Der unheimlich heimliche Zauberberg. Eine Untersuchung des Unheimlichen in "Der Zauberberg"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

16 Seiten, Note: 1,25


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Freuds und Jentschs Definitionen des Unheimlichen

3 Das Unheimliche
3.1 Das Vergessen der Heimat
3.2 Die zerstörende Krankheit
3.3 Das hohle Lachen
3.4 Lebende Tote

4 Zusammenfassung

5 Bibliographie

1 Einleitung

„Als sie vom Essen wieder heraufkamen, lag das Paket mit den Decken schon in Hans Castorps Zimmer auf einem Stuhl, und zum erstenmal machte er an diesem Tage Gebrauch davon, - der geübte Joachim erteilte ihm Unterricht in der Kunst, sich einzupacken, wie es alle hier oben machten und jeder Neuling es gleich erlernen mußte“.[1] Hans Castorp befindet sich zu diesem Zeitpunkt seit knapp einer Woche auf dem Zauberberg. Anfangs kommt ihm die sanatoriumseigene Tradition des Deckenfaltens noch „gar zu sonderbar“ (ZB, S. 136) vor. Castorp fühlt sich unwohl und ist noch ganz an die Maßstäbe des Flachlands gebunden, in denen das waagrechte, in Decken eingemummte Liegen keinen Platz findet. Das anfänglich Sonderbare wird für Castorp jedoch bald zur Gewohnheit und in einem letzten Schritt geht er sogar soweit sich zu fragen, warum die im Flachland nichts von der wunderbaren Praktik des Deckenfaltens wüssten. Gleiche Entwicklung ist auch bezüglich Castorps Verhalten gegenüber Joachim feststellbar. Erst hatte Castorp die Art und Weise wie sich sein Vetter ausdrückte noch „beklemmend und seltsam an[ge]mutet“ (ZB, S. 20), dies insbesondere wegen der oftmaligen Wiederholung von „wir hier oben“. Einige Zeit später gebraucht Castorp jedoch genau die selbe Redewendung und schließt sich damit in das Wir der Zauberberggesellschaft ein.

Diese zwei Beispiele zeigen, dass Castorp eine gewisse Entwicklung durchläuft: Der unheimliche Zauberberg wird heimlich, wohingegen die alte, ferne Heimat plötzlich unheimlich wird. Es scheint, als ob eine Loskoppelung von der Heimat gerade notwendig sei, um Einlass in die Zauberbergwelt zu erhalten. Im Folgenden soll anhand einiger spezifischer Untersuchungen des Unheimlichen aufgezeigt werden, inwiefern Hans Castorp diesen Wandel vollzieht und wie er den unheimlichen Zauberberg zu seiner neuen, heimlichen Heimat macht.

2 Freuds und Jentschs Definitionen des Unheimlichen

In der Theorie zeigt sich eine oftmalige Schwierigkeit den Begriff des Unheimlichen zu fassen und klar zu definieren. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass „die Eigenschaft des Unheimlichen [...] keine Eigenschaft [ist], die den Gegenständen selbst anhaftet, sondern [...] eine Empfindung [beschreibt]“.[2] Es gibt keine unheimlichen Gegenstände, sondern nur ein unheimliches Gefühl hervorrufende Gegenstände oder Situationen, die ebenfalls von Kultur zu Kultur variieren. Zudem ist das Unheimliche sowohl eine ästhetische Kategorie, als auch ein psychisches Phänomen, was eine genaue Definition erneut erschwert.[3]

Sigmund Freud hat mit seinem 1919 veröffentlichten Aufsatz Das Unheimliche das Verständnis dieses Begriffs maßgeblich beeinflusst und bis heute führt praktisch kein Definitionsversuch des Unheimlichen an seinem Werk vorbei – ob nun in Form von Zustimmung oder Kritik. Unter anderem wurde Freud vorgeworfen, die literarische Form der Erzählung und die sprachlichen Details zu vernachlässigen, um den unheimlichen Effekt einzig auf ein verdrängtes Kindheitstrauma zurückzuführen.[4] Freuds etymologische Analyse von heimlich und die von ihm hervorgehobene Ambivalenz dieses Begriffs scheint dagegen auf fruchtbareren Boden zu stoßen und findet in vielen späteren Definitionsversuchen Zustimmung.[5] In folgender Arbeit soll ebenfalls dieser Punkt der Freud’schen Analyse des Unheimlichen im Vordergrund stehen und auf deren Verwendung in Der Zauberberg hin untersucht werden.

Freud führt die Ambivalenz von heimlich darauf zurück, dass dieser Begriff einerseits all das bezeichnet, was einem vertraut und bekannt ist. Andererseits ist es jedoch auch ein Begriff für „des Versteckten, Verborgengehaltenen“.[6] Freud misst besonders der Definition Gutzkows eine große Wichtigkeit bei, der das Heimliche sogleich mit dem Unheimlichen in Verbindung setzt: „Wir nennen das unheimlich, Sie nennen’s heimlich“.[7] Freud stellt demnach eine Mehrdeutigkeit des Begriffs heimlich fest, „unter de[ren] mehrfachen Nuancen seiner Bedeutung auch [eine] [...] mit seinem Gegensatz unheimlich zusammenfällt“.[8] Das Unheimliche ist demnach im Grunde etwas Heimliches, das durch Mechanismen der Verfremdung unheimlich wirkt. Durch diesen Punkt erklärt sich auch die Verwandtschaft des Unheimlichen mit dem Hässlichen und dem Grotesken. Freud widerspricht mit seinem Definitionsversuch, dem Jentschs, der in unheimlich generell alles Fremde und Neuartige sieht.[9] Freuds Unheimlich ist „irgendwie eine Art von heimlich“.[10]

Auf den psychoanalytischen Teil von Freuds Arbeit wird im Folgenden nicht eingegangen, da sie für das Thema dieser Arbeit, die sich an der Ästhetik und nicht an der Psychologie des Unheimlichen interessiert, kaum von Bedeutung ist. Jentschs Herangehensweise scheint dabei in mancher Hinsicht hilfreicher. Ersichtlich wird dies besonders anhand der Analyse von E. T. A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann, auf die sowohl Freud als auch Jentsch zur Untermauerung ihrer Definition des Unheimlichen verweisen. Während Freund das Unheimliche auf ein Kindheitstrauma der Hauptperson Nathanael zurückführt, dessen Kastrationsangst sich in der Furcht das Augenlicht zu verlieren äußert, schlägt Jentsch einen gänzlich anderen Ursprung des Unheimlichen vor. Er macht eine „intellektuelle[] Unsicherheit“[11], die durch die Ambivalenz Olympias zwischen Mensch und Maschine hervorgerufen wird, für das unheimliche Gefühl verantwortlich. So ist das Äußere des Automaten Olympias einem Menschen täuschend echt nachgebaut, wohingegen dem Inneren das menschlich Belebte fehlt. Auffallend ist dabei, dass das Unheimliche wiederum auf eine Ambivalenz, eine Unmöglichkeit der klaren Zuordnung Olympias als Maschine oder Mensch, zurückzuführen ist. Freuds Theorie findet demnach auch in Jentschs Definition Zustimmung, auch wenn er selber das Unheimliche Olympias anhand einer anderen, psychoanalytischen Herangehensweise zu erklären versucht.

Im Folgenden werden einige Elemente des Unheimlichen in Der Zauberberg näher untersucht. Dabei soll zudem Hans Castorps Verhältnis zu seiner ursprünglichen Heimat Hamburg genauer betrachtet werden – denn wie Freuds Definition bereits gezeigt hat, sind das Unheimliche und das Heimliche untrennbar miteinander verbunden und man kann nur anhand des einen, auch auf das andere schließen.

3 Das Unheimliche

3.1 Das Vergessen der Heimat

„Zeit, sagt man, ist Lethe; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte sie weniger gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher“ (ZB, S. 12). Dieser Satz beschreibt treffend Hans Castorps ‚doppelte’ Reise auf den Zauberberg: zum einen besteht die Reise darin eine gewisse Distanz – die von Hamburg nach Davos – zurückzulegen. Zugleich handelt es sich jedoch auch um eine zeitliche Reise, nämlich die von der linear vorwärts gerichteten Flachlandzeit in die Zauberbergzeit des nunc stans.[12] Wie in der Physik sind demnach auch auf dem Zauberberg Zeit und Ort untrennbar miteinander verbunden und für den Prozess des Vergessens verantwortlich. Darauf weist auch die im Zitat gemachte Anspielung der Reise mit Lethe, dem Fluss des Vergessens, hin.

In welcher Hinsicht ist das Vergessen jedoch für die Untersuchung des Unheimlichen in Der Zauberberg von Bedeutung? Den ersten Zusammenhang bietet bereits die Etymologie von Lethe. So bedeutet der Name Lethe (griech.: Λήθη) sowohl forgetting und forgetfulness, jedoch auch concealment (Verborgenheit).[13] Wie bereits bei Freuds Definition von unheimlich, handelt es sich demnach auch bei Lethe um etwas Verborgenes. Zudem scheint es, als ob Hans Castorp zuerst seine alte Heimat vergessen muss, damit sich der unheimliche Zauberberg überhaupt erst in einen heimlichen Ort wandeln kann. Eine wesentliche Bedeutung in der Untersuchung des Unheimlichen im Zusammenhang mit dem Vergessen kommt jedoch dem Begriff der Entfremdung zu. Das Handwörterbuch der Philosophie definiert Entfremdung wie folgt:

Entfremdung bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine ursprünglich natürliche Beziehung (zwischen Menschen, Menschen und Arbeit, Menschen und dem Produkt ihrer Arbeit sowie von Menschen zu sich selbst) aufgehoben, verkehrt oder zerstört wird.[14]

Dieses Verkehren einer ehemals natürlichen Beziehung kommt bei Hans Castorp anhand mehrerer Aspekte zum Ausdruck, die alle mit der langsamen Entfremdung von der Heimat in Verbindung stehen. Besonders eindrücklich kommt das Vergessen bei einem Gespräch Castorps mit Settembrini zum Ausdruck. Hans Castorp erinnert sich dabei „trotz heftiger, ja verzweifelter Anstrengungen“ (ZB, S. 132) nicht mehr an sein Alter. Die zyklische Zeit auf dem Zauberberg hat ihn jeden Anhaltspunkt des Flachlands, wie den seiner Geburt, vergessen lassen. Es hat demnach eine Entfremdung zwischen Hans Castorp und sich selbst stattgefunden (vgl. Definition Handwörterbuch der Philosophie).

Die Distanzierung vom Flachland und die damit einhergehende Identifikation mit der Zauberberggesellschaft zeigt sich auch, als junge Leute aus dem Flachland in der Sanatoriumsgegend dem Wintersport nachgehen.

Er [Hans Castorp] mied diese jungen Leute und wich ihnen mit Joachim aus, wenn es nötig war, unlustig, ihnen zu begegnen. Den Zugehörigen Derer hier oben trennte eine Welt von diesen Sängern, Wanderern und Stöckeschwingern, er wollte von ihnen nichts hören und wissen. Außerdem schienen die meisten von ihnen aus dem Norden zu stammen, womöglich waren Landsleute darunter, und Hans Castorp fühlte die größte Scheu vor Landsleuten (ZB, S. 435).

Durch die Bezeichnung Hans Castorps als „Zugehörigen Derer hier oben“ (ZB, S. 435) zeigt sich klar, dass er nun festes Mitglied der Zauberberggesellschaft ist und nicht mehr zu seinen früheren Landsleuten gehört. Trotz dieser forcierten Distanzierung haften Castorp noch Teile seiner einstigen Verbindung mit Hamburg an, was gerade durch seine „Scheu vor Landsleuten“ (ZB, S. 435) gekennzeichnet wird. Um nicht an seine Vergangenheit erinnert und mit seinem früheren Ich konfrontiert zu werden, versucht Castorp ein Zusammentreffen mit diesen Leuten, die ihm einerseits fremd, jedoch auch so unheimlich bekannt erscheinen, zu vermeiden. Castorps Entfremdung kommt erst anhand solcher Konfrontationen der Zauberbergwelt mit dem Flachland zum Ausdruck. Auch die im Handwörteruch der Philosophie beschriebene Entfremdung zwischen Menschen – hier zwischen Hans Castorp und den Hamburger Urlaubern – ist demnach in Der Zauberberg zu beobachten .

[...]


[1] Mann, Thomas: Der Zauberberg. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe. 2. Auflage. Frankfurt am Main 2012, S.157, künftig zitiert als „ZB“.

[2] Gschmeidler, Marina: Unheimlich überwältigend: Das Unheimliche als wesentliches Element der theatralen Zurschaustellung. <http://othes.univie.ac.at/2020/1/2008-10-22_8945010.pdf>. (6.1.2015).

[3] ibid.

[4] Siehe dazu: Lindner, Burkhardt: Freud liest den Sandmann. In: Klaus Herding / Gerlinde Gehring (Hg.): Orte des Unheimlichen. Die Faszination verborgenen Grauens in Literatur und bildender Kunst. Göttingen 2006, S. 17-36.

[5] Freud, Sigmund: Das Unheimliche. In: Freud, Sigmund: Psychologische Schriften. Bd. 4. Frankfurt a. M. 1970, S. 244-248.

[6] ibid., S. 248.

[7] ibid.

[8] ibid.

[9] Ibid., S. 254.

[10] Ibid. S. 250.

[11] Ibid. S. 254.

[12] Der Begriff des nunc stans, also des stehenden Jetzt, wird in der Zauberbergforschung oft verwendet um den Gegensatz des Zeitempfindens im Flachland und dem des hermetischen Hochlands zu definieren. Vgl. dazu z.B.: Goerke, Britta: Thomas Manns „Der Zauberberg“ und James Joyces „Ulysses“: flanieren (im) Erzählen: zwei Romane auf dem Weg in die Moderne. Hamburg, 2011.

[13] Artikel „λήϑή“. In: Greek-English Lexikon, hg. v. Robert Scott / Henry George Lidell. Oxford 1996.

[14] Blume, Thomas: Artikel „Entfremdung“. In: Handbuch Philosophie, hg. v. Wullf D. Rehfus, <http://www.philosophie-woerterbuch.de>. (7.1.2015).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der unheimlich heimliche Zauberberg. Eine Untersuchung des Unheimlichen in "Der Zauberberg"
Note
1,25
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V333876
ISBN (eBook)
9783668235502
ISBN (Buch)
9783668235519
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der Zauberberg, das Unheimliche, Thomas Mann
Arbeit zitieren
Katrin Fahrner (Autor), 2014, Der unheimlich heimliche Zauberberg. Eine Untersuchung des Unheimlichen in "Der Zauberberg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/333876

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der unheimlich heimliche Zauberberg. Eine Untersuchung des Unheimlichen in "Der Zauberberg"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden