Gesellschaftliche Bedingungen des Rechtsextremismus


Hausarbeit, 2001

34 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problematisierung
1.2 Rassismus-Nationalismus-Rechtsextremismus-Fremdenfeindlichkeit

2. Erklärungsansätze
2.1 Wirtschaftliche und soziale Entstehungsbedingungen
2.1.1 Deprivations- und Desintegrationstheorie
2.1.2 Milieustudie
2.1.3 Soziale Ungleichheit
2.1.4 Wohlstandschauvinismus
2.2 Psychologischer Erklärungsversuch
2.2.1 Ähnlichkeits- und Unähnlichkeitstheorie bzw. Identitätstheorie
2.2.2 Agggressions-Verschiebungs-Theorie oder Sündenbocktheorie
2.2.3 Gegner der modernen Reflexive

3 Schlußfolgerungen
3.1 Akzeptierende Sozialarbeit
3.2 Politische Lösungsperspektiven

4. Literatur

5. Anlage

1. Einleitung

1.1 Problematisierung

Seit Jahren schrecken Berichte in den Medien über Rechtsextremismus in Deutschland die Öffentlichkeit auf. Dies betrifft vor allem rechtsextremisti­sche Taten, bei denen Personen verletzt bzw. sogar starben. Als Täter werden hierfür häufig jugendliche Personen verantwortlich gemacht. In den Medien lösen sie Diskussionen über die Ursachen und der Möglichkeit der Bekämp­fung von rechtsextremistischen Taten aus.

Nicht zuletzt die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien wie z. B. in Sachsen-Anhalt, zeigen, daß Rechtsextremismus nicht nur eine Randerscheinung, son­dern in der gesamten Bundesrepublik latent vorhanden ist.

Laut Verfassungsschutzbericht 1998 hat die Zahl der gewaltbereiten Rechtsex­tremisten 1998 weiter zugenommen; mehr als die Hälfte von ihnen lebt davon in den neuen Ländern. Die verübten Gewalttaten[1] belaufen sich nach Angaben des Bundeskriminalamtes auf 11.049 Straftaten. Hiervon wurden rund 46% aller Gewaltttaten mit erwiesenem oder zu vermutendem rechtsextremisti­schen Hintergrund in den ostdeutschen Ländern begangen. Der Verfassungs­schutzbericht führt dies auf ein relativ ausgeprägtes Skinheadmilieu zurück

( vgl. Verfassungsschutzbericht 1998, S. 17-24 ).

Als Ursachen werden öffentlich eine Verschärfung von sozialer und psychi­scher Deprivation im unteren Drittel unserer Gesellschaft angeführt, welche zum Entstehen von Rechtsextremismus beitragen; Rechtsextremismus ist damit eine Reaktion der unteren Schichten ( SCHACHT 1991, S. 155 ).

Die von mir herausgearbeiteten Erklärungsversuche unterstützen zum Teil diese These; dennoch kann Rechtsextremismus mit dieser einfachen Rückfol­gerung nicht ausschließlich erklärt werde. Denn schließlich wird mit dieser Erklärung lediglich versucht, Rechtsextremismus als eine Reaktion des ohn­mächtigen Arbeiters und Sozialhilfeempfängers darzustellen.

Schaut man aber in die Statistik des BKA[2] ( VERFASSUNGSSCHUTZBE­RICHT 1992, S. 82f ), läßt sich anhand der Berufsstruktur von rechtsextremen Tätern bzw. mit vermutetem rechtsextremen Hintergrund erkennen, daß 1992 43 % der Täter Schüler, Studenten oder Auszubildene, 31 % Facharbeiter und Handwerker und 9 % Angestellte waren. Lediglich 9 % waren arbeitslos und

1 % ungelernte Arbeiter.

Anhand dieser Darstellung ist es nötig, auch andere Erklärungsansätze wie sie

z. B. HELD oder GÖTZ herausarbeiteten, in die Erklärung von Rechtsextre­mismus miteinzubeziehen.

Bereits an dieser Stelle wird deutlich, daß Rechtsextremismus keine Rander­scheinung ist; inwiefern Rechtsextremismus ein gesellschaftliches Problem ist, versuche ich durch die Darstellung der Erklärungsansätze herauszuarbeiten.

Am Ende des Referates möchte ich auf Möglichkeiten und Methoden der So­zialen Arbeit als Antwort auf rechtsextreme Personen eingehen.

1.2 Rassismus-Nationalismus-Rechtsextremismus-Fremdenfeindlichkeit

Da sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Literatur der Begriff Rechtsextremismus und Rassismus in einem Atemzug genannt werden, halte ich es für wichtig, sie zunächst zu definieren. Da es ein Vielzahl von Begriffs­erläuterung gibt, die zum Teil eine Definition ablehnen, beziehe ich mich auf einen Versuch von POSSELT ( 1993, S. 100-122 ), der die Begriffe einzeln erklärt; der Autor geht davon aus, daß die zwei Grundelemente „Ungleichwer­tigkeit von Menschen“ und Gewaltakzeptanz bei Rechstextremismus zusam­menfließen.

So schreibt auch der VERFASSUNGSSCHUTZ, daß „rechtsextremistische Ideologie [ ... ] in nationalistischem und rassistischem Gedankengut [ wur-

zelt ]“ ( VERFASSUNGSSCHUTZBERICHT 1998, S. 10 ).

Daher werde ich in den folgenden Abschnitten die Begriffe Rassismus und Nationalismus sowie Rechtsextremismus darstellen und, da auch von fremden­feindlichen Taten gesprochen wird, Fremdenfeindlichkeit begrifflich darlegen.

Um mich dem Begriff Rechtsextremismus zu nähern, möchte ich zu­nächst den Begriff Rassismus festlegen, weil er die Grundlage der Definition von Rechtsextremismus bildet.

Rassismus liegt immer dann vor, wenn bestimmte körperliche Merkmale oder Eigenschaften qualitativ bewertet werden wie z. B. wenn Hautfarben Rück­schlüsse auf geistigen Potenzen geben sollen.

Es wird zwischen genetischen Rassismus ( gelerntes Verhalten wird naturali­siert, d. h. als angeboren behauptet ) und kulturellem Rassismus ( nämlich Le­bensgewohnheiten, Sitten und Gebräuche anderer negativ zu bewerten ) unter­schieden. Beide zielen auf die Ausgrenzung von anderen ab.

Der Rassismus des Ethnopluralismus liegt darin, daß keine Vermischung von Menschen, die unterschiedlichen Kulturen angehören, stattfinden soll. Hierbei wird eine Trennung aller Ethnien gefordert, welches zur Herstellung und Be­wahrung einer nationalen Identität führen soll. Hierbei wird deutlich, daß eine Ungleichheit der Menschen vorausgesetzt wird. Kulturell erworbene Unter­schiede werden nicht toleriert und sind unveränderbar und somit etwas von der Norm abweichendes, negatives oder abartiges.

Rassismus koppelt bestimmte Merkmale von Menschen mit bestimmten Eigen­schaften. Hieraus läßt sich der Schluß ziehen, daß durch „Erbgut“ einer „Rasse“ eine prinzipielle Unveränderbarkeit ergibt; somit gibt es eine unver­änderliche Überlegenheit und Unterlegenheit einer Ethnie.

Nationalismus ist eine übersteigerte Liebe zum eigenen Land, wobei das eigene Volk über alle anderen gestellt wird und eine ganze Hingabe des einzelnen für dieses Volk fordert. Damit verbindet sich der übersteigerte An­spruch auf Selbstbehauptung, Exklusivität und Überlegenheitsgefühl gegen­über anderen Nationen. Hierbei werden die Interessen des eigenen Volks über­betont und eine Annäherung zwischen den Völkern verhindert. Politisch be­deutet dies, daß eine parlamentarische Demokratie abgelehnt wird

Nach POSSELT liegt Rechtsextremismus immer dann vor, wenn die Grundelemente „Ungleichwertigkeit von Menschen“ und Gewaltakzeptanz zu­sammenfließen. Die Ungleichwertigkeit von Menschen bildet hierbei das zen­trale, integrierende Kernstück rechtsextremer Ideologien. Dies drückt sich un­ter anderem durch

- Rassistische Sichtweisen/Fremdenfeindlichkeit
- Behauptung „natürlicher Hierarchien“ ( Soziobiologie )
- Betonung „des Rechtes des Stärkeren“
aus.
Bezüglich der Gewaltakzeptanz werden folgende Aspekte hervorgehoben :
- Betonung autoritärer und militärer Umgangsformen und Stile
- Ablehnung demokratischer Regelungsformen von sozialen und politischen Konflikten
- Betonung des alltäglichen „Kampfes ums Dasein“

STÖSS ( 1989, S.19 ) formuliert in seiner Definition Rechtsextremismus als Demokratiefeindlichkeit, in dessen Folge Freiheits- und Gesundheitsrechte des Menschen negiert werden. Das gesellschaftliche Leitbild der Rechtsextremen geht von einer „natürlichen Ordnung“ der entsprechenden Volksgemeinschaft aus. Infolge dessen verschmelzen Volk und Staat zum Reich, welche dann eine „Einheit“ bilden, an dessen Spitze ein Führer steht.

Hierbei muß allerdings zwischen antidemokratischen Einstellungen und anti­demokratischen Verhaltensweisen unterschieden werden. Antidemokratische Einstellungen sind in der Regel vor antidemokratischen Verhaltensweisen

( z. B. politische Aktivitäten ) ausgebildet. Man spricht daher von latentem und manifestem Rechtsextremismus ( STÖSS 1989, S. 20 ).

Neben dem programmaitschen Rassismus gibt es eine Ablehnung von Fremden, die als Fremdenfeindlichkeit bezeichnet wird und in dem Überle­genheitsgefühl des eigenen Volkes begründet ist.

Fremdenfeindlichkeit bzw. Ethnopluralismus und Rassismus gehen von der Überlegenheit und Höherwertigkeit und damit einer gerechten Unterordnung der Minderheit aus. Fremdenfeindlichkeit geht davon aus, daß das Ungleichs­verhältnis von Gruppen in der Überlegenheit der eigenen Kultur begründet ist. Rassismus geht hierüber sogar noch hinaus und begründet es mit der Überle­genheit des Erbgutes. Damit ist prinzipiell keine Veränderung der behaupteten Ungleichheit und Ungleichwertigkeit möglich.

Hierbei ist entscheidend, daß nicht Wahrnehmung von Unterschiedlichkeit, sondern der Gebrauch des Unterschiedes zum eigenen Vorteil und als Waffe gegen das Opfer, bedeutsam für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ist.

2. Erklärungsansätze

Bei der Überlegung zur Ursache rechter bzw. rechtsextremer Einstel­lungen und Verhaltensweisen, gibt es unterschiedliche Theorien zur Erklärung des Phänomens Rechtsextremismus. Als Ursachen werden individuelle und gesamtgesellschaftliche Bedingungen verantwortlich gemacht. Hierbei gibt es eine Vielzahl von Erklärungsansätzen, die sich z. B. mit der Individualisierung

( Beck, Heitmeyer ) oder gesellschaftlichen Bedingungen wie Armut, Ost-Westverhältnis ( Held ) befassen.

In den folgenden Abschnitten möchte ich hierzu eine Übersicht über die Erklä­rungsmodelle bieten.

In der Fachpresse finden sich viele Beiträge zu jugendlichen Rechtsextremis­mus. Daher möchte ich in meinem ersten Teil auf diesen Bereich eingehen.

2.1 Wirtschaftliche und soziale Entstehungsbedingungen

2.1.1 Deprivations- und Desintegrationstheorie

Eine der populärsten Erklärungen zum Rechtsextremismus ist die aus der So­ziologie stammende Deprivations- und Desintegrationstheorie.

Der gesellschftliche Hintergrund hierbei ist die gesellschaftliche Individulisie­rung ( Beck ), welche die Grundlage für Heitmeyers Forschungen zu jugend­lichen Rechtsextremsimus und Gewalt ( Heitmeyer 1998 ) ist.

Deprivation bedeutet im soziologischen Verständnis, eine Unterversorgung bestimmter Individuen oder Gruppen einer Gesellschaft mit lebenswichtigen oder für unbedingt notwendig gehaltenen Gütern, Dienstleistungen oder Ein­kommen, so daß das soziale Existenzminimum unterschritten wird

( LEXIKON DER SOZIOLOGIE 1994, S. 134 ).

[...]


[1] Versuchte Tötungsdelikte, Körperverletzung, Brandstiftung, Verbreiten von Propagandamit­teln etc.

[2] Abkürzung : Bundeskriminalamt

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftliche Bedingungen des Rechtsextremismus
Hochschule
Fachhochschule Braunschweig / Wolfenbüttel; Standort Wolfenbüttel  (Sozialarbeit)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
34
Katalognummer
V3336
ISBN (eBook)
9783638120401
ISBN (Buch)
9783638638081
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Inkl. fünfseitigem Referatshandout. 192 KB
Schlagworte
Gesellschaftliche, Bedingungen, Rechtsextremismus
Arbeit zitieren
Katrin Klemme (Autor), 2001, Gesellschaftliche Bedingungen des Rechtsextremismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3336

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