Das romantische Motiv der Nacht in der Lyrik von Brentano, Lamartine und Leopardi. Ein Vergleich


Seminararbeit, 2016

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.
1.1. Hinführung in die Thematik.
1.2 Zielsetzung und Vorgehensweise.

2. Die Nacht als Motiv romantischer Literatur

3. Gedichtanalysen.
3.1 „Sprich aus der Ferne“ von Clemens Brentano.
3.2 „Le Soir“ von Alphonse de Lamartine.
3.3 „Alla Luna“ von Giacomo Leopardi

4. Vergleich der Ergebnisse.

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Hinführung in die Thematik

Die literarische Strömung der Romantik erstreckt sich in etwa über den Zeitraum vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Politisch geprägt durch die Französische Revolution und die Kriege Napoleons, folgt die Epoche der Aufklärung, zu der sie eine regelrechte Abkehr darstellt.[1] Während die Aufklärer vor allem das Streben nach Vernunft, die Hinwendung zu den Naturwissenschaften und die Verwirklichung des Fortschritts zu wichtigen Zielen erklären, entfernen sich die Romantiker von dem Vernunftgedanken hin zu einer naturphilosophischen Weltanschauung. Bedingt wurde der Wandel der Denkweise durch die fundamentalen Veränderungen der Lebensumstände; den Modernisierungsprozess, die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen von feudal-aristokratischen zu bürgerlichen und demokratischen Ordnungen.[2]

Die Romantiker wendeten sich ab von den klassischen und antiken Vorbildern und entwickelten eine eigene Ästhetik. Statt der Nachahmung, die lange Grundbegriff der Ästhetik ist, steht nun der Gedanke der Produktivität im Mittelpunkt.[3] Gezeichnet vom Weltschmerz suchen die Romantiker Antworten auf ihre Sehnsüchte in der Natur, vor allem bei Nacht. Die Nacht, die bis dato negativ konnotiert ist, entwickelt sich zu einem charakteristischen Motiv dieser Epoche und erhält von den Dichtern eine neue Kodierung. Naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen vernachlässigend, nähern sie sich den sinnlichen Naturerfahrungen. Es gilt die Nacht, die von den Romantikern als mystisches und geheimnisvolles Wesen betrachtet wird, zu entschlüsseln und zu erfassen. Dabei entwickelt sich eine neue Nachtmotivik, die dazu genutzt wird, geistige und seelische Erlebnisse darzustellen und das Unterbewusste zu offenbaren.[4]

1.2 Zielsetzung und Vorgehensweise

In dieser Arbeit soll zunächst die für die Literatur der Romantik charakteristische Nachtmotivik erläutert werden.

Anschließend werden in Kapitel drei die romantischen Gedichte „Sprich aus der Ferne“ von Clemens Brentano, „Le Soir“ von Alphonse de Lamartine[5] und „Alla Luna“ von Giacomo Leopardi dahingehend analysiert, welche Rolle das Nachtmotiv übernimmt und in welcher Beziehung die Nacht zum lyrischen Ich steht.

Die Analysen können allerdings nicht vollständig, sondern nur exemplarisch vorgenommen werden, da der Rahmen einer Hausarbeit dazu nicht ausreicht. Zudem hängt die Herangehensweise der Analyse vom jeweiligen Gedicht ab: Im Fokus aller Gedichtinterpretationen steht zwar der Inhalt, allerdings werden auch Auffälligkeiten der Form und Metrik sowie sprachliche Merkmale zur Begründung der Argumentation hinzugezogen, insofern sich diese Möglichkeit bietet. Dabei folgen der Erstnennung des jeweiligen Gedichts keine weiteren Literaturangaben.

„Le Soir“ von Alphonse de Lamartine ist als einziges Gedicht dem Reader entnommen, der zu Beginn des Seminars „Romantische Nachtgedicht in Deutschland, Italien und Frankreich“ ausgehändigt wurde. Die dazugehörigen Interpretationsansätze beziehen sich auf die Ergebnisse, die in dieser Veranstaltung erarbeitet wurden.

In Kapitel vier sollen die Ergebnisse verglichen, differenziert und abschließend in Kapitel fünf zusammengefasst werden.

2. Die Nacht als Motiv romantischer Literatur

Während nächtliche Landschaften in der Aufklärung durch exakte Beobachtung der Wirklichkeit beschrieben werden, lösen sich die Romantiker von der realistischen Beschreibung. Sie sind stattdessen fasziniert von der Nacht als geheimnisvolles Naturerlebnis, wobei hier nicht das Sinnerlebnis als solches im Vordergrund steht. Die Nacht wird vielmehr zum Instrument, um das Innere und die seelische Gefühlswelt darzustellen. Die Romantiker nutzen die Nacht als „geistiges Prinzip“ und als „Raum, in dem sich das Unterbewußte offenbaren kann.“[6] Zu dieser Gefühlswelt gehören vor allem der Weltschmerz, die Sehnsucht, oder auch die Melancholie, die sich beispielsweise durch unerfüllte Liebe auszeichnet. Oft begibt sich das trostlose lyrische Ich auf der Suche nach Harmonie und Frieden in die nächtliche Natur.

Parallel zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung wächst auch das Interesse für das Unbewusste bei den Romantikern. Da vor allem die Nacht der zeitliche Raum ist, der den Schlaf und den Traum beherbergt, und somit den Erfahrungen des Unbewussten am nächsten scheint, ist sie zentraler Begriff der romantischen Philosophie.[7] Entsprechend geprägt wird der Begriff des Unbewussten u.a. von Carl Gustav Carus, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Johann Gottlieb Fichte und Gotthilf Heinrich Schubert, die das Unbewusste zum tragenden Prinzip ihrer philosophischen Überlegungen machen.[8] 1808 erscheinen Schuberts „Ansichten von der Nacht der Naturwissenschaft“, die sich zu einem Schlüsselbegriff der Romantik entwickelt haben. Darin erläutert er das doppelte Licht der Natur: das eine beschreibt die vom menschlichen Verstand erleuchtete Seite der Natur und das andere Licht, das von der Nachtseite der Natur ausgeht, widmet sich eher dem dunklen Unbewusstsein, dem Irrationalen und Okkultischen.[9]

Die Romantiker verbinden also den Tag mit der Ratio und dem alltäglichen Leben, die Nacht dagegen eher mit tiefen Gefühlen wie Sehnsucht, dem Irrational-mystischen und dem Unbewussten. Für sie ergibt nur die Verbindung aus beidem einen höheren Sinn. Den Vernunftgedanken der Aufklärung ergänzen sie durch das Dunkle und Unbewusste der Nacht, die gleichermaßen eine Aufwertung erfährt. So stehen nicht nur der Verstand des Menschen im Vordergrund, sondern auch seine Gefühle. Auch bei Novalis, der die Nachtdeutung der Romantik maßgeblich geprägt hat, findet sich der Einheitsgedanke. Seiner Ansicht nach erweckt die äußere Nacht (damit meint er den tatsächlichen Zustand der Nacht) im Inneren des Menschen eine innere Nachtwelt. „Diese innere Nachtwelt scheint reicher, mächtiger und tiefer als die äußere Welt des Lichtes.“[10] Wichtig ist hier neben dem Einheitsgedanken die Wechselbeziehung von Tag und Nacht (hell und dunkel), die als Nacht-Licht-Symbolik eine ebenso wichtige Rolle in der Romantik spielt.

Novalis geht davon aus, dass nur die Synthese aus unendlicher Nacht und unendlichem Licht[11] diese innere Nacht, die er als höchste Daseinsform betrachtet, hervorbringen kann. Für ihn ist diese innere Nacht eine Intensivierung der inneren Kräfte des Menschen. Ihr Wesen sei bestimmt durch die Liebe. Die Nacht dient hier nicht länger nur als Prinzip. Sie sei der Ursprung allen Seins, zeit-und raumlos, also unendlich, in ihr verwandelten sich alle Gegensätze zur ewigen Einheit.[12] Nach Novalis können die Menschen in dieser inneren Nachtwelt die höchste Daseinsform der Glückseligkeit erfahren.[13] An dieser Stelle hervorzuheben ist der Aspekt der Ewigkeit, der sich am deutlichsten in dem Tag- und Nacht-Zyklus zeigt. Die Ewigkeit ist, als zentraler Begriff der Romantik, häufig auch Teil religiöser Nachtdeutungen. Denn das Ewige sowie der Ursprung allen Seins ist in der christlich-religiösen Sicht immer mit Gott als Schöpfer verbunden. Aus diesem Grund kann sich diese höchste Daseinsform der Glückseligkeit auch in der Verbindung mit dem göttlichen Reich oder auch dem Paradies zeigen.

Neben diesem Motiv der allumfassenden Nacht bei Novalis existieren weitere romantische Nachtmotive wie beispielsweise die Nacht als Ausdruck für das Nichts, wie es in August Klingemanns Roman „Die Nachtwachen des Bonaventura“ vorkommt. Hier wird die Nacht zum Raum, in dem sich das Negative, Chaotische des Nichts offenbart, welches mit dem Gefühl der Angst verbunden wird. Diese Deutung der Nacht geht auf den romantischen Nihilismus zurück, der sich auch durch innere Leere und die Suche nach einer besseren Welt auszeichnet.[14]

Weitere Deutungen stellen die Nacht als gefährliche Naturmacht dar, wie sie u.a. bei Ludwig Tieck und Joseph von Eichendorff erscheint.[15] Ebenso tritt die Nacht auch als Schauplatz eines gespenstig-grausigen Geschehens auf, bspw. bei E.T.A Hoffman und Karl Wilhelm Salice-Contessa, während die Nacht als Traumbild vor allem bei Clemens Brentano und Novalis vorkommt.[16] Als zentrales Element dieser Nächte erscheint der Mond, umgeben von Sternen trifft sein Licht als alternative Quelle auf die Erde. Ähnlich der Lichtsymbolik der Aufklärung, steht es auch hier immer für die Erleuchtung (des lyrischen Ichs). Deutlich wird hier, dass die Literatur der Romantik (besonders die Lyrik) mit Motiven und Symbolen spielt und der Text schließlich einer verschlüsselten Botschaft gleicht.[17]

Dabei können die Bedeutungen der Motive je nach Kulturraum variieren. Während in Frankreich beispielsweise revolutionäre Gedanken vorherrschen, in Deutschland vor allem die Gefühlswelt im Vordergrund steht, zeigt sich Italien in seiner klassizistischen Tradition als konservativstes Land dieser Epoche. In Bezug auf die Nachtsymbolik gleichen sich allerdings alle Deutungen der europäischen Länder: Ihre Einigkeit liegt in der Vorstellung, dass „dem Traum- und Nachtbewußtsein eine entscheidend tiefere Bedeutung zugesprochen [wird] als dem Wach- und Tagbewußtsein der Menschen.“[18]

[...]


[1] Vgl. Hoffmeister, Gerhart: „Romantik als europäisches Phänomen“, in: Wolfgang Bunzel (Hg.): Romantik. Epoche - Autoren - Werke, Darmstadt 2010, S. 216.

[2] Vgl. Hühn, Peter: „Zwischen Romantik und Moderne“, in: Dieter Lamping (Hg.): Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte, Stuttgart 2011, S. 387.

[3] Vgl. Vietta, Silvio: „Die Frühromantik“, in: Wolfgang Bunzel (Hg.): Romantik. Epoche - Autoren - Werke, Darmstadt 2010, S. 13.

[4] Vgl. Leopoldseder, Hannes: Groteske Welt. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Nachtstücks in der Romantik. Univ., Diss.--Wien, Bonn 1973. (= Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft, Bd. 127), S. 43.

[6] Leopoldseder: Groteske Welt, S. 43.

[7] Vgl. Friese, Heinz-Gerhard: Die Ästhetik der Nacht. Eine Kulturgeschichte, Reinbek bei Hamburg 2011, S. 37.

[8] Vgl. Leopoldseder: Groteske Welt, S. 47-51.

[9] Vgl. Schubert, Gotthilf Heinrich von: Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft. 4. Aufl., Dresden-Leipzig 1840, S. 240.

[10] Leopoldseder: Groteske Welt, S. 44.

[11] Novalis unterscheidet zwischen dem äußeren, physisch-endlichen Licht und dem inneren, metaphysisch-unendlichen Licht sowie zwischen der äußeren, physisch-endlichen Nacht und der inneren, metaphysisch-unendlichen Nacht.

[12] Vgl. Wasmuth, Ewald (Hg.): Novalis, Werke, Briefe, Dokumente,. Teil: 3, Fragmente 2,. 4 Bde., Heidelberg 1957, S. 162.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. Vietta: „Die Frühromantik“, S. 17.

[15] Vgl. Schramm, Werner: Die Gestaltung der Nacht in der Märchendichtung der Romantik, München 1962, S. 15-52.

[16] Vgl. ebd. S. 53-82; S. 102-124.

[17] Schmitz-Emans, Monika: „'Romantik' und 'Lyrik': Bestimmungsansätze in einem komplexen poetischen Feld“, in: Dieter Lamping (Hg.): Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte, Stuttgart 2011, S. 366.

[18] Leopoldseder: Groteske Welt, S. 54.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das romantische Motiv der Nacht in der Lyrik von Brentano, Lamartine und Leopardi. Ein Vergleich
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Vergleichende Literaturwissenschaft - Komparatistik)
Veranstaltung
Romantische Nachtgedichte in Frankreich, Italien und Deutschland
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V334601
ISBN (eBook)
9783668240506
ISBN (Buch)
9783668240513
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar von Prof. Dr. Xxxxx: "Sie haben sich anerkennenswert mit den Texten auseinandergesetzt. Etwas störend waren die Wiederholungen."
Schlagworte
Romantik, Brentano, Giacomo Leopardi, Alphonse de Lamartine, Nachtmotiv, Interpretation, Sehnsüchte, Natur, Literatur, Symbolik, Motiv
Arbeit zitieren
Alida Ott (Autor:in), 2016, Das romantische Motiv der Nacht in der Lyrik von Brentano, Lamartine und Leopardi. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334601

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