Sprachliche Analyse des pikardischen Fabliau "Braunain, la Vache au Prêtre"


Hausarbeit, 2016

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Inhalt

1. Hinführung

2. Informationen zum Autor

3. Periodisierung der französischen Sprachgeschichte

4. Aufbau und Inhaltliche Zusammenfassung

5. Sprachlicher Kommentar zur pikardischen Skripta

6.1 Phonetik/Phonologie
6.2 Morphologie
6.3 Syntax
6.4 Lexikon
6.5 Pikardische Besonderheiten

7 Schlussbetrachtung

8. Anhang

9. Bibliographie

1. Hinführung

Ab dem 13. Jahrhundert dringt das Französische aus sprachhistorischer Sicht in immer mehr literarische Traditionen vor. Erstmals stammen literarische Werke nun auch aus dem Umfeld des Bürgertums, so etwa die Gattung der derb-realsatirischen Fabliaux, welche in dieser Arbeit Gegenstand der Analyse ist.

Im Hinblick darauf soll zunächst der altfranzösische Spielmann und mittelalterliche Fabliau-Dichter Jean Bodel (1165-1209) vorgestellt werden. Daraufhin folgt einerseits der Versuch die Gattung des Fabliau historisch einzuordnen und andererseits wird dessen Ursprung in Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich zur Gattung der Fabel herausgearbeitet. In diesem Zusammenhang soll bei der Betrachtung der Gattung des Fabliau ebenfalls geklärt werden, welche Rolle der Autor Jean Bodel hierbei einnimmt.

Da das Franzische als Dialekt der Île de France und Grundlage des heutigen Französisch sich ab dem 13. Jahrhundert in Frankreich als Nationalsprache durchsetzen konnte, existierten lange Zeit relativ eigenständige Dialekte. Hierzu gehört unter anderem der pikardische Dialektraum, in dem Jean Bodels kürzeste Skripta „Brunain, la vache au prêtre“ entstanden ist. Zu vermuten ist, dass diese am Anfang des 13. Jahrhunderts geschrieben wurde, wodurch sich anhand der zeitlichen Einordnung vorab schließen lässt, dass das Fabliau in der Epoche des Altfranzösischen, von ca. 842-1350, entstanden ist.

Nach einer kurzen Vorstellung der Periodisierung der französischen Sprachgeschichte, soll der Aufbau des Fabliau und dessen inhaltliche Zusammenfassung ausgearbeitet werden. Im Mittelpunkt schließlich eine detaillierte Analyse des Fabliau „Brunain, la vache au prêtre“ auf der Sprachbeschreibungsebene. Hierbei wird die Weiterentwicklung der sprachlichen Phänomene vom Altfranzösischen zur neufranzösischen Entsprechung herausgearbeitet und kommentiert werden. Die sprachlichen Merkmale und Besonderheiten werden in Phonetik, bzw. Phonologie, Morphologie, Syntax und Lexikon aufgeteilt und dementsprechend analysiert. Zuletzt werden anschließend in knapper Form die Besonderheiten des Pikardischen auf der Sprachbeschreibungsebene aufgeführt.

Bereits beim ersten Lesen des altfranzösischen Fabliau fällt der tiefgreifende Unterschied zwischen diesen beiden Sprachstufen auf und weist daraufhin hin, dass sich die französische Sprache in ihrer durch Texte belegbaren Existenz sehr stark verändert hat. Anhand der Ausführung der Gattung des Fabliau und einer ausführlichen Sprachanalyse soll abschließend eine zusammenfassende Schlussbetrachtung gezogen werden.

2. Informationen zum Autor

Zunächst ist festzustellen, dass verschiedene Schreibweisen des Autornamens existieren. Neben der meist verwendeten Schreibweise „Jean Bodel“, sind auch „Jean Bedel“ oder „Jehan Bodel“ vorzufinden (vgl. Nardin 1965: 17). Aus unterschiedlichen Untersuchungen kann aus heutiger Sicht jedoch an der Identität Jean Bodels nicht mehr gezweifelt werden (vgl. Merl 1972: 39). Jean Bodel lebte in der damals zu Burgund gehörigen reichen Tuchweberstadt Arras. Folglich ist zu vermuten, dass er an der école d’Arras studiert hat (vgl. Nardin 1965: 17).

Seine Werke verfasste er im Alt-Pikardischen, dem Dialekt seiner Heimat. Pikardisch ist eine dem Französischen nahe verwandte galloromanische Sprache, beziehungsweise eine nördliche Langues d’oïl. Der Name Langues d’oïl ist aus dem lateinischen hoc illud im Laufe der Zeit oïl entstanden, welches der im Mittelalter üblichen Bezeichnung für „ja“ entspricht und im heutigen Standardfranzösisch oui heißt (vg. Sokol 2007: 240).

Jean Bodels Œuvre enthält eine Sammlung von acht Fabliaux, die nacheinander wie folgt entstanden sein müssten: Le Vilain de Farbu, Du Vilain de Bailluel, De Gombert et des deus Clers, das in dieser Arbeit zu behandelnde Fabliau Brunain, la vache au prêtre, Li Sohaiz desvez, Des Sohaiz que Sainz Martins dona Anvieus et Coveitos, De Haimet et de Barat und Des deux Chevaus (vgl. Merl 1972: 40).

Zu seinen Werken gehört außerdem der erste mit Namen des Autors überlieferten dramatischen Texts der französischen Literaturgeschichte. Hierbei handelt es sich um die Fabliau-Dichtung Le Jeu de Saint Nicolas (vgl. Nardin 1965: 16).

Sein letztes Werk war ein Abschiedslied, ein sogenannter Congé, welcher eine lyrische Gattung der mittelalterlichen französischen und provenzalischen Dichtung darstellt. Als Schöpfer dieser Gattung diente es über Jahrhunderte hinweg als Vorbild für Werke anderer Künstler. Jean Bodel verstarb 1210 in seiner Heimatstadt Arras (vgl. ebd.: 18).

Textsorte F abliau

[…] il ne me semble pas y avoir de preuve de l’existence des fabliaux avant 1200. C’est vraiment un genre appartenant au XIIIe siècle. La seule date sérieuse est celle de la mort de Jean Bodel en 1210 […] (Togby 1957 : 89, zit. n. Merl 1972: 16).[1]

Mit diesem Argument von Knud Togby wird die Entstehungszeit der Fabliaux berührt, die außerordentlich umstritten ist. Seiner Meinung nach gibt es keine Beweise für die Existenz von Fabliaux vor 1200. Das einzig sichere Datum sei das Todesjahr Jean Bodels 1210, weshalb er es für unmöglich hält, dass Fabliaux im 12. Jahrhundert vorhanden waren. Er rechnet deshalb dieses Erzählgenre zur Literatur des 13. Jahrhunderts und spricht Jean Bodel die Rolle des Schöpfers dieser Gattung zu (vgl. Merl 1972: 16).

Zur Frage des Ursprungs der Fabliaux, auch Fablel genannt, gibt es keine eindeutige Antwort. Eine Vielfalt und Verschiedenheit der Erzählungen, die unter dem Oberbegriff Fabliaux zusammengefasst werden, lassen vermuten, dass nicht nur eine bestimmte Literaturgattung als Ausgangspunkt gedient hat. Die acht Erzählungen von Jean Bodel zum Beispiel sind in ihrer Art ganz verschieden (vgl. Merl 1972: 31).

In der neueren Fableldiskussion wurde die Ansicht vertreten, die Fabel sei der Ausgangspunkt des Fablels. Das Wort Fabliau ist nicht nur eine etymologische Ableitung von dem lateinischen Wort „fabula“ (dt. Gerede, Sage, Erdichtung) (Etymologisches Wörterbuch 1969: fabel), sondern die Fabel ist in der mittelalterlichen französischen Literatur vor allem eine Lehrfabel mit Tiercharakter gewesen, aus der man eine Moral zog. Bei Ersetzung der Tiere durch Menschen werde eine Ähnlichkeit mit einigen der Fabliaux sichtbar (vgl. ebd.: 29).

Bei der Gattung des Fabliau handelt es sich um eine französische, scherzhafte Schwankerzählung in Versen, die die heutige Gattung der Novelle geprägt und vorbereitet hat. Durch eine knappe, gradlinige Handlungsführung einer Begebenheit bis zum Höhepunkt, erhält das Fabliau einen Charakter des einzigartigen und überraschenden Vorgangs (vgl. Merl 1972: 1).

Die Fablel ist allgemein nicht ernst gestimmt, sondern viel mehr eine belustigende Geschichte oder besser gesagt ein conte à rire, welche mit der heutigen Satire vergleichbar ist (vgl. ebd.: 2). Von der Satire ist bekannt, dass sie sich häufig der Übertreibung bedient, Widersprüche kontrastiert und ihren Gegenstand der Lächerlichkeit preisgibt. Das Wort Satire entstammt aus dem Lateinischen satira, das wiederum aus satura hervorgeht. Im übertragenen Sinn lässt es sich mit ‚bunt gemischtes Allerlei/Durcheinander‘ übersetzen (PONS-Wörterbuch 2009: satira).

Im Allgemeinen handeln die Fabliaux von Personen, die gewöhnlich sozialen Typen entsprechen und eine breite Mittelschicht vom Ritter über den Kleriker zum Bürger oder vom Priester zum Bauern umgreifen, wie im Falle der Schwankerzählung „Brunain, la vache au prêtre“.

Im Vergleich zur Fabel, in der vor allem Tiere, aber auch Pflanzen und andere Dinge menschliche Eigenschaften besitzen, spielen die Kurzerzählungen der Fabliaux im Rahmen der Realität (vgl. ralentirtravaux.com). Es werden vor allem menschliche Schwächen herausgestellt und kritisiert. Sehr oft stellen sie betrogene Ehemänner, gierige Geistliche oder dummes Landvolk zur Schau. So wird in den Falbliaux kein einziger Stand von Spott verschont, weshalb nicht nur das bürgerliche, sondern auch das adelige Publikum Vergnügen an den satirischen Erzählungen findet. Ferner können sie als ein Spiegel des höfischen Gesellschaftslebens betrachtet werden, indem man sich auf die Kosten der niederen Stände erheitert (vgl. ebd.: 6). Entsprechend sind die Fabliaux keine bürgerliche Standesliteratur, sondern stellen eine selbstkritische Literatur und die Selbstironie des Bürgertums dar, wodurch sie besonders für die höheren Schichten unterhaltsam werden.

Was die Moral in den Fabeln und Fabliaux betrifft, so ist diese in den ersteren stärker an die Gattung gebunden als in den letzteren. Schließlich fasst die Moral in beiden das erzählte Beispiel, bzw. die erzählte Begebenheit noch einmal knapp zusammen, wobei sie im Fablel nicht den ernst zu nehmenden, sondern den witzigen, ironischen Charakter der Erzählung abermals hervorhebt (vgl. ebd.: 14).

3. Periodisierung der französischen Sprachgeschichte

Das Französische hat einige Jahrhunderte gebraucht um seine heutige Form anzunehmen. So hat es seinen Ursprung im Vulgärlatein, der gesprochenen Form des klassischen Lateins, das, entwickelt zum Protoromanischen, bis ins 8. Jahrhundert vorherrschte. In seiner Entwicklung unterlag das Lateinische in den Kolonien, und so auch in Gallien, dem doppelten Einfluss sowohl der von den Römern unterworfenen Völker (Substrat), besonders der Kelten, wie auch der im Rahmen der Völkerwanderung zugewanderten germanischen Völker (Superstrat). Beide adaptierten das Lateinische jeweils mit ihren eigenen Aussprachegewohnheiten und brachten eigenes Wortgut in den Wortschatz ein.

[...]


[1] Togeby, Knud (1957) : „Les Fabliaux“, in : Orbis litterarum Copenhague Vol. 12.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Analyse des pikardischen Fabliau "Braunain, la Vache au Prêtre"
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V334544
ISBN (eBook)
9783668240766
ISBN (Buch)
9783668240773
Dateigröße
818 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Französisch, Literatur, altfranzösisch, Jean Bodel, Fabliaux, 13. Jahrhundert, Phonetik, pikardisch, Morphologie, Syntax, Lexikon, Analyse
Arbeit zitieren
Carolina Baumann (Autor), 2016, Sprachliche Analyse des pikardischen Fabliau "Braunain, la Vache au Prêtre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334544

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