Konzeptualisierung und Formulierung im Deutschen als Erst- und Zweitsprache

Eine empirische Untersuchung zum Gebrauch von Bewegungsverben durch Lerner mit L1 Deutsch oder Türkisch


Examensarbeit, 2015

104 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Teil
2.1 Bewegungsereignisse und Bewegungsverben
2.2 Typologie der Lokalisierungsergebnisse
2.2.1 Satelliten- und Verbsprachen: Typologie nach L. Talmy
2.2.2 Satelliten in S – Sprachen
2.3 S - Sprachen und V – Sprachen
2.3.1 Lexikalisierungsmuster in S- Sprachen und V – Sprachen
2.3.2 Unterschiede bei S – Sprachen und V – Sprachen
2.3.3 Spezielle Unterschiede im Deutschen und Türkischen
2.4 Bewegungsereignisse im Deutschen
2.4.1 Art – Verben
2.4.2 Lexikalisierung von Bewegungsereignissen
2.4.3 Endpunktmarkierung
2.5 Bewegungsereignisse im Türkischen
2.6 Konzeptualisierung

3 Methodischer Teil
3.1 Hypothesen
3.2 Korpus

4 Analyseteil
4.1 Hypothesen
4.1.1 Hypothese
4.1.2 Hypothese
4.1.3 Hypothese
4.2 Sprachunterschiede auch Inhaltsunterschiede?

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

7 Inhaltsverzeichnis Anhang

1 Einleitung

Im Deutschen stehen uns eine Fülle an Bewegungsverben zur Verfügung, um eine Versprachlichung einer Bewegung auszudrücken. Wir können zum Beispiel zu einem Schrank laufen, in die Bibliothek gehen, über eine Straße rennen, die Treppe hinunter fallen oder durch die Stadt schlendern. Doch werden in anderen Sprachen die Bewegungsereignisse wie im Deutschen realisiert? Wie genau werden überhaupt im Deutschen Bewegungsereignisse realisiert? Existieren allgemein gültige Regelungen für bestimmte Sprachen? Gibt es lexikalische und/oder semantische Entsprechungen für den Gebrauch von Bewegungsverben? Lassen sich diese miteinander vergleichen? (Bauer 2012, S.17)

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der kognitive Semantiker TALMY mit Lexikalisierungsmustern in Bewegungsereignissen (lexicalization patterns of motion events). Talmy's Typologie identifiziert für diesen Bereich verschiedene Sprachtypen .(Bauer 2012, S.18) Geltend für den Bereich der Bewegungsereignisse, auch motion events genannt, gehören das Deutsche und das Türkische verschiedenen Sprachtypen an und weisen konzeptuelle Unterschiede auf, die sich in unterschiedlichen Lexikalisierungsmustern zeigen. (Bauer 2012, S.18)

Anhand dieser Examensarbeit soll erarbeitet werden, ob sich die Konzeptualisierung und Formulierung im Deutschen als Erst- und Zweitsprache unterscheidet und ob sich in deutschen Texten von Schülern mit türkischem Migrationshintergrund noch Muster ihrer Erstsprache finden lassen, genauer gesagt, ob in Texten, die in einer satellite – framed language geschrieben wurden, Strukturen zu finden sind, die typisch für eine verb – framed language sind. Diese Untersuchung konzentriert sich auf den unterschiedlichen Gebrauch von Bewegungsverben und Bewegungsereignissen im Allgemeinen durch Lerner L1 Deutsch oder Türkisch. Abschließend soll untersucht werden, ob sich die festgestellten sprachlichen Unterschiede auch inhaltlich auf einen Text auswirken können.

Dazu wird zunächst im theoretischen Teil dieser Arbeit die Definition von Bewegungsereignissen und Bewegungsverben geklärt (Kapitel 2.1). Dies stellt die Basis für alle weiteren Kapitel und Untersuchungen dar, die Bewegungsereignisse, Bewegungsverben und deren Konzeptualisierung sowie Formulierung fokussieren. Im Folgenden wird im zweiten Kapitel die Typologie Talmy's vorgestellt und eine Unterscheidung der Sprachen dieser Welt in Kapitel 2.3 in S – und V – Sprachen getroffen. Um dies besser zu erläutern, werden typische Merkmale beider Sprachtypen anhand von Lexikalisierungsmustern erklärt (Kapitel 2.3.1) sowie darauffolgend genaue Unterschiede der beiden Sprachtypen anhand unterschiedlicher Feststellungen verschiedener Autoren und Wissenschaftler aufgezeigt (Kapitel 2.3.2). Da sich diese Arbeit auf das Deutsche und das Türkische konzentriert, welches jeweils einem dieser beiden Sprachtypen angehört, wird im Anschluss daran, in Kapitel 2.3.3, die Frage geklärt, welche speziellen sprachliche, grammatikalische und lexikalische Unterschiede zwischen diesen beiden Sprachen vorhanden sind.

Erst danach kann in Kapitel 2.4 spezifisch auf Bewegungsereignisse eingegangen werden, da die Unterkapitel zuvor dafür grundlegende Kenntnisse vermitteln. Dieses beinhaltet die Erklärung warum Art – Verben in Bezug auf Bewegungsereignisse eine wichtige Rolle spielen (Kapitel 2.4.1) und wie Bewegungsereignisse lexikalisiert (Kapitel 2.4.2) sowie Endpunkte im Deutschen markiert werden (Kapitel 2.4.3). Im Anschluss daran wird in Kapitel 2.5 gezeigt, wie Bewegungsereignisse im Türkischen ausgedrückt werden. Das letzte Kapitel 2.6 des theoretischen Teils geht auf die Konzeptualisierung im Allgemeinen sowie im Vergleich zu Deutsch und Deutsch als Zweitsprache ein.

Der methodische Teil (Kapitel 3) stellt die von mir zu untersuchenden drei Hypothesen GOSCHLERS (2010) vor (Kapitel 3.1), anhand derer ich die zuvor genannten Merkmale, wie beispielsweise Lexikalisierungsmuster, an dem mir zur Verfügung gestellten Korpus an Schülertexten untersuche (Kapitel 3.2). Im Analyseteil (Kapitel 4) werden nach den Hypothesen geordnet alle darin aufkommenden Fragen in Bezug auf die Verwendung von Bewegungsverben, die Verwendung von V – und S – Sprachenmerkmalen usw. an den mir zur Verfügung gestellten Schülertexten untersucht sowie festgestellte Unterschiede und Tendenzen anhand von anderen empirischen Untersuchungen zu erklären versucht. Im Anschluss daran, in Kapitel 4.2, wird die Frage geklärt, ob die vorher festgestellten Sprachunterschiede auch Inhaltsunterschiede in Bezug auf Bewegungsereignisse verursachen, spezifischer, ob die festgestellten unterschiedlichen sprachlichen Realisierungen sich auch auf thematische Realisierungen auswirken.

Im fünften Kapitel werde ich die vorherigen gewonnen Ergebnisse zur unterschiedlichen Konzeptualisierung und Formulierung im Deutschen als Erst - und Zweitsprache in Bezug auf Bewegungsereignisse zusammenfassen sowie erneut die Frage zu klären versuchen, ob sich ein unterschiedlicher Sprachgebrauch auch auf den Inhalt der Texte auswirkt.

2 Theoretischer Teil

2.1 Bewegungsereignisse und Bewegungsverben:

Zunächst ist es wichtig, die in dieser Arbeit verwendeten Begriffe näher zu bestimmen, um eine eindeutige Abgrenzung zu erreichen. Daher sollen diese kurz eingeführt werden. Das Thema dieser Examensarbeit sind Bewegungsereignisse. „Diese werden als zwei Objekttypen sowie der zwischen letzteren bestehenden Relation konzeptualisiert.“ (Berthele 2004, S. 2) Außerdem sind sie „[...] mit einer vollständigen Ortsveränderung verbunden und an einem Bewegungsträger1 wahrnehmbar […], dessen Veränderung des Ortes in einer Zeit festgestellt wird.“ (Bauer 2010, S.3) Anders ausgedrückt „werden unterschiedliche Bewegungsarten oft definiert als eine Veränderung der Lokation eines Objektes mit der Zeit“. (Tschander 1999, S.26)

Dabei werden verschiedene Arten von Bewegungsereignissen unterschieden, zum Beispiel Objektbewegungen (das ganze Objekt bewegt sich) oder Körperbewegungen (Veränderung der Lage von Körperteilen in Bezug auf den restlichen Körper). Des Weiteren lassen sich Objektbewegungen in zwei Arten von Bewegungen charakterisieren: Zum Einen in ''externe Bewegung'', bei der sich ein Objekt entlang eines Weges bewegt und zum Anderen in ''interne Bewegung'', bei der sich Objektteile bewegen, wobei keine Ortsveränderung des Gesamtobjekts gegeben ist. (Tschander 1999, S.26)

Weitere Unterscheidungen sind:

- Aktive Eigenbewegungen

(1) Der Junge rennt in den Wald.

(2) Das Mädchen springt die Mauer herunter.

• Aktive Fortbewegung (trifft nur auf belebte Bewegungsträger zu)

• Ortsverändernde Bewegungen

(3) Der Vater hebt das Kind in den Kinderstuhl.

(4) Der Arbeiter rollt das Eisenstück in die Werkstatt.

An dieser Stelle ist zu beachten, dass Verben je nach Kontext oft mehreren Klassen zugeordnet werden können. So gehört rollen in (4) zu den Transportverben, wo hingegen rollen in (5) den Bewegungsverben zuzuordnen wäre. (vgl. Bauer 2010, S.4)

Bewegungsverben stellen somit den Oberbegriff für Verbgruppen dar, zu denen auch Transportverben und Fortbewegungsverben zugeordnet werden können. (vgl. Bauer 2010, S.4)

(5) Morgens rollt er verschlafen aus dem Bett. (vgl. Bauer 2010, S.4).

Gerling/Orthen (1979) haben weitere Spezifizierungen vorgenommen, da Menschen sich sowohl aus eigener Kraft, aber auch unter Zuhilfenahme tierischer oder mechanischer Kräfte fortbewegen können und dies auf unterschiedliche Arten auch tun: (vgl. Bauer 2010, S.4)

Für die Bewegung ergeben sich somit als Bedingungen einmal der Bewegungsträger selbst, die eingesetzten Fortbewegungsmittel, ferner der Raum, in dem die Bewegung sich vollzieht, ganz allgemein definiert als Land, Wasser oder Luft, darüber hinaus die Geschwindigkeit der Bewegung sowie die Art und Weise der Bewegung. (Gerling/Orthen 1979, S.101)

Weitere für diese Arbeit relevanten Begriffe werden in Kap. 2.2.1 im Zusammenhang mit Talmys Typologie eingeführt.

2.2 Typologie der Lokalisierungsergebnisse

2.2.1 Satelliten – und Verbsprachen: Typologie nach L. Talmy:

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der kognitive Semantiker LEONARD TALMY mit Bewegungsereignissen (motion events). Dabei bezeichnet er Bewegung als ein universales kognitives Konzept, welches in allen Sprachen existiert und lexikalisiert wird, also in Äußerungen versprachlicht werden kann. Sein Ziel ist es, durch den semantischen Vergleich von Lexikalisierungsmustern in verschiedenen Sprachen semantische Universalien zu identifizieren. (vgl. Bauer 2010, S. 25) Außerdem beschäftigt er sich mit der Frage, welche Aspekte einer Bewegungssituation mittels Sprache ausgedrückt werden können. (vgl. Tschander 1999, S.25)

Das Schema eines Bewegungsereignisses ist laut TALMY wie folgt:

„One object (figure) moving or located with respect to another object (the reference- object or ground).“ (Talmy 2008, S. 70-71)

(1) Das Mädchen rennt ins Zimmer.

Beispiel (1) ist laut BAUER (2010) ein typisches Bewegungsereignis. Das Kernschema dessen setzt sich aus folgenden Komponenten zusammen:

- Bewegung
- Weg
- Art und Weise

Nach TALMY treten in einem Bewegungsereignis jedoch folgende sechs semantische Komponenten auf: (Talmy 2000, S.25 f.)

- Motion (Bewegung; die Tatsache der Bewegung; die Bewegung selbst)
- Figure (Figur; dass sich bewegende Objekt)
- Ground (Grund; der Hintergrund, vor dem eine Bewegung stattfindet)
- Path (Weg; der durch die Bewegung zurückgelegte Weg (vgl. Tschander 1999, S.27)

In einem sogenannten Co- Ereignis können zwei weitere Komponenten auftreten:

- Manner (Art und Weise; die Art und Weise der Bewegung)
- Cause (Ursache; die Ursache bzw. der Verursacher einer Bewegung)

Laut Talmy reichen diese fünf ''semantischen Bausteine'', um die lexikalische Semantik von Bewegungsverben wiederzugeben. (vgl. Tschander 1999, S.27)

Diese Komponenten können des Weiteren in dem Beispielsatz (2) (vgl. Oliveira 2012, S. 13) betrachtet werden. ''Die Katze'' stellt dabei Figure dar, während das Referentelement ''die Straße'' Ground angibt. Das Verb ''rennen'' beinhaltet das Co – event Manner, da es eine Art und Weise der Bewegung beschreibt. Path wird durch das Wort ''entlang'' beschrieben. Außerdem beinhaltet der Beispielsatz auch Motion, welches in den Satzelementen ''rennen'' und ''entlang'' enthalten ist, da das Vorhandensein einer Fortbewegung automatisch mit der Semantik der Handlung einhergeht. (vgl. Oliveira 2012, S. 13)

(2) Die Katze rennt die Straße entlang.

Figure Co- event: Ground Path

Manner

In dem weiteren Beispielsatz (3) (vgl. Oliveira 2012, S. 14) wird das Co – event Cause lexikalisiert. Das Verb ''ziehen'' weist in diesem Fall auf eine Fortbewegung hin. ''Die Maus'' stellt Figure dar. Path wird wiederum am lexikalischen Element ''entlang'' lexikalisiert, Ground ebenfalls an ''die Straße''.

(3) Die Katze zog die Maus die Straße entlang.

Co – event: Figure Ground Path

Cause

Der Kern eines Bewegungsereignisses ist der Weg, der vom Bewegungsträger zurückgelegt wird. (vgl. Bauer 2012, S.19) Das bedeutet „the association function that sets the figural entity into a particular relationship with the ground entity“. (Talmy 2000, S.217f.) Die Sprachen dieser Welt unterscheiden sich darin, an welchen Stellen sich diese Komponenten in einem geäußerten Satz wiederfinden lassen und welche Elemente eines Bewegungsereignisses überhaupt lexikalisiert werden. (vgl. Bauer 2012, S.25) So wird die Bewegung stets in einem Verb lexikalisiert, wo hingegen der Weg entweder im Verb (V-Sprachen) oder außerhalb des Verbs (S-Sprachen) lexikalisiert werden kann. (vgl. Bauer 2012, S.28)

TALMY'S Ansatz basiert demzufolge „ auf der Erkenntnis, dass eine unterschiedliche Anzahl der konzeptuellen Konstituenten eines Lokalisierungsausdrucks in einer bestimmten lexikalischen Einheit ausgedrückt werden kann“. (Berthele 2006, S.24) Daraus ergibt sich TALMY'S Ziel, „ durch den systematischen Vergleich von Lexikalisierungsmustern in verschiedenen Sprachen semantische Universalien zu identifizieren“. (Bauer 2006, S.25)

Die für die vorliegende Arbeit relevante typologische Unterscheidung basiert auf einer Reihe kontrastiver und typologischer Untersuchungen (Talmy 1985) nach denen Sprachen in zwei typologische Kategorien eingeteilt werden können, je nachdem, welche Lexikalisierungsmuster bei der Kodierung von Bewegungsereignissen bevorzugt werden. (vgl. Reshöft 2008, S.2) Daher schlägt TALMY eine typologische Unterscheidung zwischen verb - framed languages (im Folgenden V – Sprachen genannt) und satellite – framed languages (im Folgenden S – Sprachen genannt) vor. Talmy unterscheidet die beiden Sprachtypen abhängig davon, ob die Art und Weise der Bewegung (Manner) oder die Bewegungsrichtung (Path) im finiten Verb oder in verbexternen Elementen kodiert werden. (vgl. Reshöft 2008, S. 2) Anders ausgedrückt besteht der große Unterschied zwischen diesen beiden Typologisierungen darin, dass bei V – Sprachen Path im Verbstamm und bei S – Sprachen in sogenannten Verbsatelliten lexikalisiert wird. (vgl. Bauer 2006, S. 14)

2.2.2 Satelliten in S - Sprachen

Des Weiteren lässt sich in den S – Sprachen ein Verb mit vielen verschiedenen Satelliten kombinieren, wodurch komplexere Bewegungsabläufe beschrieben werden können. (vgl. Reshöft 2008, S. 9) Nach der Typologie TALMYS können Satelliten (verbexterne Elemente) verschiedene Bewegungsrichtungen ausdrücken, je nachdem, auf welchen GROUND sie sich beziehen.

Satelliten werden wie folgt definiert:

The satellite to the verb – or simply, the satellite, abbreviated Sat – is the grammatical category of any constituent other than a nominal or prepositionalphrase complement that is in a sister relation to the verb root. The satellite, which can be either a bound affix or a free word, is thus intended to encompass all of the following grammatical forms: German separable and inseperable verb prefixes, Latin or Russioan verb prefixes, Chinese verb complements Lahu nonhead „versatile verbs“ […]. (Talmy 2000, S.222)

Oder:

Certain immediate constituents of a verb root other than inflections, auxiliaries, or nominal arguments. They relate to the verb root as periphery (or modifiers) to a head. A verb root together with its satellites forms a constituent in its own right, the 'verb complex', […]. Iit is this cnstituentas a whole that relatesto such other constituents as an inflectional affix-set, qn auxiliary, or a direct object noun phrase. (Talmy 1985, S. 102)

Satelliten stellen demzufolge dem Verb beigeordnete Elemente dar, die sowohl Präfixe als auch Halbpräfixe sein können (vgl. Oliveira 2012, S.15) und sprachabhängig als freie lexikalische Einheiten oder Affixe vorkommen. (vgl. Reshöft 2008, S. 9)

(4) Tom ist die Treppe herunter – gegangen.

Path Manner

In Beispielsatz (4) wird Path in einem Verbsatelliten (der Verbalpartikel ''herunter'') lexikalisiert, was typisch für die sogenannten S – Sprachen ist. Der Verbstamm ''gegangen'' versprachlicht die Art und Weise der Bewegung, stellt somit das Co – event Manner dar, welches wiederum typisch für S – Sprachen ist. (vgl. Oliveira 2012, S.15)

TALMY unterscheidet auch deutlich zwischen Satelliten und Präpositionen:

First, it is only a preposition that will disappear when the Ground nominal is omitted: a satellite remains. Next, the two classes of forms do not have identical memberships: there are forms with only one function or the other. For example, togehter, apart, and forth are satellites that never act as prepositions, while from, at, and toward are prepositions that never act as satellites. (Talmy 1985, S. 105)

Jedoch gibt es lexikalische Einheiten, die als Satelliten aber auch als Präpositionen fungieren können. TALMY bezeichnet diese Einheiten als satellite – prepositions. Sowohl Satelliten als auch Präpositionen beschreiben semantisch eine Bewegungsrichtung. (vgl. Reshöft 2008, S. 9f.) Daher soll in dieser Arbeit die Gesamtheit der Richtungsausdrücke erfasst und Satelliten sowie Präpositionen als richtungsanzeigende Elemente betrachtet werden. In Kapitel 2.3.1 werden auf weitere typische Merkmale der V – und S – Sprachen eingegangen sowie weitere Merkmale herausgearbeitet werden.

2.3 S – Sprachen und V – Sprachen

2.3.1 Lexikalisierungsmuster in S – Sprachen und V – Sprachen:

Wie bereits in Kapitel 2.2.1 dargelegt wurde, werden nach TALMY die Sprachen dieser Welt in S – Sprachen und V – Sprachen klassifiziert. Im folgenden Unterkapitel 2.3.2 werde ich auf die Unterschiede sowie die typischen Merkmale dieser beiden Sprachtypen eingehen und diese an deutschen und türkischen Beispielsätzen in Kapitel 2.3.3 veranschaulichen. Im nun folgenden Kapitel werden nun gezielt Lexikalisierungsmuster in S – und V – Sprachen dargestellt.

Ein großer Unterschied zwischen V – und S – Sprachen besteht darin, an welcher Stelle Path lexikalisiert wird: In den V – Sprachen im Verbstamm, bei S – Sprachen in den Verbsatelliten (siehe Kapitel 2.2.1). Um dies zu verdeutlichen, müssen Lexikalisierungsbeispiele (Oliveira 2012, S. 15) in verschiedenen Sprachen betrachten werden:

(1) Benni ist zur Tür herein – spaziert.

Path Manner

(2) Benni est entré par la porte (lentement).

Benni ist hereingegangen durch die Tür langsam.

Path Manner

(3) Benni ha entrado por la puerta (paseando).

Benni ist hereingegangen durch die Tür spazierend.

Path Manner

Der deutsche Beispielsatz (1) stellt ein typisches Muster der S – Sprache dar. Path wird hier in einem Verbsatelliten (''herein'') lexikalisiert. Der Verbstamm ''spaziert'' versprachlicht die Art und Weise der Bewegung, stellt somit das Manner dar, welches wiederum typisch für S – Sprachen ist. Der französische (2) und der spanische (3) Beispielsatz verdeutlichen das übliche Muster der V – Sprache. Path wird dabei im Hauptverb (''entrer'' bzw. ''entrar''; ''hereingehen'') versprachlicht. Manner kann dabei nicht so einfach wiedergegeben werden wie im Deutschen, sondern es muss auf ein zusätzliches Element zurückgegriffen werden. Eine Möglichkeit dafür sind Verben im Gerundium (''paseando''; ''spazierend'') oder Adverbialangaben (''lentement''; ''langsam''). Oft wird jedoch auf die Angabe der Manner verzichtet, da es als holprig und überflüssig empfunden wird. Dies stellt wiederum auch ein typisches Merkmal der V – Sprachen dar. (Oliveira 2012, S. 15 f.)

Trotzdem ist Path in V – Sprachen sowie in S - Sprachen das Kernschema von Bewegungsereignissen. Die beiden Sprachtypen unterscheiden sich aber darin, dass die Dichte der Informationen in S – Sprachen tendenziell höher ist, da normalerweise Path und Manner angegeben werden. Des Weiteren können bei diesem Sprachtyp leichter Path – Angaben angehäuft werden und somit komplexere Paths bilden. (vgl. Slobin 1997, S.439 f.) Dies wird in Satz (4) deutlich:

(4) Benni ist zur Tür heraus, den Berg herunter und das Ufer entlang

spaziert.

In V – Sprachen müssten solch komplexe Paths fragmentiert werden, welches an dem spanischen Satz (5) zu sehen ist:

(5) Benni salió por la puerta, bajó

Benni ist herausgegangen durch die Tür, er ging hinunter

por la montana y paseó a lo largo de la orilla.

durch den Berg und spazierte entlang dem Ufer.

Bei den nun folgenden Lexikalisierungsmustern (Beispielsätze (6), (7), (8)) mit identischer Bedeutung (Das Mädchen rennt ins Zimmer) soll verdeutlicht werden, dass die Komponenten Weg und Art in den Sprachen Deutsch, Englisch und Spanisch in unterschiedlichen Wortarten lexikalisiert werden. (vgl. Bauer 2010, S.28)

Im deutschen (6) sowie im englischen (7) Beispielsatz wird Weg in Satelliten (hier: Präpositionen) realisiert. Bewegung und Art werden hingegen verschmolzen und gemeinsam im Verb lexikalisiert. (vgl. Talmy 1985, S.62) Die Verben, die im Deutschen und Englischen die Art einer Bewegung ausdrücken, sind die sogenannten Art – Verben (auch ''manner – verbs'' oder ''Verben der Art und Weise'' genannt). (vgl. Bauer 2010, S.29)

(6) Das Mädchen rennt ins Zimmer.

Figur Bewegung und Art Weg Grund

(7) The girl is running into the room.

Das Mädchen rennt ins Zimmer.

Figur Bewegung und Art Weg Grund

Im Spanischen (Beispielsatz (8)) werden dagegen Bewegung und Weg im finiten Verb verschmolzen. Die Information zu Art ist jedoch weder im finiten Verb noch im Satelliten lexikalisiert, sondern in anderen Konstituenten. Dies wäre zum Beispiel ein Gerundium (hier: ''corriendo''). Diese Verben, die im Spanischen und allgemein in V – Sprachen vorherrschen, nennt man path - verbs bzw. Richtungs – oder Wegverben (auch ''direction verbs'' oder ''Pfad – Verben'' genannt). (vgl. Bauer 2010, S.30)

(8) La chica entra en la habitación corriendo.

Das Mädchen sich hinein- bewegen in DET Zimmer renn- GER.

Figur Bewegung und Weg Grund Art

Da im Deutschen und Englischen die Komponente Weg bevorzugt in Satelliten lexikalisiert wird, gehören sie zu den satellitenrahmenden Sprachen (S – Sprachen). Spanisch und auch Türkisch gehören zu den verbrahmenden Sprachen (V - Sprachen), da sie Weg im finiten Verb realisieren (vgl. Bauer 2010, S.30)

2.3.2 Unterschiede bei S – Sprachen und V - Sprachen

Folgende Tabelle (Tabelle 1) stellt einen Überblick der beiden Sprachtypen dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Satellite – framed lanuages (S – Sprachen) und verb – framed2

languages (V – Sprachen) (Oliveira 2012, S. 15)

Wie in Tabelle 1 zu sehen ist, werden die für diese Arbeit relevanten Sprachen jeweils einem Sprachtyp zugeordnet (Deutsch zu den S – Sprachen und Türkisch zu den V – Sprachen), somit zeigen beide Sprachen eine starke Präferenz zu je einem bestimmten Typus der Sprache. Im Folgenden werde ich typische Eigenschaften des jeweiligen Sprachtyps, anhand unterschiedlicher Feststellungen verschiedener Autoren, darstellen.

S – Sprachen (Deutsch) verfügen laut GOSCHLER (2010) allgemein über ein größeres Inventar an Bewegungsartverben als V – Sprachen. (vgl. Goschler 2010, S.43) Demnach verwenden Sprecher dieser Sprachen nicht nur häufiger, sondern auch mehr verschiedene Bewegungsartverben und „ kodieren damit überhaupt häufiger die Art und Weise der Bewegung “. (Goschler 2010, S.44) Außerdem wird der Pfad der Bewegung außerhalb der Verbwurzel angegeben und Sprecher dieser Sprachen haben die Möglichkeit, zusammengesetzte Pfade innerhalb derselben Verbalphrase zu beschreiben. (Goschler 2009, S. 41ff.)

Laut SLOBIN (vgl. Bepperling/Härtl, 2013, S.165) ist es für S – Sprachen außerdem typisch, dass die Bewegungsweise am finiten Verb ausgedrückt wird:

(1) a. The dog ran into the house.

b. Le chien est entré dans la maison en courant.

*c. The dog entered the house by running.

Dies wird in diesem Beispiel (1) (Bepperling/Härtl, 2013, S.164) deutlich. Hierbei wird die Bewegungsweise im Englischen (a.) an dem finiten Verb kodiert, wo hingegen das Französische (b.) auf ein Gerundium als Adjunkt zurückgreifen muss. (vgl. Bepperling/Härtl, 2013, S.165)

OLIVEIRA stellt des Weiteren viele Merkmale dieses Sprachtyps fest: Sprecher von S – Sprachen geben kompaktere und dichtere Darstellungen von Bewegungsereignissen wieder als Sprecher der V – Sprachen. Sie werden auch prädisponiert, eine höhere Aufmerksamkeit auf mehr Komponenten von Bewegungsereignissen zu richten und diese explizit zu nennen. Außerdem erleichtern es die syntaktischen Strukturen dieser Sprachen, viele Details relativ leicht darzustellen. (Oliveira 2012, S.18)

BERTHELE (2006) stellt ebenfalls dar, dass S – Sprachen Sprecher tendenziell ein größeres Repertoire an Bewegungsverben sowie mehr Verben benutzen, die die Art und Weise einer Bewegung ausdrücken und somit dynamischere Beschreibungen räumlicher Vorgänge liefern als Sprecher der V – Sprachen. Er führt jedoch auf, dass aufgrund der vielfältigen Weg – Partikeln die Sprecher nicht nur mehr Grundelemente integrieren, sondern auch mehr verschiedene Aspekte des Wegs in die Verbalphrase. Außerdem können sie allgemein mehr Grundelemente angeben. (Berthele 2006, S. 28 ff.)

BAUER (2012) hält ebenfalls das häufigere Benutzen von Bewegungsverben, sowie Verben, die die Art und Weise der Bewegung ausdrücken, fest. Sie schreibt jedoch auch, dass die Sprecher der S – Sprachen expressiver sind, was den Bewegungsausdruck in Verben angeht. Außerdem sind diese Sprecher in der Lage, mehrere Grundelemente auf einmal anzugeben (Beispielsatz 2).

(2) Das Mädchen läuft aus dem Zimmer durch die Küche in den Garten.

Auch mehr Grundelemente und mehr unterschiedliche Aspekte des Wegs werden in die Verbalphrase, durch die produktive Verfügbarkeit vielfältiger Weg – Partikel, integriert. Allgemein führen S – Sprachen auch zu dynamischeren Beschreibungen.(Bauer 2012, S. 19ff.)

Laut GOSCHLER (2010) verfügen V – Sprachen umgekehrt über eine größere Anzahl an Adverbien der Art und Weise mit häufig gebrauchten direktionalen Verben sowie über ein größeres Pfadverblexikon, besitzen jedoch ein kleineres Inventar an Bewegungsartverben als S – Sprachen. Der Pfad der Bewegung wird bei ihnen in der Verbwurzel angegeben. Daher müssen bei komplexen und zusammengesetzten Pfaden jeder Pfadabschnitt in einer eigenen Verbalphrase kodiert werden. (Goschler 2010, S.41ff.)

OLIVEIRA (2012) stellt dar, dass V – Sprachen Sprecher allgemein viele Infos weglassen, wie zum Beispiel die Manner – Infos, da sie sich oft auf die Inferenzfähigkeit des Hörers verlassen. Außerdem fokussieren sie stark einzelne Bewegungsereignisse und relevante Informationen. (Oliveira 2012, S.18)

Laut BERTHELE (2006) sind bei diesen Sprachtypen die Co – Ereignisse in optionalen adverbialen Konstituenten untergebracht. Aus diesem Grund erfolgt die Angabe des Co – Events oft nicht in V – Sprachen. Des Weiteren schreibt er, dass diese Sprachen ein Grundelement in die Verbalphrase integrieren. Somit können sie statischere und resultatsorientiertere Beschreibungen räumlicher Vorgänge liefern, als S – Sprachen es tun. Auch stimmt er mit der Meinung anderer Autoren überein, dass V – Sprachen Sprecher zwar Bewegungsverben der Art und Weise verwenden, aber sie bestimmten Restriktionen ihrer Verwendung unterliegen. (Berthele 2006, S. 28ff.)

BAUER (2012) hält ebenfalls fest, dass V – Sprachen die Information des Wegs im finiten Verb lexikalisieren und über ein großes Repertoire an Weg- und/oder Richtungsverben verfügen. Die Art – Angabe ist bei diesem Sprachtyp eher zu vernachlässigen, kann aber in einem Gerundium oder Adverb auftreten, muss jedoch nicht zwingend lexikalisiert werden (Beispielsatz (3)).

(3) FIGURE MOTION+PATH GROUND

La chica entra en la habitación.

Das Mädchen sich – hinein- in-DET Zimmer

bewegen

In diesem Beispielsatz ist zu sehen, dass die Info zu ART, also wie genau sich das Mädchen ins Zimmer hinein bewegt hat, zu vernachlässigen ist, indem sie hier dem Leser vorenthalten wird. (Bauer 2012, S. 19ff.)

RESHÖFT (2008) stellt zusammenfassend dar, dass in S – Sprachen typischerweise die Art und Weise der Bewegung (also eine oder mehrere Manner – Komponenten) im Verb kodiert sowie die Bewegungsrichtung (beziehungsweise eine Path – Komponente) durch Satelliten ausgedrückt werden. In V – Sprachen ist die Bewegungsrichtung (Path) jedoch im Verb kodiert und die Manner – Komponente wird aufgrund der vollständigen syntaktischen Struktur optional und daher in diesen Sprachen weniger oft lexikalisiert. Die Struktur der V – Sprachen setzt außerdem voraus, dass Bewegungsabläufe auf eine andere Art und Weise lexikalisiert werden als in S – Sprachen. Daher ist es aus syntaktischer Sicht schwieriger für V – Sprachen – Sprecher, komplexe Bewegungsabläufe mit mehreren Path und Manner Beschreibungen zu formulieren. (Reshöft 2008, S. 3)

2.3.3 Spezielle Unterschiede im Deutschen und Türkischen

Daraus ergeben sich bestimmte grammatische und lexikalische Konsequenzen für die jeweiligen Sprachkategorien. Deutsch hat zum Beispiel ein größeres Inventar an Bewegungsartverben, wohingegen Türkisch ein größeres Pfadverblexikon besitzt und eine größere Zahl an Adverbialien der Art und Weise (jeweils im Vergleich zu dem anderen Sprachtyp). (vgl. Goschler 2010, S.43)

(1) Deutsch: Er rannte ins Haus hinein.

(2) Türkisch: Koș-arak ev-e gir-di.

Laufen-KONV1 Haus-Dat sich hineinbegeben-PRÄT.3SG

„Sie/er rannte ins Haus hinein.“

(wörtlich: „Sie/er begab sich laufend ins Haus hinein.“)

In beiden Sprachen unterscheiden sich die semantischen Informationen, die jeweils in einem Bewegungsverb enthalten sind.

Der deutsche Beispielsatz (1) (Goschler 2010, S.43) veranschaulicht, dass der Pfad der Bewegung im Deutschen außerhalb des Verbs ausgedrückt wird. Hier in einem Verbpartikel (hinein) sowie in einer Präpositionalphrase (ins Haus). Die Art der Bewegung wird dagegen direkt im Verb ausgedrückt (rennen). (vgl. Goschler 2010, S. 43) Dies bedeutet, dass das deutsche Verb die BEWEGUNG an sich sowie die ART und WEISE der Bewegung beinhaltet. Die Information, dass es sich bei der Bewegung um eine gerichtete Bewegung handelt, wird jedoch nicht im Verbstamm kodiert, sondern in dem Partikel hinein. Hinein drückt folglich den WEG aus, wobei das Ziel der Bewegung (ins Haus) in einer direktionalen Ergänzung ausgedrückt wird. (vgl. Schroeder 2009, S. 187)

In dem türkischen Beispielsatz (2) (Goschler 2009, S.43) wird die Kodierung des Pfades durch ein deiktisches Verb, die Information über die Art und Weise der Bewegung in einem Verbalphrasenadjunkt in Form eines Konverbs dargestellt. (vgl. Goschler 2009, S. 43) Spezifischer gesagt lexikalisiert das türkische Verb die Tatsache der Bewegung sowie die Gerichtetheit der Bewegung. Hier wäre dies in einen geschlossenen Raum hinein. Außerhalb des Verbs werden die Informationen zum Ziel oder zur Quelle kodiert. Auch die ART und WEISE der Bewegung wird außerhalb des Verbalkomplexes als Verbalphrasenadjunkt kodiert. (vgl. Schroeder 2009, S. 187)

SCHROEDER (2009) fasst diese Beobachtungen in folgender Tabelle schematisch zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Bewegung, Art und Weise, Quelle/Ziel und Weg im Bewegungsereignis (Schroeder 2009, S.187)

Ein weiterer Unterschied beim Deutschen und Türkischen besteht darin, „dass türkische intransitive Bewegungsartverben in den meisten Fällen nicht durch Pfadergänzungen erweitert werden können“ (Goschler 2009, S.43), im Deutschen jedoch schon. Dies wird in den Beispielsätzen (3) - (5) (Schroeder 2009, S.188) verdeutlicht:

(3) Sie hüpfte ins Haus hinein.

(4) * Ev-e sek-ti.

Haus-DAT hüpfen-PRÄT.3SG

(5) Sek-e sek-e ev-e gir-di.

Hüpfen-KONV.REDUPL Haus-DAT sich. Hineinbegeben-PRÄT.3SG

„Sie/er hüpfte ins Haus hinein.“

(wörtlich: Sie/er begab sich hüpfend ins Haus hinein.)

Dies liegt daran, dass sich deskriptive Verben im Deutschen und Türkischen stark in ihren Bindungs- und Erweiterungsmöglichkeiten unterscheiden. Türkische deskriptive Verben sind meistens nicht durch Weg- und Direktionalergänzungen erweiterbar. Deutsche deskriptive Verben hingegen können durch Weg- und Direktionalergänzungen erweitert werden. Wie in den Beispielsätzen (3) bis (5) deutlich wird, kann das deutsche Verb hüpfen problemlos mit einer Direktionalergänzung kombiniert und somit erweitert werden (3). Das türkische Äquivalent sek- in (4) kann dagegen nicht erweitert werden. (Schroeder 2009, S. 188)

All diese unterschiedlichen grammatisch – lexikalischen Eigenschaften der jeweiligen Sprachen ziehen demnach große Unterschiede im jeweiligen Gebrauch mit sich. S – Sprachen Sprecher verwenden (wie bereits in Kapitel 2.3.2 erwähnt wurde) häufiger und allgemein mehr verschiedene Bewegungsartverben, kodieren aus diesem Grund auch häufiger die Art und Weise der Bewegung als V – Sprachen Sprecher. Folge dessen ist, dass bei der Übertragung von Bewegungsereignissen, bei der Übersetzung von S – Sprache in die V – Sprache, Infos über die Art und Weise oft weggelassen oder umgekehrt, bei der Übersetzung von V – Sprache in S – Sprache, hinzugefügt werden müssen. (Goschler 2009, S. 44)

2.4 Bewegungsereignisse im Deutschen

Wie bereits an unterschiedlichen Stellen dieser Arbeit dargestellt wurde, gehört das Deutsche zu den sogenannten S – Sprachen, die die Informationen zum WEG außerhalb der Verbwurzel, in den Satelliten, lexikalisieren. Im Verb werden die Komponenten BWEWGUNG und ART angegeben. (vgl. Bauer 2010, S. 34)

2.4.1 Art – Verben

S – Sprachen weisen ein großes Inventar an Art – Verben auf. (vgl. Bauer 2010, S.34) So gibt es eine Unmenge an Verben, die mit großer Präzision eine Bewegungs – Manner beschreiben. (Oliveira 2012, S. 27)

SLOBIN (1998) stellt dazu fest:

It is as if the availibility of the combined slot for Motion and Manner in S-languages has encouraged speakers to elaborate the entries in this slot. There is no additional „cost“ to adding richer manner expressions, since the slot must be filled by some verb or other in order fpr a syntactically complete sentence to be produced. (Slobin 1998, S.6)

Die folgende Tabelle stellt eine Übersichtstabelle über unterschiedliche Art – Verben in Bezug zu ihren semantischen Merkmalen dar. Sie wurde von BAUER (2010) in Anlehnung an GERLING/ORTHEN (1979) erstellt und von mir ergänzt3.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Deutsche Art – Verben

Die Kategorien der Art – und der Wegverben haben keine klaren Grenzen. (Berthele 2006, S. 122) So gut wie gar nicht vorhanden sind die Weg – Verben im Deutschen. „Als Kandidaten werden sinken, fallen, klettern, stürzen, nahen, kreuzen und queren diskutiert, letztendlichen aber nicht akzeptiert (z.B. Berthele 2006, S.53).“ ( Bauer 2010, S. 36)

Ein charakteristisches Merkmal der S – Sprachen laut TALMY (2000) ist es, dass diese Sprachen zwei kleine Bewegungsereignisse in einem Satz ausdrücken können. Das „rahmende Ereignis“ (framing event) stellt dabei den Weg dar, welchen die Figur zurücklegt. Das „begleitende Ereignis“ (co – event) entspricht der Art und Weise, wie sich die Figur durch den Raum bewegt. Co – Ereignisse können in einfache Bewegungsverbsätze integriert werden.

Nun folgt eine Auflistung von Co - Ereignis – Verben (vgl. Berthele 2006, S.122), die dem Typ der ART DER BEWEGUNG zugeordnet werden können:

- Verben, die die Orientierung/ Position der Figur am Ende der Bewegung spezifizieren: stehen, setzen, legen, stellen...
- Verben, die die Intensität des Vorgangs und/oder die Geschwindigkeit der Figur angeben: preschen, angreifen, eilen, schlendern, rennen, verfolgen, schmeißen...
- Verben, die spezifische Bewegungsabläufe codieren, die sich aus der Beschaffenheit oder der Orientierung des Grundes ergeben: aufgabeln, aufspießen, schwimmen,fliegen, klettern...

2.4.2 Lexikalisierung von Bewegungsereignissen

Es gibt einige typische Lexikalisierungsmuster im Deutschen, die im Folgenden vorgestellt sowie erläutert werden und auf den Beobachtungen und Zusammenfassungen von OLIVEIRA (2012) und BAUER (2010) basieren.

Im Deutschen können Verben aller Sorten scheinbar uneingeschränkt mit Präpositionalphrasen jeglicher Art kombiniert werden (Oliveira 2012, S. 28).

(1) Wir sind in den Garten geschlendert.

(2) Das Mädchen hüpft in das Zimmer.

Wie in Beispielsatz (1) (vgl. Oliveira 2012, S. 28) und (2) (vgl. Bauer 2010, S. 37) kann als Grundkonstruktion für das Deutsche Verb + PP angenommen werden. (vgl. Bauer 2010, S. 37)

Des Weiteren lässt sich für das Deutsche beobachten, dass es, im Vergleich zu den V – Sprachen, die Auslassung eines Hauptverbs tolerieren kann. Dieses Phänomen (siehe Beispielsatz (3)) ist hauptsächlich in der Umgangssprache stark verbreitet und kommt dadurch zustande, wenn ein weiteres Verb die morphologischen Verbalfunktionen erfüllt. (vgl. Oliveira 2012, S. 28)

(3) Es ist spät, ich muss rein.

Dieser Satz wird durch eine Ellipse ermöglicht, da hier das Kernschema der Bewegung (Path) in anderen Elementen als im Hauptverb lexikalisiert wird. Aus diesem Grund wird der semantische Gehalt des Hauptverbs entbehrlich. Auch kann in der deutschen Umgangssprache nur das Hilfsverb sein oder haben genannt werden, wie in Beispielsatz (4 ) deutlich wird. (vgl. Oliveira 2012, S. 28)

(4) Er ist schon aus dem Haus.

Außerdem kommen im Deutschen verschiedene Formen von Verbzusätzen vor, die laut TALMY (2008) als Satelliten bezeichnet werden (siehe Kapitel 2.2.1). Dazu zählen:(vgl. Oliveira 2010, S. 30)

- untrennbare Partikel oder Präfixe (er-, ver-, usw.)
- trennbare Partikel (auf-, aus-, usw.)
- Elemente, die manchmal als trennbare und manchmal als untrennbare Partikel fungieren (über-, durch-, usw.)
- Doppelpartikel, die immer trennbar sind (hinauf-, hinaus-, usw.)

Partikelverben sind laut BAUER (2010) Konstruktionen mit abtrennbaren Verbzusätzen. Dabei können als Basis dieser Verben alle Bewegungsverben fungieren, meistens sind es jedoch einfach Verben wie gehen oder laufen (Beispielsatz (5)). (Bauer 2010, S.38)

(5) Das Mädchen geht hinaus.

Bei Bewegungsereignissen im Deutschen kommt den Doppelpartikeln die wichtigste Rolle zu. OLIVEIRA (2012) stellt fest, dass bei diesen die räumliche Bedeutung ausgeprägter ist als bei den anderen. MC INTYRE (2001) geht nämlich davon aus, dass eine ihrer Funktionen darin besteht, dem Satz einen eindeutigen räumlichen Sinn zu verleihen.

(6) Sie ging in die Kirche.

(7) Sie ging in die Kirche hinein.

An der Gegenüberstellung der beiden Beispielsätze (6) und (7) (Oliveira 2012, S.30) wird dies deutlich. Die Doppelpartikel bestehen aus zwei Elementen, die jeweils auch selbstständig als Verbzusatz fungieren können.

[...]


1 Bewegungsträger bezeichnet beide Geschlechter gleichermaßen.

2 Die V – Sprachen Beispiele entsprechen groben Übersetzungen und sind daher mit einem * markiert.

3 Diese Übersichtstabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und die Verben können je nach Satzkontext auch verschiedenen semantischen Merkmalen zugeordnet werden (vgl. Bauer 2010, S.34).

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Konzeptualisierung und Formulierung im Deutschen als Erst- und Zweitsprache
Untertitel
Eine empirische Untersuchung zum Gebrauch von Bewegungsverben durch Lerner mit L1 Deutsch oder Türkisch
Hochschule
Universität des Saarlandes  (4.1 Germanistik)
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
104
Katalognummer
V334459
ISBN (eBook)
9783668247888
ISBN (Buch)
9783668247895
Dateigröße
5180 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch als Erst- und Zweitsprache, Deutsch als Erstsprache, Deutsch als Zweitsprache, Bewegungsverben, L1 Deutsch, L1 Türkisch
Arbeit zitieren
Ariane Meyer-Buchhardt (Autor), 2015, Konzeptualisierung und Formulierung im Deutschen als Erst- und Zweitsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334459

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