Tiergestützte Intervention bei einer klinischen Depression

Inwiefern kann die tiergestützte Therapie neben herkömmlichen Behandlungsmethoden bei einer Depression hilfreich sein?


Bachelorarbeit, 2015
63 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Depression
1.1 Die depressive Symptomatik
1.2 Klassifikation

2. Die Tiergestützte Intervention
2.1 Tier und Mensch in der geschichtlichen Entwicklung
2.2 Die Mensch-Tier-Beziehung
2.2.1 Das Konzept der Du-Evidenz
2.2.2 Die Biophilie Hypothese
2.2.3 Die Bindungstheorie
2.2.4 Das Konzept der Spiegelneurone
2.3 Die Mensch-Tier-Kommunikation
2.4 Formen der Tiergestützten Intervention
2.4.1 Anglo-amerikanischer Raum
2.4.2 Deutschsprachiger Raum
2.5 Der Einfluss der tiergestützten Intervention auf den Menschen

3. Der Einsatz der tiergestützten Intervention bei der Behandlung einer Depression
3.1 Tiere in der Klinik und Therapie
3.1.1 Boris Levinson
3.1.2 Die forschungsweisende Studie der Corsons
3.1.3 Der Blick auf die Gegenwart
3.2 Die Bedeutung der eingesetzten Tierart
3.2.1 Therapie mit haustiergeeigneten Arten
3.2.2 Pferdegestützte Therapie / Reittherapie
3.2.3 Farmtiere
3.3 Die Durchführung einer Studie – Der Einsatz von Delphinen bei der Behandlung einer Depression

4. Diskussion

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Die Depression ist die am häufigsten vorkommende psychische Beeinträchtigung in allen Altersstufen (vgl. Hautzinger 2010, S. 1). Jeder fünfte Deutsche kann im Laufe seines Lebens an einer depressiven Episode erkranken. Laut der WHO wird sie sich in den kommenden Jahren zur zweitgrößten Volkskrankheit entwickeln. Dies bedeutet nicht nur einen hohen wirtschaftlichen Schaden sowie enorme Kosten für unser Gesundheitssystem, sondern auch eine steigende Anzahl an Menschen, für die eine passende Behandlung zur Verfügung gestellt werden muss.

Generell ist eine depressive Erkrankung gut behandelbar, falls sie rechtzeitig erkannt wird. Als Behandlungsmöglichkeiten stehen zum einen konventionelle Methoden (ambulante bzw. (teil-)stationäre Psychotherapie, Psychopharmaka), zum anderen alternative Maßnahmen (Elektrokonvulsionstherapie, transkranielle Magnetstimulation, Lichttherapie, etc.) zur Verfügung.

Die tiergestützte Intervention erhält allerdings bisher, als ergänzende Behandlungsmethode, nur wenig Beachtung. Dabei ist bereits erwiesen, dass Tiere eine positive Wirkung auf Körper, Geist und Seele haben.

„In several studies contact with companion animals is seen to be beneficial for mental health and depression.“ (Marr et al. 2000, Barker et al. 2003, Kovacs et al. 2004, Nathans-Barel et al. 2005, Colombo et al. 2006, Tower /Nokota 2006, Hoffmann et al. 2009, Villalta-Gil et al. 2009 zit. n. Pedersen et al. 2012, S. 150)

Daher wäre die These zu überprüfen, ob Tierhalter ein geringeres Risiko haben an einer Depression zu erkranken als Nicht-Tierhalter.

Beweiskräftige Untersuchungen der tiergestützten Therapie setzten erst in den achtziger Jahren ein. Jedoch sind die meisten Studien im Bereich der psychischen Erkrankungen nicht mehr als Pilotstudien, da sie sehr verschiedenartig aufgebaut sind. Nur wenige erforschen denselben Gegenstand mit gleichen Methoden. Die ausgesuchten Stichproben sind häufig zu klein oder es fehlt eine Kontrollgruppe (vgl. Barker /Wollen 2008, Kruger /Serpell 2006 zit. n. Jansen 2014, S. 7). „Es gibt eine Vielzahl enthusiastischer Verfechter der tiergestützten Therapie und unzählige Erfahrungsberichte aber kaum systematische Studien.“ (Palley et al. 2010 zit. n. Jansen 2014, S. 9). Auch die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind sehr widersprüchlich, so dass sich kein einheitliches Bild abzeichnet. Trotzdem dürfen die positiven Effekte nicht aus den Augen verloren werden. In vielen Fällen konnte eine Steigerung des subjektiven Wohlbefindens sowie der allgemeinen Gesundheit, verbessertes Sozialverhalten, Stressreduktion und erhöhtes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein festgestellt werden (vgl. Jansen 2014, S. 13ff.).

Diese positiven Auswirkungen könnten gerade für die Behandlung depressiv Erkrankter von großem Nutzen sein. Deshalb sollten zwei weitere Thesen geprüft werden:

1. Die tiergestützte Therapie eignet sich für die Behandlung von affektiven Störungen.
2. Die tiergestützte Therapie reduziert die Symptome einer Depression wie gedrückte Stimmung, Angst, verringertes Selbstwertgefühl, verminderten Antrieb und Aktivität, soziale Isolation, Interessenlosigkeit.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher mit der Fragestellung, ob und wie eine tiergestützte Therapie neben herkömmlichen Behandlungsmethoden bei einer Depression hilfreich sein kann. Ist es sinnvoll ergänzend zu Psychotherapie sowie der Gabe von Antidepressiva auch Tiere in die therapeutische Arbeit einzubeziehen?

Im ersten Schritt wird ein kurzer Blick auf die depressive Erkrankung sowie ihre vielfältige Symptomatik geworfen. Danach werden alle wesentlichen Informationen zur tiergestützten Intervention aufgeführt. Von der geschichtlichen Entwicklung der Mensch-Tier-Beziehung über die Mensch-Tier-Kommunikation bis zu den unterschiedlichen Ausprägungen der tiergestützten Arbeitsweisen.

In einem zweiten Schritt wird die tiergestützte Intervention zur Behandlung einer Depression eingehend beleuchtet – ein historischer Blick auf die Entwicklung des Einsatzes von Tieren in der Therapie, die Bedeutung unterschiedlich eingesetzter Tierarten sowie der praktische Einsatz und Ergebnisse bisheriger Studien. Im Anschluss folgt eine abschließende Diskussion zur Beantwortung der Fragestellung und mit Ausblick auf zukünftige Forschungsbedingungen.

Hinweis: In den letzten beiden Jahren gab es meiner Recherche nach keine aussagekräftigen Studien. Daher beziehe ich mich auf die gefundenen Publikationen aus den Jahren 2000 bis 2012.

1. Depression

Weltweit leiden ca. 350 Millionen Menschen an einer depressiven Erkrankung. Die WHO prognostiziert für die kommenden 5 Jahre eine starke Zunahme der affektiven Störungen, zu denen auch die Depression zählt, so dass sie nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur zweitgrößten Volkskrankheit aufsteigen werden (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2015).

Laut DSM-V liegt die 12-Monats-Prävalenz an einer Major Depression zu erkranken in Deutschland bei 7,0 Prozent. In der Altersgruppe der 18- bis 29-jährigen ist sie dreimal so hoch wie bei Menschen über 60 Jahren. Das Risiko für Frauen eine Major Depression zu entwickeln liegt 1,5- bis 3-fach höher als bei Männern (vgl. American Psychiatric Association 2015, S. 223). „Frauen weisen zudem einen signifikant früheren Beginn einer unipolar depressiven Ersterkrankung, eine längere Episodendauer und eine höhere Rückfallgefahr für weitere depressive Phasen auf.“ (Kühner 2003 zit. n. DGPPN et al. 2015, S. 49)

Ungefähr 15% der Erkrankten versterben durch einen Suizid[1] und 40-70% der Selbstmorde gehen auf eine Depression zurück (vgl. RKI 2006; Kocavelent /Hegerl 2010, o.S.).

„In den Industrieländern gehen dem Menschen durch keine andere Erkrankung mehr gesunde Lebensjahre verloren, als durch die Depression“ (Müller-Röhrich et. al. 2013, o. S.). Von 2001 bis 2012 stieg die Zahl der Frühverrentungen aufgrund psychischer Erkrankungen von 26,0 Prozent auf 42,1 Prozent. Damit sind sie vor den körperlichen Erkrankungen die Hauptursache für die Zahlung einer Erwerbsminderungsrente (vgl. BPtK 2013, S. 8). Der Schwerpunkt der Zunahme liegt auf den affektiven Störungen. Die Zahl der Frühverrentungen aufgrund von Depressionen verdoppelte sich – von ca. 16.000 Betroffene (2001) auf ca. 32.000 Betroffene (2012) (vgl. ebd., S. 10f.).

1.1 Die depressive Symptomatik

Eine depressive Erkrankung zu diagnostizieren ist durchaus kompliziert, da sie keine klar abgrenzbaren Symptome aufweist und auch keinerlei Laborwerte auf sie hindeuten. Es kommt mitunter vor, dass ein Patient[2] über lange Zeit falsch behandelt wird, so dass er keine adäquate Hilfe erhält (vgl. Müller-Röhrich et al. 2013, S. 3).

Die Medizin weiß bisher nur, dass es sich bei der Entstehung einer Depression um eine komplexe Zusammensetzung unterschiedlicher Faktoren handelt, die nicht exakt bestimmt werden können. „However, a complex relationship between neurotransmitter dysbalance, hypersensitivity to stress, stressful life events, and genetic vulnerability has been suggested in the development of depressive symptoms.” (Firk /Markus 2007 zit. n. Hoffmann et. al. 2009, S. 145).

In vielen Fällen können Betroffene ihren Gefühlszustand keiner konkreten Erkrankung zuordnen, geschweige denn eine Depression erkennen. Da die Beschwerden nach einiger Zeit von alleine zurückgehen, wird ihnen auch keine weitere Bedeutung beigemessen. Erfolgt eine erneute depressive Episode, werden die auftretenden Probleme nicht (wieder)erkannt, so dass der Beginn einer Behandlung immer weiter aufgeschoben wird (vgl. Müller-Röhrich et al. 2013, S. 4).

Da sich auf körperlicher sowie auf psychischer Ebene zahlreiche Symptome entwickeln können, die nicht unbedingt auf eine depressive Erkrankung hinweisen müssen, bedarf es zur richtigen Diagnosestellung eine ausführliche Anamnese (vgl. Hautzinger 2010, S. 4).

Die emotionale Symptomatik

Es ist, als würde die ganze Welt ihre Attraktivität verlieren, […].“ (Müller-Röhrich et. al. 2013, S. 8)

Jeder Mensch empfindet zeitweise Gefühle wie Trauer, Einsamkeit, Angst, Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und innere Leere. Dies sind normale, angemessene Reaktionen auf alltägliche Begebenheiten sowie auf einschneidende Lebensereignisse, z.B. der Verlust des Partners, der Tod eines Angehörigen, Misserfolg oder Enttäuschung. Der Übergang zwischen diesen Gefühlen und der Beginn einer Depression ist fließend und daher äußerst schwierig zu bestimmen (vgl. Hautzinger 2010, S. 1).

Eine Depression muss klar von dem Gefühl des ‚Traurig Seins‘ abgegrenzt werden; auch wenn sie sehr ähnlich erscheint. Im Verlauf eines Trauerprozesses durchläuft der Trauernde unterschiedliche Phasen bis er letztlich den Verlust akzeptieren kann (vgl. Müller-Röhrich et. al. 2013, S. 38). Bei einer Depression hingegen entwickelt der Betroffene eine starke Traurigkeit, von der er häufig nicht einmal weiß, woher sie kommt (vgl. ebd., S. 19). Die Gefühlswelt erstarrt (vgl. Wolfersdorf 2011, S. 4).

Die kognitive Symptomatik

Jede Depression äußert sich durch die Entwicklung eines herabgesetzten Selbstwertgefühls, welches sich bis zu Selbsthass steigern kann. Depressiv Erkrankte beschäftigen sich permanent mit ihrem eigenen Scheitern; Erfolge werden gar nicht weiter beachtet (vgl. ebd., S. 20). Sie nehmen sich als komplette Versager wahr und fühlen sich minderwertig, wertlos und abstoßend. Geschehen in ihrem näheren Umfeld negative Ereignisse, geben sie sich die Schuld, selbst wenn das Ereignis nichts mit ihnen zu tun hatte. Die Betroffenen sind davon überzeugt, dass sich ihr Zustand auch in Zukunft nicht mehr verändern wird. Daher zögern sie lange Zeit sich Hilfe zu holen, um ihr Denken und Handeln zu hinterfragen (vgl. Stemmer-Lück 2009, S. 106).

Die motivationale Symptomatik

Während einer depressiven Phase zeigen die Betroffenen eine starke Rückzugs- und Vermeidungstendenz. Sie müssen sich regelrecht zwingen, zur Arbeit zu gehen oder zwischenmenschliche Kontakte aufrecht zu erhalten. Antrieb sowie Spontaneität gehen verloren. Da ihnen diese Art zu leben ausweglos erscheint, flüchten Depressive in eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben. Die letzte Rettung scheint nur noch ein Suizid zu sein, um dem Leiden ein Ende zu setzen (vgl. ebd., S. 105).

„Schätzungen zufolge nehmen sich etwa 15% der Menschen, die an einer Depression leiden, das Leben. Etwa die Hälfte aller Menschen, die sich selbst töten, ist depressiv.“ (ebd., S. 105)

Die Verhaltens-/motorische Symptomatik

In den meisten Fällen einer Depression zeigen sich physische Auffälligkeiten in Gestik, Mimik und Motorik. Die Betroffenen bewegen sich stockend und schwunglos, ihre Körperhaltung ist in sich zusammengesunken und auch die Sprache ist stark verlangsamt. Es fällt ihnen schwer, während eines Gesprächs Blickkontakt mit dem Gesprächspartner zu halten (vgl. ebd., S. 105).

Im Gegensatz dazu drückt sich die Variante des agitiert-depressiven Syndroms durch innere Unruhe und Getriebenheit aus. Die Betroffenen äußern dies in erregter Mimik, nervöser Gestik und unkoordinierter Motorik. Laute Töne oder helles Licht werden als unangenehm wahrgenommen. Unter Umständen wird auf diese Reize mit panischer Schreckhaftigkeit reagiert. Eine gehemmt-agitierte Depression liegt vor, wenn der Betroffene nicht in der Lage ist, die innere Anspannung nach außen zu zeigen (vgl. Müller-Röhrich et al. 2013, S. 14).

1.2 Klassifikation

Die Depression ist sowohl im International Classification of Diseases (ICD-10) sowie dem Diagnostical and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V) zu finden. Das ICD-10 wird in Deutschland vorrangig zur Diagnostik für die Abrechnung durch die Krankenkasse verwendet; während das DSM-V von der Amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie herausgegeben wird und weltweit als Diagnoseleitfaden anerkannt ist.

ICD-10

Die depressive Episode

Eine depressive Episode lässt sich je nach Anzahl und Schwere der Symptome in leicht (F32.0), mittelgradig (F32.1) oder schwer (F32.2 und F32.3) einteilen. Halten die folgenden Symptome länger als 2 Wochen an, sollte eine entsprechende Diagnose gestellt werden:

- Gedrückte Stimmung, Morgentief
- Verminderung von Aktivität und Antrieb
- Verminderung von Freude, Interesse und Konzentration
- Ausgeprägte Müdigkeit
- Schlafstörungen, Früherwachen
- Verminderung des Appetits, Gewichtsverlust
- Beeinträchtigung des Selbstvertrauens und Selbstwertgefühls
- Schuldgefühle und Gedanken über eigene Wertlosigkeit
- Psychomotorische Störungen
- Verlust der Libido

(vgl. ICD-10-GM 2015).

Die rezidivierende depressive Störung

Hierbei handelt es sich um eine Störung, die durch wiederholte depressive Episoden (F32.-) charakterisiert ist. In der Anamnese finden sich dabei keine unabhängigen Episoden mit gehobener Stimmung und/oder vermehrtem Antrieb (Manie). Kurze Episoden von leicht gehobener Stimmung und Überaktivität (Hypomanie) können allerdings unmittelbar nach einer depressiven Episode, durch eine antidepressive Behandlung mitbedingt, auftreten (vgl. ebd.).

In vielen Fällen tritt nach der ersten depressiven Phase noch mindestens eine weitere auf (vgl. Müller-Röhrich et al. 2013, S. 50).

DSM-V

Das DSM-V grenzt die depressiven Störungen, inklusive Major Depression und persistierende depressive Störung (Dysthymie), von den bipolaren Störungen und anderen verwandten Störungen, im Gegensatz zum DSM-IV, nochmals ab (vgl. American Psychiatric Association 2015, S. 209).

Damit eine Major Depression diagnostiziert werden kann, müssen mindestens 5 der folgenden Symptome über einen Zeitraum von 2 Wochen vorliegen (mindestens eins davon muss die depressive Verstimmung oder der Verlust an Interesse oder Freude sein):

1. Eine depressive Stimmung (Trauer, Leere oder Hoffnungslosigkeit) für die meiste Zeit des Tages an fast allen Tagen
2. Ein deutlich vermindertes Interesse oder Freude an allen oder fast allen Aktivitäten, an fast allen Tagen, für die meiste Zeit des Tages
3. Ein deutlicher Gewichtsverlust ohne Diät oder Gewichtszunahme, verminderter oder gesteigerter Appetit an fast allen Tagen
4. Eine Insomnie oder Hypersomie an fast allen Tagen
5. Eine psychomotorische Unruhe oder Verlangsamung an fast allen Tagen
6. Müdigkeit oder Energieverlust an fast allen Tagen
7. Gefühle von Wertlosigkeit oder übermäßige oder unangemessene Schuldgefühle an fast allen Tagen (nicht nur Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle wegen des Krankseins; kann wahnhafte Züge annehmen)
8. Eine verminderte Fähigkeit zu denken oder sich zu konzentrieren oder verringerte Entscheidungsfähigkeit an fast allen Tagen
9. Wiederkehrende Gedanken an den Tod, wiederkehrende Suizidvorstellungen ohne genauen Plan, tatsächlicher Suizidversuch oder genaue Planung eines Suizids

(American Psychiatric Association 2015, S. 217)

Die aufgeführten Symptome müssen die Voraussetzung erfüllen, die Ursache für das Empfinden eines klinisch bedeutsamen Leidensdrucks und die Einschränkung wichtiger Lebensbereiche, z.B. soziale Beziehungen, berufliche Situation, zu sein. Zusätzlich sollten alle körperlichen sowie durch Medikamente ausgelösten Ursachen ausgeschlossen werden. Ebenso darf bisher keine Manie oder hypomane Episode vorgelegen haben (vgl. ebd., S. 217f.).

Bisher gibt es trotz umfassender neurologischer Untersuchungen keinen eindeutigen biochemischen Marker zur sicheren Diagnosestellung (vgl. ebd., S. 223).

Die nationale Versorgungsleitlinie

Die in Deutschland verwendete S3-Leitlinie empfiehlt je nach Schweregrad der Symptome sowie den Verlauf der Erkrankung vier Behandlungsmöglichkeiten:

1. Eine aktiv-abwartende Begleitung
2. Eine medikamentöse Behandlung (Antidepressiva)
3. Eine psychotherapeutische Behandlung
4. Eine Kombinationstherapie (Antidepressiva + Psychotherapie)

Zusätzliche, meist in Kliniken eingesetzte, Therapieverfahren: Lichttherapie, Wachtherapie, Elektrokrampftherapie, Sport- und Bewegungstherapie, Ergotherapie und künstlerische Therapien (vgl. DGPPN et al. 2015, S. 74).

Die Möglichkeit der Behandlung einer unipolaren Depression durch tiergestützte Therapie wird innerhalb der S3-Leitlinie komplett ausgespart.

2. Die Tiergestützte Intervention

2.1 Tier und Mensch in der geschichtlichen Entwicklung

Tiere sind die besten Freunde.

Sie stellen keine Fragen und kritisieren nicht.

Mark Twain

Arbeits- und Nutztiere

Seit dem Anbeginn der Menschheit ist ein Leben ohne Tiere nicht vorstellbar. Die Stellung eines Tieres sowie seine Nutzung wurden durch die sozialen und kulturellen Entwicklungen verschiedener Gesellschaften stark beeinflusst. Aus diesem Grund kann „die Mensch-Tier-Beziehung […] nicht losgelöst von dem Gesamtkonzept menschlicher Kultur und Gesellschaft gesehen werden“ (Otterstedt 2003, S. 15).

In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren Tiere ein wichtiger Faktor der Landwirtschaft. Ohne ihre Mithilfe wären manche Arbeiten nicht denkbar gewesen.

„Wasserbüffel, die den Ackerboden pflügen, Elefanten, die Baumstämme aus dem Dschungel holen, Yaks, die im Hochgebirge Lasten tragen, Affen, die die Kokosnüsse von den Bäumen holen, Kormorane, die den Fischern zur Seite stehen, oder Esel, die in südlicheren Ländern schwere Lasten tragen, […].“ (Otterstedt 2001, S. 15)

Die Industrialisierung erleichterte die Arbeit um ein Vielfaches: Maschinen übernahmen nach und nach Aufgaben, die bisher von Tieren verrichtet worden sind (Germann-Tillmann et al. 2014, S. 18). Auch die Beziehung des Menschen zum Tier veränderte sich von der Du -Ebene auf eine Es -Ebene. Die voranschreitende Errichtung von Mastbetrieben statt der herkömmlichen Tierhaltung degradierte das Tier letztendlich zu einer Sache (vgl. Otterstedt 2003, S. 25).

Durch die zunehmende Globalisierung und dem daraus resultierenden Wettbewerb wird in der westlichen Welt innerhalb der Landwirtschaft kein Gebrauch mehr von Arbeitstieren gemacht. Trotzdem können einige Fähigkeiten mancher Tiere, z.B. der gute Geruchssinn der Hunde, noch nicht vollständig von Maschinen adaptiert werden. Deshalb übernimmt der Hund bei Drogenkontrollen, im Rettungsdienst oder als Hütehund eine sehr wichtige Aufgabe.

Bis heute werden Tiere als Nahrungsmittellieferanten genutzt; sei es die Verarbeitung des Fleisches oder die Nutzung von Produkten aus tierischen Erzeugnissen wie Käse, Milch und Eier. Der Mensch konsumiert, ohne sich oftmals bewusst zu machen, dass er dadurch etwas von einem lebendigen Wesen zu sich nimmt (vgl. Germann-Tillmann et al. 2014, S. 18).

Haustiere

„[…], letztendlich dem Menschen ein Partner fürs Leben“ (Otterstedt 2001, S. 15)

Die Beliebtheit von Haustieren ist in den letzten Jahrhunderten stetig angestiegen. In der Zeit der Jagdkultur war der Hund nicht nur Weg- und Jagdgefährte sondern es bildete sich eine enge Bindung zwischen dem Jäger und seinem Tier.

Waren die Gründe früher eher praktischer Natur, von der Mensch als auch Tier profitierten, dient die Haustierhaltung heutzutage dem Aufbau emotionaler Bindungen. Der Tierhalter gibt seinem Gefährten ein Zuhause, welches er benötigt um lebensfähig zu bleiben. Es stellt sich jedoch die Frage, ob er freiwillig bleibt oder durch diesen Umstand sogar dazu gezwungen ist (vgl. Germann-Tillmann et al. 2014, S. 18f.).

Der Mensch neigt ebenso dazu, Haustiere zu vermenschlichen und auf gleichgestellter Ebene zu behandeln. Somit verwundert es nicht, dass mittlerweile Friedhöfe für Haustiere existieren. Kleintiere werden nicht selten zum Zwecke der eigenen Bedürfnisbefriedigung nach Nähe gehalten - in dem Glauben das Tier möge dies genauso wie sein Besitzer. Ob diese Vermenschlichung eine artgerechte Tierhaltung einschließt, ist mehr als fraglich (vgl. Vernooij /Schneider 2013, S. 2).

Therapietiere

Der Einsatz von Tieren zu therapeutischen Zwecken wächst kontinuierlich. In den USA, England, Kanada und Australien existieren bereits Tierbesuchsdienste, die benachteiligte oder erkrankte Menschen aufsuchen (vgl. Germann-Tillmann et al. 2014, S. 19).

Während im angelsächsischen Sprachraum hauptsächlich Hunde in die (psycho-) therapeutische Arbeit eingebunden wurden, galt die tiergestützte Therapie in Deutschland lange Zeit als Physiotherapie mit Pferden. Erst in den 1980er Jahren wurden Hunde sowie Kleintiere durch die Initiative vereinzelter Therapeuten in die Praxis integriert (vgl. Jansen 2014, S. 12).

Mittlerweile werden zunehmend Tierbesuchsdienste und therapeutische Begleiter im Rahmen unterschiedlicher Einrichtungs- und Therapiekonzepte eingesetzt, z.B. als Begleitung von behinderten, alten, kranken oder sterbenden Menschen sowie im Rahmen einer Physio-, Ergo- oder Psychotherapie (vgl. Otterstedt 2001, S. 21).

„Tiergestütztes Helfen und Heilen bedeutet eine neue und vermutlich die intensivste Stufe der Domestikation: Tiere sollen nicht nur für diese und jene Funktion im Dienste des Menschen ausgebildet werden, sondern durch ihre bloße Existenz selbst hilfreich sein.“ (Greiffenhagen /Buck-Werner 2009, S.20)

2.2 Die Mensch-Tier-Beziehung

Das Tier hat während der evolutionären Entwicklung des Menschen bis zur heutigen Zeit eine sehr wichtige Rolle übernommen. Gerade der zunehmende Einsatz in unterschiedlichen Therapieverfahren zeigt dies deutlich. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine gesicherten Beweise weshalb eine enge Mensch-Tier-Beziehung zur Heilung physischer sowie psychischer Leiden beiträgt. Allerdings wurden unterschiedliche Vermutungen[3] aufgestellt. Ich beziehe mich in diesem Kapitel auf die vier wesentlichen: Das Konzept der Du-Evidenz, die Biophilie Hypothese, die Bindungstheorie und das Konzept der Spiegelneurone.

2.2.1 Das Konzept der Du-Evidenz

Ursprünglich stammt der Begriff der Du-Evidenz von Karl Bühler (1922 zit. n. Vernooij /Schneider 2013, S. 7), der damit die „Fähigkeit und das Bewusstsein eines Menschen beschrieb, eine andere Person als Individuum, als ‚ Du ‘ wahrzunehmen und zu respektieren.“

Erst Geiger (1931, S. 283 zit. n. Vernooij /Schneider 2013, S .8) widmete sich einige Jahre später der Übertragung des Themas auf die Mensch-Tier-Beziehung. Er entwickelte die Hypothese: die Du-Evidenz wirke auf der sozio-emotionalen statt auf der kognitiven Ebene. Dadurch sei sie eine wesentliche Voraussetzung, Empathie für ein anderes Lebewesen zu empfinden.

Es handelt sich somit um die Fähigkeit des Menschen, ein anderes Individuum als ein Subjekt mit ähnlichen Empfindungen wahrzunehmen. Dabei ist es irrelevant, ob das Gegenüber ein Mensch oder ein höheres Säugetier ist. Jeder Mensch ohne emotionale Beeinträchtigung ist fähig, die Gefühle, das Denken und Handeln seines Gegenübers zu erahnen und dementsprechend zu reagieren (vgl. Germann-Tillmann et al. 2014, S. 26).

Die Initiative zur Beziehungsaufnahme geht in den meisten Fällen vom Menschen aus. Dennoch gibt es Fälle, in denen Tiere ihren ‚Du-Genossen‘ gewählt haben.

Das Prinzip der Du-Evidenz zeigt sich vornehmlich in der Haustierhaltung. Der Besitzer betrachtet sein Tier als Teil der Familie; ein Familienmitglied mit individuellen Qualitäten und Fähigkeiten sowie einem eigenen Namen. Dadurch wird dieses Tier von seinen Artgenossen abgegrenzt und hervorgehoben. Für den Besitzer ist es vollkommen logisch, sein Tier als Subjekt mit eigenen Bedürfnissen anzusehen, welches die gleichen Rechte erfahren soll wie die restlichen Familienmitglieder.

Vor allem mit sozial lebenden Tieren, z.B. Hund oder Pferd, werden vermehrt Du-Beziehungen eingegangen. Das ist nicht weiter verwunderlich, da diese Tiere ähnliche emotionale und soziale Grundbedürfnisse besitzen wie der Mensch. Ihre Körpersprache und ihr Ausdruck ähneln dem Menschen, so dass sie ohne Probleme verstanden werden können (vgl. Rheinz 1994, S. 24 zit. n. Vernooij /Schneider 2010, S. 8).

Die Du-Evidenz in der Therapie

„Im Rahmen der Tiergestützten Therapie bedeutet die Du-Evidenz, dass wir uns ein Tier aus der Masse der Tiere auswählen, ihm in der Regel einen Namen geben und es zu einem Beziehungspartner machen“ (Germann-Tillmann et al. 2014, S. 26).

Dabei muss keinesfalls eine gegenseitig fühlbare Partnerschaft entstehen, sondern es reicht vollkommen aus, die (einseitige) emotionale Zuwendung zu einem anderen Lebewesen zu erleben (vgl. ebd., S. 26).

Für die therapeutische Arbeit mit Tieren ist die Du-Evidenz eine zwingend notwendige Voraussetzung. Insbesondere sozial lebende Tiere bieten umfangreiche Identifikationsmöglichkeiten, so dass eine beiderseitige Beziehung auf emotionaler und sozialer Ebene eingegangen werden kann (vgl. Vernooij /Schneider 2010. S. 8).

2.2.2 Die Biophilie Hypothese

Biophilie – aus dem Griechischen: die Liebe zum Leben(digen)

Der Soziobiologe Edward O. Wilson geht davon aus, dass der Mensch während seiner evolutionären Entwicklung durch die ihn umgebende Natur und all ihrer Lebewesen wesentlich geprägt und beeinflusst wurde (vgl. Wilson 1993, S. 31; Kellert 1993, S. 42 zit. n. Vernooij/Schneider 2010, S. 4).

Die Biophilie beschreibt „eine physische, emotionale und kognitive Hinwendung zu Leben und zu Natur, die für die Entwicklung der Person eine weitreichende Bedeutung hat.“ (Kellert 1997, S. 3 zit. n. Vernooij /Schneider 2010, S. 5)

Tiere wurden neben der Nahrungslieferung, Arbeitserleichterung oder als Jagdgefährte ebenso als Bewohner des gleichen ökologischen Lebensraums betrachtet. Durch ihre besser entwickelten Sinneswahrnehmungen und der damit verbundenen frühzeitigen Reaktionen gegenüber weitreichenden Naturveränderungen, wurde der Mensch auf mögliche Gefahren aufmerksam gemacht. Es sicherte ihm mitunter sogar das Überleben (vgl. Frömming 2006, S. 18 zit. n. Vernooij /Schneider 2010, S. 5).

Allerdings konnte sich der Mensch während seiner evolutionären Entwicklung noch gar nicht an die ‚neuen‘ (heutigen) Begebenheiten anpassen, da die Entfremdung von seiner natürlichen Umgebung zu schnell geschah. Aus diesem Grund kann ein Verlust der eigenen Identität oder Bindungsunsicherheiten auftreten, denn „unser Erleben und Verhalten ist immer noch […] auf eine natürliche Umgebung abgestimmt“ (Germann-Tillmann et al. 2014, S. 27).

Ausgehend von dieser evolutionären Verbundenheit überrascht es in der heutigen Zeit der digitalen Medien, der fortschreitenden Industrialisierung und Verstädterung nicht, dass die Begegnung mit Tieren eine merklich positive Wirkung auf den Menschen hat (vgl. Vernooij /Schneider 2010, S. 5). Für die geistige und emotionale Entwicklung eines Kindes ist die Hinwendung zur Natur sogar unerlässlich.

[...]


[1] Laut statistischem Bundesamt nehmen sich in Deutschland jährlich 11.000 Menschen das Leben

[2] Aus Gründen der Vereinfachung wird ausschließlich die männliche Form verwendet.

[3] Aus psychologischer, soziologischer, pädagogischer und neurologischer Sichtweise

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Details

Titel
Tiergestützte Intervention bei einer klinischen Depression
Untertitel
Inwiefern kann die tiergestützte Therapie neben herkömmlichen Behandlungsmethoden bei einer Depression hilfreich sein?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für Psychologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
63
Katalognummer
V334896
ISBN (eBook)
9783668249127
ISBN (Buch)
9783668249134
Dateigröße
916 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tiergestützte Intervention, Depression, Behandlung, Psychotherapie
Arbeit zitieren
Andrea Neff (Autor), 2015, Tiergestützte Intervention bei einer klinischen Depression, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334896

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