"Lettres persanes". Montesquieus Kritik am Ancien Regime und seine Gegenentwürfe


Seminararbeit, 2015
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Montesquieus politische Philosophie

3. Kritik und Gegenentwürfe in den Lettres persanes
3.1 Montesquieus Staatsformlehre (Die Parabel der Troglodyten)
3.2 Montesquieus Kritik am Despotismus und der absolutistischen Monarchie (Der Harem als Sinnbild)
3.3 Montesquieus Theorie der Gewaltenteilung als Gegenentwurf

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Briefroman Lettres persanes (1721) lässt Montesquieu zwei Perser, Usbek und Rica, die politischen, kulturellen und sozialen Verhältnisse Frankreichs zu Beginn des 18. Jahrhunderts kritisch beobachten und kommentieren

Die beiden Reisenden müssen ihr Heimatland aufgrund von politischen Umbrüchen verlassen. Über die Türkei und Italien erreichen sie Frankreich, wo sie nicht nur Zuflucht suchen, sondern gleichermaßen die Lebensverhältnisse der Europäer studieren wollen und damit aufklärerisches Interesse zeigen. In den Korrespondenzen,[1] die sie mit Freunden und Verwandten aus dem Orient unterhalten, geht es nicht nur um ihre Beobachtungen, sondern auch um die vermeintlichen Sitten und Gebräuche des Orients, die beispielsweise in den Briefen von Usbeks Haremsdamen erläutert werden.[2] Der Roman gleicht also zunächst den Reiseberichten über ferne Länder, die schon länger in Europa zirkulierten. Allerdings geht es Montesquieu weniger um eine Beschreibung des Orients.[3] Was zunächst wie ein unterhaltsamer Kulturvergleich erscheint, entpuppt sich als scharfe Kritik am Ancien Régime, denn in erster Linie geht es Montesquieu um aufklärerische Themen wie religiöse Toleranz, das Überwinden veralteter Traditionen und die ideale Staatsform, die ein friedliches Miteinander ermöglicht.[4] Montesquieu nutzt dabei die Briefform, um seine gesellschaftskritischen Gedanken hinter dem spöttischen Blick der Perser zu verstecken. Auf satirische Art und Weise kann er so die absurden Strukturen der französischen Gesellschaft, die längst als selbstverständlich gelten, aufdecken und in Frage stellen. In dieser Arbeit sollen die politische Einstellung Montesquieus, seine Kritikpunkte am Ancien Régime und seine Idealvorstellung eines Staates herausgearbeitet werden. Hierfür wird zunächst seine politische Philosophie erläutert und schließlich anhand ausgewählter Textbeispiele aus den Lettres persanes verdeutlicht.

2. Montesquieus politische Philosophie

Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu formuliert seine politischen Ansichten in seinem Hauptwerk De l’esprit des lois, das 1748, knapp 30 Jahre nach den Lettres persanes, erscheint.

Darin entwickelt er keine vollständige Staatstheorie, sondern zeigt eher allgemeine Rechtsideen auf wie bspw. die Gewaltenteilung, das Prinzip der „ checks and balances “,[5] die Idee der universellen Vernunft, die den Naturgesetzen zugrunde liegt[6] und den Gedanken der politischen Freiheit.[7]

Auch wenn die Gewaltenteilungslehre in dem Werk nur einen kleinen Teil einnimmt, gilt Montesquieu neben John Locke[8] als einer der Begründer der Gewaltenteilung und als Vordenker unseres heutigen politischen Rechtssystems. Vor Montesquieu haben bereits Denker wie (u.a.) Aristoteles, Machiavelli, Hobbes und Rousseau Überlegungen zur Gewaltenteilung angestellt. Während Locke und Hobbes sich mit der Diskussion des Naturzustandes und der Gesellschaft als Hintergrund der Politik auseinandersetzen,[9] erweitert Montesquieu seine Theorie u.a. durch die berühmte Trias[10] „Legislative – Exekutive – Judikative“[11] und seinen Ansatz der politischen Freiheit und der Sicherheit des Bürgers.[12] Zur Freiheit sagt Montesquieu, dass ein Staat so aufgebaut sein müsse, dass kein Bürger sich vor dem anderen zu fürchten brauche:“[…] il faut que le gouvernement soit tel qu’un citoyen ne puisse pas craindre un autre citoyen.“[13] Hintergrund dieser These ist der Grundgedanke Montesquieus, dass „der Mensch ein Wesen ist, das, sobald es Macht hat, nach einer immer größeren Macht strebt“.[14] Daraus ergibt sich der Kern seiner Lehre, die vor allem auf Mäßigung, Milde, und Toleranz beruht.[15]

Um seine Gewalteinteilungslehre besser einordnen zu können, müssen zunächst seine Definitionen der Staatsformen erläutert werden. Montesquieu erkennt drei Staatsformen an, welche er nicht primär nach der Anzahl ihrer Herrscher unterscheidet. In erster Linie differenziert er zwischen gemäßigt regierten Staatsformen und dem Despotismus (Regierungsform, in der ein Herrscher willkürlich handelt und weder durch Gesetze oder von ihm unabhängige Machstrukturen gehindert wird.), den er ablehnt. Mit „gemäßigt“ sind hier Formen gemeint, die sich auf Gesetze berufen.[16] Dazu zählt er die Monarchie[17] (Herrschaft einer Person auf der Grundlage feststehender Gesetze) und die Republiken[18] (Herrschaft, in der entweder das ganze Volk (demokratische Republik) oder ein Teil des Volkes (aristokratische Republik) regiert).[19]

[...]


[1] Diese finden in dem Zeitraum von 1711 bis 1720 statt und beziehen sich also auf das Ende der Regierung Ludwig XIV. und die Anfänge der Regentschaft des Herzogs von Orléans anstelle von Ludwig XV.

[2] Vgl. Opitz-Belakhal, Claudia: Der Harem als Projektionsraum der europäischen Aufklärung: Montes-quieus Perserbriefe und die Orientalisierung der Despotie, in: Verschleierter Orient – Entschleierter Okzident? (Un-)Sichtbarkeit in Politik, Recht, Kunst und Kultur seit dem 19. Jahrhundert, hg. v. Bettina Dennerlein; Elke Fritsch; Therese Steffen, München 2012, S. 165.

[3] Montesquieu hat Persien nie bereist. Die Beschreibungen beruhen eher auf Vorstellungen als auf Erfahrungen. Vgl. Campagna, Norbert: Montesquieu interkulturell gelesen, Nordhausen 2005 (Interkulturelle Bibliothek, Bd. 85), S. 23.

[4] Vgl. Opitz-Belakhal: Der Harem als Projektionsraum der europäischen Aufklärung, S. 166.

[5] Damit ist eine Art soziale Gewaltenteilung gemeint: Monarchie, Adel und Bürgertum sollten sich gegenseitig kontrollieren, um ein Gleichgewicht herzustellen und das Machtergreifen einer einzelnen Gruppe zu unterbinden. Vgl. Saage, Richard: Demokratietheorien. Historischer Prozess - Theoretische Entwicklung - Soziotechnische Bedingungen. Eine Einführung, Wiesbaden 2005 (Grundwissen Politik, Bd. 37), S. 97.

[6] Montesquieu ersetzt damit den gültigen theologischen Grundsatz der Gesetze durch einen naturrechtlichen und beweist dadurch sein aufklärerisches Denken. Vgl. Firges, Jean: Montesquieu: Die Perserbriefe. Roman der Frühaufklärung, Annweiler am Trifels 2005, S. 8ff.

[7] Vgl. Schlosser, Hans: Neuere europäische Rechtsgeschichte. Privat- und Strafrecht vom Mittelalter bis zur Moderne, München 2014 (Grundrisse des Rechts). S. 178ff.

[8] John Locke lebte von 1632 bis 1704. Seine Gedanken zur Gewaltenteilungslehre hielt er in seinem Werk „ Two treaties of Gouvernement“, das 1690 erschienen ist fest.

[9] Vgl. Llanque, Marcus: Geschichte der politischen Ideen. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 2012, S. 53.

[10] Die Idealform der Gewaltenteilung nach Montesquieu gliederte sich in Exekutive (die eine vollziehende Gewalt mit Vetorecht darstellt), Legislative (die sich in zwei Kammern gliedert, aus dem gesetzgebenden Unterhaus und dem kontrollierenden Oberhaus) und Judikative (rechtsprechende Gewalt, ausgeübt von Bürgertum und Adel). Vgl. Unruh, Peter: Der Verfassungsbegriff des Grundgesetzes. Eine verfassungstheoretische Rekonstruktion, Tübingen 2002, S. 137-138.

[11] Montesquieu ordnete der Judikative allerdings keine bedeutende Rolle zu. Vgl. Zintl, Reinhard: Gewaltenteilung, in: Politische Philosophie, 3., aktualisierte Auflage, hg. v. Michael Becker; Johannes Schmidt; Reinhard Zintl, Paderborn 2012 (Grundkurs Politikwissenschaft), S. 321.

[12] Vgl. Christ, Alexander: Bürgerliche Freiheit und Strafrecht bei Montesquieu. Im Kontext seiner Gesetzes- und Staatslehre, Berlin 2003, S. 132.

[13] Montesquieu, Charles-Louis de: De l’esprit des lois. Présentation par Jean-Francois Mattéi, Paris 2008, S. 397.

[14] Vgl. Campagna: Montesquieu interkulturell gelesen, S. 20.

[15] Vgl. Herdmann, Frank: Montesquieurezeption in Deutschland im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert, Hildesheim 1990 (Philosophische Texte und Studien, Bd. 25), S. 51.

[16] Vgl. Zintl: Gewaltenteilung, S. 315.

[17] Das Prinzip der Monarchie sei die Ehre.

[18] Das Prinzip der Republik sei die Tugend.

[19] Zintl: Gewaltenteilung, S. 315.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"Lettres persanes". Montesquieus Kritik am Ancien Regime und seine Gegenentwürfe
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Romanistik)
Veranstaltung
Montesquieu - Lettres persanes
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V334114
ISBN (eBook)
9783668237506
ISBN (Buch)
9783668237513
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Montesquieu, Lettres persanes, Frankreich, Roman, Brief
Arbeit zitieren
Alida Ott (Autor), 2015, "Lettres persanes". Montesquieus Kritik am Ancien Regime und seine Gegenentwürfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334114

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