Das sozialdemokratische Wohlfahrtsstaatsmodell in Schweden nach Gøsta Esping-Andersen

Die Vereinbarkeit umfassender sozialer Sicherungssysteme und wirtschaftlicher Dynamik am Fallbeispiel Schweden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

19 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Begriffsdefinitionen und theoretischer Rahmen
2.1 Wohlfahrtsstaat nach Esping-Andersen
2.2 Die drei Wohlfahrtsregime

3. Fallbeispiel Schweden:
3.1 Schweden als idealtypisches Modell des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaats
3.2 Wirtschaftsindikatoren Schwedens

4. Abschließende Bewertung: Wirtschaftliche Dynamik trotz oder aufgrund von umfassender sozialer Sicherung?

5. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Öffentliche, private und Gesamtnettosozialausgaben in Prozent des BIP

Abbildung 2: BIP pro Kopf in den Mitgliedsstaaten der EU 2015 (in Euro )

Abbildung 3: Gini-Koeffizienten und Einkommensungleichheiten in OECD Ländern

Abbildung 4: Arbeitslosenquote Schwedens 2004-2015

Abbildung 5: Die Rolle des Staates im Wirtschaftsleben - einige Kernindikatoren

1. Einführung

In der vorliegenden Seminararbeit werde ich mich mit der Vereinbarkeit von umfassenden sozialen Sicherungssystemen und einem effizienten Wirtschaftssystem befassen. Intuitiv würde man einem ausgeprägten Wohlfahrtsstaat mit weitreichenden sozialen Dienst- und Geldleistungen wohl nicht unbedingt eine hohe Wirtschaftskraft zusprechen – sondern diese eher von besonders liberalen Staatsmodellen erwarten. Diesem unterbewussten „Bauchgefühl“ soll in dieser Arbeit durch die wissenschaftliche Analyse des Fallbeispiels Schweden überprüft werden.

Dem Wirtschafts- und Sozialmodell der nordischen Länder insgesamt wird nachgesagt, ein hohes Maß an Verteilungsgerechtigkeit und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit zu verbinden (Förster 2014: 2010). Sie vereinen ökonomische Merkmale, die im „Mainstream“ der Wirtschaftswissenschaften als kaum vereinbar gelten, denn laut der „reinen“ Volkswirtschaftslehre werden dynamische, innovative Märkte vor allem durch eine zurückhaltende Staatlichkeit und ein gewisses Maß ökonomischer Ungleichheit ermöglicht und gefördert. Im Norden hingegen gelten die Volkswirtschaften im überdurchschnittlichen Maße als „gemischt“, das heißt die Rolle des Staates im Wirtschaftsleben ist in vergleichender Perspektive sehr stark ausgeprägt (Jochem 2012: 144). Die besondere Kombination aus relativ hoher ökonomischer Wettbewerbsfähigkeit, der weitreichenden Egalität beziehungsweise Universalität, dem ausgeprägten sozialen Leistungsumfang und der starken Rolle des Staates im Wirtschaftsleben (Jochem 2012: 145) machen einen Blick auf die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik der nordischen Länder lohnenswert.

Gerade die Betrachtung des Beispiels Schwedens kann interessant sein, da Schweden nach der schweren Wirtschaftskrise in den frühen 1990er Jahren schon seit dem neuen Jahrtausend (zusammen mit Dänemark und den Niederlanden) wieder als Modell einer Alternative zum liberal-angelsächsischen Modell gilt. Insgesamt zeigte Skandinavien im Vergleich zu anderen Ländern (viele verblieben von 2001 bis 2005 in einer Phase der wirtschaftlichen Stagnation) ein robustes Wachstum, rückte schnell wieder in die Spitzengruppe innovativer Länder auf und hielt sein Sozialstaatsniveau trotz einiger „Krisenpakete“ zur Stabilisierung der Wirtschaft aufrecht. Auch die Beschäftigungszahlen erholten sich beachtlich – fanden jedoch im Fall Schweden nicht mehr zum enorm hohen Niveau der 1980er Jahre zurück (Becker 2010: 2). Für vergleichende Zwecke sind die Nachbarländer Norwegen und Finnland eher ungeeignet, da die norwegische Wirtschaft durch Einkünfte aus dem immensen Ölvorkommen einen Sonderstatus hat (Becker 2010: 2). Die finnische Wirtschaft leidet teilweise noch immer unter den Folgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre (Becker 2010: 2) und ist aufgrund dieser speziellen Beeinträchtigung der Wirtschaftssituation ebenfalls nicht optimal zum Vergleich geeignet.

Insgesamt sollte, trotz häufiger Ähnlichkeit statistischer Daten, insbesondere auf dem Niveau von Sozialleistungsquoten (und von ähnlich hoch aggregierten Indikatoren für den Umfang sozialer Sicherung) beachtet werden, dass der Wohlfahrtsstaat in einzelnen skandinavischen beziehungsweise europäischen Ländern recht unterschiedliche Profile und Systemmerkmale aufweist. In ihnen spiegeln sich die einschlägigen Erfahrungen der jeweiligen nationalen Politik- und Sozialgeschichte sowie die politischen Kräfteverhältnisse wider, weshalb in der neueren politikwissenschaftlichen Forschung von verschiedenen Typen des Wohlfahrtsstaates ausgegangen wird. Hier ist besonders auf den Vorschlag des dänischen Politikwissenschaftlers und Soziologen Gøsta Esping-Andersen einzugehen, da dieser eine beachtliche Resonanz und breite Rezeption gefunden hat (Schmid 2010: 99). Esping-Andersen hat in seinem Hauptwerk The Three Worlds of Welfare Capitalism (1990) eine grundlegende Unterscheidung von drei verschiedenen Wohlfahrtsregimen vorgenommen: Den Idealtypus[1] des liberalen, des konservativ-korporatistischen und des sozialdemokratischen Wohlfahrtsregimes. Das nordische beziehungsweise besonders das schwedische Sozialsystem stellt mit seiner extrem umfassenden und dichten sozialen Absicherung laut Esping-Andersen ein idealtypisches Beispiel für den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat dar.

Im ersten Teil der Arbeit sollen zunächst zentrale Begriffe des Werks Esping-Andersens erklärt werden, sowie die drei Modelle der Wohlfahrtsregime genauer erläutert werden. Darauffolgend soll herausgestellt werden, ob und wieso Schweden dem sozialdemokratischen Idealtypus noch immer entspricht. Anschließend werden verschiedene Wirtschaftsindikatoren Schwedens analysiert, um zu erörtern, ob die Wirtschaft wirklich so „dynamisch“ ist und wo eventuell Probleme auftreten. Anschließend soll erarbeitet werden, inwiefern der schwedische Staat mit regulierenden Eingriffen für die Situation verantwortlich gemacht werden kann.

Insgesamt werden also - neben Esping-Andersens Werk zu Wohlfahrtsregimen - zwei weitere Forschungsschwerpunkte benötigt: Zum einen der wissenschaftliche Forschungsstand hinsichtlich des sozialen Sicherungssystems und den wohlfahrtsstaatlichen Komponenten Schwedens; zum anderen werden Literatur und statistische Daten bezüglich der wirtschaftlichen Situation und Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte benötigt. In Bezug auf das schwedische Sozialsystem, werden vorerst drei Grundlagenliteraturen zurate gezogen: Die Publikation Die politischen Systeme Skandinaviens (2012) von dem deutschen Politikwissenschaftler Sven Jochem, sowie Die nordischen Länder. Politik in Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden von Christian Förster, Josef Schmid und Nicolas Trick aus 2014 und die 2015 erschienene Publikation Das politische Skandinavien. Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur herausgegeben von Bernd Henningsen, Siegfried Frech und erneut, Sven Jochem. Operationalisiert wird die Herausarbeitung der oben genannten Fragestellung durch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit fachspezifischer Primär- und Sekundärliteratur sowie durch die Auswertung von Primär- und Sekundärstatistiken. Die theoretische Basis hierfür wird die Typisierung von Sozialstaaten durch Gøsta Esping-Andersen darstellen.

2. Begriffsdefinitionen und theoretischer Rahmen

2.1 Wohlfahrtsstaat nach Esping-Andersen

The Three Worlds of Welfare Capitalism von Gøsta Esping-Andersen wurde 1990 veröffentlicht und stellt ein grundlegendes Werk zu Typisierung von Sozialstaaten dar. Es erhielt eine bedeutende Resonanz und wurde von vielen Wissenschaftlern gelobt, verwendet oder weiterentwickelt. In den beiden Jahrzehnten kam es vermehrt zu Kritik des Werkes – beispielsweise sei es nicht umfassend genug, die südeuropäischen Länder bräuchten eine weitere Kategorie oder Ähnliches. Da The Three Worlds of Welfare Capitalism jedoch als fundamentale Grundlagenliteratur bezüglich der Wohlfahrtsstaatsforschung gilt, werde ich die Kritiken an Esping-Andersens Klassifizierung in dieser Arbeit - wohlwissend, dass sie existieren - außer Acht lassen und mich auf seine drei Modelle des Wohlfahrtsstaatsregimes konzentrieren. Im Folgenden werden zunächst drei zentrale Elemente aus seinem Werk erläutert; De-Kommodifizierung, Stratifizierung und Universalismus. Anschließend werde ich die Erklärung des liberalen und des konservativen Modells kurz anschneiden, um darauffolgend auf den für die Arbeit relevanten dritten Typus des sozialdemokratisch-skandinavischen Modells einzugehen.

Der Begriff (De-)Kommodifizierung resultiert aus dem englischen Begriff ‚commodity‘, was so viel bedeutet wie ‚Ware‘. Dekommodifizierung bedeutet ‚etwas seiner Warenförmigkeit entziehen‘ (Leiber: 5) oder ‚dem Markt entziehen‘. Bei Esping-Andersen bezieht sich Dekommodifizierung darauf, in welchem Ausmaß Individuen oder Familien unabhängig von ihrer Teilnahme am Markt einen sozial akzeptablen Lebensstandard halten können (Esping-Andersen 2007: 37) – also der Grad der Abhängigkeit des Einzelnen vom Markt. Ziel eines ausgeprägten Wohlfahrtsregimes ist es, nicht- oder nur geringfügig Erwerbstätigen trotzdem einen akzeptablen Lebensstandard zu ermöglichen. Möglich ist dies durch (a) Lohnersatz beziehungsweise (b) Dienstleistungen: Unter Punkt (a) fallen Sozialversicherungen und –leistungen, welche im Falle von Krankheit oder Unfällen, Elternschaft, Arbeitslosigkeit, Alter und/oder Aus- beziehungsweise Weiterbildung greifen. Unter Punkt (b) fallen Dienstleistungen wie Kinderbetreuung, Altenbetreuung, Medizinische Leistungen oder Bildung. Faktoren wie Vollständigkeit, Dauer, Zugänglichkeit, Qualität oder Kostenlosigkeit versuchen den Grad der Kommodifizierung messbar zu machen (Young 2013: 16-20). Der Begriff der Stratifizierung setzt sich aus den (lateinischen) Begriffen ‚stratum‘ und ‚facere‘ zusammen, was so viel wie (gesellschaftliche) ‚Schichten machen‘ bedeutet – also die Hervorbringung von (gesellschaftlichen) Schichten (Young 2013: 21). Esping-Andersen meint mit Stratifizierung sowohl die Auswirkungen von sozialpolitischen Einkommens- und Dienstleistungen auf die jeweilige Sozialstruktur der Gesellschaft als auch die Ausprägung beziehungsweise Reduktion sozialer Ungleichheiten (Leiber: 6). Wohlfahrtstaaten sind nicht nur für die Beeinflussung und gegebenenfalls Korrektur der gesellschaftlichen Ungleichheitsstruktur zuständig - sie ordnen aktiv und direkt soziale Beziehungsmuster (Esping-Andersen 1990: 39), das heißt sie fördern auch bestimmte Ungleichheiten und produzieren neue. Die Stratifizierung beinhaltet zweierlei Mechanismen: (a) die Stigmatisierung und (b) die Statusdifferenzierung. Die (a) Stigmatisierung meint die Entwertung des Bezugs wohlfahrtsstaatlicher Leistungen der Bezieher und führt zu einer klaren, symbolischen Teilung der Gesellschaft in zwei Gruppen. Die (b) Statusdifferenzierung meint die Erhaltung von vom Markt produzierte Einkommensunterschiede; bestimmte Bevölkerungsgruppen werden demnach bevorzugt beziehungsweise mit Privilegien ausgestattet, sowohl auf symbolischer als auch auf materieller Ebene (Young 2013: 23-25). Das Prinzip des Universalismus meint lediglich, dass alle Bürger unabhängig ihrer Klassenzugehörigkeit oder Marktstellung mit ähnlichen oder gleichen Rechten ausgestattet werden sollen (Esping-Andersen 2007: 41).

2.2 Die drei Wohlfahrtsregime

Wie bereits oben erwähnt, definiert Esping-Andersen in 1990 drei verschiedene Wohlfahrtsregime. Im liberalen Wohlfahrtsregime dominieren bedarfsorientierte Hilfeleistungen und geringe soziale Sicherung. Unterstützung ist meist nur auf kleine, einkommensschwache Bevölkerungsgruppen ausgerichtet. Der Staat fördert den Markt – entweder passiv (indem er nur ein Minimum garantiert) oder aktiv (durch Subventionierung privater Absicherung) (Esping-Andersen 2007: 26). Die Konsequenz dieses Typus ist die Minimierung von Dekommodifizierungseffekten. Die typischen Beispiele für dieses Modell sind die USA, Kanada und Australien (Esping-Andersen 2007: 27).

Das zweite, konservative Modell beschreibt laut Esping-Andersen Länder wie Österreich, Frankreich, Deutschland oder Italien. Ehemals korporatistisch-staatliche Systeme würden modernisiert und auf das postindustrielle Klassensystem ausgerichtet. Das liberale Streben nach Markteffizienz und Kommodifizierung spiele keine große Rolle – umkämpft wäre immer die Anerkennung von sozialen Rechten. Die Aufrechterhaltung von Statusunterschieden fiele in diesen Systemen besonders stark auf; Rechte seien dementsprechend abhängig von Klasse und Status. Staatliche Sozialversicherungen sind ausgeprägt, private Versicherungen spielen eher eine untergeordnete Rolle. Die Tatsache, dass der Staat die Statusunterschiede aufrechterhält, spricht gegen seine stratifizierende Wirkung. Konservativ-korporatistischen Staaten sind außerdem stark durch die Kirche geprägt und fokussieren oftmals auf die Stärkung des traditionellen Familienlebens. Sozialversicherungen schließen typischerweise nicht erwerbstätige Frauen aus – und Familienzuschüsse begünstigen in der Regel die Mutterschaft (Esping-Andersen 2007: 27).

Das dritte Modell umfasst diejenigen Staaten, in welchen die Prinzipien des Universalismus und der Dekommodifizierung sozialer Rechte bis zur neuen Mittelklasse ausgeweitet wurden. Esping-Andersen fasst diese Staaten als sozialdemokratische Staaten zusammen, da die Sozialdemokratie in diesen Staaten die deutlich dominierende Form hinter sozialen Reformen darstelle. Anstatt einen Dualismus zwischen Staat und Markt, Arbeiter- und Mittelklasse zu praktizieren, verfolgen die sozialdemokratischen Staaten einen Wohlfahrtsstaat, welcher eine Gleichberechtigung gegenüber hohen Standards verfolgt und nicht nur eine Gleichberechtigung gegenüber dem Existenzminimum. Das impliziert unter anderem, dass Arbeitern volle Anteilhabe an Rechten garantiert wird, die auch der wohlhabenderen Bevölkerungsgruppe zustehen (Esping-Andersen 2007: 27); dass Frauenerwerbstätigkeit gefördert wird; Lohnersatz staatlich finanziert wird und keine privaten Vorsorgemaßnahmen getroffen werden müssen; und Dienstleistungen wie beispielsweise Kinderbetreuung durch den Staat gewährleistet werden (Young 2013: 30). Das letzte Modell wird durch die kleinste Gruppe von Ländern vertreten – den Skandinavischen. Das schwedische Wohlfahrtsstaatmodell reiht sich in die letztgenannte Klassifizierung ein – welche durch umfassender sozialer Absicherung, einem dichten Netz sozialer Dienstleistungen und der Dekommodifizierung von Arbeit bestimmt wird.

[...]


[1] Wohlfahrtsregime sind immer Idealtypen. Reale Wohlfahrtstaaten entsprechen nie genau, nur mehr oder weniger einem Regime (Young 2013: 29).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das sozialdemokratische Wohlfahrtsstaatsmodell in Schweden nach Gøsta Esping-Andersen
Untertitel
Die Vereinbarkeit umfassender sozialer Sicherungssysteme und wirtschaftlicher Dynamik am Fallbeispiel Schweden
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V333995
ISBN (eBook)
9783668241589
ISBN (Buch)
9783668241596
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schweden, Wohlfahrtsstaat, esping-andersen, skandinavien
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Das sozialdemokratische Wohlfahrtsstaatsmodell in Schweden nach Gøsta Esping-Andersen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/333995

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