Dido und Lavinia. Inszenierung von Liebessymptomatik und Liebesreflexion


Hausarbeit, 2013
20 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Die Dido-Minne
3.1. Der Kuss des Ascanius - Auslöser der Didominne
3.2. Darstellung der Liebessymptomatik innerhalb der Dido-Minne
3.3. Liebesreflexion Didos
3.3.1. Vom Schwestern-Dialog, über die Minnejagd bis zur Abreise Eneas' –Sieg der Emotionalität über die Rationalität
3.3.2 Die Erkenntnis einer gescheiterten Existenz – Didos Liebesreflexion

4. Die Lavinia-Minne
4.1 Das Minnegespräch zwischen Mutter und Tochter –Ein vorausgehender Einblick in das Wesen der Minne
4.2 Venus' Pfeilschuss und die Erkenntnis der eingetretenen Minne
4.3 Liebessymptomatik und die Furcht vor der Königin –Zwietracht zwischen Minne- und Mutterbindung
4.4 Das Liebesgeständnis – Die Balance zwischen Liebe und Ehre
4.5 Liebeszweifel und Liebesglück

5. Fazit
5.1 Inhaltliches Fazit
5.2. Formelles Fazit: Psycho-Narration vs. Monolog

6. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

In dieser Hausarbeit habe ich mich mit den Minnehandlungen aus Heinrich von Veldekes „Eneasroman“ beschäftigt, bei dem es sich um einen frühhöfischen Minneroman handelt, welcher zwischen 1170 und 1188 verfasst wurde, indem der Autor sowohl aus seiner französischen Vorlage, dem „Roman d' Eneas“, sowie der national-römischen „Aeneis“ adaptierte. Die Minnehanldungen des deutschen „Eneasroman“ beschäftigen sich in erster Linie damit, wie die Protagonisten, Dido (1. Minnehandlung), Lavinia, sowie Eneas (2. Minnehandlung) mit der göttlich vorherbestimmten Liebe und dem damit einhergehendem Leid umgehen.

Im Folgenden werde ich mich besonders mit der Darstellung der tragischen Dido-Minne, sowie der glücklich endenden Lavinia-Minne beschäftigen, wobei es sich thematisch vor allem um die Liebessymptomatik, das heißt die Frage, wie sich die innere, seelische Verwundung auf den Körper ausübt, sowie die Liebesreflexion, also dem Umgang der Protagonisten mit dem eigenen Schicksal, gehen soll.

3. Die Dido-Minne

3.1. Der Kuss des Ascanius - Auslöser der Didominne

Didos Minne-Schicksal beginnt mit der Landung des Eneas' in Lybien, in dessen Folge er seine Boten ins ihm unbekannte Land aussendet, um in Erfahrung zu bringen, wo sie sich derzeit aufhalten (vgl. V 262-269)[1]. Nachdem seine Boten einige Zeit herumirren, treffen sie schließlich in der ihnen unbekannten Stadt Karthago ein, dessen Herrscherin „frouwe Dido“ ist (vgl. V. 287-356). Ihr berichten sie das eigene Schicksal (vgl. V. 466-516) und bitten um „wolden helfe rât unde frede“ (V. 462-463). Nach ihrer Anhörung gewährt die Herrscherin Karthagos ihnen Gastfreundschaft und Fürsorge in ungewöhnlich hohem Maße (vgl. V.518-519, 539-561, 570-572). Ihr gefühlsbetontes Handeln, das mehr als „bloße Höflichkeit gebieten würde“[2] lässt sich hier auf Didos Identifikation mit dem Schicksal des edlen Eneas[3] schließen (vgl. V. 526-531). Bereits zu diesem Zeitpunkt wird also Didos Zuneigung zum Trojaner verdeutlicht, ohne ihn bis dato erblickt oder kennengelernt zu haben.[4] Das heißt, schon vor dem eigentlichen Auslöser der Minne, auf den ich im Folgenden zu sprechen kommen werde, fühlt Dido sich zu Eneas hingezogen, wodurch der spätere „magische Liebeszauber […] letztlich mit dem Wollen der Liebenden zusammenfällt“[5]

Bevor Dido aber von dem Feuer der Liebe entflammt wird, greift der Erzähler voraus-deutend in die Handlung ein und stellt dem Rezipienten in wenigen Sätzen die Ursache, sowie den folgenden, tragischen Verlauf der Liebeshandlung dar (vgl. V.739-753). Demzufolge ist dem Rezipienten das Schicksal Didos bereits bewusst, noch bevor die Herrscherin Karthagos von der Liebe zu Eneas entflammt wird.

Der Auslöser ihres Leidenswegs soll infolgedessen nun kurz dargestellt und analysiert werden:

Das „minnen fûre“ (V. 819) wird in der Minne-Handlung Didos durch „frouwe Vênûs“ (V. 808) entfacht, welche Ascanius, den Sohn des Eneas, „mit ir fûre an sînen munt“ (V. 809) berührt und ihm damit „solhe kraft von minnen“ (V. 813) verleiht, dass derjenige

V. 814- 819 „swer sô in kuste dar nâ

zû dem êrsten mâle,

daz der von minnen quâle

verholne und offenbâre

dâ intfenget wâre

mit der mînnen fûre.“.

Zu beachten ist hierbei, dass der Zauber lediglich an den ersten Kuss gebunden ist, das heißt, eine gegenseitige Liebe wird bereits ausgeschlossen, da ein zweiter nicht den Zauber des ersten fortführen würde.[6] Dennoch betont Veldeke, dass es nur Dido ist „diuz [das Feuer der Liebe] dar abe nam“ (V. 821), da lediglich sie es ist, die den Jüngling zur Begrüßung küsst, während Eneas ungeküsst bleibt[7]. Dies hat zur Folge, dass „Didos Liebe […] von Anfang an zur Einseitigkeit verurteilt“ beziehungsweise „sie von Anfang an und 'von oben' zum Scheitern verurteilt“ ist, sie also, wie vom Erzähler schon voraus gedeutet, „unglücklich enden“[8] muss.

Es ist demzufolge das von Ascanius auf sie übertragene „minnen fûre“(V. 819), welches ihr „sande diu gotinne Vênûs“ (V. 836f.), das sie somit augenblicklich in „vaste bestricket“ (V. 831) und der „starken minne“ (V. 836) ausgesetzt hat.

Somit lässt sich sagen, dass Didos Liebe durch „eine von Göttern übertragene zauberisch-magische Minne, die über Berührung vermittelt wird“[9] ausgelöst wird, weshalb sie sich daraufhin, der „mythischen Kausallogik“[10] entsprechend, in den neben ihr sitzenden

V. 842ff. „vil schône man

unde minnechlîche getân.“

Eneas und keinen anderen verliebt.[11]

3.2. Darstellung der Liebessymptomatik innerhalb der Dido-Minne

Die Minne-Symptomatik, welche mit der Entfachung der Liebe korreliert, bildet einen zentralen Bestandteil der Darstellung mittelalterlicher Minne-Handlungen und gilt als Ausdruck der Wehrlosigkeit und Passivität des Liebenden gegenüber der Macht der Minne[12], sowie als Mittel der Legitimation ihrer Wahrhaftigkeit.[13]

Im Falle Didos wird die Liebe durch den Kuss des Ascanius, also dem Liebesfeuer der Venus, zwar ausgelöst:

V. 829-833 „si kuste in an sînen munt:

des wart si zû der stunt

vaste bestricket.

In ir wart erquicket

der minnen fûr vile heiz,“,

die verheerende, Körper und Geist einnehmende Macht, die mit der Entfachung einhergeht, wird allerdings erst deutlich, als der Erzähler zusätzlich zu Frau Venus, die Dido den Pfeil, an dem „sie leit ungemach grôz“ (V. 362), ins Herz schoss, auf das Eingreifen des Herrn Cupido, welcher „mit sîner vakelen dar zu“ (V. 365) kam, dessen Feuer er ihr „spâte und frû“ (V. 866) in die Wunde hält, verweist.[14]

Wie in den mittelalterlichen Liebesdarstellung üblich, fungiert auch innerhalb der Liebessymptomatik Didos der Körper als Spiegelbild seelischer Zustände[15]. In seiner Darstellung der Liebessymptome verneint Veldeke jedoch ein stupides Aufzählen unterschiedlicher Krankheitssymptome als Anzeichen der Liebe[16] und lässt durch deren sich steigernden Verlauf der Intensität der Vereinnahmung von Körper und Seele nicht nur die beherrschende Macht der Liebe erkennen, der der Mensch hilflos ausgeliefert ist[17], sondern auch, dass Dido innerhalb kürzester Zeit, von einer rationalen Herrscherin (vgl. V. 1304ff, V. 1323ff) zu einem emotionalen, der Selbstreflexion unfähigen Opfer der Minne wird (vgl. V.1402ff, V. 1409ff).

Zwar werden in der Darstellung der Liebessymptomatik Didos einige Krankheitssymptome genannt (vgl. V.872-879, V.1256-1260, V. 1385ff.), die Schlüsselsequenzen stellen sich allerdings erst innerhalb der schlaflosen Nacht dar, in der Dido, der Einsamkeit geschuldet, dem Liebeszustand ausgeliefert ist:[18]

V. 1342-1344 „diu minne waz ir alze nâ, diu sie ze unsanft ane quam und ir den slâf gar benam.“.

So verliert Dido bereits zu Beginn ihrer schlaflosen Nacht die Kontrolle über ihren Körper, sodass sich ihre seelische Unruhe auf diesen überträgt und ihr infolgedessen nicht nur das Schlafgemach „vil hart“ (V. 1346) vorkommt, sondern sie auch

V. 1352-1353 „ir houbet […] umbe kêrde

nider zû den fûzen.“,

und letzten Endes ihr Bett sogar verlässt, um sich „an die erden“ (V. 1361) zu legen. Doch weder das Umherwälzen, noch das Anrufen der Götter (vgl. V. 1364ff.) oder das Denken an den Geliebten (vgl. V. 1378ff.) lassen sie körperlich oder seelisch zur Ruhe kommen, woraufhin sie sich als Opfer eines Racheplans sieht und, ihr Schicksal vorausdeutend, den Tod als einzige Konsequenz ihres Leidens erachtet (vgl. V. 1389-1408). Erst mit der aufkommenden Morgenröte findet Dido Ruhe (vgl. V. 1414f.), während sie „getroumde von ir gaste“ (V. 1420). Allerdings gipfelt sich in diesem vermeintlichen 'zur Ruhe kommen' die von Veldeke dargestellte Steigerung der Liebessymptomatik in einer Paranoia Didos, die, von Sehnsucht nach dem Geliebten gequält, nun nicht einmal mehr in der Lage ist, Traum und Realität zu unterscheiden (vgl. V. 1420-1433).

3.3. Liebesreflexion Didos

3.3.1. Vom Schwestern-Dialog, über die Minnejagd bis zur Abreise Eneas' – Sieg der Emotionalität über die Rationalität

Hinterhalt, Verlust des Ehemannes und Vertreibung aus dem Heimatland[19] – Schicksalsschläge, die die Regentin Karthagos erst zu dem gemacht haben, was sie bis zur Landung Eneas' in Lybien war: eine kluge und mächtige, von ihrem Volk geachtete, ehrenhafte Herrscherin.

All diese sie auszeichnenden Attribute verliert Dido allerdings durch die bedingungslose Liebe zu einem Fremdling, in dessen Folge sie zu einem emotionalen Schatten ihrer selbst wird. Durch diese sie dominierende Emotionalität, büßt Dido sowohl ihre Rationalität als auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion ein, was sie letzten Endes mit dem Leben bezahlt.[20]

Dido selbst bemerkt bereits früh, dass ihr „mîn êre und mîn rât und mîn sin“ (V. 1402f.) durch die Entfachung der Liebe zum Trojaner verloren gegangen sind und sucht infolgedessen „geswâslîche“ (V. 1451) Rat bei ihrer Schwester Anna (vgl. V. 1450ff.). Im Dialog baut Anna die von der Liebeskrankheit geplagte Schwester wieder auf, und ermahnt sie: „ir solt ûch baz versinnen“ (V. 1480), wobei es paradox erscheint, jemanden auf seine Sinne berufen zu wollen, der sich zuvor bereits eingestanden hat, eben diese (vgl. V. 1402f.) verloren zu haben.[21]

Dennoch gelingt es Anna nicht nur, ihrer Schwester den Namen des Geliebten zu entlocken (vgl. V. 1510-1534), den sie aus „höfischer Zucht“[22] nur silbisch zu offenbaren wagt, sondern sie untergräbt durch ihr zureden auch den Ehrbegriff und die damit verbundene Gattentreue Didos (vgl. V. 1485-1509)[23] und verweist darauf, sich der Erfüllung des eigenen Liebesglücks zu widmen (vgl. V. 1554-1603), schließlich seien es ja die Götter gewesen die den „edel Troiân“(V. 1540) haben „her gesant dorch ûwer gûte in diz lant“(V.1551f.) (vgl. V.1535-1552) – ein folgenschwerer Trugschluss, wie auch der nachfolgende Erzählerkommentar nocheinmal verdeutlicht (vgl. 1619-1633).

[...]


[1] Diese und künftige zitiert oder paraphrasiert aus: Veldeke, Heinrich von: Eneasroman. Stuttgart 2010

[2] Gosen, Renate von: Das Ethische in Heinrichs von Veldeke Eneide : Formen, Inhalte und Funktionen. Hamburg 1985, S. 230. Künftig zitiert als Gosen 1985

[3] Vgl. Schnell, Rüdiger: Causa Amoris: Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. Bern 1985, S. 213. Künftig zitiert als Schnell 1985

[4] Vgl. Gosen 1985, S. 230

[5] Kistler, Renate: Heinrich von Veldeke und Ovid. Tübingen 1993, S. 102, 106. Künftig zitiert als Kistler 1993. Vgl. Kistler 1993, S. 197

[6] Vgl. Kistler 1993, S. 101

[7] Gosen 1985, S. 232

[8] Wenzelburger, Dietmar: Motivation und Menschenbild der Eneide Heinrichs von Veldeke als Ausdruck der geschichtlichen Kräfte ihrer Zeit. Tübingen 1974, S. 293, 287. Künftig zitiert als Wenzelburger 1974

[9] Quast, Bruno; Schausten, Monika: Amors Pfeil. Liebe zwischen Medialisierung und Mythisierung in Heinrich von Veldekes Eneasroman. In: Mireille Schnyder (Hrsg.): Liebe und Schrift in der Kultur des Mittelalters (Trends in Medieval Philology 13). Berlin/New York 2008, S. 69. Künftig zitiert als Quast; Schausten 2008

[10] Quast; Schausten 2008, S. 71

[11] Vgl. Quast; Schausten 2008, S. 69ff.

[12] Vgl. Kistler 1993, S. 169

[13] Vgl. Gosen 1985, S. 234

[14] Vgl. Kistler 1993, S.125

[15] Vgl. Kistler 1993, S.141

[16] Vgl. Kistler 1993, S.139

[17] Vgl. Kistler 1993, S.139

[18] Vgl. Kistler 1993, S.132

[19] Vgl. Kistler 1993, S. 226

[20] Vgl. Gosen 1985, S. 342

[21] Vgl. Gosen 1985, S. 304

[22] Gosen 1985, S. 128

[23] Vgl. Gosen 1985, S. 128

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Dido und Lavinia. Inszenierung von Liebessymptomatik und Liebesreflexion
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistik)
Veranstaltung
Heinrich von Veldeke: Eneasroman
Note
1,3
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V334736
ISBN (eBook)
9783668245150
ISBN (Buch)
9783668245167
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dido, lavinia, inszenierung, liebessymptomatik, liebesreflexion
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Dido und Lavinia. Inszenierung von Liebessymptomatik und Liebesreflexion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334736

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