Konventionelle Barrieren für ein universitäres Studium der Frauen im Mittelalter. Frauenfeindliche Denk- und Verhaltensmuster in "Le Livre de la Cité des Dames"


Hausarbeit, 2015
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Einleitung

3 Hauptteil
3.1 Wandel des Bildungsverständnisses im 15. Jahrhundert
3.2 Christine de Pizan im Kontext ihrer Zeit
3.3 Analyse: Le Livre de la Cit é des Dames

4 Fazit

5 Literatur
5.1 Quellenverzeichnis
5.2 Literaturverzeichnis

2 Einleitung

Die folgende Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, inwieweit Frauen im 15. Jahrhun- dert in ihren Möglichkeiten zu studieren, nicht durch offizielle Verbote, sondern durch un- sichtbare Konventionen, durch Denk- und Verhaltensmuster der mittelalterlichen Gesellschaft aber auch nicht zuletzt durch ein Frauenverachtendes Credo in der Literatur eingeschränkt wurden. Hierzu wird im Folgenden das damalige Bildungsverständnis untersucht, und mit Christine de Pizans Biographie kontextualisiert. Anschließend wird bei der Analyse ihres Bu- ches La Cit é des Dames die Hypothese argumentativ gestützt, dass vorherrschende, von Di- chotomien geprägte Weltanschauungen ein ausschlaggebendes Hindernis für Frauen auf ih- rem Weg zur Individuation durch die Ergreifung eines Studiums darstellten.

Zu Lebzeiten sowie in dem Jahrhundert nach ihrem Tod genoss Christine de Pizans Literatur große Aufmerksamkeit, bis sie lange Zeit in Vergessenheit geriet und erst Ende des 18. Jahr- hunderts wiederentdeckt wurde.1 Abwechselnd hoch gelobt und ebenso stark verunglimpft wurde sie von einer vorurteilgeladenen Literaturkritik, welche sie auf ihre Rolle als Frau re- duzierte, anstatt sie als bemerkenswert innovative Schreiberin zu wertschätzen.2 Neuzeitliche Feministinnen rezipierten sie mit Begeisterung, wogegen wiederum die literaturwissenschaft- liche Forschung in Frankreich ihr aufgrund ihrer Intellektualität Verachtung schenkte. Der Romanist Gustave Lanson betitulierte Christine de Pizan noch im 19. Jahrhundert herablas- send als „Blaustrumpf“.3 Nach Charity Cannon Willard seien beide Seiten der Beurteilung in vielen Fällen „based on an inadequate knowledge of what Christine wrote“.4 Erst in der Hälfte des letzten Jahrhunderts wurden ihrer Ansicht nach ernsthafte Anstrengungen unternommen, daran etwas zu ändern und so eine solide Basis für die Beurteilung ihrer Arbeit zu schaffen.5

Die mittelfranzösische Originalausgabe des 1405 fertig gestellten La Cit é des Dames wurde schon damals viel gelesen und auch schon in andere Sprachen übersetzt. Nach Jahrhunderten, in denen das Buch bei der breiten Öffentlichkeit keine Aufmerksamkeit mehr fand wurde dann unter anderem 1975 von M. C. Curnow eine kritische Textedition herausgegeben, wel- che Faksimiles der 27 überlieferten „Cité-Handschriften“ enthält.6 In den 1980er Jahren fand das aus drei Teilen bestehende Werk, welches als die erste Frauenverteidigungsschrift und als Reaktion auf eine Jahrhunderte lange frauenverachtende Literaturtradition gilt, viele Leserin- nen und Leser und wurde ins Englische, Niederländische, Neufranzösische und Deutsche übersetzt.7 Für meine Analyse werde ich die deutsche Übersetzung von Margarete Zimmer- mann mit dem Originaltext der Ausgabe von Curnow abgleichen, welchen ich in den Fußno- ten zitieren werde.

3 Hauptteil

3.1 Wandel des Bildungsverständnisses im 15. Jahrhundert

Generationen im 15. Jahrhundert waren von Bildern der schwarzen Pest geprägt, von kriegs- bedingten Zerstörungen, Hungersnöten und Bürgerkrieg, von Aufständen der unteren Schich- ten, sowie von einer „in Frage gestellte[n] Königsmacht und eine[r] geteilte[n] päpstliche[n] Gewalt“.8, Nach Vorstellungen des Spätmittelalters war das Schicksal des Einzelnen „Spiel- ball der ebenso launischen wie unbarmherzigen (Un-)Glücksgöttin Fortuna“.9 Gleichzeitig wurde aber auch das Individuum bei akademischen Diskursen, im Zuge des Humanismus, welcher sich von Italien ausbreitete und Studierende aus ganz Europa anzog, mehr in den Fo- kus gerückt. Ebenso wurde die Rezeption antiker Autoren und Philosophen wieder neu aufge- griffen.10 Charakteristisch für das 15. Jahrhundert und für den Übergang von einem von Tod, Gewalt und Not geprägten Spätmittelalter zur Renaissance war also eine „optimistisch- pessimistische Weltauffassung“.11 Man kann sagen, dass die Menschenbilder „unvollkomme- ne Kreatur“ und „Krone der Schöpfung“ sich diametral gegenüber standen.12

Der „neue Mensch der Renaissance“, „welcher überwiegend an Adam […] exemplifiziert“ wurde, gewann allerdings mehr und mehr an „männliche Konturen.“13 Analog zum Mann als Adam wurde die Frau als Eva, in der Rolle der „uneinsichtigen Verführerin“ definiert.14 Dem weiblichen Geschlecht wurde in dieser polarisierten Zuweisung allein „schon wegen seiner Gebärfähigkeit in besonderer Weise dem Körperprinzip“ zugeordnet, während der Mann als „Geisteswesen“ galt.15 In eben dieser religiösen Auffassung fußte unter anderem das Bildungsverständnis jener Zeit.16 Das asketische Denken der Antike erfuhr in der Theologie des Mittelalters eine Renaissance. Nach dieser Lehre sollten Männer an Universitäten sich deshalb auch viel mehr über geistige Leistungen definieren und körperliche Bedürfnisse zurück drängen, was Hand in Hand ging mit Ausgrenzungen gelehrter Frauen.17

Trotz des Anspruchs auf Ganzheit oder Gesamtheit, dem Universitas-Prinzip, welches sich unter anderem auf die grundsätzliche Offenheit in Bezug auf die Herkunft der Studierenden und Lehrenden richtete, blieb Frauen der Zugang verwehrt.18 „Der akademische Stand entwi- ckelte sich also in einer weitgehenden Identität von geistig geistlich und männlich.“.19

Dabei konnte man in der Zeit vor der Errichtung von Universitäten im 12. Jahrhundert gegenteilige Identitätsmuster beobachten. Frauen waren damals Träger der Schriftkultur und hatten den Männern gegenüber einen vergleichsweise höher entwickelten Bildungsstand.20 Während sich in der Zeit nach den Völkerwanderungen adelige Männer mit kriegerischen Tugenden identifizierten, gehörte es hingegen für Töchter aus Adelsfamilien zum guten Ton, diesen in Klosterschulen eine elementare Ausbildung zukommen zu lassen.21

Die Zurückdrängung des miles, des „kriegerischen Mannes“22 und die Entstehung eines neuen Eliteideals für Männer, leitete also einen grundsätzlichen gesellschaftlicher Wandel ein. Zu- dem gingen die meisten Universitäten aus Domschulen hervor, was bedingte, dass die Inhalte und ebenso das Lehrpersonal, welches größten Teils aus kirchlichen Pfründen besoldet wurde, geistlich geprägt war.23 Bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war dieses deshalb auch noch an das Zölibat gebunden.24 Ein weiterführendes Studium setzte als Grundausbildung die „sieben Freien Künste“ voraus. Der Zugang zu einer solchen klerikalen Wissensbasis blieb Frauen allerdings verwehrt, da die katholische Kirche den Frauen das Priesteramt nicht zu- gänglich machte.25 Jenes aufkeimende männliche Eliteideal begründete die Verdrängung der Frauen aus dem Bildungssystem mit dem Fehlen akademischer Berufsaussichten für Frauen, den hohen finanziellen Kosten, besonders aber mit den für Mädchen gefährlichen zu „locke- ren Sitten des Studentenlebens in der Ferne“26

3.2 Christine de Pizan im Kontext ihrer Zeit

Viele gelehrte Frauen ihrer Zeit lebten im Veneto oder in den Stadtstaaten Oberitaliens, so auch Christine de Pizan, welche 1365 in Venedig geboren wurde. Ihr Vater, Tommaso di Benvenuto, hatte in Bologna einen Lehrstuhl für Astrologie inne, war zeitweise Rat der Stadt Venedig und stand bis zu dessen Tod im Dienst des französischen Königs Karl V., welcher für seine Zeit als fortschrittlich galt.27 Über die Mutter ist nur bekannt, dass sie die Tochter eines Freundes von Christines Vater war.28 Auf drängen des Königs zog erst der Vater, dann auch Christine mit ihrer Mutter nach Paris.29 In ihrer unbeschwerten Jugend bewegte sie sich im Umkreis des französischen Hochadels und erfuhr durch das Milieu des Königshofs und der Pariser Universität eine starke Prägung.30 Ihre Familie erhielt durch Karl V. zahlreiche mate- rielle Zuwendungen.31 Die Ausbildung Christines wurde durch den Vater gefördert, ein weite- res Studium verbot ihr allerdings dann ihre Mutter.32 Im Alter von fünfzehn Jahren wurde sie an den fünfundzwanzigjährigen Notar und königlichen Sekretär des Hofes Etienne du Castel verheiratet, mit dem sie drei Kinder bekam.33 Als der König im Jahr 1380 starb und damit seine Vergünstigungen wegfielen, verschlechterte sich ihre Situation drastisch.34 Auch Chris- tines Vater starb 1358, genauso wie ihr Ehemann, vier Jahre später und ließ sie als junge Witwe zurück.35 Ihre Existenz aufrecht zu erhalten schaffte sie vermutlich, indem sie als Ko- pistin arbeitete und auf diesem Weg auch schon Kenntnisse ihr späteres Schreiben erwarb.36 Autodidaktisch eignete sie sich weiteres Wissen über Lektüren und Nachahmungen anderer Dichter an, bis sie 1394 eigene Balladen schrieb.37 In ihrer Eigenschaft als „weltliche Autorin und Berufsschriftstellerin“ repräsentierte sie „einen neuen Frauentypus“, denn sie konnte von ihrer Schreibtätigkeit leben.38 Deutlich zeigt sich in ihren Werken „die Signatur eines Zeital- ters, des Übergangs vom 14. zum 15, Jahrhundert und zugleich des Übergangs vom Mittelal- ter zur Frühen Neuzeit“.39 Man kann in ihnen die Entwicklung von einer Phase der Stabilität unter Karl V. hin zu einer Zeit chaotischer Umstände ablesen.40

3.3 Analyse: Le Livre de la Cit é des Dames

In ihrer Utopie La Cit é des Dames, die Christine de Pizan Ende 1404 bis Anfang 1405 schrieb41, erscheinen der autobiographischen Figur Christine in ihrer Klause drei prachtvolle Frauen, welche mit der göttlichen Aufgabe auf die Erde gesandt wurden, „in den verschiede- nen Bereichen geschaffenen Einrichtungen in Ordnung und Gerechtigkeit zu erhalten“.42 Es geht darum, eine Stadt für tugendhafte Frauen als Zufluchtsort vor den Verleumdungen der Männer zu errichten.43

In der folgenden Analyse des Werkes Le Livre de la Cit é des Dames wird die These unter- mauert, dass sowohl bestimmte soziale Normen der mittelalterlichen Gesellschaft, als auch eigene Selbstwahrnehmungsmuster Frauen daran hinderten ein Studium zu absolvieren.

Nach der Lektüre eines ihrer Meinung nach „anstößigen“ Buches von einem frauenfeindli- chen Autor namens Matheolus, dem sie eindeutig jeden „Nutzen für den Entwurf eines ethi- schen oder moralischen Systems“ abspricht44, kann sie, wie sie es in ihrem Buch beschreibt, nicht aufhören über die Gründe zu sinnieren, warum „so viele und so verschiedene Männer, ganz gleich welchen Bildungsgrades, dazu neigten und immer noch neigen, in ihren Reden, Traktaten und Schriften derartig viele teuflische Scheußlichkeiten über Frauen und deren Le- bensumstände zu verbreiten“.45 Trotz ihrer Ablehnung gegenüber dem Buch plagen sie Selbstzweifel und sie kommt zu dem „Schluß, Gott habe mit der Frau ein niederträchtiges Wesen erschaffen“.46

[...]


1 Vgl. Willard, Medieval Women Writers, S. 333

2 Ebenda

3 Vgl. Zimmermann, Christine de Pizan, S. 7

4 Vgl. Willard, Medieval Women Writers, S. 333

5 Ebenda

6 Vgl. Luff, Wissensvermittlung im europäischen Mittelalter, S. 352

7 Vgl. Luff, Wissensvermittlung im europäischen Mittelalter, S. 353

8 Vgl. Zimmermann, Christine de Pizan, S. 13

9 Vgl. Zimmermann, Christine de Pizan, S. 7

10 Vgl. Fietze, Spiegel der Vernunft, S. 84

11 Vgl.Fietze, Spiegel der Vernunft, S. 82

12 Ebenda

13 Vgl. Fietze, Spiegel der Vernunft, S. 83

14 Vgl. Lundt, Geschichte der Mädchen und Frauenbildung, S. 110 3

15 Ebenda

16 Ebenda

17 Vgl. Lundt, Geschichte der Mädchen und Frauenbildung, S. 110

18 Vgl. Lundt, Geschichte der Mädchen und Frauenbildung, S. 104

19 Vgl. Lundt, Geschichte der Mädchen und Frauenbildung, S. 111

20 Vgl. Lundt, Geschichte der Mädchen und Frauenbildung, S. 113

21 Ebenda

22 Ebenda

23 Vgl. Lundt, Geschichte der Mädchen und Frauenbildung, S. 109

24 Vgl. Lundt, Geschichte der Mädchen und Frauenbildung, S. 110

25 Ebenda

26 Vgl. Lundt, Geschichte der Mädchen und Frauenbildung, S. 114

27 Vgl. Willard, Medieval women writers, S. 334

28 Vgl. Zimmermann, Buch von der Stadt der Frauen, S. 10

29 Ebenda

30 Vgl. Von Hülsen-Esch, Zeitschrift für historische Forschung 24, S. 341

31 Vgl. Zimmermann, Buch von der Stadt der Frauen, S. 11

32 Vgl. Von Hülsen-Esch, Zeitschrift für historische Forschung 24, S. 341

33 Vgl. Zimmermann, Buch von der Stadt der Frauen, S. 11

34 Vgl. Zimmermann, Christine de Pizan, S. 25

35 Ebenda

36 Vgl. Zimmermann, Christine de Pizan, S. 26

37 Vgl. Zimmermann, Christine de Pizan, S. 25

38 Vgl. Zimmermann, Christine de Pizan, S. 8

39 Vgl. Zimmermann, Christine de Pizan, S. 17

40 Ebenda

41 Vgl. Zühlke, Christine de Pizan in Text und Bild, S. 67

42 Vgl. Zimmermann, Buch von der Stadt der Frauen, S. 41, Orig. Curnow Le Livre de la Cit é des Dames, S. 627 „de mettre en ordre et tenir en equité les etablissemens“

43 Vgl. Zimmermann, Buch von der Stadt der Frauen, S. 42.

44 Vgl. Zimmermann, Buch von der Stadt der Frauen, S. 35. Orig. Curnow Le Livre de la Cit é des Dames, S. 617„ne aussi de nul prouffit a aucun ediffice de vertu et de meurs, veu encores les parolles et mateires deshonnestes de quoy il touche“

45 Vgl. Zimmermann, Buch von der Stadt der Frauen, S. 36. Orig. Curnow, Le Livre de la Cit é des Dames, S. 617 - 618 „ne dont ce puet venir, que tant de divers hommes, cleres et autres, ont esté, et sont, sy enclins a dire de bouche et en leur traittiez et escrips tant de diableries et de vituperes de femmes et de leurs condicions“

46 Vgl. Zimmermann, Buch von der Stadt der Frauen, S. 37. Curnow, Le Livre de la Cit é des Dames, S. 619 - 620 „Et en conclusion de tout, je determinoye que ville chose fist Dieux quand il fourma “

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Konventionelle Barrieren für ein universitäres Studium der Frauen im Mittelalter. Frauenfeindliche Denk- und Verhaltensmuster in "Le Livre de la Cité des Dames"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Studentisches Leben an der mittelalterlichen Universität
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V334914
ISBN (eBook)
9783668247109
ISBN (Buch)
9783668247116
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenfeindlichkeit, Christine de Pizan, Pizan, Mittelalter, Genderstudies, Le Livre de la Cité des Dames, Frauen, Bildung
Arbeit zitieren
Gesa Born (Autor), 2015, Konventionelle Barrieren für ein universitäres Studium der Frauen im Mittelalter. Frauenfeindliche Denk- und Verhaltensmuster in "Le Livre de la Cité des Dames", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334914

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