Kinderbetreuung im Wohlfahrtsstaat


Hausarbeit, 2001

45 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Modelle der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung (von Sindhu Makil)
2.1. Die drei Wohlfahrtsregime nach Gøsta Esping-Andersen
2.1.1. Operationalisierung des Modells anhand von drei Kategorien
2.1.2. Die drei Wohlfahrtsregime in Detail
2.2. Das Geschlechterkulturelle Modell nach Birgit Pfau- Effinger
2.2.1. Die Grundbegriffe der geschlechterkulturellen Theorien -
2.2.2. Die Geschlechter-Arrangements in West-Europa

3. Das Erwerbsverhalten von Frauen im internationalen Vergleich – (West-) Deutschland – USA (von Annette Lohny)
3.1. Die historischen Veränderungen im Erwerbsverhalten und Erwerbsverläufen
3.2. Familienpolitik – Transferzahlungen – Steuergesetze
3.3. Mutterschutzgesetzgebung und Erziehungsurlaub
3.4. Außerhäusige Kinderbetreuung im Vergleich
3.5. Diskriminierung von Frauen?
3.6. Zusammenfassung der Ergebnisse dieses Vergleichs

4. Daten zur öffentlichen Kinderbetreuung (von Sindhu Makil)
4.1. Außerhäusige Kinderbetreuung in der DDR
4.2. Gegenwärtige Situationsbeschreibung der außerhäusigen Kinderbetreuung in der BRD

5. Warum ist eine außerhäusige Kinderbetreuung sinnvoll? (von Elisabeth Chrobok)
5.1. Ziele
5.2. Zukünftige Bedeutung der außerhäusigen Kinderbetreuung

6. Das aktuelle System in Detail und Reformvorschläge (von Elisabeth Chrobok)
6.1. Aktuelles System
6.1.1. Begriffsbestimmungen und Aufträge
6.1.2. Das gegenwärtige Kinderbetreuungs- und Finanzierungssystem
6.2. Demonstration zweier Modelle für eine Verbesserung in der Kinderbetreuung
6.2.1. Modell: Gutscheinsystem
6.2.2. Modell: Betrieblich unterstützte Kinderbetreuung
6.2.2.1. Vorteile einer betrieblich unterstützten Kinderbetreuung
6.2.2.2. Verschiedenen Vorschläge für betrieblich unterstützte Kinderbetreuung

7. Nachwort

8. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Unsere Arbeit ‚Wohlfahrtsstaat und Kinderbetreuung’ beginnt mit einer allgemeinen theoretischen Grundlage zum Wohlfahrtsstaat nach Gøsta Esping-Andersens Ausführungen und Birgit Pfau-Effingers Geschlechtskultureller Theorie. Danach wollen wir in einem Ländervergleich das Erwerbsverhalten von Frauen in den USA und der BRD untersuchen, um zu überprüfen inwiefern unterschiedliche kulturelle Hintergründe zu unterschiedlichen Zielsetzungen in der Familienpolitik führen.

Anschließend wollen wir uns auf die Situation der außerhäusigen Kinderbetreuung in Deutschland konzentrieren, indem wir den Status quo bezüglich dieses Themas darstellen. Unserer Meinung nach ist es auch wichtig, die positiven Effekte der Kinderbetreuung - sowohl auf die Entwicklung des Kindes als auch auf die Allgemeinheit – herauszustellen.

Was bewirkt die öffentliche Kinderbetreuung auf die Kinder?

Was bedeutet die außerhäusige Kinderbetreuung für Mütter, Väter und die Gesellschaft?

Es ist allgemein bekannt, dass das Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen zu gering ist und dass es nicht den Bedürfnissen der Eltern entspricht. Wir werden also versuchen, verschiedenen Reformmodelle dem aktuellen System in Deutschland gegenüberzustellen.

2. Modelle der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zu typisieren. Zuerst werde ich auf Gøsta Esping-Andersens idealtypische Differenzierung von Wohlfahrtsstaaten in drei Wohlfahrtsregime eingehen und anschließend werde ich Birgit Pfau-Effingers Geschlechtskulturelles Modell darstellen.

2.1. Die drei Wohlfahrtsregime nach Gøsta Esping-Andersen

2.1.1 Operationalisierung des Modells anhand von drei Kategorien

Esping-Andersen unterscheidet in seinem Buch ‚Three worlds of Welfare Capitalism’ (1990) drei Wohlfahrtsregime: das konservativ-korporatistische Wohlfahrtsregime, das liberale Wohlfahrtsregime und das sozialdemokratische Wohlfahrtregime. Diese Kategorien hat er, nach Christoph Butterwegge, anhand von drei Kriterien operationalisiert: Zunächst hat er zwischen dem Grad der Dekommodifizierung unterschieden. Mit Dekommodifizierung meint er nach Butterwegge „... die Befreiung der Menschen von ihrer Marktabhängigkeit und der Notwendigkeit, ihr Auskommen durch Erwerbsarbeit zu verdienen,...“ (Butterwegge, 2001, S. 20). Der Grad der Dekommodifizierung ist nach Esping-Andersen im liberalen Wohlfahrtsregime am geringsten und im sozialdemokratischen Wohlfahrtsregime am stärksten ausgeprägt.

Als zweites operationalisiert er die Wohlfahrtsregime mit der Frage welches Schichtungsmodell durch die staatliche Sozialpolitik gefördert wird. So vertritt Esping-Andersen die Ansicht, dass

Der Wohlfahrtsstaat [...] nicht allein ein Instrument zur Beeinflussung und gegebenenfalls Korrektur der gesellschaftlichen Ungleichheitsstruktur [ist]. Er stellt vielmehr ein eigenständiges System der Stratifizierung dar, indem er in aktiver und direkter Weise soziale Beziehungsmuster ordnet. (Lessenich/Ostner (Hg), 1998, S. 36, zitiert nach Butterwegge, 2001, S. 20)

Als letztes unterscheidet er die Wohlfahrtsregime noch durch das jeweilige Arrangement zwischen Staat, Markt und Familie. Auf diese Kategorie werde ich später noch einmal genauer eingehen.

2.1.2. Die drei Wohlfahrtsregime in Detail

In diesem Abschnitt werde ich näher auf die verschiedenen Wohlfahrtsregime und ihre Eigenschaften eingehen. Dieses werde ich anhand von Abb.1 tun, die ich näher erläutern werde.

Tabelle 1: Welten der Wohlfahrt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.fernuni-hagen.de/POLAD/hypertexte/wohlfahrt4.html (Stand: 22.08.2001)

Abbildung 1 beschreibt die wichtigsten Eigenschaften der drei Wohlfahrtswelten anhand der Kriterien Prinzip, Ziel, Betriebsweise, zentrale Instanz, Regulierung und Policy.

Im konservativ-korporatistischen Wohlfahrtsstaat gilt das Prinzip des Paternalismus. Das bedeutet, dass der Staat seine Bürger in wichtigen Lebensbereichen in seiner Entscheidungsfähigkeit einschränkt oder zu bestimmten Vorsorgemaßnahmen verpflichtet. Das Ziel dieses Wohlfahrtsstaats ist der Statuserhalt des Einzelnen. Dieses wird in Deutschland durch das Sozialversicherungssystem, dessen Versicherungen Zwangscharakter haben, erreicht. Diese Versicherungen (Gesetzliche Krankenversicherung, Gesetzliche Rentenversicherung, Gesetzliche Pflegeversicherung und die Arbeitslosenversicherung) verwalten sich selbst, und haben einen vom Staat unabhängigen Haushalt. Politikinhalt der Sozialpolitik dieses Wohlfahrtstyps ist die Kompensation bei bedeutenden Lebensstandardminderungen der Bürger. Espen-Andersen zählt Deutschland, Österreich und Frankreich zu den konservativ-korporatistischen Wohlfahrtsregimen.

Als zweiten Idealtypus benennt Espen-Andersen den liberalen Wohlfahrtsstaat. Dieser arbeitet nach dem Prinzip der Selbstverantwortung und als Ziel

ist nur eine residuale Versorgung der Bürger angestrebt. Diese residuale Versorgung soll vor allen durch Fürsorge abgedeckt werden. Diese soll/kann durch private Hilfsorganisationen (wie z.B. das Rote Kreuz) geleistet werden. Der Staat soll sich möglichst aus diesem Bereich zurückziehen und die Wohlfahrt des einzelnen Bürgers dem Individuum selbst oder dem Markt überlassen. Damit der Markt dieser Aufgabe gerecht werden kann, muss dieser soweit wie möglich entreguliert und sich selbst überlassen werden.

Als letztes Wohlfahrtsregime benennt Espen-Andersen den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat. Hier gilt das Solidarprinzip und angestrebt wird die soziale Gleichheit aller Bürger. Der Staat ist die Zentralinstanz, die auf dieses Ziel hinarbeitet. Er hat dem Staatsbürger gegenüber eine sorgende Funktion. Der Arbeitsmarkt wird als Mittel der Regulierung eingesetzt, welcher durch den Staat beeinflusst wird, wenn die sozialpolitische Zielsetzung nicht erreicht wird. Das bedeutet, dass der Staat in solchen Situationen interveniert. Wie schon vorher erwähnt ist der Grad der Dekommodifizierung hier am geringsten. Beispiele für diesen Typus von Wohlfahrtsstaat sind Schweden, Norwegen und Dänemark.

Wie ich schon vorher angekündigt habe, möchte ich nun auf das dritte Kriterium bei der Operationalisierung eingehen: dem Arrangement zwischen Staat, Markt und Familie. Hierbei beziehe ich mich auf Ausführungen von Birgit Pfau-Effinger (vgl. Pfau-Effinger, 1996, S. 465).

Bezüglich der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung sind diese drei Wohlfahrtregime ebenfalls unterschiedlich:

Im konservativ-korporatistischen Wohlfahrtregime wird die Erwerbstätigkeit der Männer vorrangig gefördert. Das Bestreben des Staates ist es, die Erwerbstätigkeit der Frauen einzuschränken. Diese Einschränkung von Frauen kann z.B. durch fehlende öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen eintreten oder durch bestimmte einschränkende familienpolitische Maßnahmen hervorgerufen werden.

Im liberalen Wohlfahrtsregime wird die Regulierung der Erwerbstätigkeit dem Markt überlassen.

Im sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat sollen Frauen und Männer gleichwertig in die Erwerbstätigkeit einbezogen werden. Der Wohlfahrtsstaat stellt ein umfassendes Angebot an sozialen Dienstleistungen bereit, so dass er ein wichtiger Arbeitgeber im Bereich der Frauenbeschäftigung wird. Als Konsequenz kann man feststellen dass skandinavische Länder einen weit höheren Betreuungsgrad von Kinder in öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen haben als Länder die zu dem konservativen Typus von Wohlfahrtsstaat gehören. So wird in Dänemark ein Betreuungsgrad von 62% bei Kindern der Altersgruppe von 6-10 Jahren erreicht, während es in den alten Bundesländern Deutschlands nur ein Betreuungsgrad von 6% ist (vgl. WSI-FrauenDatenReport, 2000, S. 339).

2.2. Das geschlechtskulturelle Modell nach Birgit Pfau-Effinger

Birgit Pfau-Effinger versucht mit ihrer Theorie, die sozio-kulturelle Aspekte berücksichtigt, die Unterschiede des Erwerbsverhalten von Frauen zu erklären.

Zunächst werde ich die Grundbegriffe dieser Theorie erläutern, damit das Modell Pfau-Effingers verständlich wird. Anschließend werde ich im darauffolgenden Kapitel die Geschlechterarrangements in West-Europa darstellen.

2.2.1 Die Grundbegriffe der geschlechtskulturellen Theorie

In Birgit Pfau-Effingers Modell tauchen drei Grundbegriffe auf: die Geschlechterkultur, die Geschlechterordnung und das Geschlechterarrangement.

Bezüglich der Geschlechterkultur geht sie davon aus, dass es in jeder Gesellschaft

einheitliche Werte und Leitbilder in bezug auf die Geschlechterbeziehungen und die Formen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung gibt, welche auch in der Form von Normen in institutionellen System verankert und deshalb relativ stabil sind. [...] Solche Leitbilder bezeichne ich als „Geschlechterkultur“ (Pfau-Effinger, 1996, S. 467)

Männer und Frauen orientieren sich an diesen Normen, Werten und Leitbildern.

Dahingegen beinhalte ‚Geschlechterordnung’, laut Pfau-Effinger, die wirklichen existierenden Strukturen des Geschlechterverhältnisses sowie das Verhältnis zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen in Hinblick auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung (vgl. Pfau-Effinger, 1996, S. 467). Dabei ließen sich Gesellschaften in Hinblick auf geschlechtskulturelle Grundlagen anhand folgender Dimensionen und Fragen, die sich auf die Strukturen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung beziehen, klassifizieren:

1. Welche soziale Sphäre stellt - nach der gesamtgesellschaftlichen Vorstellung - die zentrale Arbeitssphäre von Frauen beziehungsweise Männern dar? Und wie sind diese Sphären zueinander beschaffen (besteht eine Symmetrie oder eine Komplementarität)?
2. Wie werden diese gesellschaftlichen Sphären gewertet? Besteht eine Gleichwertigkeit oder eine Hierarchie zwischen ihnen?
3. Wie ist die soziale Konstruktion der Generationsbeziehungen von Kindheit, Mutterschaft und Vaterschaft? Welche gesellschaftliche Sphäre ist verantwortlich für die Kindererziehung (=intermediärer Sektor)?
4. Inwiefern bestehen Abhängigkeiten zwischen Männern und Frauen? Sind die Geschlechter autonom oder gegenseitig bzw. einseitig voneinander abhängig?

Das Geschlechterarrangement bildet „eine Klammer um die Geschlechterkultur und die Geschlechterordnung“ (Pfau-Effinger, 1996. S. 468). Es kann als eine Art Aushandlungsprozess angesehen werden, der eine Basis dafür bietet, dass letztendlich bestimmte kulturelle Leitbilder gesellschaftlich dominieren. Diese Leitbilder bilden wiederum die Grundlage für die Gestaltungsprinzipien der gesellschaftlichen Institutionen bezüglich der Geschlechterbeziehungen. Das Geschlechterarrangement bildet eine Art der „Machtbalance“ (Pfau-Effinger, 1996, S, 468) zwischen den zwei Geschlechtern, die selbst bei einer grundlegenden Asymmetrie der Machtbeziehungen stabil sein kann. Wichtig ist noch anzumerken, dass wenn sich im Zuge eines gesellschaftlichen Wandels Geschlechterkultur und Geschlechterordnung ändern, sich das Geschlechterarrangement dieser Veränderung anpasst. Diese drei Begriffe sind also nicht starre Faktoren einer Gesellschaft, sondern sich wandelnde Größen.

2.2.2. Die Geschlechter-Arrangements in Westeuropa

Birgit Pfau-Effinger unterscheidet vier Geschlechtskulturelle Modelle in den westeuropäischen Gesellschaften: das familien-ökonomische Modell, die männliche Versorgerehe, das egalitär-individualistische Modell und das egalitär-familienbezogene Modell.

Im familienökonomischen Modell arbeiten Männer und Frauen gemeinsam in ihrem eigenen landwirtschaftlichen oder handwerklichen Betrieb. Als Konsequenz haben beide Geschlechter eine wichtige Bedeutung für das Überleben der Familienökonomie. Kinder werden als Bestandteil der Familienökonomie gesehen, die als Arbeitskräfte mitwirken. In diesem Modell sind sowohl Männer als auch Frauen in derselben gesellschaftlichen Sphäre der Familienökonomie tätig. Sie arbeiten aufeinander bezogen und sind gegenseitig voneinander abhängig. Die Stellung der Frau in diesem Modell ist ähnlich der Stellung des Mannes.

Das Modell der männlichen Versorgerehe beinhaltet eine prinzipielle Trennung von „Öffentlichkeit“ und „Privatheit“ und der damit verbundenen komplementären Verortung beider Geschlechter. Die Arbeit des Mannes befindet sich im öffentlichen Bereich. Er hat zudem die Rolle des Familienernährers inne. Die Frau ist im Gegensatz zum Mann für den privaten Haushalt und die Kinderbetreuung zuständig. Sie ist finanziell vom Einkommen des Mannes abhängig. Die Kindheit wird zur kulturellen Konstruktion: Nach Ansicht der Gesellschaft benötigen Kinder besondere Betreuung und Zuwendung und eine umfassende individuelle Förderung. Dieses ist in diesem Modell die Aufgabe des privaten Haushaltes. Genau wie die Kindheit unterliegt auch die ‚Mutterschaft’ einer kulturellen Konstruktion: die Kinderbetreuung wird als alleinige Aufgabe der Mutter betrachtet.

Im egalitär-individualistischen Modell existiert eine umfassende, vollzeitige Integration beider Geschlechter in die Erwerbsarbeit. Sowohl der Mann als auch die Frau werden als Individuen betrachtet, die sich unabhängig voneinander auf Grundlage ihrer Erwerbsarbeit ernähren. Die Kindheit ist wie in der Versorgerehe kulturell konstruiert. Allerdings besteht eine Differenz zwischen den beiden Modellen, da die Mutterschaft im egalitär-individualistischen Modell nicht die gleiche kulturelle Konstruktion beinhaltet wie die Versorgerehe. Die Kinderbetreuung wird nicht als alleinige Aufgabe der Mutter betrachtet, sondern gilt, von Kleinkindalter, an als Aufgabe des Wohlfahrtsstaates, da die Frau für ihre Ernährungsgrundlage alleine aufkommen muss. Das bedeutet, dass der Staat für eine ausreichende Zahl von öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen sorgen muss.

Im egalitär-familienbezogenen Modell sind beide Geschlechter symmetrisch und gleichwertig in die Gesellschaft integriert. Die Aufgabe der Kindererziehung wird hier zu einem großen Teil im privaten Bereich gesehen. Allerdings beteiligen sich Mann und Frau zu gleichen Teilen an Erwerbstätigkeit und häuslicher Kinderbetreuung. Es besteht also eine „doppelte Zuständigkeit“ (Pfau-Effinger, 1996, S. 470) von Eltern für die Arbeit im Privatbereich und dem Beruf im Erwerbssystem, was auch strukturell berücksichtigt wird.

Ich möchte diesen Abschnitt mit einer graphischen Darstellung zum Geschlechterkulturellen Modell beenden, in dem die wichtigsten Charakteristika der verschiedenen Geschlechterkulturellen Modelle zusammengefasst sind:

Abb.2: Geschlechterkulturelle Modelle in westeuropäischen Gesellschaften

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Pfau-Effinger, Birgit (1996): „Analyse internationaler Differenzen in

der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Theoretischer Rahmen und empirische Ergebnisse.“ In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Heft 3/1996, S. 471.

3. Das Erwerbsverhalten von Frauen im internationalen Vergleich – (West-) Deutschland - USA

3.1. Die historischen Veränderungen im Erwerbsverhalten und Erwerbsverläufen

a) in der Bundesrepublik

Um 1900 waren in der Bundesrepublik vor allem junge und ledige Frauen erwerbstätig, was sich kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs jedoch änderte. Mehr und mehr verheiratete Frauen brachten sich auf dem Arbeitsmarkt ein, allerdings sank deren Anteil nach Ende des Krieges wieder ab und kletterte erst zu Beginn der 60er Jahre erneut auf das Vorkriegsniveau. Spekulativ könnte man das von den Nationalsozialisten propagierte Frauenbild während der Kriegszeit als Begründung für diese vorübergehende Entwicklung heranziehen: Obwohl vor dem Krieg die ideale Frau als Hausfrau und Mutter „erwünscht“ war, hatte sie während des Krieges im Notfall die Kriegsproduktion in der Industrie aufrechtzuerhalten, weil die Männer, die diese Tätigkeiten vorher inne hatten, entweder an der Front kämpften oder aber verletzt oder gar tot waren. Diese Notwendigkeit entfiel zwangsläufig nach Kriegsende und das könnte einer der Gründe für die o.g. rückläufige Entwicklung sein, wobei offen bleibt, ob und wie viele Frauen ihre Tätigkeiten freiwillig aufgaben oder aber von zurückkehrenden männlichen Arbeitskräften verdrängt wurden. Außerdem waren Wirtschaft und Infrastruktur ohnehin zunächst stark geschädigt und somit eingeschränkt

Die Eheschließung, die häufig ein Grund für die Aufgabe der Beschäftigung war, verlor nach und nach an Bedeutung, wobei sich gleichzeitig die Zusammensetzung der berufstätigen Frauen änderte: Frauen aller sozialen Schichten wurden berufstätig, nicht nur – wie vor dem zweiten Weltkrieg – fast ausschließlich Arbeiterfrauen, was gleichzeitig als Zeichen für eine Ausweitung und Lockerung der für Frauen überhaupt zugänglichen Berufe gewertet werden kann. Das Aufgeben oder Unterbrechen der Tätigkeit erfolgte nun mit der Geburt des ersten Kindes. Das ist bis heute einer der wichtigsten Gründe, denn nur 20% der Frauen mit Kindern sind bis zu ihrem 45. Lebensjahr durchgehend berufstätig, wobei offen bleibt, wie viele Frauen, die sich eigentlich Kinder wünschen, auf Kinder verzichten um ihre Berufstätigkeit nicht unterbrechen zu müssen ( vgl. Kurz, 1998, S. 23/24)

b) in den Vereinigte Staaten

Im Gegensatz zur Bundesrepublik, in der die Anzahl von Frauen mit Kindern ohne Erwerbsunterbrechung stagniert, hat sich die Zahl der berufstätigen Amerikanerinnen seit Beginn des Jahrhunderts kontinuierlich gesteigert und dieser Trend hält bis heute an. Auch verheiratete Frauen wurden früher und in größerer Anzahl in den Arbeitsmarkt integriert. Um 1950 waren die Hälfte der berufstätigen Amerikanerinnen verheiratet, die berufstätigen deutschen Frauen waren nur mit 20% auf dem Arbeitsmarkt vertreten.

Der zweite Weltkrieg brachte auch in den Vereinigten Staaten einen Beschäftigungsschub für Frauen. Die Ursache dafür kann die gleiche gewesen sein wie in Deutschland, nämlich die Kriegsproduktion. Allerdings war nach Kriegsende kein Beschäftigungsrückgang von Frauen zu verzeichnen. Vielmehr entstand ein „Phasenerwerbsmuster“, „d.h. Mütter unterbrechen ihre Erwerbsarbeit während der Kindererziehung und kehren später wieder auf den Arbeitsmarkt zurück“( Kurz, 1998, S. 25).

Die statistischen Zahlen beider Länder sind verschieden, jedoch die Tendenz, dass Frauen erst mit der Geburt des ersten Kindes und nicht mit der Heirat ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen und nach der Kindererziehung fortsetzen, ist identisch ( vgl. Kurz, 1998, S. 25-27).

[...]

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Kinderbetreuung im Wohlfahrtsstaat
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Arbeit und Geschlecht
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
45
Katalognummer
V3335
ISBN (eBook)
9783638120395
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist eine Gemeinschaftsarbeit von Sindhu Makil, Annette Lohny und Elisabeth Chrobok. Sie befasst sich mit den theoretischen Grundlagen bezüglich des Wohlfartsstaates nach Esping-Andersen und der Geschlechtskulturellen Theorie nach Pfau-Effinger. Neben den theoretischen Grundlagen wird das deutsche Kinderbetreuungssystem mit dem der USA verglichen, die deutsche Betreuungslage wird dargelegt und es werden verschiedenen Reformvorschläge bezüglich der außerhäusigen Kinderbetreuung vorgestellt. 167 KB
Schlagworte
Kinderbetreuung, Wohlfahrtsstaat, Arbeit, Geschlecht
Arbeit zitieren
Sindhu Makil (Autor), 2001, Kinderbetreuung im Wohlfahrtsstaat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3335

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