Die Dialektik der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Auseinandersetzung mit den Thesen von Peter L. Berger und Hansfried Kellner


Essay, 2016

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Die nachfolgende Textdiskussion wird sich inhaltlich mit einem speziellen Aspekt der von Peter L. Berger und Hansfried Kellner 1965 in der Zeitschrift <Soziale Welt> publizierten Abhandlung <Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Abhandlung zur Mikrosoziologie des Wissens> auseinandersetzen. Dieser Aspekt ist das darin postulierte Phänomen der „[…] Kristallisation der sogenannten privaten Sphäre, die sich mehr und mehr der Kontrolle durch die öffentlichen Institutionen […] entzieht und die doch als entscheidender gesellschaftlicher Bereich, in dem der einzelne seine Selbstverwirklichung erreichen kann, definiert und verwendet wird“ (Berger & Kellner, 1965, p. 223). Die expliziten Ursachen dieses Phänomens werden in der Abhandlung von Berger und Kellner nicht näher erläutert. Es wird lediglich behauptet, dass es „[…] mehr oder weniger zufällig als Nebenprodukt der gesellschaftlichen Metamorphose durch die Industrialisierung entstand“ (ebd., p. 224). Ihrer Beschreibung zufolge lässt es sich mit drei, für die Kristallisation der privaten Sphäre symptomatischen, Vorgängen innerhalb unserer heutigen Gesellschaft charakterisieren. Diese manifestieren sich (1) in einem zunehmend a-nomischen Charakter der öffentlichen Sphäre. Laut Berger und Kellner treten „[d]ie öffentlichen Institutionen […] dem einzelnen als äußerst mächtige und fremde Welt gegenüber, die in ihrem Ablauf unverständlich und in ihrem humanen Charakter anonym ist“ (ebd., p. 223). Zum Schutz vor der drohenden Anomie in der öffentlichen Sphäre, (2) flüchtet sich das nach Selbstverwirklichung strebende Individuum immer stärker in die private Sphäre. Diese hat sich zudem (3) mit der Zeit zu einem, von der öffentlichen Sphäre entkoppelten und isolierten Gesellschafts- und Wirklichkeitsbereich entwickelt.

„Hier strebt der einzelne nach Macht, Verständlichkeit und – buchstäblich verstanden – nach einem Namen; vor allem aber sucht er die belegbare Macht, um eine, wenn auch liliputanische Welt zu formen, die sein Selbst wiederspiegelt: diese Welt erscheint ihm dann, da sie durch ihn geformt ist, durchschaubar und verständlich […] und steht damit im Gegensatz zu der anderen Welt, die auf ihn formend einwirkt; in der von ihm geformten Welt ist er jemand, vielleicht innerhalb seines Kreises sogar der Herr und Meister.“ (ebd., p. 224)

Die hier vorliegende Arbeit soll nun den Versuch unternehmen, der von Berger und Kellner formulierten Begründung des Phänomens, als zufällige Folge einer gesellschaftshistorischen Entwicklung, die folgende Gegenthese zur Diskussion zu stellen.

Das Phänomen der Kristallisation der privaten Sphäre lässt sich als notwendige Konsequenz einer Dialektik ableiten, die bereits dem Prinzip der Identitätsbildung inhärent ist, welches Berger und Kellner als integralen Bestandteil des nomischen Prozesses beschreiben, dessen Funktionsweise ihrer Theorie zugrunde liegt!

Dieser Prozess, „[…] der eine bestehende Wirklichkeit, die von dem einzelnen als für ihn bedeutsam erfahren werden kann, schafft, erhält und modifiziert“ (Berger & Kellner, 1965, p. 221), wird von ihnen wie folgt dargestellt.

Mit Anleihen aus den Theoriegebilden von Max Weber, George Herbert Mead, Alfred Schütz, sowie des französischen Philosophen und Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty, beschreiben Peter Berger und Hansfried Kellner die gesellschaftliche Wirklichkeit als eine Welt aus intersubjektiv geteilten Sinnzusammenhängen. Die für jede Gesellschaft spezifische Sprache dient dem Einzelnen hierbei als eine Art Grund- Handwerkszeug zur sinnhaften Strukturierung der Wirklichkeit, mit welchem er von der Gesellschaft schon früh nach seiner Geburt ausgestattet und vertraut gemacht wird. Die assoziative Struktur der sprachlichen Symbole bildet somit das Grundgerüst zur gesellschaftlichen Wirklichkeitserfahrung und –Schöpfung. Da diese nomische Grundstruktur der Sprache innerhalb der Gesellschaft von allen Gliedern gleichsam geteilt wird, erscheint sie dem Einzelnen als gegebene Faktizität. Somit erscheint auch die durch sie vorstrukturierte soziale Wirklichkeit dem Einzelnen als ihm von außen vermittelte, fremde Welt. Um das Bedürfnis zu befriedigen, sich selbst und die eigene Identität in ihr als sinnhaft zu erfahren, muss „[d]ie gesellschaftlich konstruierte Welt […] dem einzelnen fortlaufend vermittelt und von ihm aktualisiert werden, damit sie auch seine Welt wird und bleibt“ (ebd.). Er muss sie daher fortwährend mit seinen subjektiven Erfahrungen kanonisieren. So entsteht aus den im Laufe jeder Einzelbiographie kumulativ angehäuften Erfahrungen, eine in sich konsistente und einzigartige Version der Wirklichkeit. Die Gültigkeit seiner persönlichen Wirklichkeitsstruktur muss sich der Einzelne fortwährend selbst bestätigen. „Diese Bestätigung […] bedarf der fortdauernden Interaktion mit anderen, die die gleiche gesellschaftlich geschaffene Welt bewohnen“ (ebd.). Die häufigste und gleichzeitig direkteste Form einer solchen Interaktion ist das vis-a-vis -Gespräch, wie es laut Berger und Kellner charakteristisch für die intersubjektive Kommunikation der individuellen Wirklichkeitskonstruktionen innerhalb sogenannter signifikanter Beziehungen ist. Von diesen Konstruktionen ist zwar jede so individuell und einzigartig wie die Einzelbiographie der sie entsprungen ist, jedoch bildet sich aus ihren Schnittmengen ein „allgemeine[r] Konsensus“ (ebd.), welcher letztendlich der gesamtgesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit ihre Struktur verleiht. (ebd., pp. 220-ff)

Über die Plausibilität und Stabilität dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit schreiben Berger und Kellner, dass sie „[…] von der Stärke und Kontinuität signifikanter Beziehungen ab[hängen], die fortwährend ein Gespräch über diese Welt ermöglichen. Oder anders ausgedrückt: die Realität der Welt wird erhalten durch das Gespräch mit den `signifikanten anderen´“ (ebd., p. 222). Demnach ist jedwede Form der Interaktion zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft eine Quelle der Wirklichkeitsschöpfung. Je intensiver die stattfindende Interaktion, umso intensiver der ihr inhärente nomische Prozess und umso komplexer und stabiler die dabei konstruierte Wirklichkeitsstruktur. „Diese Realität umfaßt natürlich nicht nur die Vorstellungen, unter denen die Mitmenschen gesehen werden, sondern sie bestimmt auch die Weise, wie man sich selbst sieht“ (Berger & Kellner, 1965, p. 222).

Über die Funktionsweise des nomischen Prozesses lässt sich aus der Theorie von Berger und Kellner herauslesen, dass sich die ihn treibende Kraft aus zwei antagonistischen Bedürfnissen des Menschen speist. (1) Das Bedürfnis, eine möglichst objektivierte und plausible Struktur der Welt vorzufinden, aus welcher sich möglichst valide und persistente Erkenntnisse ziehen lassen. Befriedigung erfährt dieses Bedürfnis laut Berger und Kellner durch Objektivierung,

„[…] d.h. den Prozeß, durch den die subjektiv erfahrenen Sinnbedeutungen dem einzelnen objektiv verständlich werden und in der Interaktion mit anderen Allgemeingut und damit allgemeinverständlich objektiviert werden. Der Objektivierungsgrad hängt ab von dem Ausmaß und der Intensität der gesellschaftlichen Beziehungen, die ihn tragen.“ (ebd., p. 225)

(2) Das menschliche Bedürfnis, „[…] sich eine Welt, in der er zu Hause ist, zu schaffen […]“ (ebd., p. 224). Befriedigt wird es durch das Prinzip der Subjektivierung. Dabei werden die Erscheinungen in der objektiven Welt so vom Individuum in Bezug zur eigenen Identität gesetzt, dass diese zu seiner Welt wird. Einer Welt, „[…] in deren Zentrum seine Identität und seine Stellung in dieser Welt gerade auch durch die, die ihm als die ´signifikanten anderen` gelten, bestätigt werden“ (ebd., pp. 221-f).

Demnach ließe sich behaupten, dass der Grad in welchem sich die gesellschaftlich konstruierte Wirklichkeit dem Einzelnen als nomisch oder a-nomisch darstellt, von der Zahl der anderen Mitkonstrukteure bestimmt wird. Mit wachsender Zahl der Konstrukteure steigen der Objektivierungsgrad, die Plausibilität und die Stabilität der Wirklichkeit. Jedoch empfindet sich der Einzelne im selben Verhältnis immer weniger als Mitkonstrukteur, weshalb die soziale Welt ihm gegenüber a-nomisch erscheint und vice versa.

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die Dialektik der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Auseinandersetzung mit den Thesen von Peter L. Berger und Hansfried Kellner
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Soziologie)
Veranstaltung
Proseminar – Theorie und Gesellschaft II – Einführung in die Geschichte der Soziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V333855
ISBN (eBook)
9783668234833
ISBN (Buch)
9783668234840
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peter L. Berger, Hansfried Kellner, Wirklichkeit, Dialektik, konstruierte Wirklichkeit
Arbeit zitieren
Michael Nimmrichter (Autor), 2016, Die Dialektik der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Auseinandersetzung mit den Thesen von Peter L. Berger und Hansfried Kellner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/333855

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