Juden-Bilder in den Medien - Eine Betrachtung am Beispiel des Films Comedian Harmonists


Seminararbeit, 1999
18 Seiten

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Stereotype Judenbilder
II. 1 Stereotype Judenbilder in den Medien
II. 2 Welches Bild vom Juden könnte der konsumierende Nichtjude überhaupt im Kopf haben?

III. Der Film
III. 1 Zur Entstehung
III. 2 Inhaltliche Kurzfassung

IV. Die Darstellung der Juden im Film
IV. 1 Der intelligente Jude
IV. 2 Die religiösen Juden/Das Aussehen der Juden
IV. 3 Die reichen Juden/Die geschäftstüchtigen Juden
IV. 4 Heimatlosigkeit/Internationalität
IV. 5 Militär und Gewalt/Verstellung und Tarnung
IV. 6 Die Grünbaums
IV. 7 Der jüdische Humor

V. Abschließende Betrachtungen

VI. Bibliographie

I. Einleitung

Im Seminar ´Scheunenviertel und Kazimierz´ beschäftigte ich mich im Rahmen eines Referates ausgiebig mit der Thematik ´Judenbilder in den Medien´. Da- bei wurde deutlich, wie umfangreich die Problematik ist. Was ich im Referat nur anreißen konnte, möchte ich anhand dieser Arbeit gern vertiefen. Der Film scheint mir dabei als Medium in letzter Zeit besonders wichtig gewor- den zu sein. Er spricht jeweils eine sehr breite Masse (in vielen Fällen auch in- ternationales Publikum) an und wird in anderen Medien, wie z. B. Fernsehen, Zeitungen, Internet, dokumentiert und kritisiert (zu erwähnen sei hier, dass auch positive Kritik geübt wird). Spätestens seit ´Schindlers Liste´ sind Themen wie Zweiter Weltkrieg und Judentum in den Kinos wieder sehr aktuell. Ich habe mich für den Film ´Comedian Harmonists´ entschieden, weil er als ei- ner der wenigen aktuellen Filme aus deutschem Hause stammt. Joseph Vils- maier produzierte den Film und führte Regie.

Bei meinen Betrachtungen werde ich mich direkt am Film als Medium orientie- ren, unabhängig davon, ob das Leben tatsächlich so war oder nicht. Es geht mir vor allem darum zu zeigen, wie die Juden dargestellt sind, ob man soge- nannte stereotype ´Judenbilder´ finden kann und nicht um Wahrheitsfindung1. Zu diesem Zweck kläre ich anfangs den Begriff ´Stereotyp´ und gehe auf Bilder ein, die der Öffentlichkeit in den deutschen Medien vermittelt werden. Dann treffe ich einige Aussagen über mein eigenes Bild von Juden. Über die Entste- hung und den Inhalt des Films komme ich zum Kern der Arbeit, nämlich zu den im Film vermittelten Bildern. In den Abschließenden Betrachtungen fasse ich gewonnene Erkenntnisse zusammen.

II. Stereotype Judenbilder

II. 1 Stereotype Judenbilder in den Medien

Ich verwende den Begriff des Stereotyps in Anlehnung an Dichanz, d. h. es handelt sich um eine Typisierung, die ”in ungerechtfertigt vereinfachender und generalisierender Weise, mit emotional-wertender Tendenz, einer Klasse von Personen be- stimmte Eigenschaften zu- oder abspricht.” (Dichanz et al., 1997, S. 28)

Dichanz führte eine Studie durch, in der eine Reihe von in Deutschland publizierte Zeitungsartikel und Fernsehsendungen und -beiträge analysiert wurden. Man bediente sich verschiedener Themenkreise, um Bezüge zu Judenstereotypen festzustellen1. Da ich diese Methode sehr übersichtlich finde, möchte ich hieraus das für mein Thema Wesentliche ziehen.

Themenkreis ´Geist, Intelligenz´

Hinter diesem Themenkreis verbirgt sich ´der intelligente Jude´. Hervorgeho- ben wird diese Eigenschaft laut Dichanz durch bestimmte Redewendungen, z.

B. ist die Rede vom international renommierten jüdischen Professor2, vom jüdi- schen Nobelpreisträger, jüdischen Wissenschaftler, von jüdischer Intelligenz u.

ä. und durch die Erwähnung kultureller Leistungen oder akademischer Titel.

Themenkreis ´Religion und Religiosität´

Das Bild vom religiösen Juden wird vermittelt, indem Wörter wie Synagoge, Rabbiner, koscheres Essen u. a. erwähnt werden. Gefahren liegen hier darin, daß eine Hervorhebung des Andersseins, des Fremden erfolgen kann, oder daß der Konsument, je nach den persönlichen Voraussetzungen3, dazu neigen kann, dies mit Fanatismus gleichzusetzen.

Themenkreis ´Handel und Geschäft´

”Der Hinweis auf die wirtschaftliche Stellung und Macht äußert sich vor allem in der Nennung entsprechender Berufe und Branchen, wie

Wirtschafts- und Finanzfachmann, Kaufmannsfamilie, alles Ge- schäftsleute, Finanzkreise, jüdisches Kaufhaus. Ein weiterer Aspekt dieses Stereotyps ist der Umgang mit Geld, den Juden haben, bei- spielsweise spekuliert an der Börse; Kapital schlagen; zuständig für Geldbeschaffung; jüdische Organisationen haben 35 Millionen Dollar zusammengetragen; kassierte Subventionen.” (Dichanz et al., 1997, S. 29) Mit hinein fließt hier außerdem noch das Bild vom ´Reichtum der Juden´, wel- ches oftmals in der Vergangenheit dazu benutzt wurde, Neid und Missgunst, und somit antisemitisches Verhalten bei Nichtjuden, heraufzubeschwören.

Themenkreis ´Das Äußere von Juden´

Hier findet man im Allgemeinen die traditionellen Merkmale wie die Kopfbe- deckung; Schläfenlocken; Gebetsschal; schwarzer, langer Bart; eventuell auch physiognomische Merkmale wie z. B. lange Nase verrät Intelligenz; Adleraugen; schmaler Mund; verschmitztes Lächeln. Desweiteren werden un- terschiedliche Erscheinungsbilder typisiert, so z. B. Ostjuden, KZ-Opfer, ameri- kanische Juden etc.

Themenkreis ´Militär und Gewalt´

Es handelt sich hierbei um einen nachkriegszeitlichen Stereotypen (´Aggressi- vität und Friedensunwilligkeit Israels´1), der vor allem durch die Berichterstat- tung über Israel2gebildet wurde und gleichzeitig eine Reaktivierung alter anti- semitischer Stereotypen, wie z. B. das des Unversöhnlichen, Rachsüchtigen zur Folge hat. Ausdruck findet dieser Stereotyp in Redewendungen wie Politik der nackten Gewalt; israelische Kriegswalze, friedensunwillig, unversöhnlich, kompromisslos; die Israelis wollen nicht verhandeln, unterläuft Friedensabkom- men usw.

Themenkreis ´Internationalismus, Heimatlosigkeit´

Die Vorstellung, daß ein Jude überall auf der Welt Verwandtschaft hat (bedingt durch Vertreibung, Flucht und Emigration), geht mit der Einbildung einher, daß das Judentum auch weltweit einen großen Einfluß auszuüben vermag (was wiederum mit dem Bild des ´reichen Juden´ in engstem Zusammenhang steht).

Themenkreis ´Verstellung und Tarnung´

”Neben Hinweisen, die sich auf die Untergrund-Situation von Juden im Nationalsozialismus beziehen und die per se keinen Stereotypen- bezug intendieren (z. B. untergetauchte Juden; Ariernachweis er- schleichen; Namensänderung), sind Hinweise auf Geheimdienste (jüdische Geheimarmee; israelischer Geheimdienst) und auf

fragliche oder falsche Identitäten von Juden (nach einer Nasenoperation nicht mehr als Jude erkannt; verkleidet; zuständig für falsche Papiere) zu erwähnen.” (Dichanz et al., 1997, S. 30)

Da dies die von Dichanz in den aktuellen Massenmedien aufgefundenen Haupttendenzen sind, möchte ich hier lediglich einige mir wichtig erscheinende Bilder aus vergangeneren Zeiten nennen:

- der ´Ritualmörder´
- der ´Gottesmörder´
- der ´Wucherer´
- der ´Mauschler´
- die ´Blutschande´1

II. 2 Welches Bild vom Juden könnte der konsumierende Nichtjude überhaupt im Kopf haben?

Diese Thematik ist so allumfassend, daß ich lediglich den Versuch unternehmen werde, die Frage in Bezug auf meine Person zu beantworten. Welches Bild ein Nichtjude von Juden im Kopf hat, d. h. letztendlich welches Klischee, hängt in erster Linie von seiner eigenen Haltung, von seinem Vorwissen, seinem sozialen und gesellschaftlichen Umfeld, vielleicht sogar vom Bildungsgrad und vom sozialen Status ab.

Nach der Lektüre diverser Texte kann ich sagen, daß es ´positive´ und ´negati- ve´ Bilder gibt, aber auch Bilder, die irgendwo dazwischen stehen. Bei ersteren ist es relativ eindeutig: Positive bzw. negative Darstellungen werden im Allge- meinen entweder eindeutig befürwortet oder aber abgelehnt. Aber gerade bei den Bilder ´irgendwo dazwischen´ hängt es ganz vom Betrachter ab, zu wel- cher Zuordnung er tendiert.

Auffallend fand ich z. B., dass viele Bilder rein logisch betrachtet gar nicht zusammenpassen2, d. h. das sich gewisse Eigenschaften, die ´dem Juden´ zu- geschrieben werden, unmöglich in einer Person vereinigen können. So z. B. die

”... aber auch allgemein intellektuelle Minderwertigkeit, >>Dummheit<<, werden u. a ausgedrückt: Die Juden können, wie der Papagei, eine Menge von Sachen und Wörtern auswendig lernen; allein Begriffe können sie nicht fassen.” (Hortzitz in Schoeps, Schlör, 1995, S. 22)

und die gleichzeitige Behauptung, ”..., daß der Jude überhaupt die nationale wie die Weltwirtschaft im Griff habe.” (Dichanz et al., 1997, S. 37).

Beide Formulierungen stehen in direktem Zusammenhang mit Antisemitismus und wurden in der Vergangenheit gegen die Juden (mehr oder weniger bewußt) eingesetzt. Wie aber kann jemand, der dumm und nicht gebildet ist, die Welt beherrschen? Dumme Leute sind doch eher als harmlos und ungefährlich bekannt, womit schon wieder ein anderer Stereotyp im Spiele ist, der wohl dann widerlegt zu sein scheint. Allein dieses Beispiel zeigt, wie problembehaftet das Denken in Stereotypen ist.

Nun komme ich zu meinem eigenen Bild über Juden, was mir zwar ziemlich heikel erscheint, aber doch wenigstens Aktualität besitzt. Ich habe hauptsäch- lich bestimmte Personen, die ich persönlich kennenlernte und die der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehören, im Kopf. Da wäre eine Frau1, die in Israel als Reisebegleiterin arbeitet. Sie ist eine sehr moderne junge Frau, etwa 35 Jahre alt, die ihre Familie mit ernährt, die kulturell interessiert ist und die, allein schon beruflich bedingt, immer wieder Freude daran hat, neue Menschen ken- nenzulernen. Sie gibt sich auch ohne weiteres als Jüdin zu erkennen, grenzt sich aber im gleichen Atemzug von den ´Ultra-Orthodoxen´ (ihre eigenen Wor- te) ab. Nachdem ich sie etwas genauer über diese Gruppe befragt hatte, erfuhr ich, daß viele junge Israelis so denken wie sie. Die sogenannten ´Ultra-Ortho- doxen´ seien die, die den ganzen Tag an der Klagemauer beten bzw. ander- weitig ihren religiösen Pflichten nachgehen, die viele Kinder bekommen und somit, da sie ja nicht arbeiten können, dem Staat finanziell schaden, keinen Ar- meedienst leisten usw. Das es die Leute tatsächlich gibt, davon konnte ich mich in Israel, zumindest dem äußeren Erscheinungsbild der Leute nach zu ur- teilen, überzeugen. Ob allerdings die genannten Einzelheiten stimmen, und vor allem auf jeden dieser Leute zutreffen, das kann ich nicht beurteilen.

[...]


1 Wer sich vertiefend mit dem Leben der Bandmitglieder beschäftigen möchte, dem empfehle ich Fechner, Eberhard. ”Die Comedian Harmonists - Sechs Lebensläufe” (siehe Bibliographie)

1Dichanz et al., 1997, S. 29 ff.

2Kursivstellung zeigt in diesem Kapitel an, dass es sich um Zitate aus den von Dichanz untersuchten Beiträgen handelt - siehe dazu Dichanz et al., 1997, S. 29 ff.

3 siehe dazu Erläuterungen im Kapitel III

1Dichanz et al., 1997, S. 30

2 siehe vor allem Hub, Astrid., 1992 ”Das Image Israels in deutschen Medien”

1weitere Erläuterungen hierzu siehe vor allem in Schoeps/Schlör, 1995

2 dies liegt in der Problematik der Bildung von Stereotypen an sich, vgl. Kapitel II.

1 Privatpersonen, von denen ich berichte, werde ich anonym lassen

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Juden-Bilder in den Medien - Eine Betrachtung am Beispiel des Films Comedian Harmonists
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Scheunenviertel und Kazimierz
Autor
Jahr
1999
Seiten
18
Katalognummer
V3346
ISBN (eBook)
9783638120494
ISBN (Buch)
9783638786812
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Juden-Bilder, Medien, Eine, Betrachtung, Beispiel, Films, Comedian, Harmonists, Seminar, Scheunenviertel, Kazimierz
Arbeit zitieren
Diana Krasnov (Autor), 1999, Juden-Bilder in den Medien - Eine Betrachtung am Beispiel des Films Comedian Harmonists, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3346

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