Das Verhältnis von theoretischer und praktischer Philosophie im Deutschen Idealismus. Die 'Architektonik der Vernunft' bei Kant und Fichte


Bachelorarbeit, 2012

39 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kant
2.1. Der Begriff der Architektonik
2.2. Das gemeinschaftliche Prinzip der Vernunft
2.3. Freiheit
2.3.1. Mögliche Freiheit
2.3.2. Wirkliche Freiheit
2.3.3. Das höchste Gut
2.3.4. Das Interesse der Vernunft
2.4. Die Urteilskraft

3. Fichte
3.1. Fichtes Ausgangspunkt und sein Selbstverständnis
3.2. Die Grundsätze
3.2.1. Tathandlung als oberster Grundsatz
3.2.2. Der zweite Grundsatz
3.2.3. Der dritte Grundsatz
3.3. Theorie und Praxis
3.4. Zirkularität des Systems der Vernunft
3.5. Glaube und Wissen

4. Fazit und Ausblick

5. Quellen

1. Einleitung

Für gewöhnlich unterscheidet man in der Philosophie die theoretische von der praktischen. Die theoretische Philosophie umfasst Gebiete wie die Ontologie, Erkenntnistheorie oder die Logik. Die praktische Philosophie hingegen enthält insbesondere die Ethik, aber auch die politische Philosophie, sowie die Sozialphilosophie. Die Ausdifferenzierung dieser beiden Arten der Philosophie ist alles andere als selbstverständlich. Sie bezeichnet zwei unterschiedliche Erkenntnisvermögen, deren Verhältnis zueinander in der Philosophie stark umstritten bleibt.

Bei Platon ist der Weg zur Erkenntnis handlungsorientiert, d.h. die Einsicht und das Handeln verweisen aufeinander. Erst mit Aristoteles beginnt die philosophische Tradition strikt zwischen der theoretischen und der praktischen Philosophie zu unterscheiden.1 Aristoteles nennt seine Philosophie der Metaphysik, welche die ersten Prinzipien und Ursachen behandelt, die »erste Philosophie« und »theoretische Wissenschaft«. Die theoretische Wissenschaft zergliedert Aristoteles weiterhin in Mathematik, Physik (Naturphilosophie) und Theologie, welche ihm als die ehrwürdigsten Wissenschaften erscheinen, insofern sie die ehrwürdigsten Dinge behandeln: "Sie ist nicht Mittel zu etwas anderem, nicht auf Nutzen gerichtet, sondern besitzt Selbstzweckcharakter: Th[eorie] besteht um ihrer selbst willen [...]".2 Dieses interessenlose und damit freie Forschen gilt Aristoteles als die höchste aller Lebensformen.3 Sowohl in der Metaphysik als auch in der Nikomachischen Ethik kristalisiert sich die Vorstellung der Mittel-Zweck Relation und das Interesse als konstitutiv für die praktische Philosophie heraus.4

Über die Zeit hinweg wurde das Verhältnis von theoretischer und praktischer Philosophie ständig neu ausgelotet. Ein Höhepunkt der Reflexion über dieses Verhältnis ist wohl bei Kant und bei dem auf Kant folgenden Deutschen Idealismus zu finden. Innerhalb der Systemphilosophie Kants ist es eines der erklärten Ziele die systematische Einheit der Vernunft herzuleiten. Die Teilsysteme des Theoretischen und des Praktischen sollen also zu einem Gesamtsystem verknüpft werden und dies sei ein Bedürfnis der Vernunft. Die Systematik ist nach Kant dasjenige, was eine Wissenschaft erst zur Wissenschaft machen kann. Tatsächlich ist es so, dass Kant in seinen Kritiken ständig den Blick auf die Systemeinheit richtet. Leider handelt es sich dabei ausschließlich um Seitenblicke, sodass eine systematische Darstellung ausbleibt.

Einen Mangel an Systematik wirft Fichte Kant für seine ganze Philosophie vor. Sowohl die verschiedenen Handlungsarten der Vernunft als auch alle Vermögen des erkennenden Subjekts sind von Kant zwar vorgefunden, aber nicht hergeleitet worden. Von diesem Ausgangspunkt aus ist es für Fichte nicht verwunderlich, dass Kants Kritiken einer Gesamtsystematik und damit auch der klaren systematischen Verbindung von Theorie und Praxis schuldig bleiben. Diesen Mangel möchte Fichte durch seine strenge und systematische Methodik überwinden.

In dieser Arbeit soll der systematische Zusammenhang von theoretischer und praktischer Philosophie bei Kant und Fichte dargestellt werden. Man unterscheidet für gewöhnlich bei Kant die vorkritische, die kritische und die nachkritische Phase seiner Philosophie. In dieser Arbeit soll der Fokus auf die kritische Philosophie gerichtet werden. Da über die Kritiken Kants hinweg der Systemgedanke bearbeitet wird, ist die Fokussierung auf ein einzelnes Werk zur Bearbeitung der Aufgabe nicht zielführend. Fichte hingegen nimmt in Anspruch innerhalb seiner Wissenschaftslehre die Philosophie Kants in einem System dargestellt zu haben. In wie weit Fichte seinem Anspruch gerecht werden kann soll in der Wissenschaftslehre von 1794 überprüft werden.

2. Kant

Kant selbst bezeichnet die Vernunft als »architektonisch« und damit als systematisch. Innerhalb dieser Architektonik der Vernunft gibt es zwei Arten der Erkenntnis, nämlich die theoretische und die praktische. Zwar liegt dem System nur eine Vernunft zugrunde, doch gibt es zwei Anwendungsarten der Vernunft, welche jeweils einen Teil des Gesamtsystems ausmachen, nämlich den theoretischen und den praktischen Teil.

Ziel dieses Kapitels ist es die Architektonik der Vernunft darzustellen. Dazu soll zunächst der Begriff der Architektonik erläutert werden. Anschließend wird der Vereinigungspunkt beider Handlungsarten der Vernunft in deren gemeinschaftlichem Prinzip aufgesucht. Von dort aus wird sich zeigen, wie der Freiheitsbegriff Kants für das System eine essentielle Funktion übernimmt. Abschließend wird Kants Beitrag zur Architektonik der Vernunft in seiner Kritik der Urteilskraft geprüft.

2.1. Der Begriff der Architektonik

Im Vorwort der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten bemerkt Kant:

"[...] teils erfordere ich zur Kritik einer reinen praktischen Vernunft, daß, wenn sie vollendet sein soll, ihre Einheit mit der spekulativen [d.h. der theoretischen Vernunft] in einem gemeinschaftlichen Prinzip zugleich müsse dargestellt werden können, weil es doch am Ende nur eine und dieselbe Vernunft sein kann, die bloß in der Anwendung unterschieden sein muß. Zu einer solchen Vollständigkeit konnte ich es aber hier noch nicht bringen, ohne Betrachtungen von ganz anderer Art herbeizuziehen und den Leser zu verwirren"5.

Kant verfolgt sowohl in seiner zweiten als auch in seiner ersten Kritik, der Kritik der reinen Vernunft (KrV), eine systematische Einheit des gesamten Vernunftvermögens. Zwar untersucht Kant zwei Arten der Vernunfterkenntnis, nämlich diejenige der theoretischen und der praktischen Erkenntnis, und damit zwei Arten des Vernunftgebrauchs, er hat jedoch stets die Einheit des Vernunftvermögens im Blick. Um diese Absicht zu verdeutlichen bedient sich Kant oft des Begriffs der »Architektonik« und bezieht ihn auf das Vernunftvermögen. In der KrV widmet Kant ein Hauptstück der transzendentalen Methodenlehre eben dieser Architektonik, wobei er unter Architektonik die "Kunst der Systeme"6 verstanden wissen will.

Kant stellt hier fest, dass die Vernunft es nicht dulde, dass Erkenntnisse zusammengerafft werden, sondern dass sie ein System ausmachen müssen. Charakteristisch für eine solche Strukturierung der Erkenntnis ist es, dass erst dadurch die einzelnen Teile den Zweck des gesamten Systems fördern können: "Ich verstehe aber unter einem System die Einheit der mannigfaltigen Erkenntnisse unter einer Idee. Diese ist der Vernunftbegriff von der Form eines Ganzen, so fern durch denselben der Umfang des Mannigfaltigen so wohl, als die Stelle der Teile untereinander, a priori bestimmt wird".7

Kant macht es sich anschließend zum Ziel die "Architektonik aller Erkenntnis aus reiner Vernunft zu entwerfen".8 In der fortschreitenden Gliederung der Erkenntnis wird zwischen dem theoretischen und dem praktischen Gebrauch der Vernunfterkenntnis unterschieden, wobei letzterer nicht Teil der KrV ist und insofern ausgeblendet wird. Es liegt in diesem Kapitel demnach keine vollständige Architektonik der Vernunfterkenntnis vor, auch wenn sie grundsätzlich intendiert ist. Die Einheit aller Erkenntnisse scheint bei Kant als bloße Idee mit regulativer Funktion angelegt zu sein. Inwiefern die theoretische und die praktische Erkenntnis durch Ideen vereinheitlicht werden ist völlig offen. Für Kant steht jedenfalls fest, dass den Zwecken der Vernunft nur dann gedient werden kann, wenn die Erkenntnisse innerhalb einer Architektur verbunden sind.9 Wir wissen bloß, dass die Ideen im kantischen Sinne die Vernunft in ihren Denkbemühungen regulieren und ihr eine klare Richtung weisen. Wenn eben diese Ideen, welche nicht konstitutiv sind, die Form der Systemeinheit ausmachen, ist es fraglich, inwieweit die Einheit tatsächlich bestehen kann.

Die Architektonik der Vernunft basiert auf einem obersten und inneren Zweck, der das Ganze erst möglich macht. Möglich ist dadurch nicht die Vernunft, sondern die Systematik des Ganzen. Das Vernunftsystem basiert demnach auf einem Zweck des Ganzen und einer Form des Ganzen.10 Was den Zweck betrifft, so beendet Kant unerwartet das Kapitel mit der Anmerkung, dass die Metaphysik diejenige Wissenschaft ist, die einerseits das Vernunftganze im Auge hat, aber andererseits durch ihre Kritik an Irrtümern die "Kultur der menschlichen Vernunft" abhält "[...] sich nicht von dem Hauptzwecke, der allgemeinen Glückseligkeit, zu entfernen".11

2.2. Das gemeinschaftliche Prinzip der Vernunft

Wenn Erkenntnisse systematisch miteinander bestehen sollen, bedarf es zumindest "dem Zusammenhang derselben aus einem Prinzip".12 Es gilt zunächst dieses Prinzip aus den Kritiken Kants herauszulesen.

Kant bemerkt in der Vorrede zur Grundlegung der Metaphysik der Sitten (GMS), dass die Vernunfterkenntnis sich prinzipiell auf allgemeingültige (notwendige) Gesetze bezieht. In der theoretischen Philosophie und damit im theoretischen Gebrauch der Vernunft wird die Natur betrachtet. Die Vernunft hat hier die Aufgabe, die notwendigen Gesetze von dem was ist, also der Natur, als Inbegriff der Gegenstände der Erfahrung13, zu bestimmen.14 Vernunft ist dasjenige, worunter "[...] eine Tätigkeit des erkennenden Bewusstseins zu verstehen ist, durch die ein Wissen a priori gefunden werden kann".15 In der transzendentalen Dialektik der KrV stellt Kant die natürlichen Widersprüche der Vernunft dar, die daraus resultieren, dass die Vernunft beim Versuch, das Unbedingte a priori zu erkennen, scheitert. Gerade diesen Vorgang bezeichnet Kant als Dialektik der Vernunft. Während der Verstand als Vermögen des Urteilens16 bedingte Erkenntnis gewinnt, indem er beispielsweise ein UrsacheWirkungsverhältnis in der Erfahrung bestimmt (und damit konstituiert), will die Vernunft (das Vermögen zu Schließen17 ) wissen, was die erste aller Ursachen ist.18 Erschließt nun die Vernunft eine Antwort auf solch eine Frage, kann es zu widersprüchlichen und zugleich scheinbar zwingenden Argumentationen kommen.

In der praktischen Philosophie hingegen ist es der Vernunft aufgegeben, notwendige Gesetze der Willensbestimmung zu finden. Kant spricht dabei vom moralischen Gesetz, welches nur dann zur Pflicht eines vernünftigen Wesens werden kann, wenn die moralische Verpflichtung Notwendigkeit bei sich führt. Ist solch ein notwendiges und praktisches Gesetz von der Vernunft erkannt, so handelt es sich um praktische Erkenntnis. Durch diesen Pflichtbegriff wird impliziert, dass hier nicht von dem, was ist, sondern von dem was sein soll, die Rede ist.

Dieses Sollen kann nur dadurch unbedingtes Sollen werden, wenn es ganz unabhängig von der Erfahrung gewonnen wird, d.h. wenn reine Vernunft den Willen bestimmt. Ziel der Metaphysik der Sitten ist es, die Quellen der Vernunft des moralischen Gesetzes zu erforschen.19

Das gemeinschaftliche Prinzip beider Vernunftvermögen lässt sich dem Ansatz nach aus B 868 bzw. A 840 erkennen:

"Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft (Philosophie) hat nur zwei Gegenstände, Natur und Freiheit, und enthält also sowohl das Naturgesetz, als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen, zuletzt aber in einem einzigen philosophischen System. Die Philosophie der Natur geht auf alles, was da ist; die der Sitten nur auf das, was da sein soll"20.

Die Gesetzgebung der reinen Vernunft kann als das gemeinschaftliche Prinzip der theoretischen und der praktischen Philosophie betrachtet werden.21 Das bedeutet, dass sowohl die theoretische als auch die praktische Vernunft notwendige Formen (Gesetze) ihrer Gegenstände bestimmt. Insbesondere in der zweiten Auflage zur KrV legt Kant speziell Wert auf das Verhältnis der beiden Vernunftvermögen. In der KrV ist es namentlich der Freiheitsbegriff und die damit verbundene 3. Antinomie, die Kant hier in den Fokus rückt.22 Sowohl die Leser seiner Zeit als auch Kant selbst empfinden die Schwierigkeiten, die sich auftun, wenn Kant einerseits behauptet, dass die praktische Vernunft dem moralischen Subjekt vermittelt, was getan werden soll und gleichzeitig die theoretische Vernunft bestimmt, was tatsächlich ist, d.h. geschieht. Wie die beiden Vernunftsysteme ein einheitliches System ausmachen ist nicht dargestellt.

2.3. Freiheit

Durch Kants Freiheitsbegriff steht "[...] der Mensch einerseits im Kosmos als ein Sinnenwesen, endlich und allseitig bedingt, und andererseits ist er Intelligenz, moralische Persönlichkeit". 23 Diese Verdopplung der Perspektive gelingt Kant durch seine Unterscheidung von Erscheinungen in Raum und Zeit, und dem, was sich jenseits dieser Anschauungsformen befindet. Diese Dichotomie ist nicht nur für die auszulotenden Erkenntnisgrenzen von großer Bedeutung, sondern auch für die Systematik der Vernunft im Ganzen. Der Freiheitsbegriff, seine Implikationen und seine aufgeworfenen Probleme sind für die Einheit des Systems von zentraler Bedeutung. Hier soll daher zunächst die Freiheit in theoretischer Perspektive, als mögliche Freiheit, wiedergegeben werden. Nachdem Kant die Möglichkeit der Freiheit a priori gezeigt hat, stellt er innerhalb seiner Moralphilosophie einen wirklichen Freiheitsbegriff heraus, dessen weitreichende Implikationen für die Systematik der Vernunft äußerst wichtig sind.

2.3.1. Mögliche Freiheit

Die Antinomien sollen zeigen, dass die Erkenntnis sich bloß auf endliche Erfahrung erstreckt und dass Versuche diese Grenze zu überschreiten, um das Unbedingte zu erkennen, zu Widersprüchen führen. Sowohl bei der These, als auch bei der Antithese der Antinomien nimmt Kant die Position der traditionellen Metaphysik ein. Kant verfolgt hier mit seiner Argumentation das Ziel zu zeigen, dass nur die neue kritische Transzendentalphilosophie solche Widersprüche vermeiden kann, indem sie das Erkenntnisvermögen auf Erscheinungen einschränkt.24 Kant erbringt den Beweis für eine These, zum Beispiel »Die Welt hat einen Anfang«, und für die entsprechende Antithese. Der These und der Antithese liegt ein klares disjunktives Verhältnis vom ausgeschlossenem Dritten zu Grunde, so dass entweder die These oder die Antithese wahr sein muss. Der antinomische Charakter ergibt sich aus der indirekten Beweisführung, d.h. um die These zu beweisen wird die Antithese widerlegt. Wenn dies beidseitig geschieht scheint sich in dem Problem ein innerer Widerspruch zu befinden.25

Die dritte Antinomie soll nun die Freiheit zum Gegenstand haben. In der These wird behauptet, dass Freiheit existiert als "[...] das Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen, deren Kausalität also nicht nach dem Naturgesetze wiederum unter einer anderen Ursache steht, welche sie der Zeit nach bestimmte".26 Die Antithese bestreitet Freiheit als mögliche Kausalität und verweist auf deren natürlichen Charakter, welcher "[...] die Verknüpfung eines Zustandes mit einem vorherigen in der Sinnenwelt, worauf jener nach einer Regel folgt"27 darstellt. Kant glaubt nun, durch die Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich dieses Problem auflösen zu können, denn "[...] sind Erscheinungen Dinge an sich selbst, so ist Freiheit nicht zu retten".28 Jeder Erscheinung einer Handlung in Raum und Zeit liegt nach Kant etwas zugrunde, was selbst nicht Erscheinung, sondern intelligibel (real, aber nicht in Raum und Zeit) ist und "[...] so kann man die Kausalität dieses Wesens auf zwei Seiten betrachten, als intelligibel nach ihrer Handlung, als eines Dinges an sich selbst, und als sensibel, nach den Wirkungen derselben, als einer Erscheinung in der Sinnenwelt".29 Und weiter: "So würde denn Freiheit und Natur, jedes in seiner vollständigen Bedeutung, bei eben denselben Handlungen, nachdem man sie mit ihrer intelligibelen oder sensibelen Ursache vergleicht, zugleich und ohne allen Widerstreit angetroffen werden".30 Die Vernunft selbst sei keine Erscheinung und könne insofern auch nicht den Bedingungen der Sinnlichkeit unterworfen sein.31 Zugleich sind jedoch die moralischen Beweggründe eben durch die (praktische) Vernunft Vorstellungen a priori.32 In der ersten und zweiten Antinomie zeigt Kant einen scheinbar unlösbaren Widerspruch auf. Beide Positionen stehen sich unvereinbar gegenüber. Die dritte Antinomie der Freiheit und die vierte sind derart anders aufgebaut, dass beide Positionen durchaus miteinander vereinbar sind. Kant erreicht in der Auflösung der dritten Antinomie, wie soeben gezeigt, dass die Naturnotwendigkeit und die Freiheit zusammen bestehen können.33 Kant stellt schlussendlich fest, dass er zwar nicht die Wirklichkeit der Freiheit bewiesen, aber zumindest deren Möglichkeit dargestellt hat.34

Die doppelte Perspektivität als Lösung des Freiheitsproblems wirft schwierige Fragen auf.

So lässt sich die Frage stellen, wie es überhaupt möglich sei, dass etwas, was nicht Erscheinung ist, kausal wirken könne. Kausalität ohne Sinnlichkeit, d.h. ohne Material der Anschauung, ist nach Kant bedeutungslos.35 Zwar ist das Ding an sich nach Kant ein notwendiger, damit wirklicher Begriff, er bleibt dennoch negativ bestimmt. Dieses Unbestimmte wird für eine Ursächlichkeit vereinnahmt.

[...]


1 Vgl. Bien, G.: Praxis, praktisch, In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Hsg.: Ritter, Joachim, Gründer, Karlfried, Band 7: P – Q, Schwabe & Co. AG, Basel 1998, S. 1277f.

2 König, G.: Theorie, In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Hsg.: Ritter, Joachim, Gründer, Karlfried, Band 10: St – T, Schwabe & Co. AG, Basel 1998, S. 1128.

3 Vgl. Ebd., S. 1128f.

4 Vgl. Bien, S. 1278-1281.

5 Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, BA XIV.

6 Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, B 860.

7 KrV B 860, A 832.

8 KrV B 863, A 835.

9 Vgl. KrV B 861.

10 Vgl. KrV B 861-863.

11 KrV B 879.

12 Zitiert nach Eisler, Rudolf: Kant-Lexikon – Nachschlagewerk zu Kants sämtlichen Schriften / Briefen und handschriftlichem Nachlass, Georg Olms Verlag, Hildesheim 1979, S. 524.

13 Vgl. KrV B XIX.

14 Vgl, G BA III,IV.

15 Römpp, Georg: Kant leich gemacht – Eine Einführung in seine Philosophie, 2.Aufl., Böhlau Verlag, Köln 2007, S. 11.

16 Vgl. KrV A 126.

17 Vgl. KrV B 355.

18 Vgl. Gölz, Walter: Kants "Kritik der reinen Vernunft" im Klartext, Mohr Siebeck, Tübingen 2006, S. 114.

19 Vgl. G B AIV-XII.

20 KrV B 868, A 840.

21 Vgl. Beck, L.W.: Kants "Kritik der praktischen Vernunft", Wilhelm Fink Verlag, München 1974, S. 57.

22 Vgl. KrV B XXIV.

23 Vgl. Antonopoulos, Georg: Der Mensch als Bürger zweier Welten, H. Bouvier u. Co. Verlag, Bonn 1958, S. 17.

24 Vgl. Gölz, S. 118f.

25 Vgl. Ebd., S. 120.

26 KrV B 561, A 533.

27 KrV B 561, A 532.

28 KrV B 565, A 537.

29 KrV B 567, A 539.

30 KrV B 569, A 541.

31 Vgl. KrV B 581, 553.

32 Vgl. Kant, Immanuel: Kritik der praktischen Vernunft, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, XII.

33 Vgl. Gölz, S. 129.

34 Vgl. KrV B 585-587, A 557-559.

35 Vgl. KrV B 299.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von theoretischer und praktischer Philosophie im Deutschen Idealismus. Die 'Architektonik der Vernunft' bei Kant und Fichte
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Institut für Philosophie)
Note
1.0
Autor
Jahr
2012
Seiten
39
Katalognummer
V334417
ISBN (eBook)
9783668240148
ISBN (Buch)
9783668240155
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde von Erstprüfer und Zweitprüfer mit 1.0 bewertet.
Schlagworte
verhältnis, philosophie, deutschen, idealismus, architektonik, vernunft, kant, fichte
Arbeit zitieren
Rene Baston (Autor), 2012, Das Verhältnis von theoretischer und praktischer Philosophie im Deutschen Idealismus. Die 'Architektonik der Vernunft' bei Kant und Fichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334417

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