Die Wahrnehmung des Islams in Deutschland. Leben wir in einem islamfeindlichen Land?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen: Stereotyp und Vorurteil
2.1 Stereotyp
2.1.1 Stereotype als Erklärungshilfe
2.1.2 Stereotype zum Sichern von Kapazitäten
2.1.3 Stereotype als gemeinsame Überzeugung
2.2 Vorurteil
2.3 Gegenüberstellung Stereotyp und Vorurteil

3 Der Islam in Deutschland

4 Stereotype und Vorurteile gegenüber dem Islam
4.1 Die Studien
4.2 Das Islambild in den Medien

5 Mögliche Erklärungsansätze

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

Vorbemerkung

Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass in dieser Arbeit die Bezeichnungen ‚der Islam‘ sowie ‚der Islam in Deutschland‘ nicht der Vereinheitlichung der Muslime und ihrer individuellen Glaubensrichtungen dienen sollen. Vielmehr soll thematisiert werden, wie der Islam und Muslime in Deutschland aus stereotypischer Sicht repräsentiert werden. Die Formulierung ‚die Deutschen’ oder ‚die deutsche Bevölkerung’ und Ähnliche bezieht sich in diesem Sinne auf Deutsche ohne Migrationshintergrund muslimisch geprägter Länder und stellt auch keine Vereinheitlichung dieser Bevölkerungsgruppe dar, sondern eine Ver- einfachung der Benennung. Dem Verständnis der Muslime von dem ‚Einen Gott‘ und dem ‚Einen Islam‘, der unter unterschiedlichsten Rahmenbedingungen zu unterschiedlichen Zeiten auf vielfältige Art und Weise gedeutet und gelebt wurde und wird, wird äußerste Wertschätzung entgegengebracht und eine grundlegende Kritik an der Weltreligion des Is- lams und seiner Auslegung ist kein Bestandteil dieser Arbeit. Die Begrifflichkeit ‚Islam‘ soll im Rahmen der vorliegenden Arbeit genutzt werden, um die Weltreligion zu benennen, die sich zu dem Glauben an den einen Gott und dessen Propheten Mohammad, der den Ko- ran empfangen hat, bekennt.

1 Einleitung

Durch die Globalisierung und wachsende Mobilität wird es heutzutage für Menschen im- mer einfacher ihr Heimatland zu verlassen und sich in anderen Ländern ein neues Leben aufzubauen. Damit ist nicht gemeint, dass Menschen sich leichter dazu entschließen oder emotional weniger an ihr Heimatland gebunden sind, denn die Gründe für die Migration in ein anderes Land sind vielseitig. Politische und religiöse Verfolgung, Kriege, ökonomische oder edukative Gründe können die Einwanderung in ein anderes Land rechtfertigen. Deutschland gilt laut Bundeskanzlerin Angela Merkel als Einwanderungsland (Frankfurter Allgemeine Zeitung 2015, http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/angela- merkel-sieht-deutschland-als-einwanderungsland-13623846.html, abgerufen am 30.9.2015) und für viele Migranten als vielversprechende Alternative zu ihrem Heimat- land.

Im Zuge der sehr aktuellen Flüchtlingsbewegung aus Syrien scheint es unausweich- lich sich mit der Wahrnehmung des Islams innerhalb Deutschlands auseinanderzusetzen, denn laut einer Erhebung der Central Intelligence Agency (2015) sind 87% der syrischen Bevölkerung Muslime, von denen wiederum 74% den Sunniten angehören. Dies ist des- halb wichtig, da der Islam die größte religiöse Minderheit in Deutschland darstellt (Hafez & Schmidt 2015) und mehr als 50% der Deutschen sich durch den Islam bedroht fühlen (Hafez & Schmidt 2015). Sie sind der Meinung, dass der Islam nicht in die Vorstellung einer ‚westlichen Welt‘ passt, wobei hier angemerkt sein soll, dass auch die ‚westliche Welt‘ nur durch Meinungen und Glauben entsteht. Dennoch ist keine andere Religion in Deutschland derart negativ konnotiert wie der Islam (ebd.).

Die Anzahl der in Deutschland lebenden Muslime kann bis heute nur geschätzt werden, da eine Zählung oder Registrierung nicht existiert. Allerdings hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)1 im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz im Jahr 2008 eine Studie durchgeführt, die Erkenntnisse über das muslimische Leben in Deutschland liefert. Hochrechnungen dieser Studie zufolge lebten zum Erhebungszeitpunkt circa 3,8 bis 4,3 Millionen Muslime in Deutschland (BAMF 2009). Die größte Herkunfts- gruppe der in Deutschland lebenden Muslime bilden mit 63% Türkischstämmige, gefolgt von Muslimen aus Südosteuropa mit 14% und Muslimen aus Süd-/Südostasien mit circa 8% (BAMF 2009). Es kann davon ausgegangen werden, dass mit der Aufnahme syrischer Flüchtlinge die Zahl der in Deutschland lebende Muslime weiter zunehmen wird.

Muslime bilden folglich einen wichtigen Bestandteil der deutschen Gesellschaft, sie leben teilweise schon in der dritten Generation in Deutschland. Sie bilden eine hetero- gene Gruppe, da beispielsweise türkische, arabische, iranische und weitere Einwan- derungsgruppen ein facettenreiches Bild von Muslimen und ihrer Glaubensrichtung, dem Islam, zeigen (Tibi 2000).

Pollack (2012) weist darauf hin, dass es durchaus Sinn ergibt die Frage nach der Einstellung zu einer fremden Weltreligion zu stellen, da die menschliche Handlungspraxis stark durch Wahrnehmung, kognitive Muster und situativen Kontext und Stereotype beein- flusst wird, was eine Bestandsaufnahme von Einstellungsdaten durchaus rechtfertigt. Mey- er und Halm (2012) konstatieren, dass „ dieöffentlichen Kontroversen um den Islam in Deutschland [ … ] zu beträchtlicher Unübersichtlichkeit und einer Politisierung zahlreicher Aspekte dieser Religion und ihrer Gläubigen [führen]. Schon die eigentliche Zahl der Mus- lime [sei] umstritten “ (Mayer & Halm 2012, S. 9). Ob die Deutschen dem Islam und seinen Glaubensanhängern wirklich in dem Maße negativ gegenüber eingestellt sind wie Pollack (2012) mit seinem Aufsatz schlussfolgert, soll anhand der vorliegenden Daten her- ausgearbeitet und überprüft werden.

In der vorliegenden Arbeit wird mit Hilfe der vorliegenden Daten ermittelt, welches Bild die deutsche Mehrheitsgesellschaft von dem Islam und seinen Glaubensanhängern hat. Es soll herausgestellt werden, wie sich die Wahrnehmung der deutschen Mehrheitsgesellschaft von Muslimen und dem Islam zeigt, wie das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen bewertet und wie die zunehmende Gegenwart des Islams in Deutschland konnotiert wird. Dies Befunde werden in den theoretischen Rahmen der Stereotype und Vorurteile eingebettet und Ursachen erörtert.

In Kapitel 2 werden theoretische Grundlagen vorgestellt und der Begriff des Stereotyps formuliert. Es werden sozialpsychologisch und sozialwissenschaftlich defini- torische Aspekte eingeführt und anschließend der Begriff des Vorurteils erläutert. Bevor im Die Studie des BAMF (2009) unterscheidet Migranten in Muslime und Nicht-Muslime, fokussiert sich auf die Integration von Muslimen, weist aber darauf hin, dass Zuwanderer aus muslimisch dominierten Ländergruppen nicht mit Muslimen gleichgesetzt werden können (vgl. BAMF 2009, S. 340f)

weiteren Verlauf der Arbeit unter Berücksichtigung der theoretischen Konstruktion von Stereotypen und Vorurteilen darauf eingegangen wird, wie die Wahrnehmung der deutschen Mehrheitsgesellschaft von Muslimen und dem Islam ist, soll ein kurzer Überblick über den Islam in der deutschen Aufnahmegesellschaft in Kapitel 3 gegeben werden. Im folgenden Kapitel 4 wird die Empfindung des Islams in Deutschland beschrieben. Unter Einbezug diverser Studien und der Mediendarstellungen soll eruiert werden, wie der Islam und Muslime in Deutschland wahrgenommen und bewertet werden. In Kapitel 5 werden Erklärungsansätze vorgestellt, um einen Versuch zu unternehmen die in Kapitel 4 vorgestellten Phänomene zu beleuchten.

2 Theoretische Grundlagen: Stereotype

Der Terminus Stereotyp ist griechischen Ursprungs und setzt sich aus den Worten stereos (=starr, hart, fest) und typos (=Entwurf, charakteristisch Geprägtes) zusammen (Petersen & Six 2008). Der starre, feste Charakter eines Stereotyps bezieht sich beispielsweise auf Segmente des menschlichen Denkens, Sprechens und Verhaltens. Das heutige Verständnis des Begriffes Stereotyp leitet sich von dem Terminus Stereotypie ab, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Buchdruck verwendet wurde und den Druck mit feststehender Schrift bezeichnete. Dieser Prozess war mechanisch und wiederholbar (Meyers Konversations- Lexikon 1885-1892). Im wissenschaftlichen Kontext wurde der Begriff des Stereotyps in den 20er Jahren von dem Sozialwissenschaftler Walter Lippmann geprägt (Quasthoff 1973), welcher später in verschiedenen Forschungsfeldern, beispielsweise der Linguistik und Literaturwissenschaft sowie der Sozialpsychologie und Soziologie, Einzug fand. Eine eindeutige Definition bleibt der Begriff des Stereotyps schuldig.

Walter Lippmann nutzte den Begriff Stereotyp im Rahmen der Sozialwissenschaft und führte ihn in seinem Buch ‚Public Opinion‘ ein, mit dem Versuch einen kognitiven, theoretischen Rahmen für die Abgrenzung der Begrifflichkeit im wissenschaftlichen Kon- text zu schaffen. Lilli (1982) merkt Lippmanns richtungsweisenden Gedanken der Diver- genz zwischen unserer gedanklichen Wahrnehmung und den in der Umwelt stattfindenden Phänomenen an. Darauf basierend schlussfolgert sie, dass unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit nicht gezwungenermaßen mit der wirklichen Welt übereinstimmen müssen (Lilli 1982). Deutlich wird dies an einem Zitat von Lippmann aus seinem Buch ‚Puplic Opinion‘: „ We are told about the world before we see it. We imagine things before we ex- perience them and those preconceptions [ … ] govern deeply the whole process of percep- tion “ (Lippmann 1922. Zit. nach Lilli 1982, S. 3).

Ashmore und Del Boca (1981) haben drei populäre Ansätze in der Stereotypen- forschung formuliert, die Definition und Funktion von Stereotypen erläutern: Der erste Ansatz im Rahmen der Kognitiven Sozialpsychologie, sieht Stereotype als einen Pool von Merkmalen und Überzeugungen, die sich an spezifischen Merkmalen von Personen inner- halb einer Gruppe orientieren. Innerhalb dieses Prozesses der Stereotypenbildung kommt es zu Kategorisierung. Die Wahrnehmung steht folglich unmittelbar im Vordergrund. Der Soziokulturelle Ansatz bewertet Stereotype als Instrument zur Schaffung gesellschaftlicher Orientierung und Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Ordnung. Weiterhin haben sie auch die Funktion inne, Werte innerhalb einer Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen. Der Psy- chodynamische Ansatz setzt das Individuum in das Zentrum der Beobachtung, sodass der Fokus auf dem Umleiten von eigenen Aggressionen und negativen Eigenschaften auf eine Fremdgruppe liegt, um das eigene Verhalten gegenüber dieser zu legitimieren (Ashmore & Del Boca 1981. Zit nach Sorrentino & Higgins 1996, S. 398). Die genannten Forschungsansätze haben alle ihre Berechtigung, sind jedoch nicht scharf voneinander abzugrenzen. Aspekte des einen Ansatzes fließen durchaus in den eines anderen ein und wirken zusammen (Sorrentino & Higgins 1996).

In den folgenden Unterkapiteln soll kurz auf einige Funktionen von Stereotypen detaillierter eingegangen werden, um den Zweck dieser zu verdeutlichen.

2.1 Stereotyp

Eine geläufige Ansicht von Stereotype, wenn auch keine genaue Definition, ist die fol- gende. Stereotype können als überdauernde, durch neue Einflüsse minimal veränderbare Vorstellungen über Personengruppen oder andere soziale Kontexte verstanden werden, die positiv oder negativ konnotiert sein können und häufig stark emotional unterlegt sind. Die Merkmale für die Bildung von Stereotypien werden nur oberflächlich berücksichtigt, so- dass äußere Umstände für das Verständnis von Stereotypen kaum eine Rolle spielen. Eine Ursache für die Bildung von Stereotypen kann die Vereinfachung der Orientierung und In- teraktion in sozialen Kontexten sein (Petersen & Six 2008).

2.1.1 Stereotype als Erklärungshilfe

Stereotype können eine Exemplifizierung für den Prozess der Kategorienbildung sein. Unter dem Begriff Kategorisierung versteht man den kognitiven Prozess, der uns hilft Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen uns und anderen zu ermitteln (Mc Gart, Yzerbyt & Spears 2002).

Die Bildung von Stereotypen ist besonders durch die Bereitwilligkeit von Men- schen geprägt, Kategorien im sozialen Kontext zu erschaffen und andere anhand dieser als Zugehörige in die Eigen- oder Fremdgruppe zuzuordnen. Dies erfolgt anhand verschieden- er Merkmale, sodass die Bildung von Kategorien auf unsere Wahrnehmung sowie unser Urteilsvermögen Einfluss nimmt. Die Merkmale von Fremdgruppen werden beispielsweise häufiger als negativ empfunden (Petersen & Six 2008). Haben sich Stereotype etabliert, wirken sie auf unsere Informationsverarbeitung, unsere Aufmerksamkeit, wie wir Informa- tion interpretieren, was wir uns merken und welche Konsequenzen sich für uns daraus ergeben (ebd.).

2.1.2 Stereotype zum Sichern von Kapazitäten

Stereotype sind als eine Art Hilfsmittel zu bezeichnen, die von Menschen gebildet werden und die dadurch helfen die Welt besser zu verstehen. Die Frage ist nun, wieso manche Stereotype sich in einer bestimmten Form manifestieren. In der Sozialpsychologie findet sich die Antwort darin, dass Stereotype dabei helfen Zeit und Aufwand zu sparen. Das be- deutet, dass es für den Einzelnen viel einfacher ist jemanden als Mitglied einer Gruppe, anstatt als Individuum innerhalb einer Gruppe zu bewerten. In unserer sehr komplex gestalteten Umwelt muss der Mensch viele Informationen verarbeiten, seine Fähigkeiten dazu sind allerdings beschränkt. Stereotype können deshalb genutzt werden, um den In- formationsverarbeitungsprozess zu verkürzen und die Wahrnehmung vor allem einseitig zu beeinflussen (Mc Gart, Yzerbyt & Spears 2002).

2.1.3 Stereotype als gemeinsame Überzeugung

Stereotype erfahren erst Aufmerksamkeit, wenn sie von vielen Menschen geteilt werden. Erst durch ein gemeinsames Verständnis von Stereotypen lassen sich Aussagen über das Verhalten anderer Gruppen treffen, was Sicherheit vermitteln kann. Wenn jeder Einzelne eine andere Vorstellung von einer Gruppe hätte, würde man Stereotype wahrscheinlich keine Relevanz zusprechen können (ebd.).

Als eine Erklärung für gemeinsame Überzeugungen bezüglich Stereotypen kann das geteilte Wissen einer Gesellschaft herangezogen werden. Die Vorstellungen über soziale Gesellschaftsstrukturen, Weltvorstellungen, die individuellen Personen gemeinsam sind, können unsere Norm- und Wertvorstellungen beeinflussen. Diese Erläuterung igno- riert allerdings die Annahme, dass je mehr Zeit Menschen zusammen in einer Gruppe ver- bringen, desto ähnlicher werden sie einander (ebd.). Ein weiteres interessantes Argument ist, dass Stereotype nicht nur aufgrund gleicher gesellschaftlicher und kultureller Erfahrun- gen entstehen und geteilt werden, sondern dass sie aktiv innerhalb von Gruppen und von Einzelnen geteilt werden, damit Gruppenmitglieder ihre Verhaltensnormen schaffen und koordinieren können. Mit dieser Intention kann eine Gruppe den Status erreichen, in dem sie sich klar von anderen Gruppen abgrenzt (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Wahrnehmung des Islams in Deutschland. Leben wir in einem islamfeindlichen Land?
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Globaler und lokaler Islam
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V334249
ISBN (eBook)
9783668240889
ISBN (Buch)
9783668240896
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Stereotype, Deutschland, Vorurteile
Arbeit zitieren
Iris Klüger (Autor), 2015, Die Wahrnehmung des Islams in Deutschland. Leben wir in einem islamfeindlichen Land?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334249

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