordnungen der Académie Française jetzt Courriel. Auch andere Termini des Multimedia- und Computerjargons, wie beispielsweise Computer, Software und sogar das @-Zeichen wurden von staatlicher Seite in die französischen Äquivalente ordinateur, logiciel und arrobe umbenannt. Im Zuge der Globalisierung und des rasanten Fortschritts der Computertechnologie, wie des Internets, hat die englische Sprache längst weltweit ihren Siegeszug als lingua franca angetreten. Der massive Einfluss des Englischen wird besonders an der immer stärkeren Verwendung von Anglizismen deutlich, die sich auf viele Bereiche des Lebens erstrecken und uns im Alltag fast überall begegnen: „Ob wir am Service-Point eine Bahn-Card kaufen oder Brötchen im Back-Shop, überall treffen wir auf das Englische - oder auf eine Art Englisch“.

Diese Vermischung zwischen Deutsch und Englisch, von Sprachschützern und Sprachpflegern abschätzig als ‚Denglisch’ oder auch ‚Engleutsch’ bezeichnet, finden sich zumeist in der Werbung und wirtschaftlichen Berufszweigen: „Oft kommen technische Innovationen und neue Geschäftsideen aus den USA - die dort geprägten Begriffe werden eins zu eins übernommen. Außerdem gilt Englisch als besonders hip“2. Dass nicht jedes englisch und weltmännisch klingende Wort auch tatsächlich Bestandteil des angelsächsischen oder amerikanischen Sprachgebrauchs ist, zeigt das wohl prominenteste Beispiel ‚Handy’ (engl.: ‚mobile phone’ oder ‚cellular phone’). Dass die häufige Verwendung englischer Slogans in der Werbung (z.B. ‚Come in and find out’, Douglas) bei den Konsumenten oftmals nicht die gewünschte Wirkung erzielt, zeigte jüngst eine Studie von Isabel Kick und Walter Krämer an der Universität Dortmund. Bei statistischen Untersuchungen „reagierten Probanden deutlich stärker auf deutschsprachige als auf englische Slogans.“ Weniger als die Hälfte der Deutschen seien in der Lage, die englischen Sprüche richtig zu übersetzen. Ebenso scheint der „Aufmerksamkeitsbonus des Englischen […] angesichts allgegenwärtiger ‚Best Price’-Angebote, ‚Happy Hours’ und ‚Chicken Wings’ aufgebraucht. Wer den Konsumenten ansprechen wolle, müsse das offenbar in seiner Muttersprache tun“3. Auch wenn die Flut von Anglizismen in den Medien und der Werbung in absehbarer Zeit wieder etwas zurückgehen sollte, bleibt das Englische im Alltags- und Berufsleben weiterhin präsent. Nicht zuletzt die Jugend bedient sich ausgiebig an der reichhaltigen Vielfalt des englischen Wortschatzes, dessen Lexeme höchst innovativ und phantasievoll als Mittel der Abgrenzung und Distanz zur Erwachsenenwelt in die Umgangssprache integriert werden. So wird beispielsweise ‚verlieren’ zu ‚abloosen’, ‚sich ausruhen’ zu ‚chillen’. Häufig ist auch eine pseudo-englische Lautung und Schreibweise bei deutschen Wörtern zu beobachten, wie: ‚phedd’ oder ‚phädd’ für ‚fett’ (sehr gut). Angesichts der Dominanz des Englischen und des immer größer werdenden Einflusses amerikanischen ‚Lifestyles’ in Deutschland wächst die Furcht vor einer ‚Amerikanisierung’ und einem damit verbundenen Verfall der deutschen Sprache. Da in der Bundesrepublik keine staatlichen Sprachinstitutionen existieren und auch - mit Ausnahme der Rechtschreibreform - der Sprachgebrauch nicht durch Gesetze reguliert wird, fordern Kritiker ein solches Gremium als Schutz- und Kontrollinstanz. Immer wieder betonen Sprachschützer die Vorbildfunktion unseres Nachbarlandes Frankreich, das seit Mitte des 20. Jahrhunderts per Gesetz die offizielle Verwendung von Anglizismen unter Strafe stellt und - darüber hinaus - die Pflege der französischen Sprache auch innerhalb der frankophonen Gebiete als wichtigstes Anliegen postuliert. So bezeichnete der damalige Präsident George Pompidou das „Sprachproblem“ als das „wichtigste unserer Epoche“ (Braselmann 1999: 6). Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Sprachpolitik von Frankreich unter Berücksichtigung des Anglizismen-Problems zu untersuchen und zu klären, ob das Modell der französischen Sprachgesetzgebung auch auf Deutschland übertragbar ist. Hierbei soll die sprachpolitische Situation in der Bundesrepublik ergänzend als Vergleich herangezogen werden. Um die aktuelle Situation der Sprachpolitik in Frankreich nachvollziehen zu können, ist es vorher jedoch notwendig, sie aus ihren Anfängen heraus zu betrachten und in nachfolgenden Abschnitten herauszuarbeiten, welche Institutionen an der Entwicklung der französischen Sprache maßgeblich beteiligt sind - und wie sie sich von der Situation in Deutschland unterscheiden. Im folgenden Kapitel soll zunächst auf den aktuellen Status des Englischen und dessen Einflüsse auf die deutsche und französische Sprache kurz eingegangen werden.

2 Der Einfluss der englischen Sprache auf Deutschland und Frankreich

2.1 Der Status des Englischen

Englisch ist heute die am weitesten verbreitete Sprache der Welt; rund 510 Millionen Menschen sind Mutter- oder Zweitsprachler.4 Englisch erfüllt nicht nur zahlreiche Funktionen als Verkehrs- und Handelssprache; in vielen Ländern wird sie in der Schule als erste Fremdsprache gelehrt und zugleich in nahezu allen internationalen Organisationen (z.B. UNO, EU) offiziell verwendet. Die Bedeutung des Englischen wächst - insbesondere im Zuge der Globalisierung - mit der stetigen Verbreitung und Weiterentwicklung neuer Technologien wie Medien, Luft- und Raumfahrt. „Englisch ist die vorherrschende Sprache in der ganzen Welt, ja sie ist überhaupt die erste Weltsprache der Menschheitsgeschichte. […] Heute kann man durch alle Kontinente reisen: Überall ist bzw. wird Englisch das wichtigste Verständigungsmittel zwischen Angehörigen unterschiedlicher Nationen.“ (Hoberg 2002: 179) Der Status des Englischen als Weltsprache basiert auf einem starken Machtfaktor, der von politischen, militärischen, ökonomischen und soziokulturellen Aspekten getragen wird (vgl. Kupper 2003: 26). Die massive Ausweitung der englischen Sprache gründet sich zum einen auf die geographische Ausdehnung des britischen Empire, die am Ende des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte; zum anderen auf die Entwicklung der USA zur herrschenden Weltmacht im 20. Jahrhundert. Die Dominanz der Vereinigten Staaten und deren Einflüsse in Europa zeigten sich insbesondere in der Besatzungszeit nach dem Ende des 2. Weltkriegs durch die Verbreitung des amerikanischen ‚Way of Life’, der Musik, Kleidung, des Freizeitverhaltens und dergleichen (vgl. ebd.). Die politische und wirtschaftliche Rolle der USA hat entscheidend dazu beigetragen, den Einfluss des Englischen - und der damit eng verbundenen Weltanschauung und Kultur - auf nahezu alle Sprachen der Welt zu verstärken und sogar das Französische „als Verhandlungssprache auf dem internationalen Parkett und als Prestigesprache im alltäglichen Leben“ (Schelper 1995: 1, zit. nach Kupper 2003: 28) zu verdrängen.

2.2 Der Einfluss auf Deutschland und Frankreich

Bereits seit dem 19. Jahrhundert lassen sich verstärkt englische Entlehnungen in der deutschen Sprache verzeichnen; entscheidend ist hierbei der politische und wirtschaftliche Einfluss Großbritanniens. Das Empire galt als „Vorbild in Industrie und Handel, im Verkehrswesen, im Pressewesen und seit der zweiten Hälfte [des 19. Jahrhunderts] auch in der Politik bei der Ablösung der ständischen Gesellschaftsordnung durch die repräsentative Demokratie in heftigen Kämpfen“ (Kupper2003: 35). Mit der bereits erwähnten Ausdehnung des englischen Kolonialreiches und den staatlichen und politischen Umwälzungen im 17. Jahrhundert etablierte sich das Englische schon früh als Sprache der Wissenschaften. Auch geistige und kulturelle Errungenschaften (Theater, Literatur) veranlassten die deutschen Zeitgenossen zu regem Bildungsaustausch, „so dass Reisen nach England […] immer zahlreicher wurden. Daher stammen die Entlehnungen aus dem 18. Jahrhundert vorwiegend aus dem geistigen Bereich, während im 19. Jahrhundert der Einfluss aufgrund zunehmender englischer Erfindungen und Entdeckungen eher auf praktischen und technisch-materiellen Gebieten lag (Eisenbahn, Presse und modernes Gesellschaftsleben)“ (ebd.: 37). Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Französische als bis dahin anerkannte Konversationssprache und „Renommiersprache in der besseren Gesellschaft“ (ebd.) vom Englischen abgelöst. Die Zahl der Entlehnungen, die während des 1. Weltkrieges und noch einmal während des Naziregimes vorübergehend abebbte, wuchs umso stärker nach dem Ende des 2. Weltkriegs, durch den intensiven Kontakt der englischen und amerikanischen Besatzer mit der Bevölkerung in der westlichen Zone Deutschlands. Die ehemalige weltpolitische Bedeutung Englands trat in den folgenden Jahren zugunsten der USA in den Hintergrund; Amerika wurde zur bedeutendsten Nation auf dem wirtschaftlichen und politischen Sektor.

Auch in Frankreich sind die Einflüsse des Englischen mit der Situation Deutschlands weitgehend vergleichbar. Seit dem 19. Jahrhundert lässt sich ein „massiver englischer Sprachimport - besonders auf den Gebieten der Industrie und des Sports“ (Kupper 2003: 58) in Frankreich verzeichnen. Infolge der imperialistischen Bestrebungen und der damit verbundenen Sprachpolitik unter Ludwig XIV. etablierte sich das Französische fest als internationale Sprache der höfischen Kultur und der Diplomatie, die bis ins 19. Jahrhundert hinein unangefochten blieb: „Nicht nur der Wiener Vertrag mit dem in den napoleonischen Kriegen besiegten Frankreich wurde ausschließlich auf Französisch verhandelt und aufgesetzt, sondern sogar noch der Vertrag von Versailles von 1871 zwischen dem besiegten Frankreich und den siegreichen Preußen mit seinen süddeutschen Bundesgenossen.“ (Ammon 2002: 145) Nach dem Ersten Weltkrieg wurde schließlich das Französische als erste Weltsprache abgelöst; hinzu kamen die immensen Kriegsschäden, die eine Weiterentwicklung führender Technologien und Forschung - ebenso wie in Deutschland - unmöglich machte. Während des Zweiten Weltkriegs verstärkte sich der Einfluss des Englischen, bedingt durch den engen Kontakt mit den Alliierten, umso mehr. Parallel zu dem Aufstieg der Siegermacht USA verbreitete sich in Frankreich eine Verlust- und Überfremdungsangst - jene ‚Anglomanie’, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer Neuordnung und Reorganisation der französischen Sprachpolitik führen sollte. Für beide Länder, Deutschland und Frankreich, gilt gleichermaßen, dass Amerika nach 1945 als Leitbild fungierte und durch die Vermittlung des ‚American way of Life’ den massiven Einfluss des Englischen maßgeblich förderte. „Der amerikanische Lebensstil wurde zur Messlatte für vieles im täglichen Leben der Europäer.“ (Gärtner 1999: 24, zit. nach Kupper 2003: 38)

3 Sprachpolitik in Frankreich

3.1 Geschichte der Sprachpolitik

3.1.1 Die Anfänge

Die Anfänge der Sprachpolitik und Sprachgesetzgebung in Frankreich reichen bis in das 15. und 16. Jahrhundert zurück, die durch wichtige königliche Erlässe begründet wurden und auf „die Einführung des Französischen als Gerichtsbarkeit und Verwaltungssprache im gesamten domaine royal abzielten.“ (Kubarth 2002: 181; Hervorhebungen im Original) Seit dem 12. Jahrhundert hatte die ursprüngliche Sprachform des ‚franceis’ zunehmende Bedeutung gewonnen und sich als Sprache des königlichen Zentrums ‚Ile de France’ fest etabliert. Die Zentralisierung des französischen Königtums wurde mit dem Jahr 1515, dem Beginn der Regierungszeit Franz I., eingeleitet. Neben einer umfassenden Reform des Verwaltungsapparats sollte auch das Französische als langage maternel françois nicht nur Verwaltungs- , sondern zugleich Nationalsprache werden. In der ‚Ordonnance de Villers- Cotterêts’, die als wichtigster Erlass in der frühen Sprachpolitik Frankreichs gilt, bestimmte Franz I. „alle Urteile, Akten, Verträge, Testamente und amtliche Schriftstücke auf Französisch“ (ebd.: 182) abzufassen. Jenes Sprachgesetz hatte zur Folge, dass andere ‚konkurrierende’ Dialekte im Staatsgebiet verdrängt und ebenso das Lateinische als dominierende Sprache der Justiz und Verwaltung abgelöst wurden. Unterstützt wurde diese Entwicklung von dem Humanisten Joachim Du Bellay, der in seinem Traktat ‚Deffence et illustration de la langue francoise’ von 1549 versuchte, die französische Sprache weiter zu kultivieren und „eloquent zu verteidigen, es als dem Latein ebenbürtig, ja überlegen darzustellen und als weiterhin entwicklungsfähig zu charakterisieren“ (Klare 2002: 17). Infolge der enormen Aufwertung des Französischen als offizieller Sprache des Königtums begann man mit der Erstellung von Lexika und Grammatiken, die allen Muttersprachlern und Lernenden die Regeln der Nationalsprache vermitteln sollten. Der Engländer John Palsgrave hatte bereits 1530 den Versuch einer grammatischen Beschreibung unternommen; ein Jahr später veröffentlichte Jaques Dubois als erster Franzose eine Grammatik - in lateinischer Sprache. (vgl. ebd.: 18)

3.1.2 Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert

Der Aufbau der absolutistischen Herrschaft, insbesondere die Regierungszeit Ludwigs XIV., veränderte nicht nur die politischen Strukturen Frankreichs. Während das Französische im 16. Jahrhundert noch besonders gefördert und gegenüber anderen Sprachen als überlegen angesehen wurde, konzentrierte man sich im 17. Jahrhundert auf die „Beschränkung der sprachlichen Ausdrucksmittel, auf Abgrenzung, auf Differenzierung und Normung.“ (ebd.: 20) Eng verbunden mit den Normierungsbestrebungen der Sprache war das in den höheren Kreisen von Paris gedeihende Ideal des ‚Honnête Homme’ - eines adeligen, universal gebildeten Menschen. Die Sprechweise des königlichen Hofes und jenes ‚honnête homme’ diente als Vorbild für die Propagierung einer offiziellen Norm, die von Claude Favre de Vaugelas als bon usage (‚guter Sprachgebrauch’) bezeichnet wurde. Das Gegenteil, der mauvais usage, charakterisierte den „Sprechstandard der Masse des Volkes.“ (Braselmann 1999: 4) Zur Überwachung und Pflege dieser absolutistischen Sprachnorm wurde im Jahre 1635 eine Institution geschaffen, die bis heute die Sprachpolitik in Frankreich entscheidend beeinflusst: die Académie Française. Ihren Ursprung hatte die Akademie in einem Kreis von Dichtern, Gelehrten und Sprachtheoretikern, die sich seit 1629 regelmäßig in den Pariser Salons trafen und diskutierten. Kardinal Richelieu wurde bald auf diesen Kreis aufmerksam und erhob sie schließlich zur offiziellen Sprachpflegeinstitution, die unter dem Schutz des Königs stand (vgl. Kubarth 2002: 182). Eins der vorrangigen Ziele der Akademie war eine Festlegung der Regeln für den Sprachgebrauch (bon usage); des Weiteren die „Reinigung der Sprache vor schädlichen Einflüssen, die Wiederbelebung der éloquence und die Erstellung eines Wörterbuchs, einer Grammatik und einer Rhetorik.“ (Braselmann 1999: 4; Hervorhebung im Original). Neben den Aufgaben der Sprachnormierung war die Akademie als Machtinstrument des Königs vorrangig die wichtigste Kontrollinstanz des intellektuellen und literarischen Lebens in Frankreich, die in ihrer Berufung auf die klassische Norm der höfischen Sprechweise „zum Vorbild der präskriptiven Norm bis in die Gegenwart und damit zu einem Anachronismus [wurde], da es sich um eine retrospektive Norm handelt, die die aktuellen Gegebenheiten nicht adäquat beschreibt. Hier wurzelt auch der Mythos von der erreichten absoluten Perfektion des Französischen, wie etwa im Vorwort des Akademiewörterbuches von 1694 zu lesen ist“ (ebd.: 5). Die enormen Diskrepanzen zwischen dem als perfekt geltenden Sprachgebrauch des königlichen Hofes und der Sprache des französischen Volkes - also den verschiedenen „niveaux de langue“ (Klare 2002: 23) - können als Ursache für die Krisensymptome angesehen werden, die im 19. und besonders im 20. Jahrhundert zur ‚Krise des Französischen’ (crise du français) führen sollten.

Die Französische Revolution im Jahre 1789 beendete die Epoche des Absolutismus, die unter der Regierungszeit Ludwigs XVI. bereits in ihrem Niedergang begriffen war. Infolge der massiven staatspolitischen Umwälzungen in den 1790er Jahren blieb auch die Sprache hierbei nicht unberührt. Obgleich sich das Französische in Europa als Kultursprache fest etablieren konnte, blieb sie innerhalb des Landes weiterhin die Sprache der privilegierten Schichten, während sich die überwiegende Mehrheit des Volkes in den jeweiligen Dialekten und Regionalsprachen verständigte. Vorrangiges Ziel der Sprachpolitik war es folglich zunächst, die zahlreichen Flugschriften, Proklamationen und andere Druckerzeugnisse der Revolution für die Einwohner der verschiedenen Regionen zu übersetzen. Nach jener ersten Phase der „diversité“ - der Übersetzungspolitik - folgte die Phase der „uniformité“ (ebd.: 30). Die Nation Frankreich sollte künftig nur noch eine Sprache besitzen. Alle anderen Dialekte und Regionalismen, die während der frühen Revolutionsjahre noch geduldet wurden, gerieten zunehmend in Misskredit, „nachdem eine Untersuchung des Abbé de Gregoire ergeben hatte, dass die langue nationale in 68 der 83 neugeschaffenen Departements kaum verstanden, geschweige denn gesprochen wurde“ (Kubarth 2002: 182; Hervorhebungen im Original). Dialekte galten als republikfeindliche Überreste der Monarchie, deren Existenz „dem Prinzip der République française, une et inivisible zu widersprechen schien. Unter der demokratischen Diktatur der Jakobiner wird ‚Franzose sein’ mit ‚französisch sprechen’ gleichgesetzt“ (Schmitt 1977: 109) - entscheidend ist hierbei die revolutionäre Forderung der ‚Gleichheit’ (égalité) in jener Phase der Sprachpolitik. Um jedem Franzosen den Zugang zur neuen Sprache zu eröffnen, wurde eine Reihe von bildungspolitischen Maßnahmen initiiert, wie beispielsweise die Schaffung staatlicher Grundschulen oder eine grundlegende „Umgestaltung des Französischen in Wortschatz und Grammatik, damit es seiner neuen Rolle als langue de la liberté gerecht werden konnte“ (Kubarth 2002.: 182). Diese Normierungs- und Vereinheitlichungsbestrebungen erreichten schließlich mit der Verabschiedung des ‚Loi no. 118 du 2 Thermidor’ im Jahre 1794 ihren Höhepunkt. Dieses Sprachgesetz verpflichtete alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes zur ausschließlichen Verwendung des Französischen. Zugleich erfolgte eine Ausdehnung des Geltungsbereichs der ‚Ordonnance des Villiers-Cotterêts’ von 1539 auf alle Urkunden und öffentlichen Schriftstücke.

[...]


1 <http://www.manager-magazin.de/ebusiness/artikel/0,2828,256583,00.html>.

2 <http://www2.onkarriere.t-online.de/dyn/c/08/48/96/848968.html>. 1

3 <http://www.scienceticker.info/news/EpApkVEFElacPjcqEy.shtml>. 2

4 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Englische_Sprache.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
"Bitte mailen Sie mir doch ein Courriel" - Ein Vergleich der Sprachpolitik in Frankreich und Deutschland am Beispiel von Anglizismen
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Sprachförderung und Sprachpolitik
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
29
Katalognummer
V33349
ISBN (eBook)
9783638338455
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anglizismen, Sprachförderung, Sprachpolitik
Arbeit zitieren
Florian Hoffarth (Autor), 2004, "Bitte mailen Sie mir doch ein Courriel" - Ein Vergleich der Sprachpolitik in Frankreich und Deutschland am Beispiel von Anglizismen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33349

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