Sprache und Gender in DaF-Lehrwerken. Das Lehrwerk "Aspekte"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

28 Seiten, Note: 1, 3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung nbsp;

2. Theoretische Grundlage
2.1. Was ist eigentlich „Gender?“
2.2. Warum „Gender und Sprache?“
2.3. Aspekte der linguistischen Gender-Forschung
2.3.1. Sprachgebrauch und Kommunikationsverhalten
2.3.2. Grammatik
2.3.3. Gendersensible Sprache
2.3.4. Textuelle Repräsentation von Geschlechtern

3. „Gender und Sprache“ in DaF-Lehrwerken
3.1. Forderungen an DaF-Lehrwerke
3.1.1. Gendersensible Gestaltung für Unterrichtsmaterialien
3.1.2. Spezifische Anforderungen an DaF-Lehrwerke
3.1.3. Forschungsstand zu DaF-Lehrwerk-Analysen
3.1.4. Zwischenbilanz

4. Analyse: Aspekte Mittelstufe Deutsch
4.1. Analyse der Abbildungen
4.1.1. Quantitative Analyse
4.1.2. Qualitative Analyse
4.2. Analyse der Texte und Übungen
4.2.1. Quantitative Analyse
4.2.2. Qualitative Analyse
4.2.2.1. Beziehungen/Lebensformen
4.2.2.2. Berufsgruppen
4.2.2.3. Interessensgebiete
4.3. Geschlechterstereotype Zuweisungen
4.4. Anrede und Personenbezeichnungen
4.5. Explizite Informationen und Denkanstöße

5. Fazit

1. Einleitung

Fremdsprachenlehrwerke vermitteln weitaus mehr als Sprachkenntnisse: sie sind oftmals erster und intensiver Kontakt der Lernenden mit der Kultur des Zielsprachenlandes. Die Bilder, die das Lehrbuch von dem fremden Land erschafft, prägen die Vorstellungen der Lernenden oft maßgeblich und weitreichend. Ein relevanter Teil dessen, was wir dabei als Kultur bezeichnen, sind die kulturspezifischen Konzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit. Der Vermittlung speziell dieser Konzepte widmet sich die vorliegende Arbeit.

Untersucht werden soll also, wie Frauen und Männer in DaF-Lehrwerken dargestellt werden und ob dies auf eine gendersensible Art und Weise geschieht. Was aber verstehen wir unter Gendersensibilität? Und was hat eigentlich Sprache mit all dem zu tun? Eben diesem Zusammenhang zwischen Gender und Sprache wird im ersten Teil der Arbeit nachgegangen. Auf diese Weise wird eine linguistische Basis geschaffen, auf die bei der Lehrwerkanalyse zurückgegriffen werden kann. Die Darstellung der DaF-relevanten linguistischen Forschungsaspekte orientiert sich dabei an Günthner (2013) und Klann- Delius (2005).

2. Theoretische Grundlage

2.1. Was ist eigentlich „Gender?“

Der Begriff Gender bezeichnet das soziokulturelle Geschlecht und ermöglicht eine Differenzierung gegenüber dem biologischen Geschlecht, engl. sex. Der Begriff geht auf den Psychoanalytiker Robert Stoller zurück und wurde durch Harold Garfinkels Studie (1967) zur transsexuellen Agnes geprägt. In der soziologischen Verwendung des Begriffs lag der Fokus zunächst auf Abweichungen von Geschlechtsnormen, im Zuge der feministischen Forschung wurde das Genderkonzept aber weiterentwickelt. So beschreibt etwa Erving Goffmann (1977/94) unter dem Namen Gender display Techniken, mit denen der biologische Unterschied der Geschlechter zur grundlegenden Kategorisierung unserer sozialen Wirklichkeit wird und die konstruierte Zweiteilung der Geschlechter die Gesellschaft strukturiert. Besonders wegweisend erwies sich das Konzept des doing gender von West/Zimmermann aus dem Jahr 1987. Geschlechtszugehörigkeit ist ihnen nicht länger etwas, das eine Person einfach von Geburt an hat. Geschlecht ist vielmehr etwas, das getan wird. Geschlecht wird gewissermaßen zu einer Leistung, die im Laufe jeder sozialen Interaktion dynamisch hergestellt wird. Im Laufe unserer kulturellen Sozialisation werden wir mit kulturspezifischen Erwartungen von gender-adäquatem Verhalten konfrontiert. So wird Gender anhand der jeweiligen kulturspezifischen Praktiken des doing gender erlernt (vgl. zu diesem Kapitel Günthner 2013: 361-363).

2.2. Warum „Gender und Sprache?“

Gender wird auf viele verschiedene Weisen indiziert: durch Verhaltensmuster etwa, Kleidungen oder Frisuren. Gender wird aber auch durch Sprache hergestellt und das auf vielen unterschiedlichen Ebenen. Sowohl Phonologie, Prosodie, Morphologie, Syntax, Lexikon, Sprachhandlungen, Gattungen, Gesprächsstile als auch Gestik und Mimik können Geschlecht indizieren (vgl. Günthner 2013: 363f.). Allerdings, und das ist entscheidend, gibt es keine sprachlich-kommunikativen Praktiken, die exklusiv auf Geschlechtszugehörigkeit verweisen. Ochs zeigt mit dem Konzept indexing gender (1992), dass vielmehr zahlreiche Strategien existieren, die unter anderem Geschlecht indizieren.

„Weibliches“ und „männliches“ Verhalten kann also durch Sprache unbewusst oder bewusst indiziert werden. „Weibliches“ und „männliches“ Verhalten wird aber nicht nur als unterschiedlich wahrgenommen, sondern in vielen Kontexten gewertet. Verhaltensweisen mit „männlichen“ Attributen sind dabei häufig prestigereicher. Sprache indiziert damit Geschlecht nicht nur, sondern kann zu einem Träger von sozialen Asymmetrien werden (vgl. Günther 2013: 363). Im Folgenden werden diese Methoden der Indizierung vorgestellt.

2.3. Aspekte aus der linguistischen Gender-Forschung

2.3.1. Sprachgebrauch und Kommunikationsverhalten von Frauen und Männern

Das Kommunikationsverhalten von Frauen und Männer erfreute und erfreut sich großen linguistischen Interesses. Untersuchungsgegenstand ist die Frage, auf welche Art und Weise kulturelle Konzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit kommunikativ inszeniert werden.

Die Stimmhöhe bildet wohl in allen Kulturen ein wesentliches Mittel zur Markierung der Gender-Zugehörigkeit (Graddol/Swann 1989: 13). Männer haben in der Regel längere Stimmbänder, in der Pubertät senken sich ihre Tonhöhen ab. Der Überschneidungsbereich des Tonumfangs bei 75 - 230 Hz für Männer und 110 - 330 Hz für Frauen ist dennoch relativ groß. Auch konnte nachgewiesen werden, dass die Unterschiede eher kultureller und sozialer als physiologischer Natur sind (Ohara 1999, Moosmüller 2002).

Auch prosodische Merkmale fungieren als Gender-Marker: Weibliche Stimmen zeichnen sich durch häufigere und schnellere Wechsel der Sprechgeschwindigkeit, Tonhöhe und Lautstärke aus, wodurch die Stimmen involvierter und emotionaler wirken (McConnell-Ginet: 1983). Die Intonation ist aber nicht allein vom Geschlecht, sondern auch von vielen anderen Faktoren abhängig (Hellinger 1990: 33f.)

Weiter wurde versucht zu zeigen, dass Frauen andere syntaktische Strukturen (vgl. Robin Lakoff 1975) und ein anderen Wortschatz benutzen als Männer. Spätere Studien konnten solche Thesen aber nicht stützen (Mondorf 2004). Gesprächsintention, soziale Nähe oder Distanz sowie institutionelle Begebenheiten überlagern eventuell vorhandene geschlechtsspezifische Unterschiede deutlich.

Auch Studien, die zeigen wollten, dass Frauen einen kooperativen, höflichen Gesprächsstil bevorzugen und der „männliche“ Stil eine kompetitive und dominanzorientierte Ausrichtung zeige (vgl. Lakoff 1975, Kendall 2004), wurden widerlegt. Meta-Untersuchungen konnten zeigen, dass kein geschlechtsspezifischer Interaktionsstil angenommen werden kann (Lutjeharms/Schimdt 2006: 217). Auch hier ist die Kommunikationssituation maßgeblicher (Steil/Hillman 1993). Unabhängig davon existieren aber stereotype Erwartungshaltungen für das Gesprächsverhalten von Frauen und Männern. Der öffentliche Stil wird so eher mit Männern assoziiert.

Klagelieder sind in nahezu allen Gesellschaften weibliche kommunikative Gattungen, während rituelle Beschimpfungen unter Jugendlichen eine primär männliche Gattung ist. Doch nicht die Gattungen an sich sind geschlechtsspezifisch, sondern vielmehr die damit verbundenen Attribute, die durch die kulturelle Sozialisation als „weiblich“ oder „männlich“ eingestuft werden.

Insgesamt zeichnet sich ab, dass die Verfahren, die zur Indizierung von Gender eingesetzt werden, weitaus vielfältiger sind als ursprünglich angenommen. Dies gilt umso mehr, als sie sich mit der Indizierung weiterer sozialer Variablen wie Status, soziale Nähe/Distanz oder Milieuzugehörigkeit überschneiden (vgl. Günthner 2013: 366).

2.3.2. Grammatik

Je nach Sprache können auch grammatische Merkmale das Geschlecht indizieren. Eine solche Gender-Markierung ist im Deutschen die pronominale 3. Person Singular. In anderen Sprachen entfällt diese Pflicht (z.B. Chinesisch).

Das Genussystem spielt im Deutschen im Allgemeinen eine sehr wichtige Rolle. Eine besondere Schwierigkeit für Lernende ist, dass es mit dem biologischen Geschlecht nicht immer überein stimmt. Während nicht diffamierende Bezeichnungen für Männer immer Maskulina sind, finden sich so bei älteren Bezeichnungen für Frauen auch Neutra und Maskulina (vgl. Lutjeharms/Schmidt 2006: 215).

Vergleicht man die maskulinen, neutralen und femininen Artikel im Singular, so fällt die Komplexität maskuliner Einzahlformen ins Auge (Lutjeharms/Schmidt 2006: 214). Das gleiche Phänomen zeigt sich bei den Pronomen. Der Formenzusammenfall der femininen Einzahlformen kann die Lernenden schnell verwirren. Im folgenden Beispiel ist so nur die maskuline Akkusativform eindeutig markiert: er sieht ihn vs. sie hört sie.

Ein weiteres Merkmal der deutschen Sprache ist, dass die maskuline Pluralformenbildung eine deutlich größere Formenvielfalt zeigt als die feminine und neutrale Pluralbildung. Diese Eigenheiten des deutschen Sprachsystems führen dazu, dass maskulinen Formen in bestimmten Kontexten mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden muss (Lutjeharms/Schmidt 2006: 214).

2.3.3. Gendersensible Sprache

Eine andere Forschungsrichtung beschäftigt sich weniger mit der Indizierung an sich, sondern vor allem mit den Asymmetrien, die sich daraus ergeben. Ein wichtiges und erklärtes Ziel der gendersensiblen Sprachforschung ist die Sichtbarmachung der Frauen und damit die konsequente Verwendung von Sprachformen, die eine Frau auch als solche sprachlich zu erkennen geben.

Besonders diskutiert wird die Verwendung des sogenannten generischen Maskulinums.

Gygax et al. (2008) beispielsweise zeigte, dass das generische Maskulinum zunächst als maskuline Form aufgefasst wird und eine kognitive Leistung erbracht werden muss, um Frauen hinter der generischen Form zu erkennen. Die Verwendung des generischen Maskulinums ist aber kein Zwang der deutschen Sprache. Zur Unterscheidung von Frauen und Männern verfügt das Deutsche über drei Typen der Bildung von Personenbezeichnungen (vgl. Lutjeharms/Schmidt 2006: 214): Werden verschiedene Lexeme verwendet, wie bei Schwester und Bruder oder Geschäftsmann und Geschäftsfrau, spricht man von lexeminhärent. Eine andere Möglichkeit ist die Verwendung des Differentialgenus, d.h. der Verwendung alternativer Ableitungssuffixe zu einem Stamm, also Angestellte oder Angestellter. Besonders produktiv ist in letzter Zeit der Typ der Movierung geworden (Arbeiter, Arbeiterin).

Je nach gesellschaftlichem Bereich, Kommunikationssituation und Textsorte finden sich zudem verschiedene Arten auf Frauen zu referieren (Vgl. Lutjeharms/Schmidt 2006: 215). Im Hochschulbereich sind Partizipialformen wie Studierende und Lehrende üblich. Auch das Binnen-I (StudentInnen/DozentInnen) findet Verwendung. In Reden deutscher Politiker und Politikerinnen sind Doppelnennungen gebräuchlich, während sich in Zeitungstexten meist ausschließlich das generische Maskulinum finden lässt. In Stellenausschreibung begegnen wir häufig dem Splitting (Schreiner/in).

In der Sprachpraxis wird im Singular die movierte Form für eine bestimmte Frau häufig benutzt, im Plural ist das generische Maskulinum allerdings die Regel, auch wenn dieses nach Gygax (2008) nicht im eigentlichen Sinne als „generisch“ aufgefasst werden kann.

Gerade im universitären Bereich fassen Gedanken zur geschlechtersensiblen Sprache immer mehr Fuß. Viele deutsche Universitäten geben Leitfänden heraus, in denen gendergerechtes Schreiben thematisiert und eingefordert wird. Die Entwicklungen in diesem Bereich sind aber noch lange nicht abgeschlossen. Zunehmend wenden sich Linguisten und Linguistinnen gegen die „zwei-gegenderte“ Sprache. So werden Sprachformen entwickelt, die in der Lage sind, die gesamte soziale Wirklichkeit abzubilden. Es soll eine Sensibilität für eine Sprache erreicht werden, die in ein Korsett von Weiblichkeit oder Männlichkeit zwängt. Vorschläge sind etwas die x-Form, *-Form oder der dynamische Unterstrich.

2.3.4. Textuelle Repräsentation von Geschlechtern

Schon zu Beginn der linguistischen Gender-Forschung galt dem Frauenbild in Kinder- und Schulbüchern besondere Aufmerksamkeit. Das Lehrbuch ist neben dem Lehrenden das wichtigste Leitmedium im (Fremdsprachen)Unterricht. Freudenberg-Findeisen erklärt es zur "entscheidende(n) Quelle für fremdsprachlichen und fremdkulturellen Input überhaupt" (Freudenberg-Findeisen 2004: 248). Als "heimliches Curriculum" (Maijala 2009: 34) bestimmt das Lehrwerk den Fremdsprachenunterricht maßgeblich und fungiert als wichtiger Informationsträger über andere Kulturen. Die Lehrwerktexte und -dialoge, besonders aber die Bilder, Fotos und Cartoons beeinflussen die Vorstellungen der Schülerinnen und Schüler vom Zielsprachenland. Man spricht hierbei von "impliziter Landeskunde": es werden landeskundliche Informationen unbewusst aufgenommen, die im Unterricht weder eingeordnet noch besprochen werden (Meijer/ Jenkins 1998: 21f.). Dies geschieht in besonderem Maße, so Hinrichs (1993: 7), da gerade Sprachbücher auf "Schülernähe" und "Handlungsorientierung" wertlegen. So bieten sie automatisch Identifikationsmöglichkeiten für die Lernenden an, die diese auch gerne nutzen. Lernende wählen hierbei in der Regel Lehrbuchpersonen ihres eigenen Geschlechts als Identifikationsfigur (Maijala 2009: 34).

Learning gender findet beim Lehren und Lernen so auf vielfältige und dabei meist nicht intendierte Weise statt, sodass es in Widerspruch zum pädagogischen Auftrag der NichtDiskriminierung und der Gleichstellung geraten kann (Bartsch/Wedl 2015: 11). Stereotype und der Lebensrealität nicht entsprechende Frauen- und Männerbilder können die Vorstellung der Lernenden leicht verzerren und bergen darüber hinaus weitreichende gesellschaftliche Folgen (Moghaddam 2010: 281).

3. „Gender und Sprache“ in DaF-Lehrwerken

3.1. Forderungen an DaF-Lehrwerke

3.1.1. Gendersensible Gestaltung für Unterrichtsmaterialien

Bevor nun konkrete Forderungen an DaF-Lehrwerke auf Basis der linguistischen Aspekte formuliert werden sollen, sollen zunächst allgemeine Kriterien für gendersensible Unterrichtsmaterialien vorgestellt werden. Die Zusammenstellung orientiert sich an Gindl, Hefler und Hellmer (2007: 50 - 52).

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Sprache und Gender in DaF-Lehrwerken. Das Lehrwerk "Aspekte"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1, 3
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V334673
ISBN (eBook)
9783668248304
ISBN (Buch)
9783668248311
Dateigröße
785 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DaF, Lingustik, Germanistik, Gender
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Sprache und Gender in DaF-Lehrwerken. Das Lehrwerk "Aspekte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334673

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sprache und Gender in DaF-Lehrwerken. Das Lehrwerk "Aspekte"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden