Sind Erfahrungen grundsätzlich mit Leid verbunden? Eine Analyse der These Otto Bollnows


Hausarbeit, 2016

13 Seiten, Note: 1,3

Yannah Holzderber (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was bedeutet der Begriff „Erfahrung“?
2.1 Bollnow’s Verständnis von Erfahrung
2.2 Buck‘s Verständnis von Erfahrung
2.3 Weitere Stimmen zur Erfahrung

3. Kritik und Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die nachfolgende Hausarbeit soll die von Bollnow in seinem Text „Der Erfahrungsbegriff in der Pädagogik“ vertretene These behandeln, dass ein grundlegender Wesenszug der Erfahrung Leid sei.

Um dem nachzugehen, wird zuallererst eine allgemeine Definition des Wortes „Erfahrung“ ausgearbeitet. Anschließend wird Bollnows Verständnis von Erfahrung und seine These der Verknüpfung von Erfahrung mit Leid ausgearbeitet. Hiernach werden Günther Bucks Aussagen zum Wesen der Erfahrung ausgearbeitet. Nach Sabrina Schenk kann man den Philosophen und Pädagogen Günther Buck als „Klassiker“ bezeichnen, wenn es um die Bedeutung der Erfahrung für Lernen, und die Bedeutung der Negativität für die Erfahrung geht.1 Aus diesem Grund, und da er einer der verbreitetesten und meist rezipierten Autoren auf diesem Themengebiet ist, wurde Günther Buck zur Ergänzung von Bollnows Thesen gewählt. Im weiteren Verlauf werden noch einige weitere Autoren und deren Thesen zusammenfassend erläutert, welche zu einer Beantwortung der eingangs formulierten Frage hilfreich sein können. Hieraus wird versucht ein Gegenstandpunkt zu Bollnows These zu formulieren und zum Abschluss erfolgt ein kurzes Fazit.

2. Was bedeutet der Begriff „Erfahrung“?

Das Wort „Erfahrung“ wird nicht nur im Alltag sondern auch in der Fachliteratur häufig benutzt, dennoch erfolgt selten eine Hinterfragung, um was genau es sich hierbei handelt. Der Begriff der Erfahrung umfasst ein äußerst komplexes Konstrukt. Auch wenn unterschiedliche Autoren verschiedene Schwerpunkte setzen und teilweise andere Aspekte beleuchten, gibt es dennoch eine zugrunde liegende Definition, die alle teilen.

Zum Einstieg in das Thema und in eine Definition der Erfahrung bietet sich ebenjene aus dem Duden an. Hier wird:

- Als erste Bedeutung durch Wiederholung oder praktische Arbeit erworbene Kenntnisse angeführt,
- die zweite Wortbedeutung beschreibt Erfahrung als „Erlebnis, durch das jemand klüger wird“2,
- die dritte und letzte Wortbedeutung beschreibt das Verständnis von Erfahrung in der Philosophie: „durch Anschauung, Wahrnehmung, Empfindung gewonnenes Wissen als Grundlage der Erkenntnis“.3

Interessant in diesem Zusammenhang können auch die vom Duden angeführten Synonyme sein. Hier finden sich beispielsweise „Bildung“, „Fähigkeiten“, „Praxis“, „Vertrautheit“ und „Weisheit“, aber auch Begriffe, die negativ besetzt sein können wie „Denkzettel“, „Lehre“ oder „Moral“ und bereits einen Hinweis auf die später untersuchte These der Negativität und Schmerzlichkeit von Erfahrung liefern können.

Nach dieser allgemeinen Erläuterung folgen nun näher ausgearbeitete Sichtweisen zum Thema der Erfahrung. Als erstes soll nun Bollnows Verständnis beleuchtet und seine These zur Verknüpfung von Erfahrung mit Leid wiedergegeben werden.

2.1 Bollnow’s Verständnis von Erfahrung

Nach Bollnow lässt sich zum besseren Verständnis des Begriffs - und insbesondere der später folgenden Erörterung zu Erfahrung und Leid - zur Ergänzung einer Definition die Herkunft des Wortes mit anführen.

Im Übertragenen Sinne bedeutet das Wort „erfahren“, dass man etwas „im Fahren“ kennen lernt (wobei Bollnow hier darauf hinweist, dass das Wort fahren früher allgemein für „sich fortbewegen“ stand). Hier verweist er auch auf die früher gängige Praxis des „fahrenden Schülers“, welcher sich auf Reisen - unter Mühen und Leid - neues Wissen aneignete.4

Die Vorsilbe „er-“ steht für ein durchhalten bis hin zu einem Ende. Erfahren bedeutete hiernach früher lediglich das Ankommen oder Erreichen eines Ziels.5 Bollnow hebt ebenfalls die (ursprüngliche) Bedeutungsverwandtschaft der Worte „leiden“ und „fahren“ hervor, die früher so viel wie „gehen“ bedeuteten. Er sieht dies als möglichen Hinweis darauf, dass „erfahren“ so viel wie „erleiden“ bedeutet.6 Auch Bollnow betont den Zusammenhang von Erfahrung und Lernen, er führt an, dass ein Ereignis erst dann zu einer Erfahrung wird, wenn einem Menschen etwas wiederholt auffällt, sodass er auf eine Regelmäßigkeit schließt; oder mit anderen Worten: „wenn der Mensch eine allgemeine Lehre daraus zieht“.7

Bollnow vertritt die Ansicht, dass „die „Erfahrungen“, von denen ein Mensch zu berichten weiß, zumeist solche unangenehmer Art“ sind.8 Er schreibt hierzu weiterhin, angenehme oder erfreuliche Erfahrungen scheine es keine zu geben, zumindest würde hiervon nicht berichtet.

Zur Bestätigung seiner These führt Bollnow einige weitere Autoren an, wie etwa Gadamer: „Jede Erfahrung die diesen Namen verdient, durchkreuzt eine Erwartung.“9

Auch die Nutzung des Satzes „man habe seine Erfahrungen gemacht“, lässt auf den negativen Charakter der Erfahrungen schließen. So wird dieser doch meist in Situationen gebraucht, in welchen ein Mensch von Dingen berichtet, die er auf schmerzliche Art und Weise hat lernen müssen.10

Erfahrungen zu machen ist kein aktiver Prozess, „kein eigentliches Tun, vielmehr ein Machenmüssen, ein Erleiden (…)“.11 Und die Verwendung des Wortes „müssen“ solle hier nicht unbeachtet bleiben.

Auch das Trübnersche Wörterbuch wird von Bollnow zu seiner Unterstützung zitiert, welches über Erfahrungen sagt: „Meist handelt es sich hier um etwas Unangehmes“.12

Wie Bollnow anführt wird schon im alltäglichen Sprachgebrauch der Begriff der Erfahrung meist im Zusammenhang mit negativen, durch Schmerz oder Leid geprägten Situationen genutzt und auch der Volksmund spricht davon „aus Fehlern zu lernen“, jedoch nicht aus positiven Erlebnissen. Dieser Aspekt wird von Bollnow mit dem Satz „durch Schaden würde man klug“13 beachtet, Buck lässt sich hier mit seinem Begriff des „Lehrgelds“14 anführen.

So finden sich auch bei anderen Autoren Konstrukte, welche die Schmerzhaftigkeit der Erfahrung enthalten. Im Folgenden wird Buck als einer dieser Autoren angeführt, doch neben der Schmerzhaftigkeit von Erfahrungen, soll in seinem Konzept die Negativität ebenjener eine größere Rolle spielen.

2.2 Buck‘s Verständnis von Erfahrung

Nach Sabrina Schenk kann man den Philosophen und Pädagogen Günther Buck als „Klassiker“ bezeichnen, wenn es um die Bedeutung der Erfahrung für Lernen, und die Bedeutung der Negativität für die Erfahrung geht.15 Somit kann er als einer der Autoren beschrieben werden, der wie Bollnow die Negativität der Erfahrung hervorhebt. Allerdings steht bei Buck weniger die Schmerzhaftigkeit der Erfahrung als vielmehr die Negativität im Sinne eines „nicht (mehr) Ausreichens“ im Vordergrund.

[...]


1 Schenk (2011), S.1

2 www.duden.de

3 Ebd.

4 Bollnow (1968), S.4

5 Ebd., S.4

6 Ebd., S.6

7 Ebd., S.6

8 Ebd., S.5

9 Gadamer, zitiert nach Bollnow (1968), S.5

10 Bollnow (1968), S.6

11 Ebd., S.5

12 Trübnersches Wörterbuch, zitiert nach Bollnow (1968), S.5

13 Bollnow (1968), S.7

14 Buck (1989), S.15

15 Schenk (2011), S.1

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Sind Erfahrungen grundsätzlich mit Leid verbunden? Eine Analyse der These Otto Bollnows
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Seminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V334894
ISBN (eBook)
9783668246645
ISBN (Buch)
9783668246652
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bollnow, Erfahrung, Leid, Erfahrungsbegriff, Lernen, Lernen durch Erfahrung, Erfahrung und Leid, Otto Bollnow
Arbeit zitieren
Yannah Holzderber (Autor), 2016, Sind Erfahrungen grundsätzlich mit Leid verbunden? Eine Analyse der These Otto Bollnows, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334894

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