Ziele und Entwicklung des Mainzer Jakobinerklubs von der Gründung bis zu seinem Niedergang


Masterarbeit, 2015

89 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Ursprünge des Jakobinismus in der frühen Phase der Französischen Revolution
1.1 Der Einfluss der Jakobiner auf die Menschenrechtserklärung in der Verfassungsgebenden Nationalversammlung
1.2 Die Ziele und die Maßnahmen der Jakobiner bis zur Verfassung von 1791
1.3 Die Verbreitung der Klubs in Frankreich am Beispiel des Straßburger Jakobinerklubs

2. Die Strukturen in Mainz vor der Französischen Revolution
2.1 Die Reaktionen im Mainzer Kurstaat auf die Revolutionsgeschehnisse in Frankreich
2.2 Die Mainzer Lesegesellschaft als mögliche Vorgängerorganisation des Mainzer Jakobinerklubs

3. Der Ausbruch des Ersten Koalitionskriegs des Habsburgerreichs und Preußens gegen das revolutionäre Frankreich und die Folgen für das Kurfürstentum Mainz
3.1 Die Gründung der „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit“
3.2 Die Ziele des Mainzer Jakobinerklubs in seinem ersten Monat
3.3 Die Statuten des Mainzer Jakobinerklubs
3.4 Die französischen Absichten und der Einfluss der Besatzungsmacht und der Straßburger Gesellschaft auf den Klub

4. Die Strategien für das Anwerben neuer Mitglieder und die Sozialstruktur des Klubs
4.1 Die Ziele des Georg Forster als führendes Mitglied
4.2 Der Werdegang des Mathias Metternich: Vom privilegierten Bauernsohn zum überzeugten Jakobiner

5. Die Eroberung Frankfurts durch die Preußen und ihre Auswirkungen auf Mainz und den Klub
5.1 Das Dezemberdekret und seine Folgen bis Ende Januar 1793
5.2 Die Mainzer Jakobiner in den Vorbereitungen zu den Wahlen im Februar und März 1793
5.3 Die Wahlen zu den Munizipalitäten und zum Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent
5.4 Die „Erneuerung“ des Klubs unter dem Einfluss der Ausrufung der Mainzer Republik und des Anschlusses an Frankreich

6. Konterrevolutionäre und Gegner des Jakobinismus in Mainz
6.1 Der Niedergang des „zweiten Mainzer Jakobinerklubs“ und des Jakobismus in der Zeit preußischen Belagerung
6.2 Der Werdegang der ehemaligen führenden Klubisten nach der Einnahme von Mainz durch die Preußen

Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis und Eidesstaatliche Versicherung

Einleitung

Die Französische Revolution übte auf Europa und insbesondere auf die deutschen Staaten einen immensen Einfluss aus. Dies geschah nicht zuletzt mittels des Ersten Koalitionskriegs des revolutionären Frankreichs gegen die absolutistischen Königreiche, Fürsten-und Herzogtümer des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. In der frühen Phase der Revolutionsereignisse entstanden politische Gesellschaften, die die Entwicklungen in Frankreich entscheidend mitbestimmten. Hierzu gehörten vorrangig die Jakobinerklubs, die namhafte Revolutionäre wie beispielsweise Maximilien Robespierre oder Georges Danton hervorbrachten. Im Zuge der Besetzung von Mainz und weiten Teilen des Rheinlandes, der Pfalz und Rheinhessens durch die Franzosen von Oktober 1792 bis Juli 1793, vollzog sich ebenso der Export des Jakobinimus nach Deutschland. Innerhalb kürzester Zeit bildeten sich dort mehrere Jakobinerklubs, die fortan darum bemüht waren, die Ideen von Freiheit und Gleichheit auch in ihren Gebieten zu verwirklichen. Der größte und bedeutendste deutsche Jakobinerklub existierte in Mainz. Diese Gesellschaft, die Zeit ihres Bestehens von renommierten Persönlichkeiten aus dem Bildungsbürgertum wie unter anderem Georg Forster, Mathias Metternich oder Georg Wedekind begründet und geführt wurde, kann als erste revolutionäre Volksbewegung im deutschsprachigen Raum bezeichnet werden. Wie dem Titel dieser Arbeit zu entnehmen ist, beschäftigt sie sich mit den Zielen und der Entwicklung des Mainzer Jakobinerklubs. Es wird der Frage nachgegangen, welche expliziten Ziele die Mitglieder dieser Gesellschaft verfolgten und welche davon in der Praxis erreicht werden konnten. Des Weiteren wird der Einfluss der Franzosen auf den Klub analysiert. Dabei wird erforscht, in wie weit eine Kooperation der Mainzer Jakobiner mit den Klubisten französischer Gesellschaften erfolgte und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen sind. Ferner wird nachgewiesen, welche Maßnahmen der Klub anwendete, um die Bevölkerung für seine Anliegen zu gewinnen. Zudem geht diese Arbeit auf die soziale Zusammensetzung nach Berufsschichten in dieser Revolutionsgesellschaft ein und befasst sich letztlich mit den Ursachen für den Niedergang.

Das erste Kapitel widmet sich den Ursprüngen des Jakobinimus in Frankreich und damit zugleich den wichtigsten Revolutionsgeschehnissen von 1789 bis 1791. Dazu zählen unter anderem die Gründe für den Ausbruch der Revolution, die Ausrufung der Nationalversammlung in Paris und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Dabei wird der Anteil, der diesbezüglich von den französischen Jakobinern ausging, dargestellt. Zusätzlich wird erklärt, wie und warum die Jakobinerklubs zur Massenbewegung der Revolution wurden.

Das zweite Kapitel befasst sich mit den Strukturen in Mainz vor 1789 und den Reaktionen der kurfürstlichen Regierung auf die revolutionären Ereignisse in Frankreich bis 1791. Außerdem wird hier versucht, die Frage zu beantworten, ob es sich bei der Mainzer „Gelehrten Lesegesellschaft“ um eine mögliche Vorgängereinrichtung des Jakobinerklubs handelte oder nicht.

Im dritten Kapitel geht es dann um die Bedingungen für die Entstehung des Klubs nach der Eroberung von Mainz durch die französische Armee im Oktober 1792. Dieser Teil der Arbeit beschreibt die Entwicklung und die Maßnahmen der Mitglieder für die Mobilisierung der Einwohner der Stadt im ersten Monat nach der Klubgründung und erläutert die innere Organisation durch eine ausführliche Darstellung der Statuten. In dieser Hinsicht wird die Rolle der Besatzungsmacht und der Straßburger Gesellschaft verdeutlicht. Die Beziehungen von Mainz nach Straßburg finden an dieser Stelle eine besondere Beachtung.

Das vierte Kapitel untersucht die Sozialstruktur des Klubs und geht somit darauf ein, inwiefern die Mobilisierungsstrategien in der Bevölkerung von Erfolg gekrönt waren. Hierzu wird eine Auflistung der Mitglieder nach Beruf und sozialem Stand zum Zeitpunkt der höchsten politischen Wirksamkeit der Gesellschaft durchgeführt. Um den Stellenwert der wichtigsten Klubmitglieder zu untermauern, folgen noch kurze Portraits zu Forster und Metternich.

Die Kapitel fünf und sechs setzen sich mit dem Niedergang des Jakobinimus in Mainz und aller sonstigen okkupierten Territorien auseinander. Es werden Gründe angeführt und belegt, weshalb seit Dezember 1792 ein kontinuierlicher Mitgliederrückgang einsetzte. Ebenso wird die Besatzungspolitik der Franzosen begutachtet. Unter dem Gesichtspunkt der Rückeroberung von Frankfurt durch die preußischen Truppen werden die Tätigkeiten der Jakobiner, allen voran das Engagement Forsters, an der Vorbereitung der Wahlen zu den Munizipalitäten in den besetzten Gebieten, die Gründungen des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents und der Mainzer Republik sowie deren Vereinigung mit Frankreich im März 1793 einbezogen. Es wird auf die schwierigen Umstände der Belagerung von Mainz durch die Preußen und ihrer Bündnispartner eingegangen. Zudem wird beschrieben, welchen konterrevolutionären Strömungen die Mainzer Jakobiner ausgesetzt waren. Abschließend werden im Fazit noch einmal alle recherchierten Ergebnisse zusammengefasst und die Fragen, von denen diese Arbeit ausgegangen war, beantwortet.

Hinsichtlich des Forschungsstands festgehalten werden, dass es hierbei um ein Thema handelt, das von Historikern umfangreich bearbeitet und diskutiert worden ist. Es fällt auf, dass hierzu gerade in den 1980er Jahren viel Literatur verfasst wurde. In Bezug auf diese Arbeit können vor allem die Werke Walter Grabs zu den deutschen Jakobinern und die Publikationen Heinrich Scheels zur Mainzer Republik genannt werden. Neben dem dritten Band von 1989 dienten die Editionen eins und zwei mit den Untertiteln „Protokolle des Jakobinerklubs“ sowie „Protokolle des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents mit Quellen zu seiner Vorgeschichte“ als besonders hilfreiche Quellenmaterialien.

Außerdem waren für meine Arbeit noch einige Quellen aus dem Mainzer Stadtarchiv, das ich im März 2015 zweimal besucht habe, sehr nützlich.

1. Die Ursprünge des Jakobinismus in der frühen Phase der Französischen Revolution

Bevor man sich intensiv mit dem im Oktober 1792 gegründeten Mainzer Jakobinerklub beschäftigt, sollten zunächst einmal die Ursprünge des Jakobinismus von der Französischen Revolution ausgehend dargelegt werden. Die Jakobiner in Frankreich werden vor allem mit der Radikalisierung der Revolution durch die Maßnahmen des „Terreur“ in den Jahren 1793 und 1794 in Verbindung gebracht. Hierzu zählen bedeutende Persönlichkeiten wie Maximilien de Robespierre, Louis Antoine de Saint-Just oder Georges Danton, die wie Walter Grab anmerkt, „die Nation und die Revolution verteidigten und entschlossen waren, alle Reserven und Hilfsquellen zu mobilisieren, um über die inneren und äußeren Feinde Frankreichs den Sieg zu erringen.“[1] Die brutale Phase der jakobinischen Schreckensherrschaft zeigt, welche verhängnisvollen Ausmaße die Revolution im Laufe der Zeit annahm. Die Protagonisten an der Spitze des Landes fürchteten Feinde und Verschwörer, die eine mögliche Bedrohung für den Staat darstellten. In dieser Zeit war kein Bürger davor gefeit durch die Guillotine hingerichtet zu werden. Von derartigen Exekutionen blieben sogar die Jakobiner selbst nicht verschont, wie beispielsweise die Hinrichtungen von Danton und seiner Anhänger am 5. April 1794 belegen.[2] Hinzu kamen die befürchteten Bedrohungen durch die nach wie vor absolutistischen Staaten aus dem Ausland. Schließlich hatte sich das revolutionäre Frankreich ab 1792 mit dem Habsburgerreich und mit Preußen militärisch auseinandersetzen müssen. Dies veranlasste die radikalen Jakobiner um Robespierre gegen Verschwörer, die sich möglicherweise mit dem feindlichen Ausland verbündet hatten, im Sinne des „Terreur“ zu handeln. Dennoch sollte der Jakobinismus in Frankreich nicht ausschließlich auf diese Phase reduziert werden, da man dadurch dieser Bewegung in der Gesamtbewertung keinesfalls gerecht würde. Daher soll an dieser Stelle auch nicht näher auf die Schreckensherrschaft von 1793 bis 1794 eingegangen werden.

Um zu den Ursprüngen der Jakobiner zu gelangen, ist eine einleitende Darstellung zu den frühen Ereignissen der Französischen Revolution erforderlich. Diese waren ausschlaggebend für die Entstehung von Gesellschaften und Klubs. Der 14. Juli 1789 wird aufgrund des Volkssturms auf die Bastille in Paris als offizielles Datum für den Ausbruch der Revolution genannt. Jedoch hätte sich ein solcher Vorfall schon einige Jahre zuvor ereignen können, da sich das Land bereits lange vor dem Jahr 1789 in einer schweren Krise befand. Die Missstände, die den Staat betrafen, bestanden nicht erst seit der Regentschaft Ludwigs XVI. , sondern waren das Ergebnis einer Entwicklung des gesamten 18. Jahrhunderts. Als die entscheidenden Ursachen für die Revolution werden die seit der Herrschaft Ludwigs XIV. kontinuierlich angestiegene Staatsverschuldung, der absolutistische Regierungsstil, die Reformunfähigkeit der Monarchie sowie die zunehmenden Unruhen in der Bevölkerung wegen extremer Hungersnöte durch stetige Erhöhungen der Getreidepreise aufgeführt.[3] Die seit Jahrhunderten bestehenden hierarchischen Strukturen der Ständegesellschaft und der damit einhergehende Feudalismus verschärften die Krise. Der politisch rechtlose Dritte Stand, der zirka 98 Prozent der Bevölkerung stellte, musste neben seinen allgemeinen schwierigen Lebensbedingungen noch die Hauptlast der Schuldentilgung tragen.[4] Des Weiteren kann eine Schwäche der Monarchie ausgemacht werden, da Ludwig XVI. nicht in der Lage war, die Strukturen des Agrarkapitalismus zu reformieren. Dem König gelang es nicht, die Privilegien des politisch mächtigen Adels aufzuheben. Somit beteiligten sich die Mitglieder des neben dem Klerus bedeutenden Standes nicht annähernd ausreichend am Abbau der Staatsschulden. Die überwiegende Mehrheit des Adels lehnte die Einführung einer Grundsteuer für alle Stände ab.[5] Diese Haltung wurde in der am 22. Februar 1787 vom König einberufenen Notablenversammlung deutlich. Ludwig XVI. erhoffte sich von den führenden Vertretern des Hochadels, dass diese die Finanzkrise lösen würden. Doch die Versammlung versuchte die Reformunfähigkeit des Herrschers für ihre eigenen Interessen zu nutzen. Die Anwesenden verfolgten die Errichtung eines Staates unter aristokratischer Führung, in der der Monarch kein absoluter Souverän mehr sein sollte. Jedoch konnte dieses Ziel nicht durchgesetzt werden, da die Notablenversammlung am 25. Mai 1787 aufgelöst wurde. Aufgrund der Revolte des Adels gegen die Monarchie wird in der Forschung bereits dieser Zeitraum als Prärevolution bezeichnet.[6]

Ein weiterer wichtiger Impuls, der die bestehenden Gegebenheiten anprangerte und zu einem allgemeinen Wandel aufrief, ging von den Ideen der Aufklärung aus. Die darin angeführten Forderungen zur Auflösung der Vorrechte von Adel und Klerus wurden vor allem vom im 18. Jahrhundert stark gewachsenen Bürgertum sowie von Schriftstellern vorangetrieben.[7] Diese lehnten die existierenden Verhältnisse, die von Absolutismus, Feudalismus und ständischer Ordnung gekennzeichnet waren, vehement ab. Stattdessen forderten sie nicht nur eine Steuerreform, sondern eine allgemeine Modernisierung des Staates, die auf vernunftorientierten Prinzipien beruhte. Dies bedeutete, dass die Freiheit des Individuums in der staatlichen Ordnung erreicht werden musste. Der Dritte Stand sollte nicht länger unter den Privilegien von Adel und Klerus leiden, sondern mit diesen rechtlich gleichgestellt werden und im Sinne der Aufklärung politisch partizipieren dürfen. Von der Verwirklichung dieser Ziele war man jedoch im Jahr 1788 noch ein gutes Stück entfernt.

In diesem Jahr erklärte Ludwig XVI. die Einberufung der Generalstände, um die bestehenden Probleme zu lösen. Die Tatsache, dass sich ein französischer König zum ersten Mal seit 1614 dazu genötigt sah, verdeutlicht die schwere Krise, in der sich das Land befand.[8] Zudem ist es wiederum ein Beleg dafür, dass die Monarchie nicht fähig war, Reformen selbst einzuleiten. Die Besonderheit der Generalstände bestand darin, dass hier auch der Dritte Stand vertreten war. Allerdings war dieser in seiner Einflussnahme wiederum mit den beiden führenden Ständen nicht gleichgestellt. Dies ging schon aus dem Abstimmungsverfahren hervor, da die Abstimmungen nicht nach Köpfen, sondern weiterhin nach Ständen erfolgen sollten. Wegen dieser Zustände formulierte der Dritte Stand im Winter 1788/89 seine Forderungen hinsichtlich der politischen Mitbestimmung anhand einer immensen Flugschriftenliteratur. Hieran beteiligte sich nicht nur der Dritte Stand. Denn die wohl bekannteste und einflussreichste Schrift wurde von Emmanuel Joseph Sieyés, einem Mitglied des privilegierten Klerus verfasst. Dies ist ein Beleg dafür, dass die revolutionäre Bewegung auch die privilegierten Stände erfasst hatte. Das Pamphlet trug den Titel „Was ist der Dritte Stand?“. Sieyés stellt hier die Forderungen des Dritten Standes dar, indem er unverbindlich folgende Fragen aufwirft: „Was ist der Dritte Stand? Alles. Was ist er bisher in der staatlichen Ordnung gewesen? Nichts. Was will er? Etwas darin werden.“[9] Sieyés macht darauf aufmerksam, dass sich der Dritte Stand als das Volk und die Nation sieht. Die Verwendung des Begriffs „Nation“ sollte in der Folgezeit eine wichtige Rolle spielen. Daraus legitimierte man das Recht, dass die 98 Prozent der Bevölkerung nun endlich in die staatliche Ordnung politisch integriert werden mussten. Ein weiteres wichtiges Ziel war die Konzeption einer Verfassung, in der dies auf rechtlicher Basis gesichert werden sollte.[10] Trotz der Reform, dass die Anzahl der Abgeordneten des Dritten Standes im Dezember 1788 verdoppelt und damit die „Nation“ besser repräsentiert wurde, konnten die Generalstände die gewünschten Ziele und Hoffnungen nicht verwirklichen. Auch wenn bis zum Frühsommer 1789 eine zunehmende Partizipation der Nichtprivilegierten zu verzeichnen war, versuchte die Regierung den Absolutismus aufrechtzuerhalten. Ludwig XVI. und sein Finanzminister Jaques Necker ließen durchblicken, dass die Generalstände für sie in erster Linie die Funktion hatten, zur Sanierung der maroden Staatsfinanzen beizutragen und weniger das komplette System zu reformieren. Als dem König am 2. Mai 1789 die Abgeordneten vorgestellt wurden, trat er für die Beibehaltung der Differenzierung der Stände ein.

Bei der feierlichen Eröffnungssitzung nur drei Tage später unterstütze Necker die Haltung des Monarchen, da er weder auf Reformen bezüglich der Abstimmungen nach Köpfen noch auf die Verfassungsfrage einging. Dies sollte nun schwerwiegende Konsequenzen für das „Ancien Régime“ haben.

In der folgenden Entwicklung können nun auch die Ursprünge des Jakobinismus hergeleitet werden. Da die Regierung zu keinen der geforderten Reformen bereit war, traten die Abgeordneten des Dritten Standes aus den Generalständen aus. Ein wichtiger Grund hierfür war unter anderem die Maßnahme des Königs gewesen, den Plenarsaal am 23. Juni 1789 wegen einer monarchischen Sitzung zu besetzen. Darum kam es zum berühmten Ballhausschwur.[11] Gleichzeitig rief der Dritte Stand die reformwilligen Akteure aus den anderen beiden Ständen dazu auf, ihnen zu folgen und eine eigene Versammlung zu gründen, um die Abschaffung des Systems voranzutreiben. Tatsächlich solidarisierten sich viele Geistliche und zum Teil auch Adlige mit dem Dritten Stand und riefen mit diesem die Nationalversammlung aus.[12] Ludwig XVI. gab diesem Druck nun nach und befahl am 27. Juni 1789 den restlichen Abgeordneten sich ebenfalls dieser Versammlung anzuschließen. Diese Reaktion, die Souveränität des Herrschers auf die Nation zu übertragen und den Monarchen somit seiner bedeutendsten Funktion zu entheben, war revolutionär. Da das wichtigste Ziel die Schaffung einer Verfassung war, sprach man in Anlehnung daran von der Verfassunggebenden Nationalversammlung.

Der entscheidende Träger dieser revolutionären Ideen war die Jakobinerbewegung, die ursprünglich aus dem „Bretonischen Klub“ hervorging.[13] Die Bretagne galt in Frankreich als Sonderfall hinsichtlich der frühen Entwicklung eines demokratischen Systems. Aufgrund des Tatbestands, dass es hier ein Regionalparlament gab, dass unabhängig von den Generalständen agierte, konnte mit Hilfe des Bretonischen Klubs eine Bewegung entstehen, die sich im Laufe des Jahres auch auf den bedeutendsten Pariser Vorort und fortan auf andere Gebiete Frankreichs auswirkte. Als Treffpunkt nutzten seine Mitglieder nämlich das Café Amaury in Versailles. Das Vorbild für diesen Klub kann auf die schon existierenden parlamentarischen Strukturen in England zurückgeführt werden.[14] Die Mitglieder des Bretonischen Klubs stammten vorwiegend aus dem Bürgertum und damit aus dem Dritten Stand sowie aus dem niederen Klerus. Jedoch spaltete sich dieser Klub nur wenige Wochen nach dem Ausbruch der Revolution im August 1789 und löste sich auf. Der Grund hierfür waren Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Vetorechts des Königs gewesen. Dennoch löste sich nicht die Bewegung auf. Einige der ehemaligen Mitglieder plädierten schon im Herbst des gleichen Jahres für eine Neugründung des Klubs, jedoch nicht mit allen vorigen Anhängern. Insbesondere Sieyés war einer derjenigen Personen, die sich dafür engagierten. So kam es, dass sich dieser mit Claude-Christophe Gourdan, der im Jahr 1793 kurzzeitig Vorsitzender der Nationalversammlung sein sollte, im Oktober 1789 traf, um mit ihm über dieses Anliegen zu sprechen. Gourdan stimmte den Plänen Sieyés zu.[15] Nur zwei Monate später im Dezember 1789 gründete Gourdan in der Bibliothek des Klosters Sankt Jakob in Paris die „Gesellschaft der Freunde der Verfassung“.[16] Dem Klub schlossen sich in kürzester Zeit noch Personen wie Robespierre, der schon im März 1790 als Präsident des Klubs fungierte, sowie der Graf Mirabeau an. Den Treffpunkt der regelmäßigen Versammlungen bildete von nun an das Pariser Kloster Sankt Jakob. Hierdurch erhielten die Jakobiner auch schließlich ihren Namen. In der Verfassunggebenden Nationalversammlung wurden die Jakobiner zu einer mächtigen Fraktion.

1.1 Der Einfluss der Jakobiner auf die Menschenrechtserklärung in der Verfassunggebenden Nationalversammlung

Der Jakobinismus war eine bedeutende Bewegung für den Ausbruch und den fortsetzenden Verlauf der Französischen Revolution. Seine Anhänger strebten die endgültige Entmachtung des Absolutismus sowie die Aufhebung der Ständegesellschaft an. Durch die Nationalversammlung sollte die alte Ordnung mit Hilfe einer Verfassung abgeschafft werden. Die Ausarbeitung einer solchen Konstitution sollte sich jedoch noch bis ins Jahr 1791 hinziehen.

Ein enorm wichtiges Ereignis, das hierfür auf dem Weg bis dahin erwähnt werden muss, war die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789. Auch hieran hatten die Jakobiner ihren Anteil. Robespierre etwa, von Beruf Rechtsanwalt, hatte als Abgeordneter der Nationalversammlung entscheidend an der Menschenrechtserklärung mitgewirkt. In seinen Ausführungen zu dieser Deklaration wird deutlich, dass sich die Grundsätze von Freiheit und Gleichheit nicht nur an Frankreich, sondern im Endeffekt an alle Nationen richteten. Er betont, die Erklärung habe „universale, unabänderliche und unverjährbare Rechtsgrundsätze geschaffen, um auf alle Völker angewandt zu werden.“[17] Hierbei formuliert Robespierre bereits den Anspruch, dass das revolutionäre Frankreich seine nach den Prinzipien der Aufklärung reformierte Ordnung auch auf alle anderen Staaten Europas übertragen müsste. Schließlich bezog sich der Begriff der Menschenrechte nicht ausschließlich auf das französische Volk, sondern auf die gesamte Menschheit. Die Menschenrechtserklärung ging der Verfassung voraus, da sie die Grundlage für die Schaffung einer Konstitution war. Dabei hatte man sich am amerikanischen Vorbild orientiert. Hinzu kam, dass auch Thomas Jefferson, einer der Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung von 1787, die Ausarbeitung der Deklaration der Menschenrechte in Frankreich beeinflusst hatte.[18] Die Menschen- und Bürgerrechte standen unmittelbar in Zusammenhang mit den Werten der Aufklärung und brachte den Sieg des aufstrebenden Bürgertums, aus dem viele Jakobiner stammten, über das „ Ancien Régime“ zum Ausdruck. Sie sicherten die natürlichen Freiheiten des Individuums. Dazu zählten die rechtliche Gleichstellung aller Bürger, das Recht auf Eigentum, die Religionsfreiheit, die Pressefreiheit, die Meinungsfreiheit sowie die Garantie des Staates für die Sicherheit jedes Einzelnen. Die Deklaration setzte sich aus insgesamt siebzehn Artikeln zusammen und kann als Epochenereignis in der Weltgeschichte bezeichnet werden.[19] Hiermit wurde der alten Ordnung gewissermaßen der Todesstoß versetzt, da dies die Auflösung der Ständegesellschaft und damit das Ende der Privilegien von Adel und Klerus zur Folge hatte.

Jedoch wäre die Durchsetzung der Deklaration beinahe am Widerstand des Königs, der zunächst seine Unterschrift der Menschenrechtserklärung verweigerte, gescheitert. Ludwig XVI. zeigte sich nach dem Verlust seiner Kompetenzen durch die Nationalversammlung nicht bereit, nun noch der Abschaffung der ständischen Ordnung und des Feudalismus zuzustimmen.[20] Um dem Monarchen entgegenzukommen, gestattete ihm die Nationalversammlung ein Vetorecht. Dadurch hatte er die Möglichkeit auf die Gesetzgebung Einfluss auszuüben und Gesetze der Konstituente, denen er nicht zustimmte, zu blockieren. Diese Entscheidung, dem Herrscher doch wiederum Kompetenzen zukommen zu lassen, führte in der Nationalversammlung zu Spannungen unter den Abgeordneten. Hinsichtlich der Jakobinerbewegung kam es zur Auflösung des Bretonischen Klubs, da dieser in den Fragen zum Machteinfluss des Monarchen unstimmig war und sich daher spaltete. Robespierre und Marat gehörten zu jenen Jakobinern, die die Einmischung des Herrschers in die Gesetzgebung vehement ablehnten. Bis Anfang Oktober 1789 wurde wie in der jüngeren Vergangenheit eine Flut von Zeitungen, Flugblättern und Pamphleten, die sich gegen die Einflussnahme des Königs richteten, verfasst. Nachdem am 5. Oktober 1789 7.000 Proletarierfrauen nach Versailles marschiert waren, um gegen dieses Vetorecht und für eine Verbesserung der Brotpreise zu protestieren, gab Ludwig XVI. doch nach und ratifizierte die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.[21] Zudem sorgte dieser Zug der Protestierenden für die Übersiedlung des Königs von Versailles, dem ursprünglichen, traditionellen Residenzort der französischen Monarchen, nach Paris. Dieser Vorfall ereignete sich nur knapp drei Monate nach dem Sturm auf die Bastille und ist daher ein Beleg für die Fortsetzung der Revolution, die die Umsetzung der Freiheitsideale des Volkes zum Ziel hatte.

1.2 Die Ziele und die Maßnahmen der Jakobiner bis zur Verfassung von 1791

Nach der Durchsetzung der Menschen- und Bürgerrechte waren die Abgeordneten der Nationalversammlung darum bemüht weitere wichtige Maßnahmen für die Ausarbeitung einer Verfassung zu treffen. Die Jakobinerbewegung trat für die Errichtung eines auf Volkssouveränität und Gewaltenteilung beruhenden bürgerlich-parlamentarischen Staates ein. Sie hatte die Ideen der Revolution mitgetragen und begrüßten jedweden Aufstand der Bevölkerung gegen die alte Ordnung. Die Anhänger des alten Regimes hatten den Jakobinismus schon in dieser frühen Phase der Revolution mit Fanatismus, Ausschreitungen und Gewalt gleichgesetzt.[22] Obwohl die Jakobiner ihre Ziele auf reformistischem, friedlichem Weg erreichen wollten, lehnten sie die revolutionäre Gewalt nicht prinzipiell ab. Das Zentrum des Jakobinismus ging von Paris aus und konnte somit entscheidend auf die Nationalversammlung und die Revolution einwirken. Nach der Gründung des ersten Jakobinerklubs im Dezember 1789 traten diesem innerhalb weniger Wochen bereits mehrere hundert Personen bei.[23] Diese mussten eine Aufnahmegebühr von zwölf Livres und einen Jahresbeitrag von 24 Livres zahlen. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Mitglieder aus dem Bürgertum stammte, blieb anderen Schichten der Beitritt nicht verwehrt. Der Jakobinismus verbreitete sich rasch, indem es seit 1790 in ganz Frankreich zu Gründungen von Jakobinerklubs kam. Um ihrer Bewegung einen weiteren Nachdruck zu verleihen und sich öffentlich auffallend zu repräsentieren, wurden Symbole wie der Freiheitsbaum sowie die später berühmte Freiheitsmütze verwendet. Die rote Jakobinermütze ging ursprünglich auf die Kopfbedeckung befreiter Galeerensträflinge zurück, während der Freiheitsbaum als Friedens- und Hoffnungssymbol des Volkes glorifiziert wurde.[24] Durch diese Entwicklung wurde der Jakobinismus mit einer großen Zahl von Abgeordneten aus der Nationalversammlung und den vielen Klubs im ganzen Land zur Massenbewegung der Revolution. Neben dieser entstanden in den Jahren 1789 und 1790 noch andere Klubs wie zum Beispiel der Klub der Cordeliers, dem ebenso namhafte Revolutionäre wie Danton oder Marat, die sich später ebenso den Jakobinern anschlossen, angehörten.

Das erste wichtige Ziel der Jakobiner und aller Abgeordneten in der Nationalversammlung war nach der Menschenrechtserklärung die Lösung der Finanzkrise. Um die maroden Staatsfinanzen zu beheben, beschloss die Nationalversammlung am 2. November 1789 die Verstaatlichung des Kirchenbesitzes, dessen Wert auf zirka vier Milliarden Livres geschätzt wurde.[25] Durch die Säkularisation verpflichtete sich der Staat zugleich für die Gehälter der Geistlichen aufzukommen. Nur sechs Wochen später wurden alle Kirchengüter des Landes für 400 Millionen Livres zum Verkauf angeboten. Diese Summe wurde für Schatzanweisungen ausgegeben, kurz darauf zum Zahlungsmittel erklärt und in Papiergeld umgewandelt. Hierdurch entstand jedoch eine sich rasant ausbreitende Inflation, die wiederum zur Verknappung von Lebensmitteln in den Städten sowie zum Horten von Getreide und Rohstoffen durch Spekulanten führte. Für den Klerus bedeutete die Säkularisation, dass die Geistlichen in Staatsbeamte umgewandelt wurden. Des Weiteren wurde die Anzahl der Bischöfe in Frankreich von 133 auf 83 verringert.[26] Das Verhältnis von Kirche und Staat wurde neu geordnet und es verlangte von den mächtigen Geistlichen auf ihre Privilegien zum Wohle der Nation zu verzichten. Wie einst beim König regte sich ebenso beim Klerus teils heftiger Widerstand gegen diese Bestimmungen. Zahlreiche Bischöfe verweigerten der Säkularisation ihre Zustimmung. Zudem fühlte sich etwa die Hälfte der französischen Pfarrer mehr der päpstlichen Kurie in Rom verbunden. Papst Pius VI., der bereits die Menschenrechtserklärung verurteilt hatte, lehnte die neue Kirchenordnung und die Maßnahmen der Revolution in Frankreich vehement ab.[27] Die Folge war eine Spaltung des französischen Klerus in Befürworter und Gegner der Revolution. Für die Jakobiner stellte die römisch-katholische Kirche dadurch fortan ein Feindbild dar.

Neben der Verstaatlichung von Kirchengütern waren die Regelungen in Bezug auf die politische Partizipation des Volkes ein wichtiges Thema. Die Nationalversammlung einigte sich darauf, dass hier nicht alle Bürger die gleichen Rechte besaßen und den meisten von ihnen die politische Mitbestimmung verwehrt blieb. So kam es zur Unterscheidung von Aktiv- und Passivbürgern. Zu den Aktivbürgern gehörten alle männlichen Franzosen, die mindestens 25 Jahre alt und seit mindestens einem Jahr in Frankreich ansässig waren sowie Steuern im Wert von mindestens drei Tagelöhnen pro Jahr entrichteten. Diese bestimmten die Wahlmänner, die wiederum die Abgeordneten der Konstituente wählten. Abgeordnete konnten ausschließlich Bürger, die Grundbesitzer waren und eine Steuerleistung von mindestens 50 Livres jährlich zahlten, werden. Die Einwohnerzahl Frankreichs betrug zum damaligen Zeitpunkt etwa 25 Millionen, von denen letztlich nur 4,3 Millionen Aktivbürger und nicht mehr als 50.000 Wahlmänner waren.[28] Zu den Passivbürgern, die von der politischen Partizipation nach wie vor ausgeschlossen waren, zählte man Frauen und allgemein alle Personen ohne Grundbesitz und hohes wirtschaftliches Einkommen. Mit diesem Zensuswahlrecht wurde die Bevölkerung also durch die Differenzierung von Aktiv- und Passivbürgern, Wahlmännern und Abgeordneten in vier Klassen unterteilt. Dem zufolge hatten auch die Jakobiner in der Nationalversammlung keine Gleichheit der politischen Rechte aller Bürger herbeiführen können. Für Robespierre war dies eine Verletzung der Menschenrechte, da die Bedingungen für das Wahlrecht eindeutig den Prinzipien der staatsbürgerlichen Gleichheit widersprachen.[29] Daher muss festgehalten werden, dass die Grundsätze der Revolution von Freiheit und Gleichheit auf politischer Ebene nicht umgesetzt wurden. Die politische Mitbestimmung war vom Geschlecht und dem eigenen sozialen Status abhängig. Diese Zustände sind ein Beleg dafür, dass trotz der staatsphilosophischen Werte, die auf den Ideen der Aufklärung beruhten, weiterhin die Absicherung von privilegierten, hierarchischen Strukturen bestand. Von diesem Standpunkt aus betrachtet konnten sich die jakobinischen Ziele nicht komplett durchsetzen.

In Bezug auf die Ausarbeitung der Verfassung von 1791 konnten die Jakobiner dennoch mehrere Ziele erreichen. Auch wenn sie das Zensuswahlrecht größtenteils ablehnten, war es dennoch im Nachhinein ein erster wichtiger Schritt in die Richtung einer absoluten Volkssouveränität. Die Konstitution erklärte ebenso die von den Jakobinern angestrebte Gewaltenteilung, die mit der Etablierung einer modernen, demokratischen Staatsform einherging. Außerdem garantierte sie die bereits in der Menschenrechtserklärung formulierte Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Dies sorgte für die endgültige Aufhebung der ständischen Ordnung im rechtlichen Sinne. Hierfür hatten sich die Jakobiner seit ihrer Entstehung eingesetzt. In politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht blieben die Ungleichheiten allerdings bestehen.[30] Nicht zuletzt durch den Einfluss der Jakobinerbewegung setzte die Nationalversammlung mit der Verfassung eine konstitutionelle Monarchie um. Der König war nun auch auf rechtlicher Basis nicht mehr länger der durch Gott legitimierte Souverän des Staates, sondern hatte sich den Bestimmungen in der Verfassung zu unterwerfen. Zudem hatte er nicht mehr die Finanzhoheit inne. Er erhielt eine sogenannte Zivilliste von 25 Millionen Livres pro Jahr sowie eine Garde von 1.200 Mann Infanterie und 600 Reitern zu seinem eigenen Schutz.[31] Jedoch hatte sich Ludwig XVI. wie schon bei der Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte zunächst nicht bereit erklärt, die Verfassung zu ratifizieren. Insgeheim hoffte er sogar auf die Unterstützung der nach wie vor absolutistischen Monarchen aus dem Ausland, um seine uneingeschränkte Herrschaft in Frankreich wieder zurück zu erlangen.[32] Es folgten der Fluchtversuch des Königs in die österreichische Niederlande und Unruhen, die von Forderungen nach der Ausrufung der Republik gekennzeichnet waren. Die Jakobiner agierten hier uneinig und spalteten sich in radikale Gegner des Königs sowie in gemäßigte Befürworter der konstitutionellen Monarchie.[33] Auf weitere Ereignisse bezüglich dieses Konflikts soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, da diese sonst zu sehr vom eigentlichen Thema abweichen. Entscheidend war, dass der König nachgab, indem er die bürgerlich-liberale Verfassung am 14. September 1791 anerkannte, wodurch diese offiziell in Kraft trat.[34] Hiermit hatten die Jakobiner ihr wichtigstes Ziel erreicht.

1.3 Die Verbreitung der Klubs in Frankreich am Beispiel des Straßburger Jakobinerklubs

Nicht zuletzt durch die Entstehung von zahlreichen Klubs konnte sich der Jakobinismus seit 1790 zu einer Massenbewegung der Revolution entfalten. Dadurch gelang es den Jakobinern auch Abgeordnete aus dem ganzen Land in der Nationalversammlung zu stellen. Um eine bessere Vorstellung von der Bedeutung der Klubs auch auf kommunaler Ebene zu bekommen, bietet es sich an, die Strukturen und Strategien für die Verbreitung der Revolution eines Klubs außerhalb von Paris zu beleuchten. Da sich das Thema dieser Arbeit mit dem Mainzer Jakobinerklub befasst, setzt sich die folgende Darstellung, einerseits wegen der geographischen Nähe, andererseits aufgrund der besonderen kulturellen und historischen Beziehungen zum Deutschen Reich, mit den Entwicklungen in Straßburg auseinander. Bei dieser Stadt und dem Elsass handelte es sich um eine Region, die schon in den Jahrhunderten zuvor sowohl von deutscher als auch von französischer Kultur geprägt gewesen war. Eine Besonderheit bestand darin, dass obwohl Straßburg seit 1697 offiziell zum französischen Staatsgebiet gehörte, die überwiegende Mehrheit der Einwohner deutsch sprach.[35] Dem zufolge wurden einige wenige deutschsprachige Minderheiten in Frankreich bereits vor der Verbreitung des Jakobinismus nach Deutschland ab 1792 von den Ideen der Revolution intensiv erfasst. Daher kann schon hier von einer allmählichen Europäisierung der Revolution gesprochen werden. Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass die Muttersprache der führenden Stände in der Stadt französisch war. Dies traf ebenso auf das gebildete Bürgertum, das für die Gründung des Jakobinerklubs hauptsächlich verantwortlich war, zu.

In Bezug auf den Ausbruch der Revolution hatte sich im Juli 1789 in Straßburg ähnlich wie in Paris ein Volkssturm zugetragen. Die Ereignisse in Paris wirkten sich auch auf das Elsass aus. Am 21. Juli 1789 erfolgte in Straßburg der berüchtigte Rathaussturm, der von Plünderungen begleitet war.[36] Diese Volksmenge, darunter Männer sowie Frauen, stürmte das Rathaus gewaltsam und setzte damit nach den Geschehnissen in Paris sowie in anderen Städten und Regionen des Landes die Revolution in Gang. Seit 1788 waren auch in Straßburg viele Beschwerdehefte, die die politischen und sozialen Zustände anprangerten, verfasst worden. Diese griffen vor allem die Hierarchie in der Stadt durch den Magistrat an. Die Magistratspersonen entstammten dem höchsten städtischen Adel und übten ihre Ämter auf Lebenszeit aus. Ihre Macht sicherten sie, indem sich die Nachfolge eines Amts nach ihrem Tod automatisch auf unmittelbare Familienangehörige übertrug. Somit herrschten wenige Familien aristokratischer Herkunft über die Stadt. Diese hierarchischen Strukturen hatten seit mehreren Jahrhunderten existiert. Beispielsweise kann für den Zeitraum von 1600 bis 1680 nachgewiesen werden, dass die in diesen 80 Jahren die 163 eingesetzten Magistratspersonen insgesamt 91 verschiedenen Familien angehörten.[37] Diese Gegebenheiten wurden jedoch mit dem Rathaussturm und dem Beschluss der Nationalversammlung, das Zensuswahlrecht auch auf die Departements auszuweiten, aufgehoben. Daraufhin legten die Magistratspersonen im August 1789 ihre Ämter nieder. Bereits am 28. August 1789 fanden die ersten Wahlen zur Stadtregierung statt.[38] Dabei wurden der Bürgermeister und eine neue Stadtverwaltung, deren Abgeordnete nicht mehr ausschließlich Aristokraten waren, gewählt.

In der Stadtverwaltung war eine Bewegung vertreten, die für die Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit besonders überzeugend eintrat und sich zunächst die „Patrioten“ nannten. Aus dieser ging zu Beginn des Jahres 1790 der Straßburger Jakobinerklub hervor. Der Gründer des Klubs, Barbier de Tinan und einige führende Mitglieder zählten, zur aktiven Reformbewegung, die in Straßburg seit 1788 entstanden war. So kam es, dass sich Barbier de Tinan und etwa 40 Anhänger der „Patrioten“ am 15. Januar 1790 im Haus des Straßburger „Commissaire de Guerre“ trafen, um einen Klub nach dem Vorbild der Pariser „Gesellschaft der Freunde der Verfassung“ zu gründen. Die Gründungsmitglieder betonten die Hoffnung und den Anspruch, dass nun weitere Jakobinerklubs im ganzen Land entstehen sollten.[39] Sie übernahmen die Statuten der Pariser Revolutionsgesellschaft und schlossen sich somit dem Netz der schon bestehenden Klubs an. Im Anschluss verabschiedeten sie mehrere Artikel für die Bildung eines Vorstands und bestimmten Barbier de Tinan zu ihrem ersten Präsidenten, der fortan die höchste Instanz war.[40] Neben diesem bestanden der Vorstand noch aus zwei Sekretären und einem Schatzmeister. Schon in den ersten Monaten nach der Gründung fanden regelmäßige Sitzungen, die nach klar strukturierten Tagesordnungspunkten verliefen, statt. Diese waren zunächst vor allem von der Aufnahme neuer Mitglieder gekennzeichnet. Wie im Pariser Jakobinerklub durfte jeder Mann, unabhängig von seiner Herkunft, der Gesellschaft beitreten. Jedoch stellte der Mitgliedsbeitrag von 24 Livres ein Hindernis für weniger wohlhabende Straßburger dar. Hierfür musste ein neues Mitglied noch vor den Präsidenten treten und einen Eid auf den Klub und seine Statuten leisten. Des Weiteren setzte man wichtige Beschlüsse der Vereinigung mittels Abstimmungen, die vom Präsidenten verkündet wurden, durch.

In der frühen Phase seines Bestehens galten für den Klub als vorrangigstes Ziel die Straßburger Bevölkerung und die Elsässer noch intensiver für das revolutionäre Bewusstsein zu gewinnen.[41] Man beschloss, dass jedes Mitglied zu drei Sitzungen ein Nichtmitglied mitbringen durfte. Hiermit wurde die Absicht verfolgt, dass die Vermittlung revolutionärer Ideen noch schneller bei der Bevölkerung einsetzte. Des Weiteren legten die Mitglieder des Klubs in der Sitzung vom 3. Juli 1790 fest, dass öffentliche Lesungen der Dekrete der Nationalversammlung in französischer und deutscher Sprache abgehalten wurden.[42] Diese Entscheidungen erwiesen sich als große Erfolge, da zahlreiche Menschen nicht nur aus Straßburg, sondern ebenso aus der elsässischen Provinz dadurch erreicht werden konnten. Eine weitere Maßnahme des Klubs war die Verbreitung von Flugblättern sowie die Publikation von Schriften in diversen Zeitungen. In der Sitzung vom 30. Juli 1790 wurde gar über die Gründung einer eigenen Klubzeitung beraten.[43] Dies wurde jedoch nie in die Tat umgesetzt.

Die aufgeführten Maßnahmen verdeutlichen die Überzeugung und den Glauben des Klubs an den Sieg der Revolution. Damit konnten bereits innerhalb des Jahres 1790 viele Menschen in der Region für die Ideen des Jakobinismus mobilisiert werden. Durch die Verbreitung der Jakobinerklubs in nahezu allen Departements Frankreichs erfolgte der Siegeszug dieser Bewegung, die sich in der Folgezeit auch in die Gebiete des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation übertragen sollte.

2. Die Strukturen in Mainz vor der Französischen Revolution

Die Stadt Mainz zählte schon im Mittelalter zu einer der bedeutendsten Orte des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Dies ging vor allem damit einher, da dieser Stadt am Rhein der Status als Erzbistum zuteil geworden war. Der Klerus profitierte immens von dieser Stellung und konnte dadurch auch Einfluss auf das übrige Reich ausüben. Neben den Stadtherren von Köln und Trier sowie der Kurfürsten von Sachsen, Brandenburg, Böhmen und der Pfalz, hatte der Erzbischof von Mainz seit 1356 das Privileg, den römisch-deutschen König in der Reichsstadt Frankfurt zu wählen. Hinzu kam, dass es sich hierbei nicht nur um ein Erzbistum, sondern ebenso um ein Kurfürstentum handelte, wodurch Mainz ein Ort sowohl geistlicher als auch weltlicher Herrschaft war. Das Territorium des Mainzer Kurstaates umschloss nach dem Dreißigjährigen Krieg das zum Domkapitel gehörende Bingen, Gau-Algesheim und Wöllstein, den Rheingau, die Mainz-Taunus-Orte, Aschaffenburg, den Spessart, den südlichen Odenwald, Erfurt, das Eichsfeld, sowie die hessischen Enklaven Fritzlar und Amöneburg.[44] Demnach regierte der Kurfürst von Mainz über ein in geographischer Hinsicht beachtliches Gebiet, zu dem Teile Hessens, der Pfalz, Rheinhessens und Thüringens gehörten. Somit war dieses Kurfürstentum kein auf der Landkarte eindeutig zusammenhängender Staat, sondern ein eher zerstreutes Gebilde. Allerdings handelte es sich hier nicht um einen Einzelfall in Mitteleuropa, da zahlreiche Fürsten- und Herzogtümer von einer ähnlichen territorialen Streulage gekennzeichnet waren. Daher stellte der Mainzer Kurstaat vielmehr ein typisches Beispiel für die deutschen Territorialstaaten dar. Eine weitere Gemeinsamkeit mit den meisten deutschen Herrschaftsgebieten im 17. Jahrhundert waren die verheerenden Folgen des Dreißigjährigen Krieges, insbesondere durch die enormen Menschenverluste. Dennoch konnte sich der Staat davon nicht zuletzt durch die Maßnahmen des Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn, der bereits eine wichtige Funktion in den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden hatte, erholen. In seiner Regierungszeit, von 1647 bis 1673, gelang ihm der Neuaufbau von Kurmainz, unter anderem mit Hilfe einer Toleranzpolitik für die protestantischen Minderheiten, der Bekämpfung der Hexenverfolgung und der Berufung von Gottfried Wilhelm Leibniz an seinen Hof.[45] Damit wurde Mainz der Status einer fortschrittlichen und bedeutenden Stadt bis ins späte 17. Jahrhundert hinein gesichert.

Während des 18. Jahrhunderts konnte sie ihren Rang als Haupt- und Residenzstadt, Erzbischofssitz, Universitätsstadt und Garnisonsstadt behaupten. Es bestanden enge Beziehungen zum Reichstag in Regensburg, wo der Mainzer Kurfürst einen Prinzipalkommissar stellte. Dieser vertrat die politischen Interessen des Kurstaats. Des Weiteren war der Kurfürst von Mainz in Wien durch das Amt des Erzkanzlers in allen das Reich betreffenden Angelegenheiten einbezogen. Hierdurch hatte er als zweitmächtigste politische Instanz unter den deutschen Fürsten, Einfluss auf den Kaiser.

Bezüglich der demographischen Entwicklung gehörte Mainz in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit etwa 25.000 Einwohnern zu den größten Städten im Südwesten des Reichs, und lag beispielsweise im Vergleich zu Köln und Frankfurt am Main mit zirka 40.000 bis 50.000 nicht allzu weit zurück.[46] Auch das Kurfürstentum selbst war für die damalige Zeit recht dicht besiedelt. Neueren demographischen Untersuchungen zufolge lebten dort ungefähr 350.000 Menschen, wodurch sich der Anteil der Einwohner in der Haupt- und Residenzstadt auf sieben bis acht Prozent belief.[47] Die Gesellschaftsstruktur war wie in allen deutschen Staaten von der seit Jahrhunderten prädestinierten ständischen Ordnung geprägt. In Mainz hatte diese hierarchische Struktur durch den Adel, den Klerus und den Dritten Stand seit dem Mittelalter für eine klar geregelte Stabilität gesorgt. Hinsichtlich der Besitzverhältnisse können Gemeinsamkeiten zum absolutistischem, feudalen Frankreich von vor 1789 dargelegt werden. Der Adel und der Klerus in Mainz, die lediglich fünf Prozent der Bevölkerung ausmachten, hatten nämlich mit 60 Prozent und damit fast zwei Drittel des gesamten Grundbesitzes inne.[48] Eine weitere Parallele zu den Verhältnissen in Frankreich im 18. Jahrhundert geht mit der Entwicklung des Bürgertums einher. Es repräsentierte den Großteil der Mainzer Einwohner und ging vor allem aus den Zünften mit ihren Gesellen, Lehrlingen und Familien hervor. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte sich unter den Zunftbürgern eine kleine Gruppe von nicht mehr als 100 Großkaufleuten, die in sozio-ökonomischer Hinsicht im Bürgertum führend waren, gebildet. Diese stellte den Handelsstand, der im Jahr 1747 von den Beschränkungen der Zunft befreit und in seiner beruflichen Tätigkeit durch verbesserte Regelungen im Transit- und Speditionshandel noch zusätzlich begünstigt wurde.[49] In der Folgezeit sollte der Handelsstand davon enorm profitieren und eine wichtige Funktion in der Stadt haben. Neben dem stark anwachsendem Bürgertum waren jedoch noch die sozial schwachen Berufsschichten wie Knechte, Mägde, Diener und Tagelöhner ein großer Teil des Dritten Standes. Zudem gab es in der Stadt noch einige Bettler, die das Ausmaß der sozialen Ungleichheiten verdeutlichten.

Durch die Privilegien der beiden mächtigen Stände war Kurmainz, bezogen auf die politischen Machtkompetenzen, ein Wahlfürstentum. Dies bedeutete, dass ein 24köpfiges Domkapitel, bestehend aus Vertretern des höchsten rheinischen und fränkischen Reichsadels, aus den eigenen Reihen den jeweiligen Kurfürsten wählten. Wie schon im letzten Kapitel dieser Arbeit dargestellt werden konnte, sicherte sich dabei der politisch führende Adel seine Macht, ähnlich wie die Magistratspersonen in Straßburg, mit Hilfe der festgesetzten Weitergabe der Ämter an direkte Familienangehörige. Diese Machtstrukturen wurden bereits von einigen wenigen Zeitgenossen scharf kritisiert. Dies belegen etwa die Ausführungen Joseph von Albinis, der unter anderem gegen Ende der 1780er Jahre das Amt des Reichsreferendars am Hof des Kaisers in Wien bekleidete. Albini prangert an, dass die meisten geistlichen Territorien wie Mainz Gefahr laufen, zu einem „ mehr schlecht als recht verwalteten Versorgungsinstitut für eine kleine Anzahl untereinander versippter Adelsfamilien und deren Klientel degradiert werden.“[50] Somit kritisiert er hier vor allem die Privilegien der kleinen Gruppe von Adeligen, die anhand ihrer politische Einflussnahme im Domkapitel sich und ihre Familien an unermesslichem Vermögen und Besitz bereichern, während dessen zahlreiche Menschen im Kurstaat an existenzieller Not leiden. Eine Wende bezüglich der Versippung wurde mit der Wahl Friedrich Karl Josephs von Erthal zum Kurfürsten am 18. Juli 1774 eingeleitet. Selbstverständlich war auch Erthal adeliger Herkunft. Allerdings stammte er nicht wie seine Vorgänger aus einer Familie, die mit dem Stiftsadel liiert war und daher auf vorige Landesherren zurückblicken konnte.[51] In Bezug auf seine politische Laufbahn kann festgehalten werden, dass er sich ohne die Vorteile einer besonders einflussreichen Verwandtschaft, beziehungsweise Klientel, regelrecht hochgearbeitet hatte. Vor seiner Wahl zum Herrscher von Kurmainz hatte er die Präsidentenämter des kurfürstlichen Regierungsrats und der Kommerzienkonferenz ausgeführt. Außerdem war er mehrere Jahre Rektor der Mainzer Universität sowie Gesandter des Kurfürstentums am Kaiserhof gewesen.[52]

Die Regierungszeit Erthals war im Nachhinein bis zum Ausbruch der Französischen Revolution von einer Programmatik bestimmt, die die politische Bedeutung des Kurstaats aufrechterhielt. Durch seine Maßnahmen, allen voran in der Innenpolitik, lassen sich in gewisser Weise Grundzüge eines aufgeklärten Absolutismus erkennen. Wie Helmut Reinalter hierzu erläutert, „ gab sich Erthal den Anstrich eines aufgeklärten Fürsten und war zunächst für die Liberalisierung von Mainz.“[53] Ein Beispiel hierfür ist die Bildungspolitik. Als ehemaliger Rektor der Universität von Mainz setzte er sich in seiner Herrschaft als Kurfürst sehr für die Förderung der philosophischen und theologischen Lehre sowie der allgemeinen Verbesserung von Schule und Hochschule ein. Darüber hinaus berief er viele dem wissenschaftlichen Fortschritt nahestehende Professoren wie beispielsweise Georg Forster, der zu einem der bekanntesten Mitglieder der Mainzer Lesegesellschaft wurde, nach Mainz. Forster sollte später auch eine führende Rolle im Mainzer Jakobinerklub einnehmen. Auf seinen Werdegang, seine Anliegen sowie auf die Lesegesellschaft wird in dieser Arbeit noch ausführlich eingegangen. Ein weiteres Indiz für einen aufgeklärten Regierungsstil kann mit der Fürsorge für die Untertanen begründet werden. Erthal sorgte sich vermehrt um die Landwirtschaft, die den Lebensunterhalt der überwiegenden Bevölkerung in den ländlichen Gebieten des Kurstaats bestimmte. Dazu gehörte die finanzielle Entschädigung von Bauern, die Opfer von Naturkatastrophen geworden waren, ebenso wie die Intensivierung des Kartoffelanbaus. Auch die Judenemanzipation wurde durch Erthal in den 1780er Jahren entscheidend vorangetrieben. Das Generalskript vom 9. Februar 1784 garantierte den jüdischen Minderheiten im Kurfürstentum erstmals die Stellung als nahezu gleichberechtigte Bürger.[54] Außenpolitisch schwankte Erthal in seiner Bündnispolitik zwischen den beiden führenden Mächten des Reichs, Preußen und dem Habsburgerreich. Die Mainzer Kurfürsten positionierten sich bis zum Tod Maria Theresias 1780 traditionell zum habsburgischen Lager. Erthal leitete jedoch zeitweise eine Zäsur ein, indem er 1785 zum von Friedrich dem Großen gegründeten Fürstenbund und damit der pro-preußischen Koalition beitrat. Die Hoffnungen, die der Mainzer Landesherr hiermit verknüpft hatte, nämlich Kurmainz zu einer Militärmacht auszubauen und an weiterer politischer Macht zu gewinnen, erfüllten sich letztlich nicht. Dies lag in erster Linie daran, da Friedrich II. den Fürstenbund nicht zur Stärkung des Reichs nutzte, sondern ihn hauptsächlich als Mittel für eine Schwächung der Habsburgermonarchie betrachtete.[55] Angesichts der dargestellten Entwicklung kann aber bilanziert werden, dass Kurmainz auch noch am Vorband der Französischen Revolution einer der mächtigsten deutschen Territorialstaaten war.

2.1 Die Reaktionen im Mainzer Kurstaat auf die Revolutionsgeschehnisse in Frankreich

Die Ereignisse in Frankreich seit dem Ausbruch der Revolution im Juli 1789 wirkten sich auf die deutschen Staaten und damit auch auf Kurmainz aus. Die Großmacht westlich des Rheins stellte mit der Umsetzung der Menschen- und Bürgerrechte, der Einberufung der Nationalversammlung und des Zensuswahlrechts sowie der Durchsetzung der konstitutionellen Monarchie, eine Gefahr für das absolutistische Reich dar. Die Ideen des Jakobinismus stießen bereits im Jahr 1789 in Mainz auf breites Interesse.

[...]


[1] Zitiert nach Grab, Walter: Die Französische Revolution. Aufbruch in die Demokratie, Stuttgart 1989, S. 137

[2] Der Grund für die Exekution Dantons bestand darin, da sich dieser vermehrt gegen die Fortsetzung des „Terreur“ ausgesprochen und stattdessen eine Politik der Milde zur Versöhnung der Nation befürwortet hatte. Vgl. Schulin, Ernst: Die Französische Revolution, München 1988, S. 221-222

[3] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 22-30

[4] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 22

[5] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 26

[6] Vgl. Reichardt, Rolf/ Schmitt, Eberhard (Hrsg.): Ancien Regime. Aufklärung und Revolution. Die Französische Revolution als Bruch des gesellschaftlichen Bewusstseins, Band 15, München 1988, S. 75

[7] Vgl. Schulin, Ernst: Ebd., S. 53

[8] Vgl. Schulin, Ernst: Ebd., S. 54

[9] Emmanuel Joseph Sieyés: Abhandlung über die Privilegien. Was ist der Dritte Stand?, in: Schulin, Ernst: Ebd., S. 55

[10] Vgl. Schulin, Ernst: Ebd., S. 55-56

[11] Da der König den Sitzungssaal der Generalstände blockierte, trafen sich die reformwilligen Abgeordneten am 20. Juni 1789 im Ballhaus in Paris, wo sie sich schworen, sich nicht voneinander zu trennen, sobald eine Verfassung für die französische Nation erstellt worden wäre. Vgl. Schulin, Ernst: Ebd., S. 62-64

[12] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 46

[13] Der „Bretonische Klub“ wurde am 30. April 1789 unter anderem von später führenden Jakobinern wie Robespierre, Gourdan sowie Sieyés gegründet. Da die Bretagne unabhängig von den Generalständen ein eigenes Regionalparlament stellte, konnten sich hier bereits der Parlamentarismus und die Idee einer neuen, aufgeklärten Staatsphilosophie entfalten. Vgl. Kennedy, Michael L.: The Jacobin Clubs in the French Revolution. The first years, Princeton 1982, S. 3

[14] Vgl. Kennedy, Michael L.: Ebd., S. 3-4

[15] Vgl. Kennedy, Michael L.: Ebd., S. 4-5

[16] Vgl. Kennedy, Michael L.: Ebd.

[17] Erklärung Robespierres zu den Menschenrechten: in: Grab, Walter: Ebd., S. 53

[18] Thomas Jefferson, der die Verfassung der Vereinigten Staaten 1787 konzipiert hatte, war im Jahr 1789 Gesandter der USA am französischen Hof. Aufgrund seiner Erfahrung hinsichtlich der Erstellung einer Konstitution nach den Ideen der Aufklärung, wurde er in die Beratungen miteinbezogen. Vgl. Schulin, Ernst: Ebd., S. 73

[19] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 48-53

[20] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 55

[21] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 57-58

[22] Vgl. Viola, Paolo: Französische Revolution und Jakobinismus. Die beiden Aspekte des Jakobinismus, in: Reichhardt, Rolf/ Schmitt, Eberhard (Hrsg.): Ancien Régime. Aufklärung und Revolution. Band 15. Die Französische Revolution als Bruch des gesellschaftlichen Bewusstseins, München 1988, S. 651-652

[23] Nur ein halbes Jahr nach seiner Gründung durch Gourdan, zählte der Pariser Jakobinerklub etwa 1.200 Mitglieder. Vgl. Kennedy, Michael L.: The Jacobin Clubs in the French Revolution. The first years, Princeton 1982, S. 26

[24] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 60

[25] Vgl. Grab, Walter: Ebd.: S. 65

[26] Die Reformen zur Säkularisation wurden in der „Zivilverfassung des Klerus“ vom 12. Juli 1790 festgehalten. Darin wurde unter anderem noch festgelegt, dass ein Bischof anstatt der reichen Pfründe nun ein Jahresgehalt zwischen 12.000 und 30.000 Livres erhielt. Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 66-67

[27] Vgl. Schulin, Ernst: Ebd., S. 104-105

[28] Vgl. Schulin, Ernst: Ebd., S. 95

[29] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 70

[30] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 74-75

[31] Seine Schutzgarde musste der König aus der Zivilliste entlohnen. Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 75

[32] Vgl. Schulin, Ernst: Ebd., S. 106-107

[33] Vgl. Higonnet, Patrice: Zur Begrifflichkeit des Jakobinismus: in: Reichardt, Rolf/ Schmitt, Eberhard (Hrsg.): Ebd., S. 222-223

[34] Vgl. Grab, Walter: Ebd., S. 80

[35] Vgl. Hartung, Frédéric: Die Französische Revolution und die „deutschsprechenden Franken“ im Elsass, in: Timmermann, Heiner (Hrsg.): Die Französische Revolution und Europa 1789-1799, Saarbrücken 1989, S. 595

[36] Die Ursachen hierfür waren neben den Ereignissen in Paris eine Woche zuvor die Weigerung der Magistratspersonen auf die ausformulierten Forderungen der Einwohner in den Beschwerdeheften einzugehen. Vgl. Haasis, Hellmut G.: Gebt der Freiheit Flügel. Die Zeit der deutschen Jakobiner, Hamburg 1988, S. 75-78

[37] Vgl. Schönpflug, Daniel: Der Weg in die Terreur. Radikalisierung und Konflikte im Straßburger Jakobinerklub (1790-1795), München 2002, S. 31

[38] Vgl. Schönpflug, Daniel: Ebd., S. 32

[39] Vgl. Kennedy, Michael L.: Ebd., S. 12-13

[40] Klubprotokoll vom 15. Januar 1790: in: Schönpflug, Daniel: Ebd., S. 29

[41] Klubprotokoll vom 23. Januar 1790: in: Schönpflug, Daniel: Ebd., S. 39-40

[42] Klubprotokoll vom 3. Juli 1790: in: Schönpflug, Daniel: Ebd., S. 40

[43] Klubprotokoll vom 30. Juli 1790: in: Schönpflug, Daniel: Ebd., S. 41

[44] Vgl. Mathy, Helmut: Mainz und der Kurstaat am Vorabend der Französischen Revolution. Vom späten Mittelalter bis zur Aufklärung, in: Peckhaus, Doris M. / Werlein, Michael-Peter (Hrsg.): Die Mainzer Republik. Der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent, Mainz 1993, S. 51

[45] Leibniz hatte in Mainz das Projekt der Wissenschaften geschmiedet. Vgl. Mathy, Helmut: Ebd., S. 51-52

[46] Vgl. Mathy, Helmut: Ebd.: S. 54

[47] Vgl. Mathy, Helmut: Ebd.: S. 54

[48] Vgl. Mathy, Helmut: Ebd.: S. 54-55

[49] Der Handelsstand profitierte insbesondere durch den Export von Wein aus den Gebieten Rheinhessens und der Pfalz enorm. Ein Beispiel hierfür ist die Firma Heinrich Mappes, die zu großem Vermögen gelangte. Vgl. Haasis, Helmut G.: Ebd.: S. 252

[50] Menzel, Gerhard: Franz Joseph von Albini, 1748-1816. Ein Staatsmann des alten Reiches. Zu Wandel und Fortleben der Reichstradition bei der Neugestaltung Deutschlands 1787-1815, in: Mainzer Zeitschrift, Ausgabe 69 (1974), S. 17

[51] Vgl. Blisch, Bernd: Der Mainzer Kurstaat am Vorabend der Französischen Revolution. Friedrich Karl Joseph Erthal und sein politisches Programm, in: Peckhaus, Doris M./ Werlein, Peter-Michael: Ebd., S. 59

[52] Vgl. Blisch, Bernd: Ebd., S. 58-59

[53] Zitiert nach Reinalter, Helmut: Der Jakobinimus in Europa. Eine Einführung, Stuttgart 1981, S. 51

[54] Das Generalskript garantierte unter anderem noch die Besoldung der Rabbiner und die allgemeine Schulpflicht. Eine Folge dieser Reformen war der Beschluss, dass es einzelnen Juden ab 1786 gestattet war, an der Mainzer Universität zu promovieren. Vgl. Post, Bernhard: Judentoleranz und Judenemanzipation in Kurmainz (1774-1813), Wiesbaden 1985, S. 312-318

[55] Vgl. Blisch, Bernd: Ebd., S. 62

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Ziele und Entwicklung des Mainzer Jakobinerklubs von der Gründung bis zu seinem Niedergang
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
89
Katalognummer
V333861
ISBN (eBook)
9783668239036
ISBN (Buch)
9783668239043
Dateigröße
1068 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Für diese Masterarbeit stand sehr umfangreiches Quellenmaterial zur Verfügung. Diesbezüglich können vor allem Heinrich Scheels Editionen zum Mainzer Jakobinerklub sowie einige Archivalien aus dem Mainzer Stadtarchiv aufgeführt werden.
Schlagworte
ziele, entwicklung, mainzer, jakobinerklubs, gründung, niedergang
Arbeit zitieren
Patrick Diedrichs (Autor:in), 2015, Ziele und Entwicklung des Mainzer Jakobinerklubs von der Gründung bis zu seinem Niedergang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/333861

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