Techno-Subkulturen als Initiatoren friedlicher Jugendbewegungen innerhalb der modernen Gesellschaft


Studienarbeit, 2016
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Die Jugendkulturen der 90er Jahre.

3. Die Popkultur
3.1 Ihre Anfänge.
3.2 Die DJ-Kultur

4. Die Techno-Kultur

5. Prägende Subkulturen der Techno-Bewegung.
5.1 Detroit Mitte der 80er
5.2 England Anfang der 90er
5.3 Berlin in den 90ern.
5.3.1 Berlin zur Wendezeit
5.3.2 Die ravende Gesellschaft

6. Techno Heute.

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung

Während Jugend- und Kulturbewegungen in zurückliegenden Zeitaltern zumeist politisch motiviert waren und auf Kriegen oder zumindest gewaltsamen Revolten fußten (beispielsweise die Französische Revolution von 1789 oder auch der Studentenaufstand von 1848 und die damit verbundene Deutsche Revolution), ist die Entstehungsgeschichte neuerer Jugendbewegungen, seit dem 19. Jahrhundert, zumeist friedlicher Natur und auch nahezu immer mit der Entstehung von und der Verbindung zu bestimmter Musik verbunden. Prominentestes Beispiel dafür ist wohl die 68er-Bewegung und der dazugehörige Flower-Power -Sound, welcher durch seine friedfertigen Texte und eher harmonischen Melodien und Strukturen zu Frieden, Toleranz und Miteinander, statt zu gewaltsamen Aufständen aufrief. Die wohl bedeutendste und bisher auch letzte auf Musik begründete und damit verbundene Jugendbewegung der letzten 30 Jahre findet sich in der Technokultur.

„Für viele überraschend avancierte Techno in den 90er Jahren zur wohl größten jugendkulturellen Massenbewegung in Europa, zumal noch Anfang der 90er Jahre eine breitere Öffentlichkeit und auch die Wirtschaft und die Massenmedien kaum Notiz vom Techno nahmen“ (Ferchhoff 2007, S. 212).

Für den Titel sowie den weiteren Verlauf dieser Arbeit wird der Begriff Techno, als Oberbegriff für alle Spielarten elektronischer Tanzmusik verwandt. Im Grunde genommen wäre auch die Bezeichnung House statthaft, jedoch wird House im deutschen Sprachgebrauch, anders als beispielsweise in den USA, als Genre des Techno verstanden. House bezieht sich dabei auf den Club Warehouse in Detroit, in welchem diese Musikrichtung entstand und seine erste Heimat fand. Des Weiteren steht Techno als Kurzform für das Wort Technologie, was einen Hinweis darauf geben soll, wie neu und fortschrittlich diese Musik und seine Kultur in ihren Anfängen waren (vgl. Rapp 2009, S. 15).

Besonders interessant ist, dass die Technokultur gerade in ihrer Entstehungszeit politisch kaum engagiert war. Der Drang sich in politische Diskurse zu involvieren und dort Veränderungen anzustoßen, wurde eher von außen aufgebaut, da der Technokultur und ihrer An-hängerschaft von politischer sowie öffentlicher Seite, wie in späteren Kapiteln dieser Arbeit noch beschrieben werden wird, immer wieder neue Hürden entgegengestellt wurden.

„Pillen schluckende Raver in der Vorhölle der Clubs, das war die liebste Sicht der Medien. Diese Einseitigkeit war Ausdruck des Unverständnisses und des Argwohns, mit dem viele Journalisten der neuen Bewegung begegneten, die sie mit ihrer textlosen Musik und ihrem fröhlichen Hedonismus nicht begreifen konnten oder wollten“ (Schmidt 2009).

Dabei war Techno weit tiefgründiger und vielschichtiger als diese Art der Reduktion auf eine reine Drogen- und Partykultur. „Tatsächlich waren zahlreiche Leute der Ansicht: ‚Nein, Techno war nicht nur Ecstacy‘ und dass es sich hier um eine vollständige Kultur handle“ (Garnier 2013, S. 167). Techno bot seinen Anhängern ein eigenes kulturelles Konzept, in welchem außer einer neuartigen und revolutionären Musik auch neue Medien- und Kommunikationskanäle zur Verfügung standen und Erlebniswünsche befriedigt sowie eine Flucht aus dem Alltag ermöglicht wurden (vgl. Neumeyer/Schmidt-Semisch 1997, S. 64). Des Weiteren wurden unter dem Konzept Techno verschiedenste Tanzformen, habituelle Spezifikationen, divergente ideologische Milieus und etliche unterschiedliche Veranstaltungen zusammengefasst (vgl. ebd., S. 49).

In der hier vorliegenden Arbeit soll diese Jugendbewegung näher betrachtet werden. Dazu soll die Geschichte dieser Musik und seiner Kultur unter Beachtung seiner popkulturellen Vorläufer aufgearbeitet werden. Es soll der soziologischen Frage nachgegangen werden, wie die verschiedenen Subkulturen des Techno ihre jeweiligen Gesellschaften beeinflussten, aber auch welchen Einfluss die jeweilige Gesellschaft auf die Subkultur selbst hatte.

Hierfür wird die Technokultur als globales Projekt ausführlich beschrieben. Subkulturelle Strömungen werden anhand ihrer prägendsten Vertreter, in ihren jeweiligen Beheimatungen, erläutert. Hierzu gehören Detroit als die Geburtsstadt des Techno, England unter der Regierung Margaret Thatchers sowie das Berlin Anfang und Mitte der 90er Jahre.

Um die Zusammenhänge rund um die Entstehung der Techno-Bewegung besser verstehen zu können, soll im nun folgenden Kapitel Aufschluss darüber gegeben werden, wie sich Jugendkultur in den 90er Jahren im Allgemeinen verstand und durch was sie gekennzeichnet war.

2. Die Jugendkulturen der 90er Jahre

Wie in der Einleitung bereits beschrieben, zeichneten sich jugendkulturelle Entwicklungen in den meisten Epochen der Geschichte durch Gewalt als Mittel zur Durchsetzung neuer gesellschaftlicher Ordnungen aus. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich dies gravierend geändert. Jugendkulturen, wie wir sie heute kennen, tragen eher den friedfertigen Geist der Hippie- oder auch Rock ‘n‘ Roll-Generation in sich.

Mit einigen Ausnahmen, beispielsweise den Friedensaktivisten Mitte der 80er Jahre, besteht der deutlichste Unterschied jugendkultureller Bewegungen seit Ende der 80er bzw. Anfang der 90er Jahre, zu denen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, mitunter darin, dass die politische Motivation, wenn denn überhaupt vorhanden, stark in den Hintergrund gerückt ist. Der eigene Spaß sowie der unbändige Wille zur Selbstbestimmung des eigenen Lebens stehen im Vordergrund und wollen ausgelebt werden. Politische Aspekte treten dabei erst dann stärker in den Mittelpunkt des Interesses, wenn die Vorstellungen des eigenen Lebens von staatlicher bzw. öffentlicher Seite behindert werden. Gerade zu Beginn der 90er Jahre überwog „die Dominanz von konsum-, spaß- und erlebnisorientierten Jugendszenen“ (Barth 2006, S. 165) derart stark, dass sie vorerst kaum auf einem politischen Radar auftauchten. Anders ausgedrückt: „Die freizeitkulturellen Ausprägungen ließen sich heute am ehesten unter ‚Hedonismus‘ fassen, während der ‚Protest‘ bei sich selbst“ (Baacke 1999, S. 41) bleibt.

Aufgrund dieser Erörterung wäre es wohl auch nicht falsch, den meisten Jugendkulturen seit den 90er Jahren einen exzessiven Hang zum Hedonismus zu attestieren. Nichtsdestotrotz wäre es aber auch zu einfach sie darauf zu reduzieren, denn auch im Hedonismus können bedeutendere Ziele, beispielsweise zum Anstoß gesellschaftlicher Veränderungen, verborgen sein. Gerade in Bezug auf die Technokultur schreibt der Sozialwissenschaftler Rolf Schwendter hierzu folgendes:

„Die Normen, Institutionen, etc. der progressiven Subkulturen dienen diesen dazu, den gegenwärtigen Stand der Gesellschaft aufzuheben, weiterzutreiben, einen grundsätzlich neuen Zustand zu erarbeiten“ (Schwendter 1993, S. 37).

Man könnte diesen Umstand als friedlichen Protest gegen eine Gesellschaft interpretieren, in welcher wirtschaftliche Faktoren stärker als humanistische wirken und deshalb für eine positive Entwicklung der jeweiligen Gesellschaft aus rein menschlicher Sicht hinderlich sind und durch neue Impulse und Gedanken aus der Subkultur heraus verändert werden sollten.

Aus meiner Sicht verschafft diese Art des Aufbegehrens gegen das Establishment auch den neueren Jugendkulturen das Prädikat Bewegung, im Sinne politischen und gesellschaftlichen Engagements. Diese Sicht ist es leider aber auch, welche moderne Jugendkulturen in den Mittelpunkt von Anfeindungen und Gegenmaßnahmen seitens gesellschaftlicher und politischer Machthaber stellt.

„Die affirmative Soziologie, die Soziologie der Herrschenden, kann Subkultur, so gut wie ausschließlich als Abweichung verstehen, als etwas, was zurechtgebogen werden muss, als >>Anomie<<, >>Anpassungsschwierigkeiten<<, >>Statusunsicherheit<<, >>Desintegration<<“ (ebd., S. 19).

Ein weiterer Aspekt für die Entstehung neuerer Jugendkulturen ist sicherlich auch die Suche nach einer Heimat in Form einer gleichgesinnten Gemeinschaft, in einer immer komplexer werdenden Welt. Subkulturen, welche eng mit Musik verbunden sind, schaffen hierfür beste Voraussetzungen. Mitglieder solcher Gemeinschaften bekommen die Möglichkeit, im Rahmen ihrer eigenen Wertevorstellungen und ihrer Passion für die jeweilige Musik, ganz bei sich selbst zu bleiben und trotz wachsender Vergesellschaftung ihre eigene Identität zu wahren (vgl. Baacke 1999, S. 48).

Ein tieferer Einblick in solche mit Musik verbundenen Jugendkulturen soll im nächsten Kapitel gewährt werden.

3. Die Popkultur

3.1 Ihre Anfänge

Seit Mitte der 50er Jahre tobte der Vietnamkrieg und hielt vor allem die amerikanische Gesellschaft in Atem. Wie bei nahezu allen Kriegen formierte sich dagegen rasch eine jugendkulturelle Bewegung, dessen Vertreter als Hippie-Generation in die Geschichte eingingen. Diese Bewegung hatte neben dem obersten Ziel des Weltfriedens sowie eigenen Wertevorstellungen und Ritualen auch einen neuen Soundtrack aufzubieten, welcher die moderne Popkultur begründen sollte. Ein übergeordnetes Ziel dieser Kultur war es, die nach Ansicht ihrer Mitglieder angestaubten Moral- und Wertevorstellungen des Establishments zu verändern und somit dessen Herrschaft ein Ende zu setzen.

„Von Anfang an war die Popkultur eine Sache der Jugend, und deren erstes Ziel – als biologisch determinierte Avantgarde – war der symbolische Vatermord, die Auflehnung gegen das Alte und der Kampf für das Neue und Eigene: Die Pubertät als Manifest“ (Poschardt 2015, S. 31).

Bis zum Ende der 60er Jahre stellte diese Bewegung, die wohl wichtigste jugendkulturelle Rebellion dar. Mit dem Woodstock-Festival 1969 erlebte sie ihren Höhepunkt. Durch 400.000 Besucher und eine noch immer recht neue, frische Musik entwickelte sich dort eine Energie, welche der Anhängerschaft der Pop- bzw. Hippie-Kultur Hoffnung machte, dass gesellschaftliche Veränderungen, durch diese friedliche Art des Protests, nun möglich seien.

Allerdings wurden auch die Anhänger dieser Bewegung älter. Im Laufe der Jahre setzten sie so manche politische Ziele durch, gründeten Familien und fanden sich so allmählich in der Mitte der Gesellschaft ein. Aus den jugendlichen, revolutionären Weltverbesserern erwuchs das neue Establishment und die Popkultur ging in der Hegemonialkultur auf (vgl. ebd., S. 31).

Gerade weil es diese Bewegung und ihre Mitglieder schafften, ihre Werte- und Moralvorstellungen in die Gesellschaft zu integrieren und somit zu mündigen Akteuren in dieser zu werden, kann diese Bewegung als durchaus erfolgreich angesehen werden. „Die Popkultur ist Teil der Politkultur geworden, und damit hat auch der kulturelle Widerstand an Bedeutung gewonnen“ (ebd., S. 416).

3.2 Die DJ-Kultur

Durch die Einbettung der Hippie-Generation in die Gesellschaft, war Anfang der 70er Jahre im Prinzip alles Pop. Selbst der ehemals so stolze Rock ‘n‘ Roll ging in der Popkultur auf und auf Musik basierende Subkulturen waren kaum noch zu finden. Die DJ-Kultur machte sich nun daran, den freigewordenen Platz der 68er-Generation einzunehmen und der zum Mainstream avancierten Popmusik zu begegnen. Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerbewegung oder dem etwa zeitgleich entstandenen rebellischerem Punk, welcher von seiner Ausrichtung her nicht gegensätzlicher hätte sein können, hatte es die DJ-Kultur nicht zum Zweck politische Ziele zu verfolgen. Vielmehr stand die Vorstellung von der Verwirklichung eines glücklichen Lebens im Vordergrund (vgl. Poschardt 2015, S. 352). „Die Ablehnung der herrschenden Lebenspraxis und der herrschenden Ästhetik steht am Anfang aller im Underground formierten DJ-Kulturen“ (ebd., S. 419).

Die DJ-Kultur wollte sich nicht an die Pop-Industrie verkaufen. Anfangs wurden nicht einmal eigene Musikstücke komponiert bzw. produziert. Vielmehr ging es darum, ganze Abende und Nächte dadurch zu gestalten, dass aus bereits bestehenden Stücken ein neuer Sound geschaffen wurde, welcher den neuen Forderungen der Anhängerschaft der DJ-Kultur entsprach. Zwei Plattenspieler und ein Mischpult ersetzten dabei alle Instrumente. Die Subkultur wollte Subkultur sein und bleiben und wehrte sich strikt gegen eine kommerzielle Assimilierung (vgl. ebd., S. 485).

Die erste bedeutende Subkultur, die sich innerhalb der DJ-Kultur entwickelte, war Disco. Mitte der 70er Jahre im popkulturellen Untergrund entstanden, setzte Disco-Musik auf einen sehr tanzbaren Beat, welcher den Gesang in den Hintergrund treten ließ und vor allem darauf ausgerichtet war, ihre Anhängerschaft die komplette Nacht in Bewegung zu halten. Im Allgemeinen kann man deshalb bei der DJ-Kultur auch von einer Dancefloor-Kultur sprechen, da das eine ohne das andere nicht existieren kann. Des Weiteren grenzten sich die Anhänger der Disco-Kultur beispielsweise durch einen eigenen Tanzstil und eine neue, extra für Disco geschaffene Mode vom Mainstream ab.

Die Disco-Kultur hatte es, anders als die 68er-Generation, nicht zum Ziel die Welt zu verändern oder sich gegen die bestehende Gesellschaft zu stellen, vielmehr wollte sie parallel zu ihr eine eigene aufbauen. (vgl. ebd., S. 33). Alle waren dazu eingeladen sich Disco anzuschließen, ohne dabei politisch engagiert zu sein oder sich überhaupt mit höheren gesellschaftlichen Zielen auseinandersetzen zu müssen. Alles worum es im Prinzip ging, war die individuelle Selbstverwirklichung, das kompromisslose Ausleben der eigenen Wünsche und Bedürfnisse sowie der Spaß am Leben und der Musik. Diese Gedanken waren es, welche Disco, trotz seines anfänglichen Schattendaseins im Untergrund, zu einer großen, weltweiten Anhängerschaft verhalfen.

„Der Disco-Underground war Underground, weil er sich deutlich vom Rest der Welt absonderte und weil er von Leuten getragen war, die im Rest der Welt diskriminiert und deren Leidenschaften unterdrückt waren“ (ebd., S. 33).

Trotz alledem ereilte die Disco-Kultur (genau wie später auch Punk) im Laufe der Zeit dasselbe Schicksal, wie alle anderen, mit Musik verbundenen Jugendkulturen vor ihr. Sie ging im Mainstream der Hegemonialkultur auf und wurde selbst ein Teil der Popkultur. Nichtsdestotrotz kann die Disco-Kultur (neben dem ebenfalls zur DJ-Kultur gehörigen Hip Hop, welcher vor allem die materielle Technik sowie Fertigkeiten eines DJs beisteuerte) aufgrund ihrer Ausrichtung und auch der musikalischen Grundstruktur, in welcher Beat und Melodie im Vordergrund stehen, als eine der wichtigsten Vorläuferinnen der Techno-Kultur angesehen werden. Diese wird im nun anschließenden Kapitel ausführlicher betrachtet.

4. Die Techno-Kultur

Mitte der 80er Jahre in Detroit entstanden, bewegte sich die Techno-Kultur auf den Spuren von Disco, aber auch der Beatniks und Hippies, allerdings ohne „deren Aussteigermentalität und utopischen Ideen der gesellschaftlichen Emanzipation zu teilen“ (Ferchhoff 2007, S. 207). Ihre Anhänger waren größtenteils in die Gesellschaft integriert und suchten im Techno zumeist nur eine Ausflucht aus dem Alltag. Da es weder das Ziel war der restlichen Gesellschaft die eigenen Lebensvorstellungen aufzuzwingen, noch gesellschaftliche Konventionen und Regeln in die eigene Kultur zu übernehmen, entstand etwas komplett Neues.

„Es war der Beginn einer Clubbing-Kultur, die sich gegenüber der Schicki-Micki-Atmosphäre der 80er-Jahre-Discotheken durch offeneren Umgang und Hedonismus auszeichnete“ (Böpple/Knüfer 1996, S. 31).

In erster Linie ging es, ähnlich wie bei Disco, um Spaß. Nur waren die Ausmaße des Hedonismus in der Techno-Kultur bei weitem größer. Alles drehte sich um Musik, Tanzen, Körperbewusstsein, neue szenerelevante Mode, sexuelle Freizügigkeit sowie neue Drogen, wie beispielsweise Ecstacy in nicht unerheblichen Mengen. Man wollte sich dem eigenem Elternhaus beziehungsweise der Gesellschaft entziehen, in die Clubkultur eintauchen, die neuesten Platten hören und mit den angesagtesten DJs feiern (vgl. Barth 2006, S. 165). Darauf war die Szene hauptsächlich ausgelegt.

Dadurch, dass man auch an Politik nur wenig interessiert war, gab es auch keine Ausschlüsse irgendwelcher Personengruppen. Alle waren dazu eingeladen mitzufeiern. „Die Dancefloor-Bewegung in den USA oder Europa verzichtete zunehmend darauf, ethnische Zugehörigkeiten zu betonen oder Heimaten herauszukristallisieren“ (Baacke 1999, S. 119). Gerade im Detroit der 80er Jahre bot die Techno- beziehungsweise House-Kultur jungen, homosexuellen Schwarzen eine Heimat, in der sie sein konnten, wie sie wollten. Schon die Begrifflichkeit House macht dies deutlich. Gemeint ist nicht das Haus im alltäglichen Sinne, sondern ein sozialer Ort, welcher seinen Mitgliedern eine Ersatzfamilie und Schutz bietet (vgl. Böpple/Knüfer 1996, S. 61). Auch tummelten sich in der Techno-Szene mehr Frauen als bei irgendeiner Jugendkultur zuvor. Durch das offene Konzept näherte sich „das Verhältnis der Geschlechter“ (Neumeyer/Schmidt-Semisch 1997, S. 290) nahezu 50:50.

Menschen aller Kulturen, ethnischen Zugehörigkeiten und gesellschaftlicher Schichten fanden im Techno ihren Platz, umso bemerkenswerter ist es, dass sich die Techno-Kultur immer ihre Friedfertigkeit und Aggressionslosigkeit bewahrte (vgl. ebd., S. 53).

Vielleicht war es gerade diese Friedfertigkeit, welche in der Gesellschaft einen gewissen Argwohn auslöste. Man verstand Techno nicht und auch nicht diese Jugendlichen, die sich so anders gaben und scheinbar keinen höheren Zweck verfolgten. Andererseits war es aber auch nicht das Ziel, ein Verständnis bei der breiten Masse zu entwickeln. „Nach außen hin wird Mitgliedschaft in der Techno-Szene vor allem über expressive, explizit hedonistische Andersartigkeit inszeniert“ (ebd., S. 53).

Nach Innen fühlte sich Techno aber ganz anders an. In der Techno-Kultur stand man nicht alleine. Konnte man nach außen noch kauzig und vielleicht auch abnormal wirken, war man innerhalb der Szene in bester Gesellschaft und alles andere als isoliert. „Die Möglichkeit, sich einer House-Gemeinde zugehörig zu fühlen, wirkte ähnlich befreiend wie das Wissen, dass man innerhalb der Subkultur ganz bei sich selbst sein durfte“ (Poschardt 2015, S. 314). Wie bereits erwähnt, nahm die Subkultur alle auf, die Teil von ihr sein wollten, ohne zu urteilen oder zu richten.

Trotz und vielleicht auch gerade wegen dieser Gefühle von Gemeinschaft und dem Anderen gleich zu sein, spielte die Frage nach der eigenen Identität „bei Techno wie bei allen jugendlichen Subkulturen eine große Rolle“ (Böpple/Knüfer 1996, S. 168). Gerade die Jugendlichen, die der Zukunft und neuesten Technik positiv zugewandt waren und alte gesellschaftliche Regeln aufbrechen wollten, um so etwas neues entstehen zu lassen, fanden hier ihr zu Hause. „Techno stellt einen Aufstand mit Maschinen gegen die Herrschaft der Maschine dar, einen Aufstand gegen den Verlust von Menschlichkeit“ (ebd., S. 168). Böpple und Knüfer schlussfolgern aus dieser Verbindung von Gemeinschaftssinn, Toleranz und fortschrittlichem Zukunftsdenken, „die Gewißheit, daß Techno House nicht wie Punk oder New Wave reine Protestmusik sei, nicht nur >>destruktiv und nihilistisch<<. Vielmehr gehe es um eine >>neue positive, zeitgemäße Bewußtseinsentwicklung und um einen neuen Menschentypus, der eine echte Zukunft auf diesem Planeten hat, weil er gewisse elementare Regeln kapiert hat und sie auch umsetzt“ (ebd., S. 131).

Ein Großteil der breiten Öffentlichkeit sah dies sicherlich anders, aber für die Akteure des Techno selbst war die Rolle der weltverbessernden, mit sich und ihrer Umwelt im Einklang lebenden Menschen genau jene, die sie auch für sich in Anspruch nehmen wollten. „Das Selbstbewußtsein von Techno (so das Techno-Fanzine Frontpage 1992) feiert Lebenskonzepte, die so unbekannt nicht klingen: Freedom, Unity, Equality, Respect, Fun and Love“ (Baacke 1999, S. 122). Diese unterschiedlichen Auffassungen über die Techno-Kultur und seine Mitglieder boten natürlich eine Menge Konfliktpotential zwischen herrschender Gesellschaft und Subkultur.

Wie bei vielen Dingen, die neu und für Außenstehende schwer zu verstehen sind, schlug der Argwohn der Gesellschaft vielerorts schnell in Angst um. Dabei heißt Angst vor Techno „auch immer Angst vor musikalischer Überlegenheit, Angst vor mangelnder Durchdringung einer Jugendbewegung – Angst vor Herrschaftsverlust“ (Böpple/Knüfer 1996, S. 15). Diese Angst brachte die Politik und ihre Behörden immer wieder dazu, der Techno-Bewegung Schwierigkeiten zu bereiten und den Versuch zu unternehmen, sie vollständig zu beseitigen. Näheres hierzu wird anhand subkultureller Beispiele zur Technobewegung im Verlauf dieser Arbeit noch erläutert.

Für die zumeist Jugendlichen selbst allerdings war Techno fast eine Sucht. „Nirgendwo sonst erleben junge Menschen Musik so intensiv, so versunken oder so ausgelassen wie bei Techno“ (ebd., S. 14). Der eingängige, gleichmäßige und intensive Beat, der für manche dazugehörige Konsum chemischer Drogen sowie die auf der Tanzfläche entstehende Verbindung zwischen den Tanzenden löst dabei „starke körperliche Empfindungen aus und ruft … physisch-psychisches Wohlbefinden hervor“ (Neumeyer/Schmidt-Semisch 1997, S. 55). All dies band die Mitglieder der Subkultur noch stärker an Techno, so dass es wohl nur für die Wenigsten in Frage kam, diese Mitgliedschaft aufzugeben und sich wieder vollends der Gesellschaft zuzuwenden.

Für dieses Kapitel abschließend lassen sich nun zwei Dinge feststellen. Erstens: Techno ist Jugendkultur.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Techno-Subkulturen als Initiatoren friedlicher Jugendbewegungen innerhalb der modernen Gesellschaft
Hochschule
Duale Hochschule Gera-Eisenach (ehem. Berufsakademie Thürigen in Gera)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
27
Katalognummer
V334452
ISBN (eBook)
9783668246942
ISBN (Buch)
9783668246959
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musik, Techno, House, Elektro, Soziologie, Subkultur, Berlin, Detroit
Arbeit zitieren
Christian Keiner (Autor), 2016, Techno-Subkulturen als Initiatoren friedlicher Jugendbewegungen innerhalb der modernen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334452

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